Was wir alles über Afrika nicht wissen: „Motherland“ – eine Reise durch 500.000 Jahre afrikanische Geschichte

Luke Pepera - Motherland. Das IPad mit dem Cover des E-Books liegt auf einer gleben Tischdecke aus Afrike. Daneben eine Metall-Maske von der Elfenbeinküste.

Dass mich auf 336 Seiten kein kompletter Abriss der Geschichte Afrikas erwarten kann, war mir klar. Dafür ist der Kontinent zu groß, zu vielfältig und zu reich an Geschichte und Kultur. Doch ungefähr auf Seite 52 von „Motherland. Von Mansa Musa bis Black Panther: Eine persönliche Reise durch 500.000 Jahre afrikanische Geschichten“ dachte ich mir: Ich habe keine Ahnung, worauf der Autor Luke Pepera hinaus will. Aber ich folge ihm gerne!

In 10 Kapiteln erzählt er von sehr unterschiedlichen Facetten Afrikas. Von Königinnen, Kriegerinnen und generell der Stellung der Frau, die Partnerin auf Augenhöhe ist. Von Totenkult, Ahnenverehrung und einem Gemeinschaftsgefühl, das das gestern mit dem Heute verbindet. Von fahrenden Sängern und Oral History, was zum Battle Rap führt, der afrikanischen Ursprungs ist.

Was wie ein Mäandern wirkt, folgt einem Plan: eine andere Perspektive, ein neues Framing für die Geschichte und Kultur Afrikas. Weg von der Fokussierung auf Armut, Rassismus und Sklaverei; weg von Afrika als Schauplatz von Fremdherrschaft und Krisen. Hin zu kulturellem Reichtum, Erfolgsgeschichten und einer unglaublichen Vielfalt und hin zu der Tatsache, dass Kultur, Wissen, Sprache und Zivilisation ihren Ursprung nicht in Europa, sondern in Afrika haben. Das weitet den Blick enorm!

Manch eine der Lebensgeschichte aus diesem Buch wäre gut mit ein paar anekdotischen Details und ein paar Jahreszahlen weniger ausgekommen. Aber ich kann den Autor Luke Pepera gut verstehen. Er ist Historiker, Archäologe und Anthropologe. Ich stelle ihn mir als Hardcore-Nerd vor. Seine Mission ist die Vermittlung afrikanischer Geschichte und Kulturen, weswegen er in die 336 Seiten des Buchs wohl so viel hineingepackt, wie ihm das Lektorat erlaubt hat. Das wirkte auf mich manchmal etwas atemlos, aber immer enthusiastisch und mitreißend. Doch wer neugierig auf Afrika ist, sollte Luke Pepera unbedingt auf seiner persönliche Reise durch 500.000 Jahre afrikanische Geschichte(n) begleiten!


Infos zum Buch:

Luke Pepera

Motherland
Von Mansa Musa bis Black Panther: Eine persönliche Reise durch 500.000 Jahre afrikanische Geschichten

Übersetzt von Janine Malz

Aufbau Verlag

Rezension im Südwind Magazin: Ein Afrika jenseits des Kolonialismus

Leseexemplar – gelesen mit netgalley


Geschichte und Zeitgeschichte – meine Rezensionen hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin


Ein Science-Fiction, der in Lagos, Nigeria spielt: Lagune von Nnedi Okorafor. Seite für Seite bekam ich ein Gefühl dafür, wie sich Eurozentrismus für Nicht-Europäer anfühlen muss: diese Erzählung gehorcht Regeln, mit denen ich nicht aufgewachsen bin. Hier meine Rezension zum Buch:

Die 80er, die 90er und ich: Popkultur als Zeitreise mit Jens Balzer als Reiseleiter

Die zwei Bücher von Jens Balzer

Was ist mir von den 80er Jahren im Gedächtnis geblieben? Kajal und Haarspray, The Cure und Siouxsie and the Banshees. Ostermärsche und die Angst vor dem atomaren Wettrüsten. BWL Studenten überall und eine beginnende soziale Kälte in Deutschland. Viele Details und eine Erinnerung an eine Grundstimmung. Obwohl mich das Jahrzehnt geprägt hat, ist es für mich schwer zu greifen.

Jens Balzer hilft. Natürlich schenkte mir sein Buch „High Energy. Die Achtziger -das pulsierende Jahrzehnt“ jede Menge sentimentale weißt-du-noch Momente. Doch er nimmt die Adlerperspektive ein und macht aus all den politischen und popkulturellen Details, an die ich mich noch gut erinnern kann, ein großes Ganzes. Vor allem arbeite er Querverbindungen heraus. So zeigt er, wie eins zum anderen führte und damit zu der Welt, in der wir heute leben. Wie sehr Jahrzehnte uns formen, ohne dass wir es immer merken.

Kaum ausgelesen, griff ich gleich zum Folgeband. „No Limit. Die Neunziger – das Jahrzehnt der Freiheit“. Genauso gut, genauso erhellend. Nebenbei schenkte mir das Buch eine absolut stimmige Beschreibung einer meiner Lieblingsbands: Dinosaur Jr. Über deren Gründer und stilprägenden J Macis schreibt Balzer:

… doch bei aller Virtuosität wirkt er zugleich wie jemand, dem es stets große Mühe bereitet, aus den heimischen vier Wänden herauszukommen oder auch nur aus dem Bett. … In den Gitarrenlärm, den er erzeugt, hüllt J Macis sich wie in einen Kokon

Jens Balzer, No Limit. Die Neunziger, das Jahrzehnt der Freiheit. Rowohlt Verlag. Seite 82

Jetzt fehlt mir noch der erste Band über die 70er Jahre. Ich, Jahrgang 68, zögere noch. Die Popkultur und die Politik dieses Jahrzehnts habe ich nur am Rand, als Kind, miterlebt. Was meint ihr? Lesen oder lassen?

Der Besuch von Festivals kann zum Buchkauf verführen

Wie kommen die Bücher auf meinen Blog? Die einfache Antwort lautet: Ich blogge über alles, was ich ausgelesen habe. Aber wie wähle ich meine Lektüre aus? Da gibt es nicht den einen Weg. Meist waren es Empfehlungen oder lustvolle Tauchgänge im Büchermeer. Oder auch zufällige Buchbegegnungen. So habe ich die Bücher von Jens Balzer auf einem Musikfestival entdeckt: About Pop in Stuttgart.

