Früher war mehr Lametta? 13 Jahre Buch-Blog GeschichtenAgentin. Eine Bestandsaufnahme

13 Jahre und 640 Blogbeiträgen später merke ich: Das Tolle an meinem Buch-Blog ist, das ich Rezension auf Rezension veröffentlichen kann. Einfach immer weiterschreiben und sich an den neuen Buchrezensionen auf der Startseite erfreuen. Das Üble ist, dass ich genau das getan habe.

Doch jetzt ist Zeit für eine Bestandsaufnahme! Seit Dezember gehe ich sie alle durch. Funktionieren die Links noch? Was kann ich aus SEO-Sicht verbessern? Vor allem: möchte ich den Beitrag überhaupt behalten?

Das sind meine Erkenntnisse:

Content-Audit ist eine Fleißaufgabe. Warum gehe ich das jetzt an?

Weil ich jetzt Zeit dafür habe. Seit Dezember arbeite ich nicht mehr. Ob das eine lange Auszeit ist oder der Beginn meines Vorruhestands, das werde ich Ende des Jahres entscheiden.

In den letzten Jahren hatte ich einen Online-Job: Buchmarketing. Das war zu nah an meinem Online-Hobby, dem Buch-Blog. Deswegen habe ich mich auf GeschichtenAgentin.de auf das konzentriert, was mir am meisten Spaß brachte: Schreiben und Bücher rezensieren. Weder Menü-Struktur noch SEO-Maßnahmen waren auf einem aktuellen Stand. Das kann ich jetzt endlich mit freiem Kopf angehen!

Backlist-Liebe oder Altpapier – was ist aus den Büchern, die ich gelesen habe, geworden?

Bücher Ganesh GeschichtenAgentin

Ich war gespannt, wie viele der Bücher, die ich besprochen habe, überhaupt noch lieferbar sind. Überraschung: mehr als gedacht! Allerdings kommt es sehr auf das Genre, die Warengruppe an.
Von den Ratgebern waren noch erstaunlich viele lieferbar. Das liegt aber daran, dass die großen Publikumsverlage (Herder, Droemer Knaur, Penguin-Randomhouse-Bertelsmann) sie als E-Book weiterführen.
Bei den Fachbüchern haben die dicken Standardwerke ein, zwei Neuauflagen erlebt.
Bücher zu Nischen-Themen sind meist vergriffen. Die Beiträge dazu habe ich gelöscht. Rezensionen zu 10 Jahre alten Werken zu Social Media Marketing wird niemand vermissen.
Übel sieht es hingegen bei Unterhaltungs-Romane und im Bereich der Phantastik aus. Hier hat vieles nicht überlebt, darunter auch Titel, bei denen ich das sehr bedauer.

Dann gibt es Verlage, die es nicht mehr gibt – und deren Bücher trotzdem weiterleben. Der systemed Verlag ist von Riva übernommen worden. Windpferd, ein früherer Lieblingsverlag, wurde erst eingestellt – und lebt jetzt doch mit neuem Inhaber weiter.

Andere haben sich gewandelt. Als Beispiel nenne ich den Dumont Verlag, der mal für sein Kunstbuch-Programm berühmt war. Ist vorbei. Aber dass sie die Taschenbücher „Dumont Schnellkurs“ eingestellt haben, nehme ich ihnen immer noch übel.

Sieht mich noch jemand? SEO-Probleme meines Buch-Blogs

Als ich 2012 begonnen habe, hat Google Blogs geliebt. Wir lieferten den frischen Content, den die Suchmaschine finden wollte. Und heute? Sagt Google lapidar: Gecrawled, nicht indexiert. Ja, der Bot kommt vorbei und sammelt Daten. Aber nicht, um sie für Suchergebnisse zu verwenden. Es werden immer weniger Seiten in den Suchindex aufgenommen, weil es angeblich zu viel Online-Content gibt.

Was die Bots allerdings tun: Sie bedienen sich für die KI an den Blog-Inhalten. Die KI-Overview für meinen Buch-Blog Geschichtenagentin ist deutlich besser als meine Auffindbarkeit in den Suchergebnissen. Website-Traffic bringt mir das jedoch nicht.

Nervt mich das? Ja! Verfalle ich deswegen in Aktionismus – Optimierungen für die KI, GEO statt SEO? Nein! Ich habe schon zu vieles kommen und gehen sehen. Einst haben wir alle Google Snippets um 30 Zeichen erweitert. Kurz darauf wieder gekürzt, weil Google sich umentschieden hatte. Solche Beschäftigungstherapien brauche ich nicht. In der Zeit lese ich lieber ein gutes Buch.

Aber ich habe gut reden: Mein Blog ist mein Hobby. Ich verdiene kein Geld damit und habe das auch nicht vor. Wenn meine Beiträge gefunden werde, freue ich mich. Und wenn nicht – dann mache ich trotzdem weiter.

Die Karawane zieht weiter: Blogsterben

Ertappt - ein frühes Foto der GeschichtenAgentin

Das sehen offensichtlich nicht alle so – und ich kann es verstehen. Viele Buch-Blogs, mit denen ich mich anfangs vernetzt habe, existieren nicht mehr. Meist ist das Leben dazwischen gekommen (Kinder, Beruf, Familie, Krankheiten). Etliche hörten aber auch wegen technischer und rechtlicher Unsicherheiten auf. Gerade die Einführung der DSGVO führte zur Stilllegung vieler Blogs. Ich merke das, da ich immer großzügig auf Buchrezensionen auf anderen Blogs verlinkt habe. Diese gehen jetzt ins Leere und ich entferne sie so nach und nach.

Früher war mehr Kommentar: Blogs im Wandel

Bis 2015 in etwa wurde auf meinem Buch-Blog rege kommentiert. Das gehörte in der Blogosphäre einfach zum guten Ton. Dann wurde es auf dem Blog stiller, dafür gab es mehr Kommentare auf Facebook. Heute ist es auch dort ruhig. Das führt mich direkt zum nächsten Punkt:

Es hätte so schön sein können: Social Media

Menschen begegnen Menschen, die sie sonst nie getroffen hätten, und tauschen sich aus. Social Media, insbesondere Facebook und Twitter, hätten ein Wunderland werden können. Wurden es aber nicht.

