Stadtwildpflanzen. 52 Ausflüge in die urbane Pflanzenwelt

Buch lehnt auf einem Gehweg an einer Laterne, um die herum Gras wächst. Im Hintergrund parkt ein Auto. Buchtitel:
Stadtwildpflanzen
52 Ausflüge in die urbane Pflanzenwelt.
Mit Hintergrundwissen zur Stadtvegetation 
Biodiversität in der Stadt entdecken – unterwegs zu Vogelmiere, Götterbaum und wilder Karde

Knöterich, Berufkraut, Platane. Was haben diese drei Pflanzen gemeinsam? Sie sind alle drei recht zuverlässig in europäischen Städten anzutreffen. Sie sind Stadtwildpflanzen und Autor Jonas Frei bringt sie uns in 52 Ausflügen nahe.

Damit schickt er uns vor unsere Haustür und lädt uns ein, dort genau hinzuschauen. Nur das Buch können wir nicht mitnehmen, denn der wunderschön gestaltete, gut 300 Seiten starke Bildband hat zwar mit 14.8 cm x 21 cm ein kompaktes Format, wiegt jedoch fast ein Kilo. Aber wer die Hände frei hat, kann besser schauen!

Urbane Pflanzenwelt: Wildpflanzen, die unsere Städte erobern

Und es gibt viel zu entdecken. Die Stadt als Naturraum – das klingt zunächst paradox. Doch Jonas Frei, Landschaftsarchitekt und Stadtökologe aus Zürich, zeigt, dass gerade urbane Räume zu überraschend vielfältigen Lebensräumen geworden sind. Während Wildpflanzen im intensiv bewirtschafteten Umland verdrängt werden, finden sie in Asphaltfugen, auf Baubrachen und entlang von Bahntrassen neue Nischen. Das wärmere Stadtklima wirkt wie ein Magnet, und die Bedingungen sind weltweit so ähnlich, dass sich dieselben Arten von Europa über die USA bis nach China ansiedeln.

Die 52 Kapitel folgen dem Jahresverlauf und laden Woche für Woche zu Entdeckungen ein: von der Knospenkunde im Januar bis zur zweiten Löwenzahnblüte im November. Der Autor verbindet botanisches Wissen mit Geschichten und Beobachtungen. Er wendet sich gleichermaßen an naturkundlich Vorgebildete wie an absolute Anfänger*innen. Das macht das Buch zu einem Lesevergnügen, das auch ohne Spaziergang funktionieren würde.

Pflanzen entdecken, bestimmen, schützen

Doch wer will schon nur auf dem Sofa sitzen bleiben? Jonas Freis Buch ist eine Einladung, den nächsten Stadtspaziergang mit neuen Augen zu erleben – sei es auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen oder bei einer ausgedehnten Stadtwanderung durchs eigene Viertel. Plötzlich werden die unscheinbaren Pflanzen am Wegesrand zu Protagonisten einer faszinierenden Geschichte von Anpassung und Vielfalt.

Und dabei zeigt sich: Es gibt erstaunlich viele Möglichkeiten für mehr Grün in der Stadt – nicht nur in Parks und Gärten, sondern auch in Fugen, an Mauern, auf Brachen. In Zeiten des Klimawandels zählt jede Pflanze, die Schatten spendet, Wasser bindet und Lebensraum bietet. Sie verdienen unsere Wertschätzung!


Bibliographische Angaben:

Jonas Frei

Stadtwildpflanzen
52 Ausflüge in die urbane Pflanzenwelt.
Mit Hintergrundwissen zur Stadtvegetation
Biodiversität in der Stadt entdecken – unterwegs zu Vogelmiere, Götterbaum und wilder Karde

AT Verlag


Zwei Bücher, die sich mit den Tieren in der Stadt befassen, und die ich sehr empfehlen kann:


Eine Einladung zum Stadtwandern:

Von Spinnen und Menschen. Eine verwobene Beziehung

Von Spinnen und Menschen. Das Buch liegt an einem metallenen Spinnennetz in einem herbstlichen Garten

Ich mag Spinnen. Als Kind konnte ich tote Spinnen anfassen und lebende Spinnen über meine Hand laufen lassen. Ein wenig ging mir das verloren. Heute zögere ich und bedauere das gleichzeitig sehr.
Der Autor Jan Mohnhaupt schreibt über beide Seiten, über die Lebensweise der Arachniden und über unseren Blick auf diese Tiere. Biologie und Kulturgeschichte gehören für ihn zusammen. Verbunden wird beides durch die Faszination, die Spinnen ausüben. Denn wirklich neutral verhält sich kaum ein Mensch bei diesem Thema.

Die Spinne, die fast bei uns wohnte

Die erste Spinne, die ich bewusst über einen längeren Zeitraum beobachtet habe, hatte ein Netz vor unserem Küchenfenster. Meine Mutter entschied, dass sie bleiben darf. Wir nannten sie Thekla, nach der Spinne aus der Zeichentrickserie Biene Maja, und freuten uns über jede Stechmücke, die sich im Spinnenetz verfing. In meiner Erinnerung wohnte Thekla lange bei uns. Aber wahrscheinlich gab es viele Theklas und dadurch deutlich weniger Schnaken in der Wohnung. Von dieser Forschung wusste ich damals noch nichts:

Nimmt man etwa einen Hektar Wiese in Mitteleuropa, so finden sich darauf im besten Falle 1,3 Millionen Spinnen, die geschätzte 200 Kilogramm Insekten jährlich fressen.

Jan Mohnhaupt, Von Spinnen und Menschen. S. 65

In der Zeit fand ich heraus, dass die Nachbarjungs, mit denen ich spielte, von ihren Müttern einen anderen Blick auf Spinnen gelernt hatten. Sie ekelten sich und ich präsentierte ihnen tote Spinnen. Was man eben so macht als einziges Mädchen in einer Jungsclique.