Daher empfehle ich allen Verlagen und Autor*innen: Denkt über klassische Literaturveranstaltungen hinaus! Geht dorthin, wo die Leser*innen eh schon sind – zum Beispiel auf Festivals. Auch auf dem Maifeld Derby habe ich schon neue Autor*innen für mich entdeckt. Das Schöne an solchen Buchfunden: Wenn man sie zuhause auf der Couch aufschlägt, glitzert einem Festivalstimmung entgegen.


Infos zu den Jahrzehnt-Büchern von Jens Balzer:

Das entfesselte Jahrzehnt
Sound und Geist der 70er

High Energy
Die Achtziger – das pulsierende Jahrzehnt

No Limit
Die Neunziger – das Jahrzehnt der Freiheit

Geplant für Sommer 2026:

Confusion Is Next
Die Nullerjahre – das Jahrzehnt des Umbruchs

Rowohlt Verlag


Rezensionen zu zwei Musikbüchern, die die Lektüre gut ergänzen:


Über glückliche Buchbegegnungen auf Musik-Festivals schreibe ich hier:

Unser Gehirn als Wohngemeinschaft: Die Beneficial Thinking Methode

Buchcover: Glück entsteht im Kopf. Die innovative Beneficial Thinking-Methode zeigt dir Schritt für Schritt, wie du dein Gehirn verstehst, ungünstige Muster erkennst und neue, stärkende Bahnen im Kopf anlegst.

„Glaube nicht alles, was du denkst.“ Dieser Satz hat mir schon in vielen belastenden Situationen weitergeholfen. Aber warum ist das so? Wie kann das sein, dass unser Gehirn auf eine eigentlich banale Begebenheit mit Gefahrenabwehr reagiert – Anspannung, erhöhter Puls, Stress? Wieso greife ich zu Chips, obwohl ich genau weiß, dass ein kurzer Spaziergang besser wäre? Weshalb treffe ich unkluge Entscheidungen und komme aus eingefahrenen Verhaltensmustern nicht heraus?

Dr. Karella Easwaran kann das erklären. Vor allem kann sie das sehr niederschwellig erklären. Lediglich der Titel „Beneficial Thinking-Methode“ ist kompliziert. Doch die Arbeitsweise unseres Gehirns beschreibt sie so bildreich, dass die ganze Familie vom Schulkind bis zu den Großeltern damit arbeiten kann.

Unser Gehirn, ein Haus voller Charakterköpfe

Stellen wir uns einfach vor, unser Gehirn sei ein dreigeschossiges Haus. Im Keller wohnen das Krokodil (Stress, Verteidigung, Flucht) und die Taube (Ruhe, Entspannung). Sie bekommen die Informationen von Amy (Gefahrenabwehr, Auswertung von Sinneseindrücken) aus dem Erdgeschoss, die eng mit dem Seepferdchen (Gedächtnis) zusammenarbeitet. Auf der gleichen Etage lebt auch die Glücksfee (gute Gefühle). Ganz oben im Dachgeschoss sitzt der Roboter – unser Denk-Hirn, das plant, entscheidet und uns bewusst durchs Leben steuert. Das kann er aber nur, wenn Harmonie im Haus herrscht. Ich glaube, mit diesem Bild kann jeder Mensch arbeiten!

Alle Hausbewohner haben ihre ganz eigene Arbeitsweise. Wie das so ist, wenn Charakterköpfe zusammenarbeiten sollen, klappt manchmal die interne Kommunikation nicht. Diese Metapher macht komplexe neurologische Zusammenhänge handhabbar. Wer versteht, warum der Körper in Stresssituationen auf „Flucht, Erstarren oder Kampf“ schaltet, kann gezielt gegensteuern – sei es durch Atemübungen, Mini-Bewegungen oder durch das bewusste Hinterfragen automatischer Gedanken.

Wie wir die „Hirn-WG“ ins Gleichgewicht bringen

Wir können, wenn wir uns nicht alles glauben, was wir denken, gut in das WG-Geschehen eingreifen und für mehr Wohlbefinden sorgen. Das ist das schöne, lebensnahe an dem Buch „Glück entsteht im Kopf. Finde mentale Stärke und Lebensfreude mit der Beneficial Thinking-Methode.“: Es steckt voller einfacher Ansätze, wie wir für ein gutes Miteinander unserer „Hirn-WG“ sorgen können.

Statt uns von alten Verhaltensweisen oder Stressreaktionen bestimmen zu lassen, können wir lernen, unser „Hirn-Haus“ besser zu managen. Das beginnt – wenig überraschend – beim Atmen und bei der Bewegung. Hier helfen schon Mini-Schritte und 90-Sekunden-Übungen. Aber auch die ganz großen Lebensthemen wie Tugenden und Werte tragen zu unserem Wohlbefinden bei.

Wer bereit ist, in kleinen Schritten anzufangen – ein paar bewusste Atemzüge, ein wohlwollender Blick auf die eigenen Gedanken –, wird schnell merken: Das Haus im Kopf lässt sich tatsächlich bewohnbarer machen. Eine klare Leseempfehlung für alle, die die Arbeit am Mindset nicht als Kraftakt, sondern als freundliche Übung in Lebenskunst verstehen möchten.


Infos zum Buch:

Karella Easwaran

Glück entsteht im Kopf
Finde mentale Stärke und Lebensfreude mit der Beneficial Thinking Methode

Kösel Verlag


Bewusstes Leben: Rezensionen zu Ratgebern und Sachbüchern, die das Leben leichter machen. Mehr Buch-Tipps hier auf dem Blog GeschichtenAgentin


Wer das Thema vertiefen möchte und wissen will, wie Amy zu ihren Informationen (und Fehleinschätzungen) kommt: dieses Buch beschreibt genau das!