Ganz krass zeigt sich das bei meinen Artikeln zu Tweetups in Museen und zu Veranstaltung mit Social Media Wall. Fast alle verlinkten Zitate führen heute ins Leere. Von den damals sehr aktiven Accounts ist quasi niemand mehr auf X. Nur ein paar Institutionen harren dort noch aus.

Für meinen Buch-Blog bedeutet die zunehmende und sehr verständliche Nicht-Nutzung von Facebook und X: weniger Sichtbarkeit für meine Nischen-Themen, da diese Traffic-Quellen wegfallen. Wo bekomme ich 2026 überhaupt noch Sichtbarkeit und Traffic? Im Moment noch via Insta-Storys und LinkedIn. Wie lange noch? Keine Ahnung!

Authentisch bloggen? Was sonst!

Wenn ich mit zeitlichem Abstand meine Artikel aus der Anfangszeit lese, merke ich, dass sich meine Art zu schreiben geändert hat. Und das ist gut so! Ich habe rund 2 Jahre gebraucht, um meine eigene Blogstimme zu finden. Die ersten Beiträge klangen sehr girlie. Da habe ich mich an dem Stil anderer Buchbloggerinnen orientiert. Nur: Die waren gut 20 Jahre jünger als ich. Blog-Vorbilder in meinem Alter gab es damals kaum.

Heute habe ich meinen eigenen Stil. Ich schreibe keine klassischen Buchrezensionen. Viel lieber erzähle ich, was ich mit dem Buch erlebt habe. Denn mein Blog ist vor allem eines: mein Lesetagebuch. Ich möchte mich nicht an den Inhalt eines Buches erinnern, sondern an Emotionen und Gedanken, die es ausgelöst hat.

Doch das ist nicht meine einzige Motivation: Ich möchte Büchern, die mir gefallen haben, zu mehr Online-Sichtbarkeit verhelfen und andere Menschen auf sie neugierig machen. Sonst könnte ich meine Gedanken zum Buch auch mit deutlich weniger Aufwand in einer Kladde aus Papier notieren!

Mein Blog, meine Party – aber wie will ich feiern?

Brauche ich das Blog-Lametta von früher? Ich trauere der Nähe und der Menschlichkeit der Buchblogger*innen-Szene der Anfangsjahre etwas nach. Aber ich habe tolle Menschen kennengelernt und bin mit vielen davon weiterhin in Kontakt. Das trägt. Noch mehr trauere ich den verpassten Chancen nach, die Social Media eigentlich geboten hätte – und die die Tech-Firmen nicht haben wollten.

Doch ich bin jetzt 57. Ich sollte gelernt haben, dass das Leben und insbesondere das Online-Leben immer im Wandel ist. Daher: nein, ich brauche das Blog-Lametta nicht. Aber ich erinnere mich gerne daran!

Mehr als 13 Jahre GeschichtenAgentin – wie geht es mit dem Buch-Blog weiter?

Ich atme, ich lese, ich habe Spaß am Schreiben – also geht es weiter! Ich rechne mit 4 bis 6 Blog-Beiträgen pro Monat. Auch die Überarbeitung der alten Artikel und Rezensionen setze ich fort. Für die Jahre 2012 bis 2017 habe ich 3 Monate gebraucht. Danach ging es schneller. Die Blog-Technik werde ich weiterhin so schlank wie möglich halten, denn dann bleibt mehr Zeit für das, was mir wichtig ist: Lesen, Schreiben und Menschen begegnen!


Mein Buch-Blog, meine Party – aber natürlich wird eine Party erst durch Gäste richtig gut! Wie kann ich mich mit Leser*innen, Blogger*innen und Bookfluencer*innen vernetzen? Warum blogge ich überhaupt? Was wünsche ich mir von Verlagen, Autor*innen und anderen Akteur*innen der Buchbranche? Und vor allem: Was kann ich als Blogger*in tun, um Lesen und Bücher sichtbarer machen? Meine Gedanken dazu findet ihr in diesen Artikeln auf meinem Buch-Blog!


Eine Auswahl an Beiträgen, die zeigen, was mir mein Buch-Blog bedeutet:

Zum Abschluss noch ein Herzensbeitrag auf meinem Zweit-Blog, dem Buchkind-Blog:

Jedem sein Ruhrgebiet: Geschichten von Fördertürmen und Schrankwänden

Per Leo
Noch nicht mehr
Die Zeit des Ruhrgebiets.
Das Buch liegt auf einem Bildband mit Schwarz-Weiß-
Fotografien von Horst Lang "Als der Pott noch kochte"

Anscheinend hat Heinrich Böll einmal etwas über das Ruhrgebiet geschrieben, das für viel Wirbel sorgte. Sein Einleitungstext zum Bildband „Im Ruhrgebiet“, den er zusammen mit dem Fotografen Chargesheimer 1958 veröffentlichte, beginnt mit den Worten: „Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden.“

Was dann folgt, klingt für mich wie der Intellektuelle aus der Großstadt, der die malochende Verwandtschaft besucht und froh ist, wenn er wieder zurück nach Köln darf. Für mich mit meinen Ruhrgebietswurzeln liest sich das amüsant, löst aber nicht mehr als ein Schulterzucken aus. So ganz konnte ich Böll nicht folgen. Wurde das Ruhrgebiet noch nicht entdeckt, weil es ignoriert wurde? Oder weil es sich als Industrielandschaft ständig wandelt? Oder weil man es vor lauter Smog nicht sieht? Oder einfach nur, weil er nie richtig hingeschaut hatte?


Um so mehr war ich verblüfft, dass sowohl der Schriftsteller und Philosoph Wolfram Eilenberger in seinem Buch „Das Ruhrgebiet. Versuch einer Liebeserklärung“ als auch der Historiker und Schriftsteller Per Leo in seinem Buch „Noch nicht mehr. Die Zeit des Ruhrgebiets“ dem Text von Heinrich Böll viel Raum geben. Beide nutzen ihn sozusagen als Förderturm, als Landmarke, an der sie ihren eigenen Blick auf den Pott ausrichten.

Aus den Fördertürmen, einst Agenten der Zerstörung, sind heute ikonische Zeichen geworden, die zuverlässig jeden, aber auch jeden Text über das Ruhrgebiet bebildern.