Ist es kompliziert? Unsere verwobene Beziehung zu Spinnen

Auf gerade mal 200 Seiten folgt Jan Mohnhaupt den verwobenen Fäden zwischen Spinnen und Menschen. Symbolik und Träume, Sprache und Kunst, Forschung und Geschichte. Spinnen im Weltraum und im Keller. Menschen, die mit Spinnen verglichen wurden, und Menschen, die mit ihnen zusammenleben. Die Angst vor diesen Tieren und die Freude in Kulturen, in denen Spinnen als gutes Omen gelten.

Nicht nur, dass ich mit dem Buch viel über Spinnen gelernt habe – ich konnte auch wieder an meine kindliche Neugier anknüpfen. Mohnhaupt verurteilt weder die Angst noch romantisiert er die Faszination. Genau diese Haltung machte sein Buch „Von Spinnen und Menschen. Eine verwobene Beziehung“ für mich so wertvoll.

Buchcover: Von Spinnen und Menschen. Architektur, Wissen, Geschichte, Kunst und Sprache – die Spinne und ihr ungeahnter Einfluss auf unsere Kultur

Neugierig auf Buch und Thema? Hier könnt ihr den Autor bei einem VHS-Online Vortrag erleben.


Bibliographische Angaben:

Jan Mohnhaupt
Von Spinnen und Menschen
Eine verwobene Beziehung

Hanser Verlag


Auch dieser Autor ist von Spinnen fasziniert und imaginiert ein bemerkenswertes Alien: Jaroslav Kalfar – Spaceman of Bohemia. Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt


Natur beobachten, Natur erleben, Natur verstehen – meine Buch-Tipps auf meinem Blog. Sehr gut gefallen mir die Bücher von Bernhard Kegel. Zum Beispiel dieses hier: Mit Pflanzen die Welt retten

Zwischen Gebet und Gartenerde: Die Geschichte der Nonnen aus Fulda, die den Biogartenbau prägten

Mely Kiyak
Dieser Garten
Die unglaublich fabelhaften Nonnen aus Fulda und ihre genialen Erfindungen
Das Buch liegt in einem Salbeistrauch

Bete und arbeite. Das ist die Ordensregel der Benediktinerinnen. Von gärtnern ist da nicht die Rede. Doch wer so wie die Nonnen von Fulda gärtnert, verbindet beides. Die Liebe zu Gottes Schöpfung, ein unbändiger Forschungsdrang, harte Arbeit und die Wertschätzung der Ernte zeichnen ihr Gärtnern aus. Letzteres ist kein Wunder. Nach dem Krieg war das Kloster in Fulda überbelegt und Lebensmittel knapp. Selbstversorgung war kein philosophisches Ideal, sondern schiere Notwendigkeit. Mit Gottvertrauen und Erfinderinnengeist begannen die Nonnen, ihre Gärten und Äcker zu bewirtschaften. Lernen und lachen, beten und arbeiten. Weder Landwirtschaft noch Unternehmertum waren ihnen in die Wiege gelegt worden. Doch das schreckt sie nicht ab. Sie sammeln Erfahrungen und Schritt für Schritt wird aus einer kleinen Idee ein erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen.

So entstand ein Leuchtturm des ökologischen Gartenbaus, auch wenn man den Begriff damals noch nicht kannte und von naturnahem Gärtnern sprach. Die Nonnen entwickeln die Mischkultur weiter, erfinden Humofix, ein Schnell-Kompostierpulver, geben die „Winke für den Biogärtner“ heraus, die älteste deutschsprachige Gartenzeitschrift für biologischen Gartenbau, und vertreiben einen Klosterlikör. Sie werden ein wichtiger Knotenpunkt im weltweiten Netzwerk der Menschen, die aus Liebe zur Natur und aus Respekt vor Gottes Schöpfung auf Chemie verzichten.

Ein Herzensbuch über Schwesternschaft und ökologischen Gartenbau

Mely Kiyak lässt diese Zeit lebendig werden. Erst ganz am Ende des Buchs „Dieser Garten“ erzählt sie ihre eigene Geschichte, die sie mit dem Klostergarten der Abtei Fulda verbindet. Und die ist genauso unglaublich wie die Erfolgsgeschichte der Nonnen! Dann wird klar, wie der besondere Erzählton zustande kommt, der das Buch prägt und zu einem Wohlfühlbuch macht: Staunen vor der Lebensleistung dieser Frauen, gelebte Schwesternschaft, Zuneigung, Respekt, Wärme – und ganz viel Liebe zur Natur.


Vom Klostergarten zum Wirtschaftsunternehmen: mehr über die die Benediktinerinnenabtei zur Heiligen Maria in Fulda und die einzigartige Geschichte, die Mely Kiyak mit den Schwestern verbindet in der Hessenschau.


Infos zum Buch:

Mely Kiyak
Dieser Garten
Die unglaublich fabelhaften Nonnen aus Fulda und ihre genialen Erfindungen

mikrotext


Mely Kiyak
Dieser Garten
Die unglaublich fabelhaften Nonnen aus Fulda und ihre genialen Erfindungen
Das Gartenbuch steht auf dem Rand eines Hochbeets vor einem Gewächshaus

Mehr Bücher über Gärten, draußen sein und die Natur auf meinem Blog

Die verborgene Tierwelt unserer Städte

Buch: Die verborgene Tierwelt unserer Städte
Wie ich die Wildnis verließ und mich in der Stadt wiederfand

Der Anfang täuscht. Was mit einer toten Kakerlaken beginnt, wird schnell sehr lebendig. Ein Jahr lang muss es der Biologe Marco Granata aus beruflichen Gründen in der Großstadt aushalten. Häusermeere, Beton, viele Menschen, wenig Grün – für ihn, der sonst in der Nähe der Berge lebt, eine lebensfeindliche Umgebung. Doch es kommt anders. Ein bisschen zumindest.
Ausgehend von der toten Kakerlake beginnt er, Insekten in der Wohnung zu erforschen. Von dort geht es auf den Balkon zu den Schmetterlingen und weiter zu den Vögeln. Seine Kreise werden größer. Säugetiere wie Eichhörnchen und Füchse folgen. Bis er schließlich am Stadtrand ankommt, wo die Stadt in die Natur übergeht.