Die Hexe und der Nerd: „Alle Vögel unter dem Himmel“ von Charlie Jane Anders

Buch: alle Vögel unter dem Himmel

Vielleicht sollte ich ein Leseprojekt starten und Near-Future-Romane lesen, die mindestens 10 Jahre alt sind. Bei „Alle Vögel unter dem Himmel“ war ich verblüfft, was sich alles vor gut 10 Jahren schon abgezeichnet hat. Es gibt einen Tech-Investor, der an Peter Thiel erinnert.* Er investiert in Firmen, die Techniken entwickeln, ausreichend Menschen auf einen anderen Planeten zu bringen. Nur so könne man das Beste, was die Erde hervorgebracht hat, retten. Manche der Nerds teilen die Vision, andere finden es einfach nur toll, coole Maschinen zu bauen und auch noch Geld dafür zu bekommen.

Vielleicht sollte ich aber auch mehr Bücher mit Hexen lesen. Die Vorstellung, dass es noch etwas anderes gibt als Tech-Begeisterung, tut mir gut. Die Idee, dass man sich nur mit den Tieren unterhalten muss, um zu universeller Weisheit zu gelangen, wird in dem Buch „Alle Vögel unter dem Himmel“ jedoch grandios auseinandergenommen. Bei diesem Roman darf man kein einfaches Gut-Böse-Schema erwarten!

Vielleicht sollte ich generell mehr Bücher lesen, die erzählen, dass ein „Ich weiß es nicht“ nicht nur die ehrlichste, sondern auch die beste Antwort sein kann. Denn dann tut sich hinter dem Nicht-Wissen eine Zukunft auf, die wirklich heilsam ist.

Ihr merkt: Ich hatte Spaß mit dem Erstling von Charlie Jane Anders. Allerdings läuft der Plott von „Alle Vögel unter dem Himmel“ nicht immer rund. Die Schulzeit der beiden Helden und ihre Mobbing-Erfahrungen nehmen für mich zum Beispiel zu viel Raum ein. Aber dass die Autorin aus ihrer Idee so viel mehr gemacht hat als „Hexe gegen Nerd, die außerdem noch ineinander verliebt sind“ rechne ich ihr hoch an!


Infos zum Buch:

Charlie Jane Anders
Übersetzt von Sophie Zeitz

Alle Vögel unter dem Himmel

Fischer Tor Verlag

Rezension auf dem Buch-Blog Phantastisch lesen – und ja, das Fazit teile ich!
Der Roman hat es auch auf die Empfehlungsliste „Genug Dystopien!“ von Golem geschafft


* Falls ihr sie noch nicht kennt: Hört euch die DLF Dokus Die Peter Thiel Story und Tech Bro Topia an!


Phantastische Literatur, die ich empfehlen kann: mehr Tipps auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin

Auch in diesem Roman werden Tech-Welten und Magie verbunden: Alif, der Unsichtbare

Perfekt, glatt, wirkungslos: Was KI mit unserer Sprache macht.

Das Buch "Perfekt, glatt, wirkungslos: Was KI mit unserer Sprache macht und wie wir wieder wirksam kommunizieren" von Daniel Caroppo liegt auf einer Computertastatur. Auf dem Bildschirm im Hintergrund sieht man leicht verschwommen ein offenes Chatfenster der KI Claude.

Was macht KI mit unserer Sprache? Die Frage ist gut und notwendig. Warum haben so viele Texte auf einmal den gleichen Aufbau, die gleichen Stil-Figuren und die gleichen Emojis? Weil KI imitiert und so formuliert, wie es rein mathematisch am wahrscheinlichsten ist. So entstehen normschöne Sätze, die im Rahmen des Üblichen durchaus brillieren. Originell sind sie nicht, aber sie funktionieren.

Doch warum übernehmen Menschen diese Sätze eins zu eins für ihre ganz persönlichen Beiträge in Social Media? Pressesprecher für ihre Unternehmenskommunikation? Marketing-Manager für ihre Produkttexte? Blogger*innen für ihre Rezensionen? Und was passiert mit unserer Kommunikation, wenn wir sie der KI überlassen?
Das sind für mich die wichtigeren Fragen.

Definitiv kein Prompt-Ratgeber

Daniel Caroppo beschäftigt sich mit genau solchen Fragen. Welche Gedankengänge sie bei ihm auslösen, können wir in seinem Buch „Perfekt. Glatt. Wirkungslos. Was KI mit unserer Sprache macht und wie wir wieder wirksam kommunizieren“ beobachten. Aufbau und Schreibstil widersetzen sich der Logik von KI-Texten. Er formuliert nicht zielstrebig auf eine Aussage hin, er lässt Abzweigungen, Wiederholungen und immer wieder neue Fragen zu. Selbst wenn er Lösungen präsentiert, gibt er dem Zweifel Raum. Wir dürfen ihm beim Nachdenken beobachten. Das ist zutiefst menschlich und nahbar – und so weit entfernt von den genial-glatten Sätzen der KI!

Dadurch hat das Buch zwar mitunter Längen. Vielleicht kommen bestimmte Beobachtungen und der Begriff Haltung ein paar Mal zu häufig vor. Aber es tat mir so gut, wieder einmal etwas zu lesen, was anders ist. In den Formulierungen einen Menschen zu entdecken. Weil er bereit ist, sich zu zeigen – und sich nicht hinter den Funktionssätzen eines Large Language Models zu verstecken.

Was nehme ich mit? Meine Zusammenfassung in Buch-Zitaten

Solche Bücher brauchen eine andere Art, darüber zu bloggen. Das Foto zeigt es: „Perfekt. Glatt. Wirkungslos. Was KI mit unserer Sprache macht und wie wir wieder wirksam kommunizieren“ hat Post-ist gerade zu verschlungen. Deswegen folgt hier meine Zusammenfassung des Buchs in Zitaten – und das waren noch lange nicht alle, die ich mir angestrichen habe!

Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich eine neue Form der Sprachoptimierung beobachte, die mich irritiert. Weil alles besser klingt – aber weniger meint.
Seite 73

Wenn Sprache zu glatt wird, verliert sie Nähe. Dann entsteht Abstand, wo eigentlich Vertrauen wachsen sollte.
Seite 11

Ein Text, der funktioniert, ist noch lange kein Text, der verbindet. KI kann Sätze bauen, aber keine Beziehung.
Seite 24

Das Problem ist nicht, dass KI schreibt. Das Problem ist, dass Menschen aufhören, es zu tun. Wir verlernen das persönliche Sprechen, weil es bequemer ist, Funktionssätze zu erzeugen.
Seite 118

Die Vielfalt der Sprache ist nicht nur ein ästhetisches Gut. Sie ist sozial. Sie ist politisch. Und sie ist verletzlich. Wenn sie digital nicht auftaucht, wird sie real entwertet.
Seite 144

Die KI ist nicht schuld – wir waren vorher schon feige.