Per Leo – Noch nicht mehr. S. 89

Für mich ergab das einen interessanten Twist. Zu ihren Blickwinkeln gesellten sich in meinem Lese-Kopfkino zwei weitere: mein eigener und der meines Vaters. Er hat als junger Mann das Ruhrgebiet ganz bewusst verlassen. Jahrzehntelang blieb es für ihn genauso Sehnsuchtsort wie Symbol für ein Leben, das er so nicht führen wollte: zu viel Kleingeist, zu viel Statussymbole und Fassade. Während seine Cousine in Gelsenkirchen sich die dritte neue Schrankwand leistete, stand bei uns immer noch die erste. Während die Omma in Rotthausen sich für den Kirchgang fein machte, stand mein Vater hier in der Badehose im Hof und unterhielt sich mit den Nachbarn.

Ich selbst habe mir das Ruhrgebiet später als Kulturlandschaft wieder neu erobert. Damals, als die Zechen und Stahlwerke schlossen, sollte die Kreativwirtschaft, Theater und Museen den Ruhrpott retten. Ein wichtiger Impuls. Doch nicht nur die stark reduzierten Öffnungszeiten der wirklich hervorragenden Museen zeigen: Kultur alleine kann es nicht richten.

Und so fährt der Ruhrgebietstourist heute stundenlang durch Städte und Wälder, die sich überall auf der Welt befinden könnten, um plötzlich vor einer Stahlruine zu stehen, deren Rostüberzug gerade so sorgfältig konserviert ist, dass sie weder neu aussieht noch ganz verfällt. Er löst eine Eintrittskarte …

Per Leo über die Route Industriekultur. Aus dem Buch „Noch nicht mehr“ S. 90

In beiden Büchern fand ich all das wieder. Per Leo erzählt in „Noch nicht mehr. Die Zeit des Ruhrgebiets“ auf gerade mal 170 Seiten sehr pointiert die Kulturgeschichte einer Region, die eigentlich keine Einheit bildet. Dabei geht er auch auf das „Oral-History-Projekt“ ein, das von Lutz Niethammer 1980 an der Uni Essen initiiert wurde. Für mich als Büchermensch war das und die Kapitel, die darauf folgen, besonders erhellend. Die Bücher zur Ruhrgebiets-Heimatkunde, die in diesem Umfeld später entstanden, hatte ich als Jugendliche gerne gelesen. Jetzt verstehe ich besser, wie sie überhaupt entstehen konnten!

Wolfram Eilenbergers (Geschenk)Buch „Das Ruhrgebiet. Versuch einer Liebeserklärung“ kommt tagebuchartiger, anekdotenhafter daher. Seinen Stil fand ich ganz wundervoll und ich habe sein Büchlein gerne gelesen. Doch wenn ich die Anzahl der Post-ist nach der Lektüre zähle, liegt Per Leo eindeutig vorne – sein Buch wird bei mir noch lange nachhallen!


Bibliographische Angaben:

Per Leo
Noch nicht mehr
Die Zeit des Ruhrgebiets
Tropen Verlag

Wolfram Eilenberger
Das Ruhrgebiet
Versuch einer Liebeserklärung
Tropen Verlag

Heinrich Böll und Chargesheimer
Die Entdeckung des Ruhrgebiets
Ausstellungskatalog Ruhr Museum

Der Bildband im Hintergrund:
Horst Lang
Als der Pott noch kochte. Photographien aus dem Ruhrgebiet
Schirmer & Mosel
Vergriffen


Bücher über das Ruhrgebiet habe ich tatsächlich noch nicht auf meinem Blog besprochen – aber über meine Heimat, Mannheim und die Kurpfalz

Solidarisch Bücher kaufen: Aber ich kann sie doch nicht alle retten!

Mein Stapel der ungelesenen Bücher. Obenauf: ein Buch aus meiner Solidaritätsbestellung der Edition Nautilus.

Heute kam meine Buchbestellung vom Nautilus Verlag, der vor ein paar Wochen einen Aufruf gestartet hatte. Bitte bestellt Bücher oder wir kommen nicht über den Sommer. Kurz vorher hatte ich E-Books beim Hirnkost Verlag geordert. Auch dort hatte sich die Schieflage unerwartet verschlimmert. Außerdem braucht das Missy Magazin Abos. Eine Blogger-Freundin hat ein Kinderbuch-Website mit Online-Shop gestartet. Und die Buchhandlung meiner Ex-Kollegin in der Nachbarstadt freut sich auch über Einkäufe von mir. Genau wie yourbook.shop – alles wird Buch. Oder der Shop der Autorenwelt, die mehr Geld an Autoren weitergeben als andere Shops.

Und meine Haushaltskasse so: Erstens hast du einen Bücherei-Ausweis und zweitens befriedigen auch gebrauchte Bücher Lesegelüste.

Bücher kaufen war schon immer eine emotionale Angelegenheit für mich. Aber so kompliziert wie im Sommer 2024 war es noch nie. Die Liste der unterstützenswerten Projekte von Buchmenschen ist länger denn je – und sie brauchen die Unterstützung mehr denn je.

Nicht nur Edition Nautilus, Hirnkost Verlag oder jetzt auch der Sujet Verlag: Viel zu viele Indie-Verlage stehen auf der Kippe. Doch Deutschland braucht einen vielfältigen Buchmarkt, denn auch das ist Teil der so dringend nötigen Demokratiebildung. Bücher ermöglichen uns, uns in das Leben anderer Menschen hineinzudenken und zu fühlen. Das ist die Basis für ein gutes Miteinander. Dafür braucht es wiederum ganz unterschiedliche Bücher, die möglichst viele Lebensentwürfe sichtbar machen. Genau solche Bücher erscheinen in Indie-Verlagen.

Ich kann mit meinen Buchkäufen nicht alle Verlage und Herzensprojekte retten – aber was würde helfen?

Es gibt viele Ideen. Strukturelle Verlagsförderung ist das Schlagwort, was ich in letzter Zeit am häufigsten vernahm – also einen Verlag schon alleine dafür fördern, dass er seine Arbeit macht. Eben weil diese Arbeit für unsere Gesellschaft genauso wichtig ist wie freier Journalismus, Museen und Schulbildung. Klingt gut – aber was für Bücher würden so entstehen? Und wer würde sie lesen?