Ich fand das Buch »Die verborgene Tierwelt unserer Städte« immer dann besonders stark, wenn der Autor seine Sicht auf die urbane Wildnis reflektiert. Zunächst verschleiert ihm die Sehnsucht nach den heimatlichen Bergen den Blick. Doch er entschließt sich, die Natur der Städte so zu betrachten, wie er auch Berge und Wälder erforscht.

Mein Plan war, die Stadt zu erkunden, als wäre sie der Wald hinter meinem Haus – eigentlich ein aussichtsloses Vorhaben, denn Freiheit, das waren für mch die Berge: das Wandern, die Tiere, das Klettern und die Hütten, während ich die Stadt gleichsetzte mit Zwang: Arbeit, Arztbesuche, Einkäufe und Vorlesungen.

Marco Granata, Die verborgene Tierwelt unserer Städte S. 90

Sein »innerer Biologe« übernimmt. Erst dann kann die Erkenntnisse wachsen, dass Großstädte kein toter Raum, sondern ein Lebensraum mit ganz eigenen Bedingungen sind. Und das hier die großen Probleme der Welt – Artensterben, Klimawandel, Umweltverschmutzung – besonders greifbar sind.

Die Porträts der einzelnen Arten fand ich manchmal zu ausführlich. Hier unterschätzt Marco Granata den Kenntnisstand seiner Leser*innen. Aber das mag auch daran liegen, dass dem Autor vielleicht selbst nicht so ganz klar war, was für ein Buch er schreiben möchte: einen Tierführer für die Stadt? Nature writing in einem Lebensraum der Extreme? Seine eigenen Reise von den Bergen in die Großstadt und was das mit ihm und seinem Naturerleben macht? Eine Analyse der Folgen des Klimawandels für die Biodiversität? Beobachten von evolutionären Veränderungen in Echtzeit? Eine Ermutigung, sich die Natur vor unserer Haustür genauer anzuschauen? Verbunden mit der Hoffnung, dass aus Menschen, die die urbane Wildnis erleben, Naturschützer werden?

Durch das Grün in der Stadt zu gehen ist nicht einfach nur ein Zeitvertreib, es kann uns dabei helfen, mit dem kleinen Stück Natur vor unserer Haustür in eine tiefe Verbindung zu treten … Zugleich wird es zu einem politischen Statement, das den Schutz dieser Natur Tag für Tag von Neuem einzufordern motiviert.

Marco Granata, Die verborgene Tierwelt unserer Städte S. 239

All das steckt in »Die verborgene Tierwelt unserer Städte«. Doch die Gewichtung der einzelnen Elemente konnte ich nicht immer nachvollziehen. Ich hätte mir gewünscht, dass der Autor mehr seiner eigenen Erzählstimme vertraut! Vielleicht dann beim nächsten Buch?


Bibliographische Angaben:

Marco Granata

Die verborgene Tierwelt unserer Städte
Wie ich die Wildnis verließ und mich in der Stadt wiederfand


Unter Mitarbeit von Peter Klöss (Übers.), A. Theodor Fasen (Übers.)

S. Hirzel Verlag


Noch ein Buchtipp aus dem Hirzel Verlag: Die Psycho-Trojaner. Wie Parasiten uns steuern

Zwischen Ministeriumsdefinition und Alpenmythos: Was ist echtes Wandern? Meine Verteidigung der gemütlichen Tour

Reclam 100 Seiten Wandern. Das Taschenbuch steckt in einem Wanderschuh, der auf einer Treppe steht.

Ist das jetzt ein Spaziergang oder eine Wanderung? Diese Frage wollte ich schon immer einmal beantwortet haben. Nicht weil es für meinen sportlichen Ehrgeiz wichtig wäre. Der ist sowieso nicht sonderlich ausgeprägt. Für mich zählen nicht der Gipfel, nicht die Höhenmeter und auch nicht die Länge der Strecke. Ich will einfach nur durch einen Wald laufen, dabei zur Ruhe kommen und tief durchatmen. Wenn ich dann noch Natur beobachten und einkehren kann, ist das für mich ein perfekter (Wander)Tag.

Der Unterschied zwischen Wandern und Spazierengehen interessiert mich aus einem ganz eigenen Grund. Wenn ich erwähne, dass ich am Wochenende wandern war, habe ich zu oft den Eindruck, dass sich mein Gegenüber etwas anderes, deutlich sportlichers darunter vorstellt. Ich bin weder mit einem vollgepackten Rucksack unterwegs, noch mache ich Mehrtagestouren. Und schon gar nicht würde ich mein Wandern als Sport bezeichnen – ich lasse es mir einfach bei Bewegung und frischer Luft im Wald gut gehen.

Der Reclam-Band „Wandern. 100 Seiten“ von Nina Ayerle bot mir nicht nur kurzweilige Unterhaltung, sondern sogar Antworten auf meine Frage.

Die Sportwissenschaft wiederum zieht bei ihrer Definition vom Wandern auch das Tempo heran: Sie verbindet mit Wandern eine Mindestgeschwindigkeit von etwa sechs Kilometern pro Stunde.

Nina Ayerle, Wandern – 100 Seiten. Seite 4

Demnach wandere ich nicht, denn das Tempo schaffe ich bergauf mangels Kondition nicht. Bergab auch nicht, da mich fehlende Trittsicherheit ausbremst. Doch siehe da, selbst ein Ministerium hat sich mit dem Unterschied zwischen Spaziergang und Wanderung beschäftigt:

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie … legt übrigens auch fest, wie sich das für eine deutsche Behörde gehört, wann genau überhaupt von einer Wanderung zu sprechen ist. Diese bedürfe nämlich einer entsprechenden Planung, Ausrüstung und Verpflegung, sei durch einen „zügigen Schritt“ definiert und habe eine durchschnittliche Dauer von zwei Stunden und 29 Minuten.