Schon lange vor ChatGPT waren wir Meister darin, uns sprachlich abzusichern. … Wie man gleichzeitig etwas sagt und nichts meint. … Die KI hat das nicht eingeführt. Sie hat es nur übernommen. Und verlässlich wieder ausgespielt.
Seite 182

Wer hat der KI gesagt, dass „Wir nehmen ihre Kritik ernst“ ein guter Satz ist? … Wer hat sie mit Worthülsen gefüttert, bis sie selbst eine wurde?
Seite 183

Wer mit KI arbeitet, muss nicht weniger können, sondern mehr. Nicht nur schreiben, sondern einordnen. Nicht nur verbessern, sondern entscheiden, und manchmal: ganz bewusst ablehnen.
Seite 24

Bonus-Track – ein weiteres Zitat für die Marmorplatte:

Ja, Gendern ist anstrengend. Aber vielleicht ist gerade das seine Stärke. Vielleicht ist diese bewusste Auseinandersetzung genau das, was wir brauchen – um Sprache wieder wirksam zu machen.
Seite 199

Das ist meine persönliche Tonspur. In Daniel Caroppos Buch steckt natürlich noch viel mehr. Insbesondere Menschen, die im weitesten Sinne im Bereich Unternehmenskommunikation arbeiten, finden darin wertvolle Denkanstöße zu Strategie, Haltung und Positionierung.

Wie viel KI steckt in meinem Buch-Blog?

Das Nachdenken über „Perfekt. Glatt. Wirkungslos. Was KI mit unserer Sprache macht und wie wir wieder wirksam kommunizieren“ möchte ich nutzen, meinen eigenen Einsatz von KI transparent zu machen. Der Buch-Blog Geschichtenagentin ist nicht frei von KI. Der erste Entwurf für einen Artikel oder eine Buchrezension ist immer von mir. Auch der Aufhänger, der Einstieg ist meine Idee. Aber es gibt Text-Passagen, bei denen ich häufig hänge: Zwischenüberschriften und das Fazit. Hier lasse ich mir gerne von Claude Vorschläge machen. Fast immer passiert dann das: die viel zu glatten KI-Formulierungen sorgen für einen Kreativitätsschub bei mir. Das, was vorher stockte, kommt in Bewegung.

Eine typische Frage von mir an die KI lautet: „Wie könnte das Fazit für diesen persönlichen Blog-Beitrag lauten?“ Was wohl die KI auf diesen Prompt antwortet?

„Ich verstehe den Auftrag – und spüre gleichzeitig die Ironie darin. Du bittest mich, Claude, um Vorschläge für ein Fazit zu einem Buch, das genau davor warnt, der KI die Sprache zu überlassen.
Aber gut: Hier sind ein paar Ansätze, die hoffentlich als Kreativitätsschub funktionieren und dich zu deinen Formulierungen bringen:“

Von den Textbausteinen der KI wollte ich für diesen Blog-Beitrag nichts übernehmen. Nicht jede Buchrezension braucht ein normschönes Fazit. Für meinen Buch-Blog gilt: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.


Infos zum Buch:

Daniel Caroppo

Perfekt. Glatt. Wirkungslos.
Was KI mit unserer Sprache macht und wie wir wieder wirksam kommunizieren.

Haufe Verlag

Rezension in der Zeitschrift c’t


Mehr Sachbuch-Rezensionen auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin


KI – Grundlagen und Auswirkungen auf die Gesellschaft. Darum geht es in dem sehr gut lesbaren Sachbuch „Alles überall auf einmal. Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können“. Hier meine Rezension:


Beim Thema KI lohnt sich ein Blick in alte und neue SF-Romane. William Gibson, Aiki Mira und Nils Westerboer seien an dieser Stelle empfohlen. Meine Rezensionen habe ich euch hier verlinkt. Ganz besonders ans Herz lege ich euch eine kleine Erzählung, die schon 1909 erschienen ist: Die Maschine steht still von E.M. Forster.

Demokratie beginnt vor Ort: Gute Politik – was wir dafür brauchen.

Peter Kurz - Gute Politik. Da der Autor Ex-Oberbürgermeister von Mannheim ist liegt sein Buch auf zwei Mannheim-Bildbänden

Ich habe lange gezögert, ob ich das Buch „Gute Politik. Was wir dafür brauchen.“ von Peter Kurz wirklich lesen möchte. Meine Befürchtung war, dass es zu theoretisch sein könnte und eher für Verwaltungsfachleute geschrieben wurde. Doch der Ex-Oberbürgermeister meiner Heimatstadt Mannheim richtet sich einfach an alle engagierten Bürger*innen. An Menschen, für die ihre Stadt mehr ist als der Ort, an dem sie arbeiten, einkaufen und schlafen. Vor allem schreibt er für Menschen, die eine Ahnung haben, dass die Orte, an denen wir uns im Alltag begegnen, die Keimzellen der Demokratie sind. Hier handeln wir aus, wie wir miteinander leben wollen.

Um das zu ermöglichen, braucht es handlungsfähige, zukunftsorientierte Städte und Kommunen. Viele der Gesetze kommen zwar vom Bund. Doch umgesetzt werden sie vor Ort. Dort erleben die Menschen, ob die Politik funktioniert. Das gilt für alle großen Themen wie Klimawandel, Bildung, Migration, Wohnen, Mobilität, Gesundheit oder die Bewahrung der Demokratie.

Aber hat die Kommunalpolitik wirklich alles, was sie dafür braucht – die richtigen Regeln, genug Budget, funktionierende Strukturen? Und vor allem: Hat sie die Sprache und die innere Haltung, um die Bürger*innen zu erreichen? Ihr ahnt es: Es gibt noch viel zu tun.

Politische Rede oder Buch? Wie mein Ex-OB schreibt

Sprachlich hat das Buch von Peter Kurz seine Eigenheiten. Artikel lässt er gerne weg, was mir die Orientierung im Text erschwerte. Es gab mehr als einen Satz, den ich zweimal lesen musste. Diesen hier zum Beispiel:

Effektiv gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar das Gegenteil.

