Keine halben Sachen

Was für ein Buch! Antje Herden hat mit „Keine halben Sachen“ ein Jugendbuch über Drogen, über das erwachsen werden und über die Momente im Leben, in denen man falsch abbiegt, geschrieben. Die Geschichte wird ehrlich und authentisch erzählt und entwickelt schnell einen eigenen Sog. Die Sprache ist hart und präzise und lässt doch genug Raum für Empfindungen und Mitleid. Das Buch ist klug, aber niemals belehrend. Es nimmt die Jugendlichen ernst und bindet trotzdem die Perspektive der Erwachsenen mit ein. Robin ist ein ungewöhnlicher Protagonist für ein Jugendbuch. Er ist mehr Mitläufer als Außenseiter, fühlt sich aber doch nirgendwo so richtig dazugehörig. Wie auch: Er kreist so sehr um sich selbst, dass er seine Weggefährten kaum wahrnimmt. Er kennt Jungs, mit denen er abhängen kann, doch eine Beziehung zu ihnen baut er nicht auf. Weil sich nur mit sich selbst beschäftigt, langweilt er sich schnell. Da kommen Leo und die…

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Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Katalog zur Ausstellung.

In diesem Jahr leide ich definitiv an Vitamin-M-Mangel. Museen und Reisen kamen zu kurz. Aber immerhin habe ich das geschafft, was wir Wessis meiner Meinung nach immer noch viel zu selten tun: Ich war im Osten unterwegs. Diesmal führte mich die Route von Leipzig aus über Land nach Zwickau. Gelockt hat mich die große Landesausstellung „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen.“ Wer die Ausstellung verpasst hat: Der Katalog ist ein guter Ersatz! Er fasst das Wichtigste aus den einzelnen Ausstellungen in Zwickau, Chemnitz, Freiberg, Crimmitschau und Oelsnitz zusammen und bietet zusätzlich vertiefende Essays. Wie immer bei Ausstellungskatalogen liest sich das mal besser, mal schlechter. Aber die gelegentliche Mühe lohnt sich, bietet das Buch doch eine Fülle von Herangehensweisen an das Thema Industrialisierung, Industrie- und Sozialgeschichte in Deutschland: Barock & Berggeschrey: die ersten Silberfunde und die Geschichte des Bergbaus in Sachsen Garn & Globalisierung: von der Handweberei zur Plauener Spitze. Maschinenbau…

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Die Memoiren der Jella Lepman, Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek

Jella Lepman - Biografie

Die Nazis nahmen ihr die Heimat und das Verhalten der deutschen Bürger machte sie fassungslos. Doch als das amerikanische Militär bei Jella Lepman 1945 anfragte, ob sie bereit wäre, sich in Deutschland für die „Re-Education“ der Frauen und Kinder zu engagieren, sagte sie ja. Dabei folgte sie der Logik des Herzens: Was auch immer während der Nazi-Diktatur geschehen war, die Kinder waren nicht schuld. Ihre Hoffnung war groß: Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg weisen. Das Werkzeug dafür: Bücher. Kinderbücher aus aller Welt, die mit ihren Geschichten zeigen, dass alle Menschen gleich sind und es verdient haben, in Frieden zu leben. Das war die Geburtsstunde der IJB, der Internationalen Jugendbibliothek München, die sich heute in der Blutenburg in Obermenzing befindet. In „Die Kinderbuchbrücke“ erzählt Jella Lepman von der Rückkehr in das zerbombte Deutschland, von hungernden Kindern, von engagierten Mitstreitern und von Erwachsenen, die versuchten, die Zeit der Nazi-Diktatur und…

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Mama Superstar: Heimat ist, was Mütter daraus machen

Töchter erzählen über das Leben ihrer „Migrant Mamas“, Mütter, die nicht in Deutschland geboren wurden. Um genau zu sein: Sie feiern ihre Mütter, denn jetzt, wo sie selbst junge Erwachsene sind, können sie all das würdigen, was ihnen als Jugendliche noch peinlich war. Oder auch das, was ihnen als Kind ein Gefühl von anders sein gab – sei es, weil im Treppenhaus nur vor ihrer Haustür die Schuhe standen, oder weil es aus ihrer Küche so ganz anders roch als in den Küchen ihrer Freunde. Entstanden ist ein Buch mit Lebensgeschichten, dass mich mit seiner Herzenswärme überrumpelt hat. Ich, die Familiengeschichten meidet, wollte es nicht mehr aus der Hand legen. Unglaublich, mit wie viel Mut diese Frauen ihr neues Leben in Deutschland angegangen sind und was ihnen zu Beginn alles fremd war. Da gibt es die Geschichte der Südamerikanerin, die sich auf ihren ersten Karneval in Deutschland freut, um dann…

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Banksy. Street-Art ist vergänglich. Dieses Buch nicht.

Bei Banksy war ich mir nie sicher, ob ich jetzt fasziniert oder genervt bin. Fasziniert, weil die unterschiedlichsten Menschen ihn großartig finden – darunter Menschen, die eigentlich mit Streetart oder moderner Kunst nichts am Hut haben. Genervt wegen seiner Überpräsenz in den Medien und weil viele das kleine Mädchen mit dem Ballon einfach niedlich finden, ohne auch nur einen Gedanken an eine mögliche, gesellschaftskritische Botschaft zu verschwenden. Ein wenig erinnert mich das an Keith Haring in den 80er Jahren. Seine Bilder waren damals überall – auf Postern, Kaffee-Tassen, T-Shirts. Einfach nur weil sie so schön bunt waren und so fröhlich wirkten. Was sie aber gar nicht waren. Es nervte. Dass etliche der Käufer*innen der Kaffeetassen so jemanden wie Haring wohl nie in ihrem Freundeskreis geduldet hätten, machte die Sache nicht besser. Die Welle an Banksy-Merch blieb uns bisher erspart. Wohl nur, weil der Künstler es vorzieht, ein Mysterium zu bleiben.…

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Zeitmanagement weiter denken: Intervalle statt Büro-Arbeitszeiten

Vom klassischen Zeitmanagement zu einem Buch mit dem Untertitel „Arbeitest du noch oder lebst du schon?“: Es wirkt wie ein weiter Weg, den Lothar Seiwert mit seinen Ratgebern zurückgelegt hat. Mit seinen ersten Büchern habe ich gelernt, einen Filofax-Kalender zu führen (und ihn jedes Jahr aufs neue Ungefähr ab April ignoriert.) Mit „Noch mehr Zeit für das Wesentliche. Zeitmanagement neu entdecken.“ näherte er sich schon mehr meiner Art zu denken und zu leben an. Hier schwang die Frage mit, was im Leben mir wie viel Zeit wert ist. Wer planen will, sollte nicht nur seine To-dos, sondern auch seine Werte kennen, um so besser entscheiden zu können, wie viel Zeit er für was aufwenden will. Jetzt geht Seiwert zusammen mit Silvia Sperling noch einen Schritt weiter. Es geht nicht nur darum, wie viel Zeit ich in ein Projekt investieren will, sondern auch wann. Leistungsintervalle – wann mache ich was am…

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Anita Rée – biographischer Roman von Karen Grol

Meine ganz private Kunst-Welt wandelt sich. Während ich mir früher Ausstellungen nach dem Motto „Diesen Künstler wollte ich schon immer mal sehen“ heraussuchte, ist es heute viel häufiger ein „Dich kenn ich nicht, dich schaue ich mir an“. „Umbruch“ in der Mannheimer Kunsthalle war dafür eine gute Gelegenheit. Gleich auf dem Ausstellungsplakat begegnete mir ein Blick, den ich so schnell nicht vergessen werde: das Porträt der Hildegard Heise, gemalt von Anita Rée. NEUE SACHLICHKEIT IST (AUCH) WEIBLICHDas erste Kapitel der Ausstellung zeigt – rund 100 Jahre nach der legendären Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ – drei weibliche Positionen dieser Stilrichtung. … Dazu gesellen sich die Bilder der Hamburgerin Anita Rée (1885–1933), die mit ihren eindringlichen Porträts zu den bedeutenden künstlerischen Positionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden muss. Website der Kunsthalle Mannheim Eindringlich trifft es. Ihre Bilder wirken wie das Konzentrat eines Menschen, verdichtete Psyche. Was für ein Mensch…

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Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten

Dieses Buch hätte ich gerne schon früher gekannt, denn es ist keine Aufzählung à la „50 Künstlerinnen, die Du kennen solltest“. Susie Hodge möchte mit ihrem Buch viel mehr erreichen. Ihr genügt es nicht, unseren Blick auf Künstlerinnen zu lenken – sie will Zusammenhänge sichtbar machen. Welche Ausbildung stand den Frauen offen? Waren Sie Teil einer Avantgardebewegung oder einer Künstlergruppe? Wie wurden sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen und was haben sie tatsächlich zur Kunstgeschichte beigetragen? Welche Stile, Motive und Themen haben sie aufgegriffen und war es das, was sie wirklich malen wollten? Ob Renaissance, Expressionismus oder Performance-Kunst: Diese Fragen waren für Künstlerinnen viele Jahrhunderte von Bedeutung. Zum Teil sind sie es immer noch. Aber Susie Hodge entwickelt kein Fragenkorsett, in das sie alle Künstlerinnen und ihre Werke presst. Ihre Fragen sind ein Angebot, eine Methodik, sich den Kunstwerken zu nähern und das Besondere daran zu erfassen. Kunstgeschichte statt Einzelbiografien von…

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Rassismus verlernen. Eine Anleitung.

Womit soll ich bei diesem Buch anfangen? Vielleicht mit jenen 30 Sekunden auf dem Fahrrad. Ich war 10 Jahre alt. Ein Kopftuch war für mich ein normales Kleidungsstück. Meine Mutter trug es beim Wandern, meine Oma bei der Hausarbeit und ich, wenn ich Ohrenschmerzen hatte. So wie an jenem Tag, als ein Junge aus meinem Vorort mir „Scheiß Türkin“ hinterher brüllte. Lange Jahre habe ich die Geschichte so erzählt, dass ich an dem Tag erlebt und gelernt habe, was Rassismus bedeutet. Das würde ich heute nicht mehr sagen. Der Schreck mag groß gewesen sein, doch die Gefahr war für mich nach 30 Sekunden vorbei. Menschen, die wirklich von Rassismus bedroht sind, können die Situation im Gegensatz zu mir nicht verlassen. Die Gefahr begleitet sie überall hin. Es sind solche Unterschiede, die uns die Autorinnen des Ratgebers „Dear Discrimination – Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung“ nahe bringen wollen. Das tun sie…

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Lernen, mit der Natur zu reden: die Biographie R. Ogilvie Crombies

Wenn heute von der Findhorn-Community die Rede ist, wird meist von einem Ökodorf gesprochen. Vielleicht fällt auch der Begriff Selbstversorger oder Permakultur. Vor 20 Jahren war das noch anders. Damals stand entweder die selbstverwaltete Dorfgemeinschaft oder die spirituelle Lebensgemeinschaft im Mittelpunkt der Berichterstattung. Das ist wohl der Grund, warum „Angenehm aus der Zeit gefallen“ mein erster Gedanke nach der Lektüre von R. Ogilvie Crombies „Der Mann, der mit den Elfen sprach“ war. In diesem Buch geht es um die spirituelle Seite Findhorns – also genau um das, was in Artikeln wie diesen hier noch nicht mal mehr erwähnt wird. Gestrandet im Glück – Frankfurter Rundschau Robert Ogilvie Crombie hat Findhorn entscheiden mitgeprägt. Für ihn war die Natur beseelt. Er lernte, mit ihr zu kommunizieren. Da Kommunikation mit einem gesichtslosen Gegenüber schwierig ist, fanden seine Gespräche mit Naturgeistern wie Elfen und Faune statt. Das ist das Bild, das er dafür wählte…

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Kelten, Kulte, Anderswelten – ein Reiseführer

Der Menhir von Betenbrunn, eingemauert in einer Kirche. Der Magdalenenberg bei Villingen, der größte keltische Grabhügel Europas. Aber auch Schalensteine, alte Linden oder einfach nur Plätze, um die sich Mythen ranken: für mich sind sie ein guter Grund, eine Autofahrt zu unterbrechen und anzuhalten. Dabei sind mir die kleinen Sehenswürdigkeiten und die stillen Orte meist lieber als die großen Sensationen wie der Odilienberg. Allein – wie von ihnen erfahren? Den meisten Reiseführern sind sie bestenfalls eine Randnotiz wert. Das ist der Grund, warum ich immer neugierig auf Bücher wie „Kelten, Kulte, Anderswelten“ bin. In ihnen finde ich die kleinen Fluchten, die ungewöhnlichen Ziele, die besonderen Orte. Außerdem auch noch Informationen zu Geschichte, lokalen Sagen und Brauchtum. Allerdings habe ich mich vom Untertitel „Kraftplätze in Baden-Württemberg und Elsass“ etwas täuschen lassen. Von den vielen darin empfohlenen Stätten, die mit den Kelten verbunden sind oder verbunden sein könnten, liegt nichts vor meiner…

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Sich gesund schreiben – ein 12-Wochen-Programm

Schreibend sich selbst erkunden, um so einen Heilungsprozess einzuleiten: Darum geht es in dem Buch „Ich schreibe mich gesund“ von Prof. Dr. med. Silke Heimes. Sie hat ein 12-Wochen-Programm mit Schreibimpulsen für jeden Tag entwickelt. Anhand klarer Fragen wird das eigene Befinden und Empfinden erkundet mit dem klaren Ziel, sich gesund zu schreiben. Dabei wechseln sich sehr konkrete Fragen ab mit offenen Einladungen. So wird mal der Ist-Zustand erkundet, mal ungenutzte Ressourcen erforscht und mal eine Vision von einem gesünderen Ich entwickelt. Sie gehen am Abend ins Bett und über Nacht geschieht ein Wunder, sodass ihre Beschwerden am nächsten Morgen verschwunden sind. Woran merken Sie das? Woran merken es andere? Was wäre anders in ihrem Leben? Sie stehen auf und … Ich schreibe mich gesund – S. 104 Das ist einer der offeneren Schreibimpulse. An den meisten Tagen klingt das eher so: Welche alten, wenig förderlichen Glaubenssätze konnten Sie in…

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