Nina Ayerle, Wandern – 100 Seiten. S. 55 Zitiert aus dem Forschungsbericht „Grundlagenuntersuchung Freizeit- und Urlaubsmarkt Wandern“

Zügiger Schritt ist eine Bezeichnung, mit der ich gut leben kann. Für meine Maßstäbe bin ich flott unterwegs! Planung und Ausrüstung passt ebenfalls. Auch ich gehöre zu den Menschen, die mehr Outdoor-Klamotten besitzen, als sie eigentlich draußen sind. Meine Verpflegung besteht aus einer Wasserflasche, einem Viba-Müsliriegel und der Hoffnung auf Einkehr in einer Hütte des Pfälzerwald-Vereins. Auch die Dauer der Tour passt – laut Ministerium bin ich also eine Wanderin.

Allerdings hatte ich schon den Eindruck, dass die Autorin von „Wandern. 100 Seiten“ so wie viele Bewohner*innen des Alpenrands meine Wanderungen nicht ernst nehmen würde. Für sie bedeutet wandern, dass man sich hocharbeitet bis zur Baumgrenze und darüber hinaus. Ein Gipfelkreuz und grandiose Fernblicke sollten auch dabei sein. Das alles bietet der Pfälzerwald eher nicht – dafür gibt es auf unseren Hütten Rieslingschorle im o,5 l Dubbeglas, zu einem Preis, zu dem es in den Alpen vielleicht eine kleine Cola gäbe.

Egal, ich verzeihe ihr das und denke nicht weiter darüber nach, ob das jetzt Unwissenheit oder Ignoranz im Anblick der Mittelgebirge ist. Denn ihr Buch macht einfach nur Spaß – und Lust auf die nächste Tour!

Reclam 100 Seiten: der ideale Snack für den Wissenshunger zwischendurch

Für Wissensbücher hatte ich schon immer ein Faible. Das begann mit dem Kinderlexikon, das ich komplett gelesen habe. Später gesellten sich zu den Lexika Buchreihen wie DuMont Schnellkurs, Taschen Evergreen, Prestel Logo und Beck Wissen. Doch 2025 macht mir die Reihe „Reclam 100 Seiten“ Bock auf mehr! Die Bücher sind eine feine Mischung aus Allgemeinbildung und Nerd-Wissen, locker erzählt. Die Themenvielfalt ist beeindruckend: aktuelle Politik, Biografien, Naturwissenschaft, Philosophie – und vor allem Popkultur! Asterix oder Hannah Arendt? Science Fiction oder Mücken? Klassismus oder Hip-Hop? Was soll ich nach „Wandern. 100 Seiten“ als Nächstes lesen?


Bibliographische Angaben:

Nina Ayerle
Wandern. 100 Seiten.

Reclam 100 Seiten


Wandern – darüber hatte ich es auf meinem Blog schon ein paar Mal. Aber diesen Beitrag möchte ich mit einem Hinweis auf die Spaziergangswissenschaft versehen!

Mit Pflanzen die Welt retten. Grüne Lösungen gegen den Klimawandel

Bernhard Kegel - Mit Pflanzen die Welt retten. Das Buch steckt in einer Hainbuche mit orangenem Herbstlaub.

Jeder Baum hilft. Dann lasst uns doch einfach so viele Bäume pflanzen, dass wir damit den Klimawandel stoppen. Oder Moore renaturieren. Wenn wir schon mal dabei sind, dann können wir ja gleich mit Pflanzen die Welt retten. Irgendjemand muss es ja tun. Also los, Spaten schnappen, Loch buddeln, Baum rein.

Doch ökologische Systeme sind komplizierter, als ich es in der Schule gelernt habe. Nicht nur, dass meist nur ein Bruchteil der Neupflanzungen nach drei Jahren immer noch leben: In nördlichen Ländern verdunkeln neu gepflanzte Wälder die Erdoberfläche. Dadurch werden weniger Sonnenstrahlen zurück ins All reflektiert, was zu Erwärmung führt.

Nach gut 200 Seiten Lektüre ist klar: wichtiger als jede Renaturierung ist erst einmal, das, was an Natur noch da ist, zu erhalten. Diese Maßnahmen schützen uns jetzt. Sie helfen, Folgen des Klimawandels abzufedern, und verhindern, dass die Erderwärmung in diesem Tempo fortschreitet.

An zweiter Stelle steht, das, was wir zerstört haben, wieder herzustellen – Moore, Auen, Wälder, Seegraswiesen. Hier ist, wenn wir wirklich wollen und Ressourcen bereitstellen, deutlich mehr möglich, als ich dachte. Doch bis solche Maßnahmen greifen, werden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ins Land gehen.

Parallel dazu muss weiter geforscht werden. Vielleicht erfindet ja jemand tatsächlich etwas wie einen „Erderwärmungs-Kühl-Staubsauger“. Doch darauf verlassen können wir uns nicht. Und ob all die Wunderwerke der Technik wirklich den erhofften Nutzen haben oder nicht sogar Schaden anrichten – das kann niemand abschätzen, wie das Beispiel der dunklen Wälder im Norden, die zur Erwärmung beitragen, zeigt. Selbst über die Fotosynthese wissen wir weniger als meine Biologie-Lehrbücher im Gymnasium vermuten ließen.

So könnte das Fazit von Bernhard Kegels Buch lauten: Wahrscheinlich werden Pflanzen alleine die Welt nicht für uns retten. Aber ohne Pflanzen wird es uns garantiert nicht gelingen!