Gute Politik, Ausgabe der bpb. Seite 45

Was hilft: sich das Buch als Rede vorzustellen. Mit den passenden Sprechpausen und etwas Dramaturgie wird vieles zugänglicher.

Was habe ich für mich mitgenommen? Politik beginnt vor der Haustür!

Mir hat es gutgetan, den Blick auf Politik umzudrehen. Nicht „die da oben“ in den Fokus zu nehmen, sondern das Miteinander vor Ort. Allerdings bereitet mir die niedrige Beteiligung an Kommunalwahlen jetzt noch mehr Sorgen.

Und natürlich schenkte mir das Buch Einblicke in meine Heimatstadt und Anekdoten aus Mannheim. So wie die des Monnemer Bub, der auf die Frage, ob er eher für die Türkei oder für Deutschland Fußball spielen würde, sofort mit „Türkei!“ antwortete. Um nach einer kleinen Pause hinzuzufügen: Aber wenn Mannheim gegen die Türkei spielen würde, dann würde ich für Mannheim antreten!

Für mich bringt diese Anekdote auf den Punkt, was das Buch vermitteln will: Unsere stärkste Verbundenheit gilt oft dem konkreten Ort, an dem wir zu Hause sind. Genau deshalb ist Kommunalpolitik so wichtig – sie gestaltet die Orte, mit denen sich Menschen wirklich verbunden fühlen. Hier, in unseren Städten und Gemeinden, entsteht echte Loyalität – und damit auch die Grundlage für gelebte Demokratie.


Infos zum Buch:

Peter Kurz

Gute Politik. Was wir dafür brauchen.

S. Fischer Verlag

Preisgünstige Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung bpb

In der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) erscheinen Bücher, die die politische Bildung fördern und den gesellschaftlichen Diskurs stärken. Die Bücher werden stark vergünstigt angeboten. Das hier besprochen Buch von Peter Kurz kostet im Originalverlag S. Fischer 20 €; bei der bpb in deutlich einfacherer Ausstattung hingegen nur 5 €.

Die Reihe deckt ein breites Spektrum ab – von Geschichte über Zeitgeschehen, Wirtschaft, Gesellschaft bis zu internationalen Beziehungen. Auch Kindersachbücher erscheinen dort. Damit soll eine fundierte Auseinandersetzung mit verschiedenen Perspektiven ermöglicht werden.


Podcast mit Peter Kurz
Zur guten Politik gehört auch gute Kulturpolitik. Im Podcast Bühneneingang von Fabian Burstein habe ich erfahren, wie wichtig Kultur für die Stadtentwicklung ist – und nebenbei habe ich noch viel über meine Heimatstadt Mannheim gelernt.


Mehr Bücher über Mannheim auf meinem Buch-Blog


Mein Recht auf Stadt: Platz nehmen

Du musst gar nichts: den Selbstoptimierungswahn elegant umschiffen

Ratgeber wider den Selbstoptimierungswahn: Du musst gar nichts von Martin Brunner.
Buch-Cover

Ich muss, ich muss, ich muss gar nichts. Den Song von Antje Schomaker hatte ich bei der Lektüre von Martin Brunners „Du musst gar nichts. Für alle, die nicht mehr mitmachen wollen“ sofort im Ohr.

In 54 kurzen Kapiteln hinterfragt der Autor alles, was man angeblich so tun muss: Interessant und schön sein, an Challenges teilnehmen, zu allem eine Meinung haben, für seine Arbeit brennen, Ziele haben, die Welt retten und ewig leben. Im Kapitel „Ich muss nicht meine Komfortzone verlassen“ liest sich das so:

Und das nervtötendste Mantra dieser Optimierungskultur lautet: Verlasse deine Komfortzone. Als wäre unser ganzes Leben ein schlecht gelauntes Bootcamp, in dem man ständig beweisen muss, wie viel Unannehmlichkeit man aushält, um ein wertvoller Mensch zu sein.

Martin Brunner – Du musst gar nichts. Seite 19

Denn die Ironie ist ja, dass uns das Leben sowieso ständig aus unserer Komfortzone hinausbefördert. Niemand von uns kann durchgehend im Bällebad sitzen.

Nicken, lachen, Widerspruch? Meine Gedanken beim Lesen

Der Anti-Ratgeber lässt sich am besten als Gedankenexperiment zum Selbstoptimierungswahn beschreiben. Zumindest wurde er das bei mir. Ich fand es sehr spannend, mich selbst beim Lesen zu beobachten. Es gab Stellen, da habe ich wissend genickt. Hier zum Beispiel beim Thema „Glücklich sein“:

Manchmal ist das Ehrlichste, was man sagen kann: „Mir geht es nicht gut“, ohne es sofort in eine Wachstumschance umzudeuten.

Gelegentlich habe ich schallend gelacht. So wie hier – wer meine Social Media Affinität kennt, versteht das sofort:

Der Mensch wird zum Pressesprecher seiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung.

Martin Brunner – Du musst gar nichts. Seite 33

Dann gab es Texte, da konnte ich nur mit den Schultern zucken. Es war für mich ein PAL, ein Problem anderer Leute. Doch zwischendurch gab es immer wieder Passagen, an denen ich mich gerieben habe. Oder solche, denen ich laut widersprechen wollte. Ich muss nicht nett sein? Wirklich? Nettigkeit, Höflichkeit ist für mich zwingend notwendiger zwischenmenschlicher Kitt.

Wenn ich gar nichts muss – was will ich dann?

Damit komme ich zum Kern des Anti-Ratgebers: Das Mantra „Ich muss gar nichts“ sorgt für den Freiraum zu wählen, was ich wirklich will. Und das will wohl überlegt sein! Was mich wiederum zu einem Lebensmotto führt, das ich sehr schätze. Bevor ich entscheide, ob das Glas halb leer oder halb voll ist, sollte ich erst darüber nachdenken, ob es überhaupt mein Glas ist.

Freiheit ist kein Zustand. Sie ist eine Entscheidung, immer wieder, gegen den Lärm. Auch gegen den eigenen.