Mir begegnen immer wieder Bilderbücher aus Österreich, die eine staatliche Förderung erhalten. Etwas Vergleichbares kenne ich aus Deutschland nicht. Diese Kinderbücher sind häufig so künstlerisch wertvoll, dass es eine Kunstvermittlerin braucht, damit Kinder sich mit ihnen beschäftigen. Versteht mich nicht falsch – auch solche Bücher sind relevant, auch das ist ein Bildungsangebot, dass eine lebendige Gesellschaft benötigt. Aber wieviele davon brauchen wir?

Nüchtern betrachtet: Angebot und Nachfrage passen nicht mehr. Wir produzieren zu viele Bücher, mehr als wir Kaufbudget, Leser*innen und Lesezeit haben.

Und ich, ich kaufe zu viele Bücher. Das Bild zeigt mein Regal der ungelesenen Bücher. Weswegen ich jetzt lesen gehe. Könnte jemand in der Zwischenzeit meine kleine, heile Buchwelt retten? Ich hänge an ihr, wirklich!


Gute Nachrichten gab es vom Hirnkost Verlag: die Insolvenz sei (erst einmal) abgewendet. Wer sich jetzt überlegt, bei der Edition Nautilus zu bestellen, sei dieser Titel ans Herz gelegt:

Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution

Sommer, Frauen und das Leben: die Geschichte zur Playlist

Spotify Playlist: Sommer, Frauen und das Leben

Damals, als Schülerin, habe ich jeden Sommer ein Mixtape zusammengestellt. Dabei ging es mir nie um die besten Songs des Jahres, sondern um die, die meine Stimmung in diesem speziellen Sommer perfekt ausdrückten. Weswegen das Mixtape auch „Dr. Sommer“ hieß. Die Herausforderung war dabei immer, die musikalische Bandbreite in eine halbwegs vernünftige Reihenfolge zu bringen: Violent Femmes mit Les Negresses Vertes, The Cure mit Siouxsie, Metallica mit Spermbirds und zwischendrin Dance und Pop – aber das bitte alles auf einer 90er-Musikkassette.

Mangels Kassettendeck und auf Grund des sicheren Wissens, dass diese Kassetten heute leiern würden, habe ich sie vor einigen Jahren in die Tonne getreten. Vorher habe ich die Songs auf Spotify gesucht und war selbst verblüfft, dass ich so gut wie alles gefunden habe. Ein paar lokale Bands wie Schwefel fehlten, aber deren Musik hatte ich auch auf Vinyl. Loslassen fiel also leicht – und neu anfangen!

Mein neues Mixtape-Projekt heißt „Sommer, Frauen und das Leben“. Wie gehabt geht es um Songs, die zu meiner Stimmung in dem Jahr passen. Oder Lieder, mit denen ich etwas erlebt habe. Neu dabei ist, dass ich mich auf weibliche Stimmen und Musik von Frauen fokussiere.

Auch neu: Ich kann mir mehr Gedanken um die Zusammensetzung machen. Bei „Dr. Sommer“ habe ich die Musik noch teilweise aus dem Radio mitgeschnitten. Dr. Zufall bestimmte also die Reihenfolge der Lieder mit. Was zum Teil zu abenteuerlichen Kombinationen führte. Heute kann ich feilen, was wiederum zu abenteuerlichen Hirnverknotungen führt. Ob es den Aufwand wert ist? Hört rein und entscheidet selbst!


Sommer, Frauen und das Leben

Immer schön langsam. Unterwegs in der Stadt.

Buch von Barbara Weitzel über Berlin: Immer schön langsam. Unterwegs in der Stadt

Stadtwandern. Durch die City, die Vororte, die Parks und die Industriegebiete. Mir eine Stadt erlaufen ist etwas, was ich mir nicht für die Urlaube aufhebe. Auch meine Heimatstadt Mannheim erkunde ich so, wie Barbara Weitzel ihr Berlin. Immer schön langsam. Zu Fuß unterwegs in der Stadt.

Das ist etwas anderes, als von A nach B zu laufen oder auf den stets gleichen Wegen die Besorgungen zu erledigen. Spazieren? Flanieren? Ich kenne kein Wort für das, was Barbara Weitzel macht. Sie erläuft sich ihren Alltag genauso wie den Sonntagsspaziergang, den Weg zur Ärztin oder die 10 Minuten Müßiggang, die man sich zwischen den Verpflichtungen gönnt. Immer an ihrer Seite: die Stadt mit all ihren Facetten

Da heißt es: Hinschauen und sich den Beobachtungen öffnen. Architektonische Details bewundern und die tristen Stellen akzeptieren. Das Minutenglück genauso umarmen wie die harschen Momente. Die Menschen auch dann mögen, wenn sie unangenehm sind, und sie noch mehr ins Herz schließen, wenn sie zutiefst menschlich sind.

Barbara Weitzel kann das. Doch vor allem kann sie präzise und empathisch darüber schreiben. Ihr Buch ist ein wunderbarer Genuss, bei dem jeder Schritt und jedes Wort zählt.


Infos zum Buch:

Barbara Weitzel
Immer schön langsam
Unterwegs in der Stadt

Quintus Verlag

Mehr zum Buch auf dem Blog der Autorin Barbara Weitzel


Es ist ein mir wohlbekanntes Phänomen: je besser mir ein Buch gefällt, desto schwerer fällt es mir, darüber zu schreiben. Deswegen verweise ich auf die Pressestimmen auf der Website des Verlags:

Zutiefst poetisch schreibt sie sich ein in die Stadt, die ihr mit den Brüchen und Rissen ans Herz gewachsen ist.

Wiebke Eden, Nicolaische Buchhandlung – zitiert auf der Website des Quintus Verlag


Enthält ebenfalls viel Berlin: Käthe Kruse – Lob des Imperfekts

Maifeld Derby Mannheim: 11 Gründe, das Musikfestival zu lieben

Grund 1: Der Wettergott ist ein guter Freund des Maifelds. Andere Festivals haben 37 Grad im Schatten, Sturm oder versinken im Matsch. Nicht so das Maifeld Derby Mannheim!