Doch wie liest sich das Buch „Mit Pflanzen die Welt retten. Grüne Lösungen gegen den Klimawandel“? Ist es nicht deprimierend, damit Abende auf der Couch zu verbringen? Natürlich braucht man gute Nerven, um sich mit den Ursachen und Folgen der Klimaveränderungen an sich auseinanderzusetzen. Doch depressiv macht das Buch nicht. Ganz im Gegenteil! Ich hatte zwar den Eindruck, dass Bernhard Kegel weniger Geschichten aus der Wissenschaft erzählt als in seinen anderen Büchern (zum Beispiel in „Die Natur der Zukunft“ oder „Die Herrscher der Welt. Wie Mikroben unser Leben bestimmen“ – zu allen Büchern von Bernhard Kegel gibt es Rezensionen auf meinem Blog). Dafür konzentriert er sich mehr darauf, Fakten und Zusammenhänge zu erläutern. Doch auch dieses Mal ist sein Buch beste wissenschaftliche Unterhaltung, spannend aufbereitet. Das zarte Pflänzchen Hoffnung hat nach der Lektüre neue Triebe bekommen!


Infos zum Buch:

Bernhard Kegel
Mit Pflanzen die Welt retten
Grüne Lösungen gegen den Klimawandel

DUMONT Buchverlag


Bücher von Bernhard Kegel – meine Rezensionen in chronologischer Reihenfolge:

Jäger und Sammler: 12 Monate fernab vom Supermarkt

Buch: John Lewis-Stempel,  Mein Jahr als Jäger und Sammler
Was es wirklich heißt, von der Natur zu leben.
Das Buch liegt auf Holzdielen, ein paar Haselnüsse drumherum

Wer „Mein Jahr als Jäger und Sammler“ von John Lewis-Stempel lesen möchte, sollte das Wort Jäger im Buchtitel ernst nehmen. Sehr ernst. John Lewis-Stempel beschließt, zwölf Monate lang von dem zu leben, was seine eigenen 16 Hektar hergeben. Farmland mit Hecken, Weiden, Wäldern und einem Fluss. Mit Enten, Eichhörnchen, Fasanen. Mit Löwenzahn, Gänsefuß, Bärenklau. Wildäpfeln, Brombeeren, Schlehen. Für diese Lebensweise braucht es Wissen, Geduld und die Bereitschaft, Hunger auszuhalten. Er bringt all das mit und packt noch Hartnäckigkeit obendrauf.

Über allen Seiten schwebt ein Banner „Don’t try this at home – und schon gar nicht mit einem Selbstversorgergarten. Ohne Jagdschein und die Fähigkeit, Tiere zu häuten, zu rupfen, auszunehmen kommst du hier nicht weit.“

Sinnkrisen und Schlehenwein: Die Hintergründe des radikalen Experiments

Was treibt einen Menschen zu so einem radikalen Selbstexperiment? Eine Sinnkrise. Neugier. Gute Grundlagenkenntnisse. Und die Tatsache, dass man sich mit Kauf und Renovierung der Farmhaus-Ruine gründlich übernommen hat. Das Geld ist knapp. Warum sollte man es dann in den Supermarkt tragen, wenn man wohlmöglich ein Schlaraffenland vor der Haustür hat?

Die Familie macht nicht mit, toleriert aber das Experiment. Nur das Rupfen von Fasanen in der Küche verbittet sie sich bald. Und die Faszination für Schlehenwein und gesottenem Eichhörnchen mit Beeren will sie auch nicht teilen. Dafür hält sie mit dem Auto an, damit Papa Roadkill einsammeln kann, und diskutiert nicht mit ihm, ob der Kadaver wirklich auf seinen 16 Hektar Land lag.

Zwischen Poesie und Pragmatismus: Das Jahr, in dem die Natur zur Speisekammer wurde

Ein radikales Buch. Aber auch eines voller poetischer Naturbeschreibungen. Eines, das verblüfft. Und zwischendurch nervt. Weil es dann doch wieder eine Querverbindung zu einem alten Literaten/Philosophen/Historiker zuviel schlägt. Wobei es schon bemerkenswert ist, wie sehr Rezepte aus verstaubten Bibliotheksbüchern diesen speziellen Speiseplan bereichern können.

Was für mich nach der Lektüre bleibt, ist ein anderer Blick auf Jahreszeiten, die einst wirklich die Ernährung und den Lebensrhythmus prägten. Und die Tatsache, dass sich bei dieser Lebensweise die Gedanken vom Aufwachen bis zum Schlafen nur um eines drehen: Wo finde ich Essen? Wie kann ich es zubereiten oder haltbarmachen? Was esse ich morgen, was habe ich noch in meinen Vorräten, wo könnte ich jagen oder sammeln? Einfacher gesagt: Hunger!


Infos zum Buch:

John Lewis-Stempel
Mein Jahr als Jäger und Sammler
Was es wirklich heißt, von der Natur zu leben

Dumont Verlag

Feine Rezension aus der Zeitschrift PTA


Das war mein erstes Buch von John Lewis-Stempel: Wandern bei Nacht

Wie wird Landschaft sichtbar? Durch Spaziergangswissenschaft!

Es gibt Bücher, die würde ich mir im Leben nicht kaufen. Ganz einfach, weil ich von ihrer Existenz gar nichts weiß. Wer mir und meinen Lese-Vorlieben schon länger folgt, ahnt, wie perplex ich ob dieser Aussage bin. Ich bin eine Kreuz-und-quer-Leserin und ich schätze die Arbeit kleinerer Verlage sehr. Aber das Buch „Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft“ von Lucius Burckhardt, erschienen im Martin Schmitz Verlag, war mir noch nie begegnet.

Zum Glück habe ich einen sehr guten Freund, der dieses Buch in der Karl Krämer Fachbuchhandlung entdeckt hat. Sein erster Gedanke war anscheinend „Spaziergangswissenschaft? Dagmar!“, wozu sicherlich unsere gemeinsamen Instawalks beigetragen haben. So wurde aus dem Buch ein Geburtstagsgeschenk für mich – was für ein glücklicher Zufall!