Martin Brunner – Du musst gar nichts. Aus dem Schlusswort, Seite 121

Bibliographische Angaben:

Martin Brunner

Du musst gar nichts
Für alle, die nicht mehr mitmachen wollen

Edition Stadtfuchs im Verlag Parkstraße

Absage an den Selbstoptimierungswahn: Buch-Rezension bei Pressenza


Mein Soundtrack zum Buch:


Auch dieser Ratgeber ist ein Plädoyer gegen den Selbstoptimierungswahn – und noch so viel mehr: Radikale Selbstfürsorge

Stadtwildpflanzen. 52 Ausflüge in die urbane Pflanzenwelt

Buch lehnt auf einem Gehweg an einer Laterne, um die herum Gras wächst. Im Hintergrund parkt ein Auto. Buchtitel:
Stadtwildpflanzen
52 Ausflüge in die urbane Pflanzenwelt.
Mit Hintergrundwissen zur Stadtvegetation 
Biodiversität in der Stadt entdecken – unterwegs zu Vogelmiere, Götterbaum und wilder Karde

Knöterich, Berufkraut, Platane. Was haben diese drei Pflanzen gemeinsam? Sie sind alle drei recht zuverlässig in europäischen Städten anzutreffen. Sie sind Stadtwildpflanzen und Autor Jonas Frei bringt sie uns in 52 Ausflügen nahe.

Damit schickt er uns vor unsere Haustür und lädt uns ein, dort genau hinzuschauen. Nur das Buch können wir nicht mitnehmen, denn der wunderschön gestaltete, gut 300 Seiten starke Bildband hat zwar mit 14.8 cm x 21 cm ein kompaktes Format, wiegt jedoch fast ein Kilo. Aber wer die Hände frei hat, kann besser schauen!

Urbane Pflanzenwelt: Wildpflanzen, die unsere Städte erobern

Und es gibt viel zu entdecken. Die Stadt als Naturraum – das klingt zunächst paradox. Doch Jonas Frei, Landschaftsarchitekt und Stadtökologe aus Zürich, zeigt, dass gerade urbane Räume zu überraschend vielfältigen Lebensräumen geworden sind. Während Wildpflanzen im intensiv bewirtschafteten Umland verdrängt werden, finden sie in Asphaltfugen, auf Baubrachen und entlang von Bahntrassen neue Nischen. Das wärmere Stadtklima wirkt wie ein Magnet, und die Bedingungen sind weltweit so ähnlich, dass sich dieselben Arten von Europa über die USA bis nach China ansiedeln.

Die 52 Kapitel folgen dem Jahresverlauf und laden Woche für Woche zu Entdeckungen ein: von der Knospenkunde im Januar bis zur zweiten Löwenzahnblüte im November. Der Autor verbindet botanisches Wissen mit Geschichten und Beobachtungen. Er wendet sich gleichermaßen an naturkundlich Vorgebildete wie an absolute Anfänger*innen. Das macht das Buch zu einem Lesevergnügen, das auch ohne Spaziergang funktionieren würde.

Pflanzen entdecken, bestimmen, schützen

Doch wer will schon nur auf dem Sofa sitzen bleiben? Jonas Freis Buch ist eine Einladung, den nächsten Stadtspaziergang mit neuen Augen zu erleben – sei es auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen oder bei einer ausgedehnten Stadtwanderung durchs eigene Viertel. Plötzlich werden die unscheinbaren Pflanzen am Wegesrand zu Protagonisten einer faszinierenden Geschichte von Anpassung und Vielfalt.

Und dabei zeigt sich: Es gibt erstaunlich viele Möglichkeiten für mehr Grün in der Stadt – nicht nur in Parks und Gärten, sondern auch in Fugen, an Mauern, auf Brachen. In Zeiten des Klimawandels zählt jede Pflanze, die Schatten spendet, Wasser bindet und Lebensraum bietet. Sie verdienen unsere Wertschätzung!


Bibliographische Angaben:

Jonas Frei

Stadtwildpflanzen
52 Ausflüge in die urbane Pflanzenwelt.
Mit Hintergrundwissen zur Stadtvegetation
Biodiversität in der Stadt entdecken – unterwegs zu Vogelmiere, Götterbaum und wilder Karde

AT Verlag


Zwei Bücher, die sich mit den Tieren in der Stadt befassen, und die ich sehr empfehlen kann:


Eine Einladung zum Stadtwandern:

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik

Rebel Queens. Das Buch der Grether Schwestern liegt auf der legendären Picture Disc der Nina Hagen Band

Was passiert, wenn Fender auf Gender trifft? Eine geniale Frage. Kersty und Sandra Grether sind die richtigen, um sie zu beantworten. Weniger, weil sie als die berühmtesten Pop-Feministinnen Deutschlands gelten (sagt Birgit Fuß, Rolling Stone Germany). Sondern weil sie leidenschaftliche Musik-Fans, Musik-Journalistinnen, Musikerinnen, Label-Betreiberinnen und noch viel mehr sind. Sie leben Musik und Popkultur und Feminismus. Doch anders als so viele männliche Musik-Nerds steht bei ihnen die Vermittlung von Wissen und die Ermutigung, selbst mitzumischen, im Vordergrund. Wer jetzt an die Riot Grrrls denkt, liegt richtig.

Dementsprechend ist ihr Buch „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ ausgefallen. Es ist nerdig, empowernd, überraschend. Es ist lexikalisch und essayistisch, analytisch und subjektiv. Doch eines ist es immer: fair. Das haben die Autorinnen so vielen männlichen Kollegen voraus: Sie sind genauso meinungsstark, haben aber eine andere Art, über Musik zu schreiben – wertschätzend, analytisch, fest im eigenen Erleben verwurzelt und dabei immer mit diesem Funken Begeisterung, der ansteckt.

Eigentlich hatte ich mich schon bei diesem Satz aus dem Vorwort in das Buch verliebt:

Jeder der Frauen oder nonbinären Personen in diesem Buch hätten wir gerne als beste Freund:innen. Wir können aber auch gut damit leben, sie nur in unseren Bücher- und Schallplattenregalen zu begrüßen.

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik, Seite 18

Ein Vision Board aus Musik und Feminismus

Mir erschien „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ wie ein großes Vision Board. Eine bunte Collage aus Rückblicken, Fakten, eigenen Erlebnissen und Träumereien. Analyse und Vision in einem. Sehr schön zeigt sich das an dem Kapitel, in dem sie Karen Carpenter und Yoko Ono gegenüberstellen. Im Kaput Magazin könnt ihr es lesen.