Maifeld Derby Wetter

Der zweite gute Grund: Es gibt Bands und Künstler*innen, von denen man nie geahnt hat, dass sie einem gefallen könnten. Musiker*innen, die man erst so wirklich ins Herz schließt, wenn man sie live erlebt hat. Das Maifeld Derby Mannheim bietet den perfekten Rahmen für solche Entdeckungen!

3: Bands, die man auf diesem Festival entdeckt, begleiten einen lange. Denn hier geht es nicht um One-Hit-Wonder, sondern um richtig gute Musik.

4: Jede der vier Bühnen hat ihre eigene Atmosphäre. Party im Palastzelt, Woodstock auf der Open-Air-Bühne, JUZ-Atmosphäre im Hüttenzelt und lauschiger Live-Club auf dem Parcours d’Amour.

Gemma Ray auf dem Maifeld Derby - Parcour d'Amour
Parcours d’Amour. Möglicherweise das Herzstück des Maifeld Derbys. Selbst dann, wenn Gemma Ray nicht am Start ist.

Grund Nummer 5: Das Publikum auf dem Maifeld Derby ist so entspannt, dass man eine 16-Jährige an ihrem Geburtstag zu ihrem allerersten Festival mitnehmen kann. Oder einen Toddler mit Gehörschutz auf dem Boden vor den Getränkeständen krabbeln lassen kann. Steine fand er übrigens ganz toll!

Kleinkind auf dem Maifeld Derby Festival. Mit Gehörschutz.

6: Was für die Kids gilt, gilt auch für Erwachsene: Ich bin noch nie auf dem Festival doof angemacht worden. Auch nicht damals, als ich drei Tage komplett alleine unterwegs war.

7: Wir müssen über Toiletten reden. Auf dem Maifeld Derby gibt es nicht nur vorbildliche Sanitäranlagen samt Deo zum Auffrischen – es gibt auch die allerbeste Klofrau, die dafür sorgt, dass sich Frauen beim Gang aufs Klo sicher fühlen. Steffi und Eddi, wir können euch nicht häufig genug loben!

8: Es gibt Freunde, mit denen man zu einem Hardcore-Gig gehen kann. Dann gibt es Freunde, bei denen nur ein Singer-Songwriter-Konzert passend erscheint. Wieder andere wollen abtanzen. Oder den allerneuesten heißen Scheiß entdecken. Oder eine Band hören, von der sie seit 10 Jahren schwärmen. Zum Maifeld-Derby geht man mit allen Freunden, denn die musikalische Bandbreite ist so enorm, dass alle glücklich werden.

Maifeld Derby Timetable. Wir machen einen Plan.
Der Versuch, für 5 Freunde einen Plan zu machen, kann nur mit Schorle vom Margarethenhof Forst gelingen.

9: Natürlich sind Festival-Pommes die zweitbesten Pommes nach jenen aus dem Freibad. Aber es gibt einfach alles: vegan, Bratwurst, Länderküche, Waffeln, Eis … und dieses Mal sogar französische Galette!

Pommes auf dem Maifeld Derby
Es gibt Pommes Baby! Und ja, das ist ein Pommes-Halter an meiner Hüfte.

10: Auf dem Maifeld Derby feiert nicht nur die Region – das Maifeld feiert die Region! Biere aus der Kurpfalz, Weine aus der Pfalz, schnuckelige Läden aus Mannheim – sie alle sind dort.

11: Das Maifeld bringt Besucher von anderswo, die Mannheim als Kulturstadt entdecken. Zwei Wochen nach dem Festival war ich in der Kunsthalle Mannheim. Mit Blick auf mein goldenes Eintrittsbändel am Handgelenk meinte ich, dass das Festival-Bändchen vom Maifeld gut dazu passen würde. Worauf die Kassenkraft der Kunsthalle meinte: Oh, am Samstag und Sonntag vom Maifeld Derby gab es diese Kombi öfters!

Maifeld Derby Festivalbändel an Weinschorle
Festivalbändel an Weinschorle

2017 habe ich schon mal über das Maifeld Derby Festival geschrieben. Passt immer noch. Literatur gibt es dort übrigens auch. Dieses Mal Tobias Ginsburg, der aus „Die letzten Männer des Westens. Antifeministen, rechte Männerbünde und die Krieger des Patriarchats.“ las. Einmal hat mich das Maifeld schon mal dazu gebracht, ein Buch zu lesen. Könnte dieses Mal wieder klappen!

Nicht im System vorgesehen: Katholisch und Queer

Buch: Katholisch und Queer
Eine Einladung zum Hinsehen, Verstehen und Handeln. Cover mit der erweiterten Regenbogenflagge.

Manchmal braucht es nur einen kleinen Zufall, um mit einem Thema in Berührung zu kommen. Ich, die bis dahin nur evangelische Gottesdienste kannte, saß in einem katholischen Trauergottesdienst. Die mir völlig fremde Liturgie überforderte mich. Aufstehen, beten, hinsetzen, singen – wann bitte sollte ich was tun?

Ich orientierte mich daher an meinem Banknachbarn, einem schwulen katholischen Freund. Nur deswegen fiel mir auf, dass er beim Glaubensbekenntnis die Zeile „ich glaube an die katholische Kirche“ nicht mitsprach.

„Was dir alles auffällt“ war sein Kommentar, als ich ihn Tage später danach fragte. Ein gutes Gespräch begann. Darüber, wie es sich anfühlt, sich im Glauben, aber nicht in der Kirche zuhause zu fühlen. Wie es ist, Angst vor Kündigung durch einen kirchlichen Arbeitgeber zu haben, weil die eigene Art zu lieben und zu leben missfällt.

An dem Tag erfuhr ich auch, warum er sich nicht mehr in der Jugendarbeit engagierte. Es lag nicht am Zeitmangel, wie er immer behauptet hatte, sondern an der Sorge, dass Gerüchte entstehen könnten. Er selbst konnte sich seinen Glauben bewahren. Doch das Haus Gottes besucht er nur noch selten.

Das Gespräch liegt viele Jahre zurück. Doch jetzt ist mit „Katholisch und Queer“ ein Buch erschienen, das mich daran erinnert hat. Es erzählt von genau solchen Menschen. Von denen, die gegangen sind, weil sie die Widersprüche nicht mehr ausgehalten haben. Von jenen, die unsichtbar geblieben sind, und von denen, die sich sichtbar gemacht haben. Von schwulen Priestern, lesbischen Kirchenangestellten und transidenten Müttern.

Es sind berührende Geschichten, die (für mich schon fast erstaunlich) nicht zur Revolution aufrufen, sondern eine Einladung aussprechen. Hier stehen wir, nehmt uns als queere Christen wahr und nehmt uns auf. Lasst uns eine Gemeinschaft bilden, denn auch wir sind Kirche und wir haben viel zu geben. Unser Ziel: eine menschenfreundliche Kirche.

Und vielleicht ist es das, was mich am meisten erschüttert hat: das wir 2021 immer noch darüber diskutieren müssen. Den woraus sonst sollte eine Gemeinschaft der Gläubigen bestehen wenn nicht aus Menschen?


Infos zum Buch:

Mirjam Gräve, Hendrik Johannemann, Mara Klein

Katholisch und Queer
Eine Einladung zum Hinsehen, Verstehen und Handeln

Bonifatius Verlag

Die Kirche hat mit mir Schluss gemacht: Buchbesprechung beim Tagesspiegel


Rückseite des Buches. Text: Queer-Sein in der Katholischen Kirche bedeutet; nicht im System vorgesehen zu sein.

Meine Suche nach dem ultimativen Motivationsbuch geht weiter

Buch: Kein Sport ist auch keine Lösung
Das ultimative Motivationsprogramm für Bewegungsmuffel. Der Ratgeber von Kerstin Friedrich liegt auf einer kleinen Faszienrolle.

Natürlich sollte ich mehr Sport machen. Da ich mich gerne bewege, dürfte das ja auch kein Problem sein. Ist es aber doch. Denn erstens strenge ich mich ungern an und zweitens bekomme ich keine Regelmäßigkeit in mein Training. Der Titel „Kein Sport ist auch keine Lösung. Das ultimative Motivationstraining für Bewegungsmuffel“ klang bei dieser Ausgangslage sehr vielversprechend.

Gleich im Einstiegskapitel erzählt Kerstin Friedrich so herzerfrischend offen davon, wie sie mit 60 Jahren durch eine Wette zum Sport fand, dass ich mir dachte: Dieses Buch und ich, das wird was. Dass es dann anders kam, liegt sicherlich auch daran, dass ich mit gleichförmigem, diszipliniertem Training ein Problem habe. Deswegen wollte ich den Ratgeber ja lesen!

Doch wir fanden nicht zusammen. Kerstin Friedrich ist jemand, der bereit ist, sich stur zu quälen. Die Vorfreude auf das, was sie danach kann, nämlich lange Radreisen unternehmen und an Laufwettkämpfen teilnehmen, ist ihr Motivation genug. Alle anderen lockt sie mit der Aussicht, dank Sport gut älter zu werden. Sie erklärt schlüssig und pointiert, was wir im Alter davon haben, wenn wir beweglich bleiben, Muskelmasse erhalten und die Kondition stärken.

Vielleicht wäre es mit mir und dem Buch besser gelaufen, wenn es einen anderen dramaturgischen Aufbau hätte. Auf das wunderbar motivierende Einstiegskapitel folgt etwas, was ich nur als Rant bezeichnen kann. Mit spürbarer Wut im Bauch lässt sich Kerstin Friedrich darüber aus, dass wir ja nicht wirklich gut älter werden würden, sondern einfach nur länger krank bleiben. Das sei so, weil dann Ärzte, Krankenkassen und Pharmaindustrie möglichst viel an uns verdienen würden. Dieses Kapitel steht für mich wie ein Fremdkörper im Buch und brachte mich in eine kritische Grundhaltung, die dazu führte, dass ich ab da an jeder unlogischen Stelle hängen geblieben bin.

So betont sie den Wert von Krafttraining im Alter, gibt aber selbst zu, dass sie sich nur durch Hörbücher und Podcasts dazu motivieren kann. Stattdessen schwärmt sie lieber vom Laufen und Radfahren, was sie richtig gerne macht. Das ist zwar erfrischend ehrlich, bringt mich aber auch nicht an die Hantelbank.

Jetzt ist es sicherlich so, dass eine Leserin, die sich gerne vor dem Training drückt, schon ganz unbewusst nach Gründen Ausschau hält, die sie vor zukünftiger Anstrengung bewahren. Lag es also am Buch oder an mir? Ich weiß es nicht und setze meine Suche nach dem ultimativen Motivationsbuch fort.


Angaben zum Buch:

Kerstin Friederich
Kein Sport ist auch keine Lösung
Das ultimative Motivationsprogramm für Bewegungsmuffel

Patmos Verlag


Doch aus jedem Motivationsbuch bleiben ein paar Tipps hängen, die ich tatsächlich umsetze. Bei diesem hier genauso wie bei den Büchern von dieser Liste:

August Macke – Paradies? Paradies!

August MAcke. Paradies! Paradies? Flyer zur Ausstellung im Museum Wiesbaden vor meinem Computer-Bildschirm, auf dem ein Bild von August Macke als Bildschirmhintergrund zu sehen ist.

Das, was nur außerhalb der vier Wände meiner Wohnung und außerhalb meines Hirn stattfinden kann, fehlt. Die Anregungen, die Beobachtungen, die Begegnungen und alles, was nur im Zusammenspiel entsteht – ich vermisse es.

So sehr, dass ich jetzt doch bereit war, mich auf ein Zoom-Kultur-Event einzulassen. Mein Fazit vorneweg: Es war inspirierend und ich werde lange davon zehren können. Aber es hat mir genauso schmerzlich bewusst gemacht, wie sehr mir das draußen fehlt.

Ich will wieder in Bilder hineinfallen können. Vor ihnen ruhig verweilen. Oder auch auf und ab tigern, um zu beobachten, wie andere Blickwinkel das Bild verändern. Ich will die Struktur des Pinselstrichs sehen können und mir einbilden, die Farbe zu riechen. Ja, ich möchte sogar wieder fremde Museumsbesucher beobachten können, ihre Wortfetzen hören und an ihrem Gesicht ablesen können, ob das Kunstwerk sie berührt.

Die beste Kuratorenführung und das aufmerksamste Zoom-Publikum sind dafür kein Ersatz. Das weiß ich jetzt.

Für das Museum Wiesbaden war es eine Premiere. Eine Video-Führung im Livestream durch das verschlossene Paradies der Ausstellungsräume. Zu sehen: „Paradies! Paradies?“. Bilder von August Macke aus allen Schaffensperioden, ein umfassender Überblick über sein viel zu schmales Werk. Eine Dokumentation der rasanten Entwicklung, die sein Malstil nahm. Ein fast schon intimer Blick auf sein Familienparadies und die Liebe zu seiner Frau Elisabeth. Und natürlich: Farben, Wärme, Licht und das pralle Leben in all seiner Schönheit und Zerbrechlichkeit.

Es folgte eine Gesprächsrunde mit dem Kurator Dr. Roman Zieglgänsberger, die mir ermöglichte, wieder die Avantgarde in den vertraut wirkenden, mir heute fast brav erscheinenden Bildern August Mackes zu sehen. Doch gerade beim Zuhören merkte ich, wie sehr mir das wirkliche Betrachten der Kunstwerke gefehlt hat. Während Kulturbürger-Erinnerungen an die liebsten Macke-Gemälde ausgetauscht wurden, konnte ich nicht über die Ausstellung reden, weil ich noch nicht wusste, was ich empfand.

Aus diesem Mangel an Empfindungen rettete mich das, was natürlich keine Bastelstunde war. Das Team des Museums Wiesbadens hatte eine prall gefüllte Materialbox an alle Teilnehmer geschickt, mit der wir unsere Vorstellung vom Paradies ausdrücken konnten. Das wurde ganz wunderbar einfühlsam von Daniel Altzweig moderiert, der es uns leicht machte „ins Material zu gehen“.

Mein Paradies sieht demnach so aus: Ein Weg, der von der Erde und aus dem Chaos heraus in einen stillen Raum führt und von dort aus in den nächsten … immer weiter. Mein Paradies ist ein Weg, auf dem ich mit einem stillen, in sich ruhenden Lächeln unterwegs bin.

Ergebnis der Kreativ-Session zur Ausstellung im Museum Wiesbaden: August Macke - Paradies! Paradies?

Noch etwas für mich Bemerkenswertes passierte an dem Abend. Mikel Bower, der lieber in die Worte als ins Material ging, inspirierte mich mit seinem Gedicht zu eigenen Wort-Basteleien. Und bevor ich es mir wieder anders überlege, stelle ich sie hier online.

Paradies! Ein in sich
ruhendes Lächeln
Blumen erblickend.

Paradies? Ein stiller
Moment am Wegesrand
vorbei gegangen.

Doch eine Frage beschäftigt mich seit diesem Abend: Wie wäre die Veranstaltung verlaufen, wenn nicht mindestens zwei Drittel der Teilnehmer:innen in der Kunst- und Kulturbranche arbeiten würden? Ich mag es gerne herausfinden. Aber noch lieber möchte ich wieder ins Museum gehen.


Infos zur Ausstellung hier beim Museum Wiesbaden. Mehr Eindrücke auf Instagram unter #Commuwity.

Dank an das engagierte, gastfreundliche Team des Museums und an Anke von Heyl alias Kulturtussi, die äußerst lässig durch den Abend führte.

700 Seiten in 14 Tagen: Der Wüstenplanet.

Dune - Der Wüstenplanet von Frank Herbert. Bild der Taschenbuchausgabe aus den 80er Jahren.

Natürlich hat die Pandemie mein Lesen verändert. Ich lese eher noch mehr, aber anders. Bücher zum Eintauchen sind angesagt. Geschichten zum Abschalten und Wegträumen, Fluchtlektüre.

Jetzt war Dune, der Wüstenplanet das passende Buch für mich. Ja, den hatte ich tatsächlich noch nicht gelesen (Wüstenstaub auf mein Haupt). Und auch den Film nicht gesehen. Das wiederum verwundert nicht, da Film einfach nicht mein Medium ist.

Die 700 Seiten hatte ich in 14 Tagen weggeschwartet. Ein sicheres Indiz, dass der SF-Klassiker für mich eine gute Fluchtlektüre war. Nur die Kampfszene in der Arena habe ich quer gelesen, ansonsten hat mich alles gepackt. Das ist ein erstaunliches Ergebnis für eine Leserin wie mich, die alle Schlachten bei Tolkien nur überflogen hat.

Jetzt beschäftigen mich zwei Fragen: Will ich den Rest der ersten Trilogie auch noch lesen? Und was soll ich vom Frauenbild in Dune halten?

Auf der einen Seite war ich angenehm überrascht, eine solche Vielzahl an starken Frauen in einem Buch zu finden, das 1965 veröffentlicht wurde. Doch wie es auf diesem Blog so schön heißt:

Nebenbei ist die Menschheit in Dune ein byzantinisches neo-feudalistisches Ständesystem, und nicht direkt feministisch. Ja, das ist KEIN Widerspruch zur Existenz starker Frauen…

Blog APOKOLOKYNTHOSE

Denn auch wenn die Bene Gesserit sich in den Dienst der Menschheit stellen (was noch zu diskutieren wäre), so wird in dem Buch Menschheit doch sehr mit Mann gleich gesetzt. Im besten Fall erzeugt die romantische Liebe ein Miteinander, das sich dann aber doch wieder dem großen politischen Ziel unterordnen muss. Klingt fast wie Frank Herberts eigene Biografie:

Herberts zweite Frau Beverly Ann Stuart, die er 1949 an der Universität von Washington kennen gelernt hatte, gab ihren Job als Werbetexterin auf. Sie wurde zur Versorgerin der inzwischen vierköpfigen Familie, er konnte sich in Vollzeit in die Arbeit um Dune stürzen. Die Recherche und Ausarbeitung der Geschichte nahm ganze sechs Jahre in Anspruch.

Online-Magazin Geisterhaltung

Nichtsdestotrotz gilt für mich: Ohne die starken Frauenfiguren hätte ich den Wüstenplaneten sehr schnell in die Wüste geschickt!

(Okay, ich gehe ja schon und werfe ein paar Münzen in die Schlechte-Wortspiel-Kasse).

Mehr Science Fiction auf meinem Blog.

Kann ich gar nicht häufig genug empfehlen:

Rassismus verlernen. Eine Anleitung.

Rassismus verlernen:
Dear Discrimination
Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung

Womit soll ich bei diesem Buch anfangen? Vielleicht mit jenen 30 Sekunden auf dem Fahrrad. Ich war 10 Jahre alt. Ein Kopftuch war für mich ein normales Kleidungsstück. Meine Mutter trug es beim Wandern, meine Oma bei der Hausarbeit und ich, wenn ich Ohrenschmerzen hatte. So wie an jenem Tag, als ein Junge aus meinem Vorort mir „Scheiß Türkin“ hinterher brüllte.

Lange Jahre habe ich die Geschichte so erzählt, dass ich an dem Tag erlebt und gelernt habe, was Rassismus bedeutet. Das würde ich heute nicht mehr sagen. Der Schreck mag groß gewesen sein, doch die Gefahr war für mich nach 30 Sekunden vorbei. Menschen, die wirklich von Rassismus bedroht sind, können die Situation im Gegensatz zu mir nicht verlassen. Die Gefahr begleitet sie überall hin.

Es sind solche Unterschiede, die uns die Autorinnen des Ratgebers „Dear Discrimination – Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung“ nahe bringen wollen. Das tun sie mit gründlicher Strenge, aber stets dem Menschen zugewandt. Es ist kein „Wir müssen uns alle liebhaben, dann wird alles gut“ Buch, sondern eine „Setz dich auf deinen Arsch und arbeite“-Anleitung: Rassismus zu entlernen ist das Ziel.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin ist, zu erkennen, was wir an Rassismen verinnerlicht haben – einfach, weil wir auf eine bestimmte Art und Weise aufgewachsen sind. Es geht bei dem Lernprozess, den das Buch anstoßen will, nicht um Schuld, sondern um Selbstreflexion und die Bereitschaft, dazu zu lernen und Verantwortung zu übernehmen.

Kompromisslos und genau deswegen hilfreich: Rassismus verlernen ist möglich

„So fühlt sich also Rassismus an“ war damals nach dem Schreckmoment mein erster Gedanke. Heute würde ich nur noch sagen, dass sich in dem Augenblick ein Fenster für mich geöffnet hatte und ich für einen Moment empathisch erahnen konnte, wie es sich anfühlt, von Rassismus bedroht zu sein. Mein zweiter Gedanke war „So schnell zählt man zu den Gefährdeten.“ Da wäre ich kurz davor gewesen, zu erkennen, wie sehr meine Privilegien mich schützen. Auch das ist etwas, was „Dear Discrimination“ deutlich aufzeigt.

Das schmale Buch leistet aber viel mehr: Es bringt mein Vokabular auf den aktuellen Stand. Es ist noch nicht so, dass Begriffe wie marginalisiert und Bi_PoC schon den Weg in meinen aktiven Wortschatz gefunden haben. Aber auch daran arbeite ich. Denn mit alten Begriffen und Denkmustern können wir nicht zu neuen Ergebnissen kommen.

Natürlich wird dieses recht kompromisslose Buch die „Das wird man doch noch sagen dürfen …“ Fraktion nicht erreichen. Aber die, die bereit sind, sich für eine gerechtere Gesellschaft zu engagieren, und die, die an sich arbeiten wollen, werden nach der Lektüre gestärkt sein. Dafür DANKE! Denn es wäre nicht die Aufgabe von wirmuesstenmalreden, mir all das zu erklären. Es ist aber sehr wohl meine Aufgabe, das zu lernen.

Infos zum Buch:

Wirmuesstenmalreden 
(netzaktivistisches Kollektiv)

Dear Discrimination
Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung


Mit Illustrationen von Hannah Marc
Plus ausführlichem Glossar von A wie Ally bis W wie White Tears

mikrotext Verlag


Es ist so still auf einmal. Torsten ist tot.

Torsten Walker. 2017. Als DJ am Einraumhaus Mannheim. Nachruf.

Dass sich 2020 zu einem so stillem Jahr entwickelte, erschien mir nur angemessen. So konnte Torsten Walker, alias RRRSoundz, der von einer Krebserkrankung ausgebremst wurde, keine Konzerte verpassen. Jetzt ist das Jahr noch stiller geworden. Torsten ist tot. Der DJ meines Vertrauens legt nicht mehr auf und ich habe einen guten Freund verloren.

Es war für mich kaum vorstellbar, dass es irgendetwas gibt, das er nicht mit seinem großen Herz, seinem Kampfgeist und seiner Ausdauer bewältigen konnte. Eine gute Woche bedeutete für ihn drei Konzerte, zwei neue Bands entdecken und dabei auf x neue Gedanken kommen. Lecker essen gehen und sich bestens mit Freunden unterhalten. Auf so vielen Wegen positive Impulse schenken. Ideen mit Menschen mit Musik vernetzen. Anderen den Rücken stärken und so dafür sorgen, dass Dinge ins Rollen kommen. Mindestens das, wenn nicht noch mehr. Doch selbst in der größten Begeisterung (oder gerade dann) wirkte er zentriert. Ich habe mehr als einmal gefragt, wie er so viel Leben in eine Woche packen kann. Er hat die Frage nicht wirklich verstanden, fand sie aber interessant. Wie er das ganze Leben interessant fand.

Damals. Als sich Torsten und ich in den Pausen einen Walkman teilten. Immer dieser Satz von ihm: das musst du dir anhören.

Gepostet von Dagmar Eckhardt am Mittwoch, 1. Juli 2020

Jetzt bleibt mir nicht viel mehr, als zu trauern, und Nachrufe auf Torsten Walker zu teilen. In diesem hier fand ich so viel, von dem ich gar nicht wusste, dass er das auch gemacht hat:

Torsten Walker war aus der Mannheimer Musikszene nicht wegzudenken, aber gleichzeitig war er viel mehr als das. Jahre…

Gepostet von regioactive am Dienstag, 7. Juli 2020

Mannheimer Szenegröße steht da. Ja, das war er wahrscheinlich. Ich weiß es nicht. Für mich war er einfach nur Torsten, der Freund, mit dem ich mich jederzeit an den Küchentisch setzen konnte und über Gott, die Welt, die Musik, die Menschheit und unser Leben diskutieren konnte. Und dabei verdammt gut essen und trinken konnte. Er fehlt jetzt und für immer.