Kann ich von einem Buch begeistert sein, an dem ich sehr lange gelesen habe, weil es sich zwischendurch zog? Ich kann, denn diese Essays waren nie als Buch geplant. Es ist eine Sammlung von Vorträgen, Interviews und Artikeln. Mit Wiederholungen ist daher zu rechnen. Was aber wiederum passt, denn auch unsere Spaziergänge wiederholen sich.

Doch womit beschäftigt sich ein Promenadologe, also ein Spaziergangswissenschaftler?

Das Fach könnte auch Landschaftsästhetik genannt werden. Wir fragen uns, weshalb Landschaft schön ist und worin diese Schönheit besteht.

Lucius Burckhardt – Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft S. 306

Dabei geht er vom Idealfall aus: Ein Stadtmensch bricht auf, spaziert zum Stadtrand, die Besiedelung wird lichter. Sie erreicht den Waldrand, steigt höher, kommt zu einem Aussichtspunkt. Dann das gleiche wieder zurück. Aus all den Einzelbeobachtungen formt sie in ihrem Kopf eine Landschaft.

Indem sie sich langsam durch die Landschaft bewegt, eröffnen sich Perspektiven und Details, die bei schneller Fortbewegung möglicherweise übersehen werden würden. Der Spaziergang wird somit zu einer Reise, die neue Einsichten und Erkenntnisse ermöglicht.

Die Spaziergangswissenschaft fordert uns dazu auf, unsere Beziehung zur Umwelt zu überdenken und bewusster zu gestalten. Sie erinnert uns daran, dass die Schönheit der Landschaft weniger in ihrer äußeren Erscheinung liegt, sondern mehr in der Art und Weise, wie wir sie betrachten und erleben. Indem die Welt um uns herum erkunden, können wir unsere ästhetische Wahrnehmung schärfen und eine größere Verbundenheit zur Natur entwickeln.

Ab hier stellen wir uns erzählerische Querverknüpfungen vor. Natürlich kommt Beuys drin vor. Aber auch die Instandbesetzer von Zürich, klassische Parks, die Documenta, Stadtplanung und ganz viel „wir Menschen und unser Verhalten“- so wie hier:

In einem Dorf, das schöner werden will, genügt es eben nicht, zwei Bänke auf den Dorfplatz zu stellen und mit Begonien zu umpflanzen; solange das Zeigen von Müßiggang im sozialen Kontext eines Dorfes mit Sanktionen belegt wird, werden sich auf diesen Bänken höchstens Betrunkene aufhalten.

Lucius Burckhardt – Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft S. 208

Lucius Burckhardt starb 2003. Was er wohl zu dem Phänomen der Instawalks gesagt hätte? Auch das sind Spaziergänge im Sinne der Strollology, der Spaziergangswissenschaft. Wir treffen uns, um zu flanieren, und versuchen, unsere Umgebung anders, intensiver wahrzunehmen und in einen neuen Kontext zu setzen. Ich glaube, in der Theorie hätte ihm das gefallen. Was er hingegen zu unserem Medium Instagram gesagt hätte, das hätte ich wirklich gerne gehört!


Bibliographische Angaben:

Lucius Burckhardt

Warum ist Landschaft schön?
Die Spaziergangswissenschaft

Martin Schmitz Verlag


Wandern, spazierengehen, flanieren – das scheint ein ergiebiges Buch-Thema zu sein!

Wandern bei Nacht. Was wir in der Dunkelheit erleben können

Wandern bei Nacht. Poetisches Sachbuch von John Lewis-Stempel. Ich halte das Buch bei Nacht aus dem Fenster in Richtung Garten.

Das Leuchten schneeweiß blühender Obstbäume in der Nacht, das unverschämt laute Schmatzen eines Igels: Nachts verändert sich jeder Garten. Doch ich erlebe das meist nur vom Fenster. Ganz anders der Autor John Lewis-Stempel. Er nutzt Anfälle von Schlaflosigkeit, zieht nachts mit seinem Hund los und lässt uns in „Wandern bei Nacht. Was wir in der Dunkelheit erleben können“ mit nahezu poetischen Miniaturen daran teilhaben.

Mehr als einmal vergaß ich, weiter zu lesen, denn sein wunderbarer Schreibstil verführte mich, in eigenen Erinnerungen spazieren gehe. Ich sah wieder die Eule auf einer Plakatwand im Industriegebiet sitzen. Ich hatte sie entdeckt, als ich von einer Kneipentour zurück radelte. Oder die verstörende Geräusche, die mich letzten Sommer geweckt hatten. Es klang, als würde jemand schwer arbeitend den Garten umdekorieren. Tatsächlich lagen am Morgen einige Steine rund um den kleinen Gartenteich nicht mehr an ihrem Platz. Trotzdem dauerte es noch Wochen, bis wir begriffen, dass wir nachts einen Waschbären zu Gast haben.

Zuverlässig führten mich meine Gedankengänge weiter zurück zu den Nachtwanderungen meiner Kindheit. Abends ging es mit den Eltern von der Ferienwohnung zu Fuß durch den Wald in die Gaststätte im nächsten Ort. Auf dem Hinweg haben wir uns schon Wurzeln und andere Stolperfallen eingeprägt. So konnten wir auf dem Rückweg die Taschenlampe meist aus lassen. Doch meine letzte Nachtwanderung habe ich vor ein paar Jahren gemacht, als mich die Nachricht erreichte, dass ein guter Freund gestorben war. Ich hielt es nicht mehr in der Wohnung aus und lief einfach los.

Wenn meine Gedanken diesen Punkt erreicht hatten, griff ich wieder zum Buch. Und stellte fest: Poesie tröstet nicht nur – sie ist auch ein erstaunlich gutes Handwerkszeug, um Naturerlebnisse sehr exakt zu beschreiben.