Natürlich gehört zum Buch eine umfangreiche Playlist, die schon an sich ein Eingang zu einem rabbit hole ist. Noch mehr Zeit haben mich die Infokästen im Buch gekostet Queens of Disco, die zehn coolsten Paarbands, Bands mit starken Frauen aus der Hamburger Schule usw …

Kersty und Sandra Grether haben nicht einfach ein weiteres Musikbuch geschrieben, sondern einen Sehnsuchtsort erschaffen, an dem sich Feminismus, Leidenschaft und Empowerment treffen. Während viele männliche Musik-Nerds ihr Wissen horten und vor sich hertragen, öffnen die Grether-Schwestern Türen. Sie laden ein, sich zu verlieren in den Geschichten von Sister Rosetta Tharpe, Nina Simone, Suzi Quatro, Poly Styrene, Tracey Thorn, Doro Pesch, Bikini Kill, Lady Gaga, Peaches, Courtney Barnett, Wet Leg und all den anderen Rebel Queens. Und sie ermutigen, selbst loszulegen!


Infos zum Buch:

Kersty Grether, Sandra Grether

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik
Das große Standardwerk über Rockmusikerinnen

Reclam Verlag


Diesen Text der beiden möchte ich euch noch ans Herz legen: Fremd m eigenen Haus. Kerstin und Sandra Grether über 38 Jahre SPEX und die Frauen*


Bücher, die dazu passen, gibt es auf meinem Buch-Blog etliche. Hier eine kleine Auswahl:

Und als Joker noch etwas ganz anderes, denn auch beim Thema Motorradfahren gibt es zuviele männliche Gatekeeper: „Das Mädchen auf dem Motorrad. Die Geschichte der Anne-France Dautheville“

Nerd Girl Magic. Noch genauer: Nrrd Grrrls

Buchcover Nerd Girl Magic

Die ersten Nerds, die mir begegnet sind, waren die Perry Rhodan Fans in meiner Klasse. Alles Jungs. Später folgten die Musik-Nerds. Mädchen wie ich versuchten, mitzuhalten. Das führte zu meiner ersten Begegnung mit den Gatekeepern. Jungs, die bestimmen wollten, was niedliche Schwärmerei und was echtes Fandom ist. Mädchen = Schwärmen = muss Mann nicht ernst nehmen.

Wirklich darüber nachgedacht habe ich nicht, sondern lieber weiter Musik entdeckt. Bewusst wurde mir der Mechanismus Jahre später beim anerkennenden Nicken eines WOM-Mitarbeiters, der durch seinen Job und seine Arbeit als Musikjournalist der personifizierte Gatekeeper war: „Hätte nicht gedacht, dass du so etwas (Geniales) hörst.“ Meine Reaktion lag wahrscheinlich irgendwo zwischen Schulterzucken, hochgezogener Augenbraue und Lachen. Lachen hilft ja immer. Was ich daran lustig fand, hätte er eh nicht verstanden: Es ging um die Band Monster Magnet, die ich musikalisch gut und erfrischend, aber ihre überzogene Männlichkeit einfach nur amüsant fand. Und ihn durch seine Reaktion auch.

Ich glaube, Simoné Goldschmidt-Lechner kennt diese Momente der Nicht-Kommunikation nur zu gut. Sie erzählt auch von solchen Erlebnissen. Aber ihr Leben lässt sich mit meinem kaum vergleichen. Sie hat mir mit ihrem Buch „Nerd Girl Magic“ neue Räume eröffnet, denn sie schreibt aus einer queeren, nicht weißen, nicht männlichen Perspektive.

Für ihr Buchcover wählte sie ein Sailor-Moon-Motiv, aber eben nicht-weiß. Sie zeigt die Manga-Heldin, wie sie sie empfunden hat. Sailor Moon und der Beginn der Manga-Euphorie war für mich damals tatsächlich der Moment, in dem ich begriff, was für eine Kraft, was für eine Magie ein Fandom entwickeln kann. Nerd Culture kann ein Rückzugsort sein, von dem man gestärkt in die Realität zurückkehrt. Allerdings stand ich dabei eher außerhalb: Ich habe die Mangas verkauft.

Auch die anderen Nerd-Themen – Games, Buffy, Star Trek, Pen & Paper, Harry Potter, Dark Academia und noch manch anderes – habe ich bestenfalls gestreift. Und doch hat mir ihr Buch so viel gegeben! Denn sie lädt uns ein, immer mehr als eine Seite zu sehen. Das Empowerment genauso wie den Konsumrausch; die befreiende Kraft von Vorbildern genauso wie das Gefühl, nicht gemeint zu sein.

Ihren letzten Zeilen kann ich mich nur anschließen:

Wir sind Nrrd Grrrls. Und wir werden die Welt verändern.


Infos zum Buch:

Simoné Goldschmidt-Lechner

Nerd Girl Magic

Verbrecher Verlag


Nerd Attack gibt es auch hier auf meinem Blog. Aber zu diesen Nerd Girls passt das hier viel besser:

Von Spinnen und Menschen. Eine verwobene Beziehung

Von Spinnen und Menschen. Das Buch liegt an einem metallenen Spinnennetz in einem herbstlichen Garten

Ich mag Spinnen. Als Kind konnte ich tote Spinnen anfassen und lebende Spinnen über meine Hand laufen lassen. Ein wenig ging mir das verloren. Heute zögere ich und bedauere das gleichzeitig sehr.
Der Autor Jan Mohnhaupt schreibt über beide Seiten, über die Lebensweise der Arachniden und über unseren Blick auf diese Tiere. Biologie und Kulturgeschichte gehören für ihn zusammen. Verbunden wird beides durch die Faszination, die Spinnen ausüben. Denn wirklich neutral verhält sich kaum ein Mensch bei diesem Thema.

