Atlas der ungezähmten Welt.

Es gibt Menschen, die können sich in Landkarten vertiefen wie in Bücher. Ich gehöre da eigentlich nicht dazu – außer, es handelt sich um eine historische Karte von einer Gegend, die ich kenne. Dann wird auch für mich eine Landkarte zu mehr als einem Handwerkszeug, das mir hilft, von A nach B zu kommen. Dann erzählt auch mir eine Karte Geschichten. Es waren also nicht die Karten, die mich zu den beiden Büchern aus dem Brandstätter Verlag haben greifen lassen. Es war die Neugier auf die Welt. Atlas der ungezähmten Welt Beim »Atlas der ungezähmten Welt« stehen für mich die Geschichten im Vordergrund, doch es braucht die Karte, damit ich mir Abgeschiedenheit, Schroffheit, Unwegsamkeit vorstellen kann. Extrem, verwildert, unberührt, isoliert oder rätselhaft sind die Gegenden, über die Chris Fitch schreibt. Ich bezweifel, dass er sie alle selbst bereist hat. Aber darum geht es auch nicht, sondern um die Reisen, die…

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Der Hindu-Tempel. Ein Standardwerk, leider untergegangen

Ist es überhaupt sinnvoll, über Bücher zu bloggen, die es nicht mehr gibt? Im Falle von George Michells »Der Hindu-Tempel. Baukunst einer Weltreligion« kann ich nur sagen: Fundiert und umfassend – mehr Informationen über Geschichte, Architektur und Bedeutung der hinduistischen Tempel werdet ihr nirgendwo anders in deutscher Sprache in so kompakter Form finden. Einen Grundkurs in indischer Geschichte bekommt ihr noch dazu. Und nun fröhliches Suchen – das Buch ist vergriffen. Vergriffen heißt: Das Buch wird nicht mehr aufgelegt, der Verlag hat es nicht mehr auf Lager. Am besten Mal in der Bibliothek schauen. Oder vielleicht kann die Fernleihe der Uni-Bibliotheken noch ein Exemplar besorgen? Gerade bei einem Thema wie Kunstgeschichte kann das gut sein. Ungefähr das habe ich jahrelang meinen Kunden in der Buchhandlung erzählt. Heute heißt vergriffen lediglich: Schau mal bei Booklooker, Medimops und Co. Die Chance, dass irgendein Antiquariat in Deutschland noch ein Exemplar vorrätig hat, ist…

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Elsass. Gibt es auch jenseits der Weinstraße.

Für die Pfalz gibt es wohlwollend blumige Namen wie Toskana Deutschlands. Von den Pfälzern selbst wird das wenn überhaupt nur gegenüber Außergewärtigen, Touristen, benutzt. Das gilt auch für »Der Norden Frankreichs« oder »Wo Frankreich nahe ist« – zwei Umschreibungen, die ich noch nie verstanden habe, denn demnach wären Pfälzer Fast-Elsässer. Oder umgekehrt. Wenn ich in das nahegelegene Elsass fahre, ist es für mich offensichtlich, das ich in einem anderen Land bin. Die Dörfer sehen anders aus. Die Menschen gehen am Wochenende anderen Hobbys nach – Quadfahren, angeln, picknicken. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich dort wandere. Die Wälder leiden zudem unter einem eklatanten Mangel an Pfälzer Hütten mit Einkehrmöglichkeiten. Womit die Beweisführung abgeschlossen ist: Trotz Wein, Sandstein und Burgen ähneln sich die Pfalz und das Elsass nicht. Daran, dass die Supermärkte sonntags nicht offen haben, merkt man aber auch deutlich, dass das Elsass nicht Frankreich ist. Genau diese Eigenständigkeit…

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1000 Orte, die ich nie sehen werde. Oder doch?

Mit dem Finger auf der Landkarte verreisen: das Buch 1000 places to see before you die

Ein halbes Jahr Zeit zum Reisen – was würde ich damit machen? Wahrscheinlich keine Weltreise, sondern lieber das genauer erkunden, was mir so halb vertraut ist. Seit einiger Zeit träume ich davon, einmal in aller Ruhe Frankreich zu umrunden. Ich schätze, dass ich dafür so drei Monate brauchen würde. Hätte ich länger Zeit, würde ich auch noch die Inseln bereisen: Guadeloupe, Martinique, Tahiti … Genauer erkunden, was mir so halb vertraut ist: Deutschland bereise ich schon länger auf diese Art. Auf der Autobahn direkt von A nach B zu fahren finde ich langweilig. Wenn ich schon mal unterwegs bin nutze ich die Reise lieber, um Abstecher in Gegenden zu machen, in denen ich noch nie war. Das führt zu äußerst interessanten Reiserouten. Vom Ruhrgebiet über Quedlinburg in den Hainich. Von Mannheim über Nürnberg oder Franken nach Leipzig. Jedes Auto-Navi muss bei mir leiden: meine Routen wirken eher wie das Netz…

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Bergstraße & Odenwald – Lieblingsplätze und Entdeckungen.

Reiseführer: Von der Bergstraße über den Odenwald zum Spessart

Was ist ein Lieblingsplatz? Das dürften nur selten die großen atemberaubenden Sehenswürdigkeiten sein, sondern eher unauffälligere Orte mit einer besonderen Atmosphäre. Diese Überlegung sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man zu Lieblingsplätze zum Entdecken – Von der Bergstraße über den Odenwald zum Spessart greift. Da Bergstraße und Odenwald zudem eh nicht allzu viele atemberaubende Touristenattraktionen zu bieten haben, sind die Lieblingsplätze in diesem Buch noch kleinteiliger. Das hat Charme, dürfte aber in den seltensten Fällen Grund genug sein, eine Reise zu planen. Ich aber habe den Odenwald direkt vor der Haustür (und kenne ihn zu wenig). Damit bin ich klar im Vorteil und ich gedenke, diesen Vorteil zu nutzen! Vom Fürstenlager bis zum Dorfbrunnen Mit reichlich Treibstoff in Form von launigen Anekdötchen reisen wir also von der Bergstraße durch den Odenwald bis in den Spessart und besuchen Gärten, Skulpturen, Schlösschen, Volksfeste und Naturschönheiten – eben all das, was der Odenwald zu bieten…

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Der Kraichgau – direkt vor meiner Nase und mir doch kaum bekannt

Als Mannheimerin habe ich mich immer am Wochenende Richtung Odenwald oder Pfalz orientiert. Dass es direkt vor meiner Haustür eine landschaftlich reizvolle Gegend namens Kraichgau gibt, ist mir lange entgangen. Das, was ich davon kannte, hatte ich einfach unter Baden, Odenwald oder Neckartal abgespeichert – pardon! Wie ich nun weiß, tat ich der Gegend unrecht. Aber damit bin ich nicht alleine. Der Kraichgau ist eine Region, die einfach nur dazwischen liegt: zwischen Odenwald, Schwarzwald, Neckar und Oberrheintal. Zwischen Landwirtschaft und Industrialisierung und zwischen allen Verkehrsadern. Lange war sie Grenzland zwischen Baden und Württemberg und ja, das war eine ernst zu nehmende Grenze. Ist sie heute noch, so von der Mentalität, dem Fußball und dem Wein her. Überhaupt: Weinland will das Kraichgau sein. Das kann ich als benachbarte Kurpfälzerin mit Schlagseite gen Pfalz nun schon gar nicht ernst nehmen. Obwohl ich beim Weingut Heitlinger schon nette Sachen verköstigt habe. Aber ich…

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Charme, Erotik, Provokation: ein Blick auf Bücher aus Frankreich

Zitronentörtchen aus Frankreich

Alle lasen Bukowski, also las ich Anais Nin, damals im Gymnasium. Verstanden habe ich sie erst mal nicht. Dazu fehlte mir noch vielerlei Erfahrung. Aber das störte mich nicht: Die Faszination war groß und das genügte mir vollkommen. Aber hoppla,  was sucht Anis Nin in diesem  Beitrag? Nun, dass ihre Bücher zwar in Paris entstanden sind und wohl auch nur dort entstehen konnten, sie aber gar keine Französin ist, fiel mir erst später auf. Dieser erste Kontakt mit französischer Literatur oder mit dem, was ich für französische Literatur hielt, enthielt also schon alles, was mich in meinem weiteren Leserinnen-Leben begleiten würde. Frankreich, das war Lust, Charme, Erotik, Grenzgänger, Querdenker, Kunst, eigensinnige Frauen. Zudem zeigt dieser Erstkontakt auch, dass immer mein Bild von Frankreich meinen Blick auf die Bücher überlagert hat. So war Literatur aus Frankreich vor allen Dingen immer eines: das, was deutsche oder angelsächsische Literatur nicht hatte. Zur französischen…

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Parthenon of books – Tempel der verbotenen Bücher

Nun ist er selbst im Kunsthimmel, der Tempel der verbotenen Bücher auf der Documenta 14. Ich hatte mich sehr darauf gefreut. Dann stand ich davor, daneben und darin – und wurde nicht so recht warm damit. Seltsam, oder?   War mir der Tempel der verbotenen Bücher zu groß? Nein, eigentlich nicht. Er war groß, sehr groß. Aber der Standort hat das gut vertragen und gegen Kunst im öffentlichen Raum, die sich nicht einfügt, sondern sperrig und laut ist, habe ich gar nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil.   Die Fernwirkung des Parthenons war genial. Aber was war innen? Bei Büchern kommt es doch auf das Innen an, oder? Dort fand ich nichts, noch nicht mal einen inspirierenden Leerraum, den ich hätte füllen können. Der Tempel der verbotenen Bücher wirkte von innen wie ein potemkinsches Dorf.   Ist das alles, was Bücher heute noch können? Eine mahnende Fernwirkung? Meinen Fotos sieht man…

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Documenta. Meine erste.

Hätte man mich vor meiner Fahrt nach Kassel gefragt, welche Art Kunst ich auf der Documenta erwarte, wäre dieses Bild die passende Antwort gewesen: Stahlbarren in Säcken. Kunst, für die man ein Handbuch braucht. Kunst, die ohne den dazugehörigen Diskurs unverständlich bleibt. Kunst, bei der der theoretische Überbau schon vorhanden ist, bevor der erste Pinselstrich, der erste Schlag mit dem Meisel getan ist. Zum Glück habe ich auf der #documenta14 sehr viel andere Kunst gefunden. Sehr andere. Das hat gut getan. Liebe Documenta, was erwarte ich eigentlich? Was erwarte ich von Kunst? Ich möchte einen spontanen Zugang zum Kunstwerk finden. Einfach so, von Kunstwerk zu Mensch. Ein Kunstwerk muss mich berühren, eine Verbindung herstellen. Das kann ein zartes Hallo! sein. Oder ein Kratzen. Ein befremdlicher Ton. Eine Harmonie. Ein Faustschlag. Ein Häh? Ein Brüller. Ein Ich-glaube-wir-kennen-uns. Ein Stolpern. Ein warum-finde-ich-dich-jetzt-erst. Wenn dieser erste Kontakt zwischen Kunstwerk und mir hergestellt ist, darf…

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Documenta, ich komme – und wähle die Route durch Provinz und Märchenwald

Ich hatte es geahnt: ein Reiseführer zur Documenta, der „Schneewittchen und der kopflose Kurator“ heißt, ist garantiert kein Baedeker-Ersatz. Aber auf das, was dann kam, war ich nicht vorbereitet. Gleich auf der ersten Seite befand ich mich im Wald. Das ist schön, im Wald fühle ich mich wohl. Ob das ein typisch deutscher Anteil in mir ist? Im deutschen Wald lauern hinter jedem Baum die Brüder Grimm und machen den Wald zum Märchenwald. Daraus könnte man eine direkte Verbindung zu Kassel, der Grimm-Stadt, aufbauen. Aber nein: Die Annäherung an Kassel und die Documenta erfolgt zuerst räumlich mit einer schaurigen Reise durch die hessische Provinz – Hessen hat ja sehr viel davon. Klingt schräg, macht Spaß zu Lesen und gibt dem Phänomen Documenta eine für mich unerwartete Verwurzelung. Aber ich war ja noch nie auf einer Documenta. Die diesjährige Documenta 14 wird meine erste sein. Bin ich jetzt nach der Lektüre von Schneewittchen…

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Rheinisches Landesmuseum Trier

Eingang zum Rheinischen Landesmuseum Trier

Ein großes, begehbares Geschichtsbuch: so kam mir das Rheinische Landesmuseum in Trier vor. Eines dieser Museen, bei denen man sich erinnern sollte, dass es keinerlei Verpflichtung gibt, sich jedes einzelne Schaustück anzuschauen. Geht auch gar nicht, denn dazu gibt es einfach zu viele Funde im Raum Trier. Ein wenig Frühzeit, sehr schöne Objekte aus der Zeit der Kelten, etwas über die Franken, das Mittelalter. Dazwischen vor allen Dingen Römer in allen Varianten: Leben und lieben, wohnen und arbeiten, Krieg und Spiele. Landesmuseum Trier – viele Scherben und gute Gründe, römischen Wein zu meiden Bei einer solchen Fülle ist es schwierig, einzelne Objekte im Gedächtnis zu behalten. Das hier blieb bei mir hängen (völlig unsortiert und subjektiv): Kurz: Besuch lohnt sich, Zeit mitbringen. Informationen zum Rheinischen Landesmuseum Trier findet Ihr hier auf der Webseite. Ohne Museen, ohne mich! Egal, wie das Wetter ist, ob zuhause oder im Urlaub: Ich bin eine leidenschaftliche…

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Franz Marc Museum – Kunst im 20. Jahrhundert

Franz Marc Museum

Das Franz Marc Museum in Kochel am See ist für mich so etwas wie ein Sonntagsspaziergang unter den Museen. Nett und vertraut ist es hier, die Bilder sind alte Bekannte, die höflich grüßen lassen. Das kann man einfach genießen. Wer möchte, kann versuchen, Franz Marc weiterzudenken. Eine Wand im Museum ist seinen Skizzen aus dem Krieg gewidmet. Wie hätte er wohl nach dieser einschneidenden Erfahrung gemalt? Das Museum öffnet sich immer wieder zur Landschaft hin und an sonnigeren Tagen ergeben sich sicherlich wunderbare Zwiegespräche zwischen Licht, Landschaft und Kunst. Ich hatte einen Novembertag im Dezember erwischt, der aber immerhin gezeigt hat, dass die Bilder von Franz Marc selbst an einem so suppig-grauen Tag noch leuchten. Das liegt nicht nur an den Farben, sondern auch an der Präsenz der Tiere auf den Bildern. Franz Marc hat sie nicht gemalt, er hat sie eingeladen, auf den Bildern Platz zu nehmen und einfach…

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