Doch „Wandern bei Nacht“ bietet mehr als poetische Naturbeschreibungen. Sie sind eine Einflugschneise, hin zu detailgenauen Beobachtungen und naturwissenschaftlichen Erklärungen. Dabei findet kleines und alltägliches genauso seinen Platz wie große und seltene Phänomene.

Während ich nach Westen schaue, in die ungestört stille Nacht von Wales, erscheint ein Bogen aus weißem Licht am Himmel und überspannt die Erde. Ich taumele, verspüre Furcht, als wäre ich für einen allmächtigen Offenbarungsmoment auserkoren worden … Endlich setzt prosaische Physik ein: ich sehe einen Regenbogen bei Nacht. Einen Mondbogen.

John Lewis-Stempel, Wandern bei Nacht – S. 32

Jetzt könnte man selbstverständlich sagen, John Lewis-Stempel hat gut schreiben. Er lebt in Wales inmitten von Feldern, Weiden und kleinen Wäldern. Die Natur beginnt quasi auf seinem Grundstück. Doch Eule und Fledermaus, Igel und Waschbär, Zikaden und der Duft des blühenden Geißblatts – all das kann ich auch hier in meinem Vorort am Rande der Großstadt erleben.

Nur in einem hat John Lewis-Stempel einen Standortvorteil, den er reichlich ausnutzt: Sternenlicht. Er lebt weit genug entfernt von der Lichtverschmutzung der Städte.

Wir haben die Nacht verbannt, schon vor langer Zeit. Es gibt Stadtmenschen, die noch nie die Sterne gesehen haben, die das tröstliche Gefühl nicht kennen, von den weichen Schwingen der Nacht umfangen zu werden. Es gibt Nächte von solcher Stille und Schönheit, dass sie wie Balsam für die Seele wirken …

John Lewis-Stempel, Wandern bei Nacht – S. 16

Doch eines werfe ich dem Buch, das nur ein Büchlein ist, wirklich vor: Es ist zu kurz. Ich hätte den Autoren gerne noch länger auf seinen nächtlichen Streifzügen begleitet!


Bibliographische Angaben:

John Lewis-Stempel

Aus dem Englischen von Sofia Blind

Wandern bei Nacht
Was wir in der Dunkelheit erleben können

DUMONT Buchverlag


Gute Gründe, warum DUMONT ein Lieblingsverlag von mir ist: Bücher wie dieses – und wie „Bäume in der Kunst

Unter Bäumen ist mir wohl

Buch von Helmut Schreier:

Unter Bäumen

Aus der Reihe: European essays on nature and landscape

KJM Buchverlag

Ein Wald, der zum Urwald wurde, weil er im Niemandsland zwischen BRD und DDR lag. Etwas, was Wald genannt wird, aber eine Forst-Plantage ist. Ein Waldstück, das ein fürstliches Jagdgebiet war. Bäume, die auf Dünen wachsen. Die Wälder, die Helmut Schreier für sein Buch ausgewählt hat, sind klug zusammengestellt. So unterschiedlich, wie sie sind, haben sie doch eines gemeinsam: An ihnen lässt sich gut ablesen, dass das, was wir Wald nennen, stets von Menschen gemacht wurde. Forstwirtschaft, Jagdgebiet, Waldweide – es sind die Maßnahmen der Menschen und die Antwort der Natur darauf, die aus Bäumen und Unterholz einen Wald formen.

Im Vergleich zu alten Buchenurwäldern oder Bergwäldern sind diese Wälder eher unscheinbar. Wälder, wie wir sie überall in Deutschland haben könnten. Doch jeder ist einzigartig, wenn man genau hinschaut. Und das tut Helmut Schreier. Er schaut genau hin, wie der Wald aussieht und woraus er besteht. Er blickt aber auch auf seine Geschichte und darauf, wie der Wald früher ausgesehen hat, und was zwischen damals und heute mit ihm passiert ist. Sein Buch ist ein Streifzug durch die Natur, die Wissenschaft und durch die Kulturgeschichte.

Jeder irgendwie dem Wald verbundene Gegenstand, der mit dem Werkzeug der Fächer Biologie, Ökologie, der Forstwissenschaften und der Geschichtsschreibung untersucht werden kann, bietet uns einen Zugang zur Annäherung.

Helmut Schreier: Unter Bäumen – European essays on nature and landscape. S. 114

Im Wald und unter Bäumen: Entdeckungen machen, sich treiben lassen, ankommen

Innenseiten aus dem Buch von Helmut Schreier

Unter Bäumen

Aus der Reihe: European essays on nature and landscape

KJM Buchverlag

Es ist schön, mit Helmut Schreier durch die Wälder zu streifen. Doch mehr als einmal hätte ich mir gewünscht, dass er mich an seinem erzählerischen roten Faden, den er sicher für sich hatte, hätte teilhaben lassen. Dann wäre für mich klarer gewesen, warum er mir seine Naturbeobachtungen und Ausflüge in die Geschichte erzählen möchte. Dann hätte ein tieferer Dialog zwischen dem Buch und mir begonnen.

So war es für mich vor allem eines: ein wunderbarer Startpunkt, um in eigenen Erinnerungen an Wald-Begegnungen zu schwelgen.

Was durch die Buchausstattung verstärkt wurde: Wie schön sind bitte Papier, Layout, Druckqualität und Haptik des Umschlags bei diesem Buch? Schon allein das macht Lust, noch mehr aus der Buchreihe „European essays on nature and landscape“ zu lesen!

Unter Bäumen ist mir wohl. Ihre Nähe gibt mir Gelassenheit, den Vorschein des Gefühls, angekommen zu sein.

Helmut Schreier: Unter Bäumen – European essays on nature and landscape. S. 11

Weitere Angaben zum Buch:

Helmut Schreier

Unter Bäumen

Aus der Reihe: European essays on nature and landscape

KJM Buchverlag


„Unter Bäumen ist mir wohl“ könnte auch mein Motto sein. Hier noch ein passender Buchtipp: Bäume in der Kunst

Ein schottischer Adliger in Dresden: Lord Findlater und seine Gärten

Lord Findlater und die Gärten seiner Zeit. Das Buch liegt unter Hyazinthen in einem Garten

Das Leben von James Ogilvy, 7. Earl of Findlater, hatte alles, was es für einen guten Roman braucht. Politische Ambitionen, Beleidigungsklagen und Familienintrigen. Standesdünkel und nicht standesgerechte Liebschaften. Desinteresse an einer heterosexuellen Lebensweise. Ein Vermögen, das zwar groß, aber doch zu klein für das kostspielige Interesse an Gartenkunst war. Bildungsreisen durch Europa und Flucht vor Kriegswirren. Nicht zuletzt eine Vision: den perfekten Landschaftsgarten zu errichten.

Und dann, als Lord Findlater endlich alle Grundstücke am Dresdner Elbhang in Besitz gebracht hatte, die er benötigte, um seinen Gartentraum »Findlaters Weinberg« zu verwirklichen, dann … stirbt er. Mit 61 Jahren. Sein Erbe: sein langjähriger Sekretär und Lebensgefährte Johann Georg Christian Fischer.

Zum Glück ist »Lord Findlater und die Gärten seiner Zeit« kein Roman. Einen solchen Plot-Twist hätte ich den Autoren nämlich nie verziehen. Aber es ist auch keine reine Biografie. Martin Päckert und Frank Klyne hatten anderes im Sinn. Sie verknüpfen Lord Findlaters Biografie mit Betrachtungen über die Geschichte der europäischen Gärten, mit der Lokalgeschichte von Dresden und von Karlsbad und mit der Realität homosexuellen Lebens um 1800. Und mit Goethe.

Denn Goethe und der schottische Lord kannten sich. Eigentlich naheliegend, dass der große Schriftsteller den queeren Charakterkopf inspirierend fand. Genauso faszinierend ist, dass bisher niemand dieser Spur gefolgt ist. Offensichtlich ist Goethes Werk immer noch nicht zu Ende erforscht!

Sozialgeschichte, Lokalgeschichte und Weltpolitik sowie Kulturgeschichte, Literatur und Gartenkunst – alles greift in diesem Buch schlüssig ineinander. Das liest sich nicht nur äußerst kurzweilig – es hat die Liste meiner Reiseziele und Orte, die ich sehen will, vergrößert. Viele der erwähnten Parks und Gärten kannte ich. Aber Findlaters Tempel in Karlsbad, Schlosspark Gaußig in der Lausitz, Schloss Helfenberg und Seifersdorfer Tal bei Dresden noch nicht.

Dann werde ich auch auf dem Friedhof in Loschwitz vorbeischauen und den Grabstein suchen, auf dem zwei Männer verewigt wurden. Und mich erneut darüber amüsieren, dass Lord Findlater einst versuchte, ungefragt Katharina der Großen Rat zum Thema Landwirtschaft anzudienen. Er schickte ihr wertvolle Fachbücher. Sie antwortete auf sein Mansplaining amüsiert, dass sie diese schon hätte, und führte weiter aus, warum seine Tipps für Russland untauglich wären.

Denn so unüblich wie sein Lebensweg auch erscheinen mag – Findlater war Lord durch und durch. Deswegen ging er einfach davon aus, dass die Welt auf ihn gewartet hat. Oder ist das nur meine feministische Deutung? »Lord Findlater und die Gärten seiner Zeit« trägt aus gutem Grund den Untertitel »Mehrdeutigkeiten eines Lebens und einer Kunstform«. Noch etwas, was ich neben der gründlichen Recherche sehr an dem Buch schätze: Es nimmt keine naheliegenden Abkürzungen und gibt keine Deutungen vor!


Buch: Lord Findlater und die Gärten seiner Zeit

Weitere Infos zum Buch:

Martin Päckert und Frank Klyne

Lord Findlater und die Gärten seiner Zeit
Mehrdeutigkeiten eines Lebens und einer Kunstform

WBG Verlag

Mehr über Lord Findlater in der Wikipedia
Mehr Infos über die Geschichte von Findlaters Weinberg


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Zugvögel. Reisewege und Überlebensstrategien. Bildband

Bildband: Zugvögel. Reisewege und Überlebensstrategien

Egal, was die Biologen herausfinden, das Staunen bleibt. Wir sehen den großen, weiten Himmel und den kleinen Vogel. Wir hören die unvorstellbare Zahl, die die Kilometer angibt, die er zurücklegt. Da helfen keine Forschungsergebnisse durch Satellitentechnologie, keine Isotopenanalyse oder was auch immer in der Vogelkunde an wissenschaftlichen Methoden zum Einsatz kommt: Wir können es nicht fassen, was Zugvögel leisten.

Genau davon berichtet das Sachbuch »Zugvögel. Reisewege und Überlebensstrategien.« Über 60 Zugvögel und ihre Reiserouten werden porträtiert. Beeindruckende Tierfotografien (250 Fotos auf 288 Seiten!) und Karten mit den Routen ergänzen die informativen Texte, in denen wirklich sehr viel Wissen steckt.

Aber gerade die Sachtexte haben mir gezeigt, wie sehr ich mittlerweile durch Nature Writing verwöhnt bin: mir waren die Erläuterungen über weite Strecken zu trocken. Bleibt das Schwelgen in den Bildern und der sehnsüchtige Blick gen Himmel!


Bibliographische Angaben zum Bildband:

Mike Unwin & David Tipling

Zugvögel
Reisewege und Überlebensstrategien

Dumont Verlag


Natürlich habe ich noch mehr Bildband-Tipps für euch: Fledermäuse, Insekten und Bäume!