Die Spinne, die fast bei uns wohnte

Die erste Spinne, die ich bewusst über einen längeren Zeitraum beobachtet habe, hatte ein Netz vor unserem Küchenfenster. Meine Mutter entschied, dass sie bleiben darf. Wir nannten sie Thekla, nach der Spinne aus der Zeichentrickserie Biene Maja, und freuten uns über jede Stechmücke, die sich im Spinnenetz verfing. In meiner Erinnerung wohnte Thekla lange bei uns. Aber wahrscheinlich gab es viele Theklas und dadurch deutlich weniger Schnaken in der Wohnung. Von dieser Forschung wusste ich damals noch nichts:

Nimmt man etwa einen Hektar Wiese in Mitteleuropa, so finden sich darauf im besten Falle 1,3 Millionen Spinnen, die geschätzte 200 Kilogramm Insekten jährlich fressen.

Jan Mohnhaupt, Von Spinnen und Menschen. S. 65

In der Zeit fand ich heraus, dass die Nachbarjungs, mit denen ich spielte, von ihren Müttern einen anderen Blick auf Spinnen gelernt hatten. Sie ekelten sich und ich präsentierte ihnen tote Spinnen. Was man eben so macht als einziges Mädchen in einer Jungsclique.

Ist es kompliziert? Unsere verwobene Beziehung zu Spinnen

Auf gerade mal 200 Seiten folgt Jan Mohnhaupt den verwobenen Fäden zwischen Spinnen und Menschen. Symbolik und Träume, Sprache und Kunst, Forschung und Geschichte. Spinnen im Weltraum und im Keller. Menschen, die mit Spinnen verglichen wurden, und Menschen, die mit ihnen zusammenleben. Die Angst vor diesen Tieren und die Freude in Kulturen, in denen Spinnen als gutes Omen gelten.

Nicht nur, dass ich mit dem Buch viel über Spinnen gelernt habe – ich konnte auch wieder an meine kindliche Neugier anknüpfen. Mohnhaupt verurteilt weder die Angst noch romantisiert er die Faszination. Genau diese Haltung machte sein Buch „Von Spinnen und Menschen. Eine verwobene Beziehung“ für mich so wertvoll.

Buchcover: Von Spinnen und Menschen. Architektur, Wissen, Geschichte, Kunst und Sprache – die Spinne und ihr ungeahnter Einfluss auf unsere Kultur

Neugierig auf Buch und Thema? Hier könnt ihr den Autor bei einem VHS-Online Vortrag erleben.


Bibliographische Angaben:

Jan Mohnhaupt
Von Spinnen und Menschen
Eine verwobene Beziehung

Hanser Verlag


Auch dieser Autor ist von Spinnen fasziniert und imaginiert ein bemerkenswertes Alien: Jaroslav Kalfar – Spaceman of Bohemia. Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt


Natur beobachten, Natur erleben, Natur verstehen – meine Buch-Tipps auf meinem Blog. Sehr gut gefallen mir die Bücher von Bernhard Kegel. Zum Beispiel dieses hier: Mit Pflanzen die Welt retten

Reisen in Gedanken: Literarisches Lothringen

Zwei Bücher von Stefan Woltersdorff, erschienen im Conte Verlag, liegen auf bemoosten Steinplatten:
Literarisches Lothringen
Spaziergänge mit Dichtern und Denkern Europas

Grenzüberschreibungen
Literarische Spurensuche zwischen Straßburg und Kehl

In den letzten Wochen bin ich in Gedanken durch Lothringen gereist. Ich habe von Städten, wie Plombières les Bains erfahren, in denen ich noch nie war. An Metz, Nancy und Lunéville habe ich neue Seiten entdeckt. Und für Orte, zu denen ich bisher keinen Zugang fand wie Géradmer und Saint Dié des Vosges, habe ich Erklärungen gefunden, warum das so ist. Meist, aber nicht immer, lautet sie: Krieg und Entvölkerung, Zerstörung und Wiederaufbau.
Denn über Lothringen zu schreiben bedeutet auch, über deutsch-französische Verhältnisse zu schreiben. Über Vorurteile und Nichtwissen, über Feindschaft und Versöhnung. Doch vor allem schreibt Stefan Woltersdorff über das menschliche Bedürfnis, eine Heimat zu haben, und über die Faszination des Reisens.

Dafür lässt er einheimische Schriftsteller*innen beider Sprachen ebenso zu Wort kommen wie Touristen und historische Persönlichkeiten. Er zitiert aus Büchern, Tagebüchern und Zeitschriften. So wurden zahlreiche bekannte und weniger bekannte Autoren und Autorinnen aus unterschiedlichen Epochen, Ländern, gesellschaftlichen und politischen Lagern zu meinen Reisebegleiterinnen.

Fast noch besser als „Literarisches Lothringen. Spaziergänge mit Dichtern und Denkern Europas“ hat mir sein Buch „Grenzüberschreibungen. Literarische Spurensuche zwischen Straßburg und Kehl“ gefallen. Es ist ein Konzentrat der deutsch-französischen Geschichte. Zwei Städte, dazwischen der Rhein. Während die Festungsstadt Kehl immer wieder zerstört wurde, hatte das Schicksal für Straßburg anderes vorgesehen. Und doch wäre die Geschichte der einen Stadt ohne die andere nicht denkbar.

Viel Raum nimmt darin natürlich die Kehler Bücherfabrik ein. Wie konnte mir diese wahre Geschichte all die Jahrzehnte entgehen? Das Leben von Beaumarchais, seine Druckerei und die Entstehungsgeschichte seiner Voltaire-Ausgabe wären eines historischen Romans würdig!

Am Ende der Lektüre war ich noch neugieriger auf unsere Nachbarregion, die für uns Kurpfälzer ein so schönes Ziel für einen Kurzurlaub ist.


Infos zu den Büchern von Stefan Woltersdorff:

Literarisches Lothringen
Spaziergänge mit Dichtern und Denkern Europas

Conte Verlag

Grenzüberschreibungen
Literarische Spurensuche zwischen Straßburg und Kehl

Conte Verlag

(Nebenbei bemerkt, da ich es aus Buchbranchen-Sicht sehr spannend finde: Der Conte Verlag hat aus seiner Website einen Online-Buchladen gemacht. Man bekommt dort nicht nur die verlagseigenen Bücher, sondern das breite Sortiment einer Buchhandlung.)


Als Fast-Pfälzerin bin ich natürlich häufiger im Elsass und in Lothringen unterwegs. Hier zwei passende Buch-Tipps: