Anita Rée – biographischer Roman von Karen Grol

Anita Rée. Biographischer Roman von Karen Grol.

Meine ganz private Kunst-Welt wandelt sich. Während ich mir früher Ausstellungen nach dem Motto „Diesen Künstler wollte ich schon immer mal sehen“ heraussuchte, ist es heute viel häufiger ein „Dich kenn ich nicht, dich schaue ich mir an“.

„Umbruch“ in der Mannheimer Kunsthalle war dafür eine gute Gelegenheit. Gleich auf dem Ausstellungsplakat begegnete mir ein Blick, den ich so schnell nicht vergessen werde: das Porträt der Hildegard Heise, gemalt von Anita Rée.

NEUE SACHLICHKEIT IST (AUCH) WEIBLICH
Das erste Kapitel der Ausstellung zeigt – rund 100 Jahre nach der legendären Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ – drei weibliche Positionen dieser Stilrichtung. … Dazu gesellen sich die Bilder der Hamburgerin Anita Rée (1885–1933), die mit ihren eindringlichen Porträts zu den bedeutenden künstlerischen Positionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden muss.

Website der Kunsthalle Mannheim

Eindringlich trifft es. Ihre Bilder wirken wie das Konzentrat eines Menschen, verdichtete Psyche. Was für ein Mensch muss man sein, um solche Bilder malen zu können? Dieser Frage geht der Roman „Himmel auf Zeit. Die vergessene Künstlerin Anita Rée.“ Von Karen Grol nach.

Anita Rée – ein Leben ohne Happy End

Vorneweg: Ich habe gezögert, das Buch zu beginnen. Anita Rée brachte sich 1933 um. Ich wusste also von Anfang an, dass diese Geschichte kein Happy End nehmen wird, und war mir nicht sicher, ob ich mich dem stellen möchte. Dann entschloss ich mich, der Autorin zu vertrauen – und habe es nicht bereut!

Am Ende des Buches war mir klarer, was eine Künstlerin können muss, um solch eindringliche Porträts zu erschaffen. Ganz ehrlich: Ich bin froh, dass ich dieses Talent nicht habe!

In der Kunst wie im Leben: der Kampf um den eigenen Raum

Wenn Anita Rée einen Menschen gemalt hat, dann hat sie sich ganz auf ihn eingelassen. Dafür musste sie in ihren persönlichen Raum der Stille gelangen. Nur dort war sie so hochkonzentriert, dass das Kunstwerk gelingen konnte. Doch dieser Raum der Stille war für sie nicht leicht zu erreichen – so gut wie jedes Bild hat sie sich hart erkämpft.

Schweigen war das Fehlen von Kommunikation, Ruhe die Anwesenheit von Stille.

S. 39 – Karen Grol, Himmel auf Zeit

Auch ihr Leben als Künstlerin musste sie sich erkämpfen. Als wäre das nicht genug für ein Leben, malte sie noch in einem Stil, der angefeindet wurde. Ihre Freundin Marie Laurencin fasst das so zusammen:

„Je weniger die Menschen die neue Kunst verstehen, desto mehr schlagen sie sich auf die Seite der Alten Meister, kämpfen für deren Legitimation, als wollten wir ihnen die wunderbaren Werke der Renaissance wegnehmen, als wäre nicht genug Platz für jede Art von Kunst.“

S. 82 – Karen Grol, Himmel auf Zeit

Karen Grol brachte mich als Leserin sehr nah an Anita Rée – so nah, dass ich begann, mit der Figur zu hadern. Manchmal wollte ich sie einfach nur schütteln, so lange, bis die Negativität von ihr abfallen würde. Zu sehr konzentrierte sie sich auf den Platz, den sie nicht einnehmen konnte, und übersah, was ihr alles gelungen war.

Aber dieses Verzweifeln an Protagonistinnen ist eine Lese-Marotte von mir und der Hauptgrund, warum ich so selten Romane mit Realitätsbezug lese. Zum Glück konnte ich das für diesen wunderbaren biographischen Roman ablegen!

Angaben zum Buch:

Karen Grol

Himmel auf Zeit.
Die vergessene Künstlerin Anita Rée

Verlag Ebersbach & Simon

Wie immer erzähle ich mehr über meine persönlichen Lese-Erlebnisse als über das Buch selbst. Wer eine „richtige“ Roman-Rezension lesen möchte, der kann auf dem Blog des Buchhändlers Hauke Harder vorbeischauen: Himmel auf Zeit

Anita Rée in der Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim. Beiträge zur Ausstellung im Kunstblog Mannheim und bei musermeku.

Was ich mir sonst noch angeschaut habe: Beiträge über Kunst und Museumsbesuche auf meinem Blog.

Was wäre, wenn eine Welt drei Sonnen hätte?

Nein, ich werde erst gar nicht versuchen, eine Rezension zu Cixin Lius „Die drei Sonnen“ zu schreiben – ich würde mich eh nur verheben. Um dieses Werk einzuordnen, kenne ich mich einfach zu wenig mit Science Fiction aus. Der Vergleich mit Arthur C. Clarke erscheint mir schlüssig und ich kann mir gut vorstellen, dass es sich um einen Meilenstein der Science-Fiction-Geschichte handelt. Mich hat das Buch auf jeden Fall beeindruckt!

Was mich aber fast noch mehr fasziniert ist ein Leseerlebnis, das ich offensichtlich mit vielen anderen teile. Nach 100 Seiten sollte man doch eigentlich wissen, ob einem ein Buch gefällt, oder? Ich wusste es nicht. Und war damit offensichtlich nicht allein – andere Buchbloggerinnen berichteten ähnliches.

Aber eines wusste ich nach 100 Seiten auf jeden Fall: Ich will weiterlesen! Jeden Abend dachte ich mir: Und mit welcher Wendung überrascht er mich dieses Mal? Grundsätzlich kam es anders, als ich dachte. Doch jedes Mal war ich fasziniert von der neuen Facette, die der Autor damit seiner Geschichte hinzufügte. Selbst wenn man ihm nicht bei allen physikalischen Spitzfindigkeiten folgen mag oder kann, funktioniert sein Plot bestens. Ein Lesevergnügen und nein, ich werde mir die geplante Verfilmung nicht anschauen. Wozu auch – „Die drei Sonnen“ ist Kopfkino pur!

Und wer jetzt doch noch eine Rezension zu „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu lesen will und vielleicht auch wissen will, was wäre, wenn eine Welt drei Sonnen hätte – bitte hier entlang:

Goodbye New York – der Abschluss der Brooklyn-Trilogie

Stephanie Hanel - Brooklyn-Trilogie:
100 Tage hier & 100 Tage dort - Band 1
50 Tage - 50 days in Brooklyn - Band 2
Good bye New York - Abschied von der neuen Heimat - Band 3100 Tage hier & 100 Tage dort - Band 1
50 Tage - 50 days in Brooklyn - Band 2
Good bye New York - Abschied von der neuen Heimat - Band 3

Jetzt sind sie also wieder hier in Deutschland. Zu sagen, sie wären zurück, käme mir unpassend vor. Denn das, was wie die Heimkehr einer Familie nach 2 Jahren in New York aussieht, ist genauso ein Neuanfang wie ein Anknüpfen.

Wieder lässt uns Stephanie Hanel in tagebuchartigen Einträgen an ihren Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen teilhaben. Als klar wird, dass die Tage der Familie in Brooklyn gezählt sind, taucht sie noch einmal richtig in das Leben New York ein und nimmt uns mit. Hier ein Museumsbesuch, dort ein Flohmarkt, danach einen Ausflug – bloß nichts verpassen, wer weiß, ob es noch einmal eine Chance dafür gibt. Gleichzeitig gibt sie offen zu, wie sehr die Hektik und der Lärm der Großstadt überfordern kann. Da wird schon eine Parkbank unter einem Baum zur Flucht in die Natur. So bewegt sich ihre Geschichte diesmal in einem Spannungsfeld zwischen Trubel und Sehnsucht nach Stille, Aktion(ismus) und Innehalten, zwischen Abschied zelebrieren und Rückkehr vorbereiten.

Je berührender das Buch, desto schwerer die Rezension. Aber warum?

Ich dachte mir beim Lesen: Auch das Buch ist ihr wieder gelungen. Jetzt liest Du schnell deine Rezensionen zu den letzten beiden Büchern noch einmal und dann schreibst du deinen Blog-Beitrag. Der wird sich ja quasi von selbst schreiben, Stoff und Begeisterung für das Buch sind genug vorhanden.

Es kam anders. In meinen Rezensionen zu den anderen beiden Bänden der Brooklyn-Trilogie 100 Tage hier & 100 Tage dort und 50 Tage – 50 days in Brooklyn – Band 2 entdeckte ich ein Staunen und Berührt-sein, dass mich selbst im Nachhinein verblüffte. Prompt fühlte ich mich nicht in der Lage, daran adäquat anzuknüpfen. Eine Sackgasse, aus der mir selbst meine große Schreibroutine nicht heraus half.

Offensichtlich war diesmal in der intimen Beziehung, die grundsätzlich zwischen Leserin und Buch entsteht, etwas anders als sonst. Aber was?

Beim Lesen von Büchern interessieren mich die Autor*innen nicht sonderlich. Mich interessiert lediglich die Geschichte und wie sie sich zu meiner Welt verhält, basta. Genau diese Haltung hat Stephanie Hanel mit ihrer Brooklyn-Triologie durchbrochen. Ihre Geschichte ist persönlich, so persönlich, dass mir auf einmal die Distanz fehlte, aus der heraus ich sonst lese und blogge. Eine spannende Lese-Erfahrung, die mich noch eine Weile beschäftigen wird!

Weitere Infos zur Brooklyn-Trilogie:

Stephanie Hanel

100 Tage hier & 100 Tage dort – Band 1
50 Tage – 50 days in Brooklyn – Band 2
Goodbye New York – Abschied von der neuen Heimat – Band 3

Edition Bilderbusch

Im Buchhandel erhältlich – zum Beispiel in der Buchhandlung Bücherglück in der Heidelberger Bahnstadt.

Jetzt auch als Gesamtausgabe mit Bonus-Material erhältlich:

Nachdem ich am Montag den Kindermund-Wochenkalender vorstellen durfte, gibt es heute schon das nächste fertige Projekt…

Gepostet von Christine Kern am Donnerstag, 3. September 2020

Die Schattenkönigin

Fantasy Roman: Onyxpalast BAnd 1 - Die Schattenkönigin

Überhaupt mag ich mehr Fantasy lesen. Vor allem wenn sie so daher kommt wie „Der Onyxpalast – Die Schattenkönigin“ von Marie Brennan: ein intelligenter Plot, den zumindest ich noch nicht einhundertmal gelesen habe. Und fast noch wichtiger: Es wird zwar auch hier gekämpft und gestorben, aber die Handlung schreitet ohne Gewaltorgien und Blutbäder voran.

In diesem Fantasy-Roman stehen Intrigen und Ränkespiele im Mittelpunkt. Wir befinden uns am Hof von Königin Elisabeth, der letzten Monarchin der Tudors. Doch wir befinden uns auch unter ihrem Hof, im Onyxpalast von Invidiana, Herrscherin über alle Feen Englands. Die eine wäre ohne die andere nicht an der Macht.

Was mir neben dem klug gewebten Geflecht an Hofintrigen, dass sich ständig erweitert und neue Muster erkennen lässt, am meisten Lesespaß bereitet hat, war die subtile Erweiterung der typischen Fantasy-Charaktere um eine unerwartete Dimension.

Die Hauselfen bewahren die Fassade von Kochen, Putzen und Helfen. Doch eigentlich wissen sie mehr über die Politik an beiden Höfen als jeder Meisterspion – und sie wissen es zu nutzen. Der Held gewinnt den Kampf nur, weil er bereit ist, sich von einer Frau retten zu lassen.

Wirklich jede handelnde Person hat einen offensichtlichen Grund, aktiv zu werden, und einen geschickt verborgenen. So wurden die 480 Seiten für mich zu einem Lesevergnügen, zumal ich auch die perfekte, da leicht naive Leserin für solche Geschichten bin: Ich lasse mich einfach gerne überraschen. Trotzdem hätten es für mich gegen Ende vielleicht doch ein oder zwei Wendungen weniger sein können.

Weitere Infos zum Fantasy-Roman:

Marie Brennan

Der Onyxpalast Band 1
Die Schattenkönigin

Übersetzt von Andrea Blendl

Cross Cult

Entdeckt habe ich den Roman auf der Liste der besten Fantasy-Bücher 2019 bei TOR online. Überprüft habe ich meinen Lesewunsch dann mit dieser Rezension bei Phantastisch Lesen.

Bleibt die Frage: Was lese ich als Nächstes? Hat jemand Tipps für mich für intelligente, nicht blutige Fantasy mit gut ausgearbeiteten Frauenfiguren? Auf dass noch mehr Fantasy-Rezensionen auf meinem Blog erscheinen!

Leben in der Optimalwohlökonomie: Science Fiction von Theresa Hannig

Warum eigentlich habe ich schon so lange keinen Science-Fiction mehr gelesen?

Theresa Hannigs Zweiteiler „Die Optimierer“ und „Die Unvollkommenen“ waren für mich auf jeden Fall der perfekte Einstieg, um mich dem Genre wieder zu nähern.

Ihre Geschichte beginnt im Jahr 2052 in der Bundesrepublik Europa, einer Insel im Weltgeschehen. Hier geht es den Bürgern gut, denn es ist genug für alle da – aber nur, wenn jeder sich an die Regeln hält. Optimalwohlökonomie nennt sich das Konzept, das auf nachhaltiger Wirtschaft und totaler Überwachung basiert.

Es ist eine unglaublich gut durchdachte Welt, die Theresa Hannig gebaut hat. Eine Welt, die auf erschreckende Art auf unserer basiert. Von Fleischverbot bis Abschaffung des Individualverkehrs kommt uns vieles bekannt vor. Nur, dass es ganz leicht ins alptraumhafte verdreht wird.

Wer mehr zur Handlung erfahren möchte, dem empfehle ich die Buchbesprechung im Standard, der ich weitestgehend zustimme. Während sich der erste Band rasant in einem Rutsch durchlesen ließ, hat mir der zweite Teil Geduld abverlangt. Doch nur ungern würde ich auf ihn verzichten, denn die Auflösungen, die sich die Autorin ausgedacht hat, haben es in sich. Feiner Plot, gut ausgeklügeltes Gesellschaftssystem und eine unglaublich detailliert ausgearbeitete Welt, dazu mehr als einen Anschubser, unser aktuelles Weltgeschehen zu hinterfragen – ein intelligentes Lesevergnügen!


Infos zu den Büchern:

Theresa Hannig

Die Optimierer
Die Unvollkommenen

Bastei Lübbe

Auf die Autorin bin ich übrigens bei der Aktion „Wir lesen Frauen“ aufmerksam geworden und habe dann prompt beide Bücher im Neujahrskalender gewonnen. Herzlichen Dank – das war ein gelungener Start in das Jahr! Hier findet ihr Theresa Hannigs Gedanken zu Feminismus und Ananassaft.


Mittlerweile zählt Theresa Hannig zu den wenigen Autorinnen, von denen ich einfach alles lesen will. Zu diesen beiden Büchern von ihr gibt es Rezensionen hier auf meinem Buch-Blog Geschichten-Agentin:


Was gut dazu passt: Kurzgeschichten von Pippa Goldschmidt – Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen.

Von der Notwendigkeit, das Leben zu verstehen

Pippa Goldschmidt. Kurzgeschichten: Von der Notwendigkeit den Weltraum zu ordnen

Langsam lesen. Ganz wichtig. Jede einzelne Kurzgeschichte aus „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“ nachwirken lassen. Der genauso exakte wie poetische Stil von Pippa Goldschmidt hat das verdient und nur dann bekommt man diesen einen Punkt mit, an dem die Geschichte vom Realen ins Surreale wechselt.

Wobei man sich als Leser dabei nie ganz sicher ist. Vielleicht ist dass, was dann folgt, auch nur der Teil der Realität, den man selbst bisher ausgeblendet hat? Vielleicht sind Menschen wirklich so?

Pippa Goldschmidt erzählt von Forschern und Wissenschaftlerinnen, die die komplexesten Formeln verstehen, aber mit ihren Mitmenschen an ihre Grenzen kommen. Auch wenn in diesen Kurzgeschichte Turing, Einstein und Oppenheimer auftreten, sind es doch die Frauenfiguren, die mir im Gedächtnis bleiben werden. Denn während die Männer „nur“ mit ihren unwissenschaftlichen Gefühlen kämpfen und Auswege erfinden, erleben die Frauen zusätzlich, dass sie einem viel größeren Schlachtfeld erst gar nicht entfliehen können – genauso wenig wie dem Platz, den „die Wissenschaft“ ihnen zuteilt. Und der ist nicht in der ersten Reihe.

Das mag jetzt nach einem harten Buch klingen, aber das ist es nicht. Es ist bezaubernd, schwebend. In meiner Lieblingsgeschichte ist die Heldin, eine Programmiererin, nicht glücklich damit, wie sich ihre Liebesgeschichte zu einem Kollegen entwickelt. Man geht aus, landet im Bett, aber echte Nähe sieht anders aus. Also schummelt sie Zellen von sich in sein Laborexperiment und stellt sich vor, wie er ab jetzt immer, wenn er durch das Mikroskop gibt, sie wirklich erblickt.

Ist das nicht großartig? Es ist.


Infos zum Buch:

Pippa Goldschmidt
Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen

Kurzgeschichten

Übersetzt von Zoe Beck

Culture Books


Die mit Abstand schönste Rezension habe ich bei Hauke Harder auf seinem Blog Leseschatz gefunden.


Romane – Rezensionen, Leseeindrücke und Buch-Empfehlungen hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin.


Die souveräne Leserin – ein Roman, der mich beeindruckt hat. Hier meine Rezension dazu:

Bildungslücke geschlossen, Zeitmaschine gelesen

Wells, Zeitmaschine. Ende des 19. Jahrhunderts unternimmt der »Zeitreisende« – ein nicht namentlich genannter Erfinder – einen Ausflug in das Jahr 802.701, wo er zwei verschiedene Menschenrassen antrifft: die scheinbar sorgenfrei und glücklich an der Erdoberfläche lebenden Eloi und die unterirdischen Morlocks. Erst mit der Zeit findet er heraus, dass zwischen den Eloi und den Morlocks ein Anhängigkeitsverhältnis besteht, das seine schlimmsten Befürchtungen übertrifft! Klassiker der Science Fiction Literatur. Ausgabe aus der Buchreihe Fischer Klassik.

Bildungslücke geschlossen. Das war mein Gedanke, als ich auf der letzten Seite der Erzählung „Die Zeitmaschine“ von H. G. Wells angekommen war. Nicht: was für ein fieses Ende. Und auch nicht: Erstaunlich, welche Zweifel an der Zukunft hier schon enthalten sind. Sondern einfach: Meiner Allgemeinbildung hat bis zu dieser Lektüre ein wichtiges Puzzleteil gefehlt. Mission abgeschlossen.

Und weil andere wesentlich klüger als ich über die Bedeutung des Science-Fiction Klassiker schreiben können, folgen von mir einfach ein paar unsortierte Gedanken.

Das kommt mir doch bekannt vor. Seltsam war es, beim Lesen zu merken, wie viele Zitate, die auf das Buch verweisen, ich schon kenne – ohne das Original zu kennen. So war der Gedanke „Ach, da hat XY das her“ ein ständiger Begleiter beim Lesen. Dabei bin ich gar keine so große Kennerin der SF-Literatur. Aber selbst mit nur soliden Kenntnissen der Popgeschichte erkennt man beim Lesen erstaunlich viel wieder – sozusagen im Rückspiegel.

Wo sind die Frauen? Nein, ich möchte H.G. Wells keinen Sexismus vorwerfen. Doch das die einzigen Frauen in der Gegenwart Dienstmädchen sind, fällt mir, mit meinem heutigen Blick, sehr auf. In der Zukunft ist es übrigens auch nicht besser: Dort begegnet der Zeitreisende nur einer Kindfrau.

Ich kann es noch. Ich hatte schon lange kein altes Buch mehr gelesen. Beim Lesen treibt mich entweder die Neugier auf ein Thema an oder ich möchte abschalten. Bei ersterem akzeptiere ich komplizierte Sprache, beim zweiten nicht. Literarisches Lesen mögen meine müden Augen abends gar nicht mehr. Deswegen hatte ich Zweifel, ob ich mit der gewissen Umständlichkeit der Sprache und der eher gemächlichen Entwicklung der Handlung zurechtkomme. Ich kam. Ein Erfolgserlebnis.


Angaben zum Buch:

H. G. Wells

Die Zeitmaschine

Neu übersetzt von H.-U. Möhring

Fischer Klassik

Gelesen habe ich übrigens die Ausgabe aus der Fischer Klassik Reihe, die noch sehr viel Bonusmaterial enthält. Das Buch selbst kam über den Büchertausch auf dem Alten Messplatz in Mannheim zu mir, der vom LesArt Projekt veranstaltet wurde. Das Konzept ist klasse. Ein Buch hinbringen, Tauschticket erhalten, ein anderes mitnehmen und nebenbei andere Booknerds kennenlernen.


Mehr #sfvongestern auf meinem Blog: William Gibson – Neuromancer. Und Buchtipps zu SF von heute findet ihr hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin

Ein Trash-Universum: Evil Miss Universe

Evil Miss Universe von Tobias O. Meissner.
Sie ist Superschurkin, unerbittlich, rücksichtslos und betörend schön: Dominique macht es den Männern im Universum wirklich nicht leicht. Vor allem ist sie unfassbar kreativ und heckt ständig neue Verbrechen aus, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

Es ist schon eine abgefahrene Geschichte, die sich Tobias O. Meissner für „Evil Miss Universe“ ausgedacht hat: Die Karriere der Superschurkin Dominique, die mit ihren äußerst kreativen Verbrechen die ganze Welt in Atem hält. Diese Heldin ist so fies wie ein Bond-Bösewicht, aber so attraktiv wie alle Bond-Girls zusammen. Sie hat das Herz eines Robin Hoods und den Mut des gesamten Marvel-Universums. Ihre Lebensgeschichte könnte jederzeit der Stoff eines neuen #SchleFaZ werden – kurz: Evil Miss Universe ist Trash der feinsten Sorte.

Ich mag Trash. Und doch hatte ich meine Probleme mit dem Buch. Das liegt am Erzähler, der allwissend und naiv zugleich ist, und die wilde Geschichte im Tonfall von „Mein schönstes Ferienerlebnis“ erzählt. Warum das so ist – dafür liefert die Handlung einen gewichtigen Grund. Doch dem Lesevergnügen tut dieses ständige „Und dann passierte das, was wiederum das auslöste“ nicht gut. Ich habe eine zweite Stimme vermisst.

Ähnlich schwer tat ich mir mit den Ausflügen in unser aktuelles Tagesgeschehen. Manches passte gut, wie zum Beispiel die Erläuterung, warum Privatarmeen als Polizei-Ersatz keine gute Idee sind, da sie das Vertrauen in die öffentliche Ordnung destabilisieren können. Anderes, wie Seitenhiebe auf Trump und Putin, kamen recht platt daher. Auf Dauer wirkten diese gesellschaftspolitischen Ausflüge eher belehrend als bereichernd.

Nichtsdestotrotz: Ich musste weiterlesen, weil ich wissen wollte, wie die Geschichte um Superschurkin Dominique ausging!

Rezensionen anderer Bloggerinnen lese ich in solchen Fällen erst, wenn ich das Buch ausgelesen und mir meine Meinung gebildet habe. Offensichtlich polarisiert das Buch: Ink of Books ist begeistert. Komplettes Desaster sagt hingegen feiner Buchstoff. Und was sagt ihr?

Infos zum Buch:

Tobias O. Meissner

Evil Miss Universe

Piper Verlag

Lust auf mehr Trash? Scharnow von Bela B. – hier meine Rezension.

Fein. Ruhig. Wohltuend. Ein Monat auf dem Land.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr.  Ein moderner Klassiker der englischen Literatur

Ein Monat auf dem Land – der Buchtitel könnte in die Irre führen. Daher eines vorneweg: Das hier ist kein britischer Landhauskitsch. Ganz im Gegenteil.

„Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr ist etwas ganz anderes: Es ist fein. Ruhig. Wohltuend. Es erzählt von der unglaublichen Fähigkeit des Menschen, wieder ganz zu werden. Sich zu heilen. Sogar dann, wenn er die Schrecken der Schützengräben überlebt hat und nur der Körper heil blieb.

Alles, was er zur Genesung braucht, ist Ruhe. Eine sinnvolle, schöpferische Tätigkeit mit den Händen. Die Kraft der Natur. Und die Aussicht, das Liebe möglich sein könnte. All das gibt es für den, der bereit ist zu finden, im August auf dem Land reichlich.

Doch die Liebe, sie muss nicht Wirklichkeit werden. Das ist nicht nötig. Die Ahnung, dass sie existiert, genügt. Am Ende zieht jeder seiner Wege. Eines Tages, an einem anderen Ort, wird alles zueinander passen. Wenn nicht so, dann ganz anders. Das nennt sich Leben.


Infos zum Buch:

J.L. Carr
Ein Monat auf dem Land

Dumont Verlag

Eine ausführliche Rezension findest Du auch bei Lust auf Lesen.


Roman-Rezensionen, Leseeindrücke und Buch-Empfehlungen findest du hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin. Wenn Du ruhige Bücher magst, dann könnte Dir dieses hier gefallen: Die schönen Dinge siehst Du nur, wenn Du langsam gehst. Oder dieser: Alle meine Wünsche von Grégoire Delacourt.

Scharnow. Der Rhythmus, bei dem ich mit muss

Bela B. - Scharnow -  Roman.

Ist es möglich, über Scharnow von Bela B. Felsenheimer zu schreiben, ohne Querverbindungen zur Band Die Ärzte zu knüpfen? Ich will es versuchen.

Schön schräg. Das wäre ein umfassendes Fazit, damit wäre eigentlich alles über den Roman gesagt. Aber selbst für meine Verhältnisse wäre das etwas knapp und kürzer als ein Punk-Song wäre es auch. Gut, dann eben mehr.

Was mir an Scharnow richtig gut gefallen hat, war der Blick auf die Menschen. Jede Figur hätte man auch als komplett gescheiterte Existenz zeichnen können. Aber sie dürfen ihre Würde behalten und jeder von ihnen ist zur Veränderung fähig. Deswegen besteht Hoffnung, immer und überall und für jeden in Scharnow. Letztlich kommt es im Leben darauf an, das Herz am rechten Fleck zu haben und dementsprechend zu handeln. Den Liebenden fällt das leichter, die anderen brauchen Schockmomente.

Davon gibt es in Scharnow genug. Die wenigsten davon sind subtil. Ich hätte den Splatter nicht gebraucht, überraschend kam er nicht. Die Anspielungen auf Trash und B-Movies waren an mich eh vergeudet – ich dürfte nur einen Bruchteil davon verstanden haben.

Dann, wenn die Handlung den Eindruck erweckt, dass sie das Höchstmaß an Verwirrung erreicht hat, kommen Aliens ins Spiel. Das passt, trotzdem wünsche ich mir, dass Bela B. sich in seinem nächsten Roman nicht auf außerirdische Hilfe verlässt, sondern seine Handlungsfäden selbst wieder entwirrt.

Womit klar ist: Ich würde durchaus ein weiteres Buch von ihm lesen. Trotz des mit unter seltsamen Frauenbildes (Frauen haben ein großes Herz und sind für die Organisation des Alltags zuständig) – aber ganz ehrlich: Die Männer kommen auch nicht besser weg. Ausgleichende Ungerechtigkeit für alle.

Lesen würde ich es, weil mir der Beat von Scharnow so gut gefallen hat. Zwei Schritte vor, Break, einer zurück und dabei exakt den Takt der vorletzten Strophe aufgreifen. Das Buch hat seinen eigenen Rhythmus, der von einem bestimmten Instrument geprägt ist. Aber genau darüber wollte ich ja nicht schreiben …


Infos zum Buch:

Bela B. Felsenheimer

Scharnow

Heyne Hardcore

Hintergründe zum Roman und ein Bericht über die Lesung in der Alten Feuerwache Mannheim.


Lust auf mehr schräges Zeug?

Ich will den Plot-Plan sehen! Die Glocke von Whitechapel

Ben Aaronovitch - Die Glocke von Whitechapel. Witzige Urban Fantasy
An einem Wochenende ausgelesen.

Es ist wohl eine Folge des Literaturcamp Heidelbergs, dass mich bei einem Roman immer häufiger nicht nur die Geschichte, sondern auch das Handwerk dahinter interessiert.

In einigen Sessions dort haben Autoren von ihrer Arbeit erzählt. Das nächste Mal muss ich mir unbedingt einen Vortrag zum Thema plotten anhören. Wie behalten Autoren eigentlich den Überblick über die Handlungsstränge?

Daran, dass ich darüber mehr wissen will, ist wiederum Ben Aaronovitch schuld. Seine Serie um Peter Grant, Zauberlehrling und Detective Constable in London, begann fulminant, ging pfiffig weiter und verlor sich dann in Nebenhandlungen, deren Sinn sich mir und anderen Lesern nicht erschloss. Offensichtlich war der Autor nicht mehr so ganz Herr seines eigenen Plots.

Mit dem Spin-off »Geister auf der Metropolitan Line« schöpfte ich wieder Hoffnung. Der Kurzroman hatte alles, was mich in der Anfangsphase der Serie begeisterte und war ein guter Grund, zum neuen Band »Die Glocke von Whitechapel« zu greifen.

Die Glocke von Whitechapel

Und jetzt würde ich gerne den Plot-Plan, nachdem dieser Roman geschrieben wurde, sehen! Ben Aaronovitch schafft es tatsächlich, so gut wie alle losen Handlungsstränge wieder zusammenzuführen. Außerdem sorgt er für logische Erklärungen für Phänomene, die bisher einfach so im Raum standen. Selbst das Rätsel um Mollys Herkunft klärt sich und – so viel sei verraten – sie wird am Ende des Buches nicht mehr alleine sein.

Doc Martens. Die säureresistente Sole der Arbeitsschuhe widersteht laut Ben Aaronovitch auch Vampirleichenteilen.
Gut zu wissen. Doc Martens widerstehen auch Vampirleichenteilen.

Auch die Gags sind wieder pointierter und dichter gestreut. Überrascht hat er mich mit einem Craft Beer Witz. Der Gag, dass die säureresistenten Sohlen von Doc Martens Stiefeln auch Leichenteilen von Vampiren widerstehen können, traf mich unerwartet. Ich werde meine Doc Martens nie wieder wie früher betrachten können!

Herzerwärmend fand ich die Szene, in der Peters Mutter für die gesamte Belegschaft der Sonderkommission afrikanisches Essen kocht – auch hier wurden Elemente der Serie zusammengeführt, die bisher einfach so nebeneinander existierten.

Alles in allem führt Ben Aaronovitch die Serie zu einem guten Staffel-Ende. Vielleicht geht es weiter, vielleicht aber auch nicht. Sollte es weiter gehen, muss nun nicht mehr unbedingt Peter Grant im Mittelpunkt stehen. Auch Leslie würde sich als Hauptfigur anbieten. Auch ein Spin Off, der in den USA spielt, wäre möglich – ich bin gespannt!

Infos zum Buch:

Ben Aaronovitch
Die Glocke von Whitechapel

Übersetzt aus dem Englischen von Christine Blum

DTV Verlag

Rezensionen zur Serie um Peter Grant auf meinem Blog:

Dringende Empfehlung: LitCamps besuchen!

Den Blick über den Tellerrand, aka LitCamp, kann ich sehr empfehlen. Buchmenschen begegnen sich auf Augenhöhe, tauschen Wissen aus und erweitern ihren Horizont. Hier findet ihr mehr Infos:

William Gibson – Peripherie

William Gibson - Peripherie

Mit Peripherie macht es William Gibson dem Leser nicht einfach.

Sogar wenn man frühere Bücher wie Neuromancer und Mustererkennung kennt, fällt der Einstieg diesmal nicht leicht. Die Welt ist eine andere, die Technik wirkt noch weniger vertraut. Nichts wird erklärt – keine Fachbegriffe, keine handelnden Personen und schon gar keine Zusammenhänge. Überraschenderweise gibt es jedoch auf den ersten 100 Seiten ungewohnt viel Witz. Das hilft dran zu bleiben.

Doch warum soll es uns Lesern besser ergehen als den Protagonisten? Weder die toughe Kleinstadt-Gang noch die Superreichen verstehen die Situation, die sich aus einem Mord ergeben hat. Flynne, eine für Gibson typische Heldin, ist die einzige Zeugin und wird damit zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Zusammen mit ihr tasten wir uns voran. Doch auch das wird sich als falsche Fährte herausstellen: Niemand in diesem Buch versteht die Technik, die eingesetzt wird, so wirklich. Jeder ist von den Zusammenhängen überfordert, handelt aber trotzdem. Karma pur – nicht-handeln ist unmöglich.

Peripherie – lass dich einfach von der Geschichte führen

Ungefähr ab Seite 120 habe ich begonnen, mich im Buch zurechtzufinden und begann, mein Nicht-Wissen zu genießen. Glitchende Haptics, Stub, fabben und Peripherals? Mir egal, was das ist und wie es funktioniert. Wichtiger ist, was ich damit machen kann. Ab da hatte ich auch wieder Vertrauen zum Autor: Er wird mir schon rechtzeitig sagen, was ich wissen muss und jede unerwartete Wendung wurde sowieso nur zu meinem Vergnügen erschaffen.

Es ist bei diesem Buch fast unmöglich, eine spoilerfreie Rezension zu schreiben. Wer mehr zur Handlung erfahren möchte, möge diesen Spiegel-Artikel lesen. Empfehlen kann ich es nicht – nichts über die Handlung zu wissen hat mein Lesevergnügen definitiv vergrößert!

Trotz des unüblichen Einstiegs ist Peripherie durch und durch ein echter Gibson – spannend, philosophisch, voller Anspielungen auf Popkultur und auf aktuelle Diskurse!


Angaben zum Buch:

William Gibson
Peripherie

Übersetzt von Cornelia Holfelder-von der Tann

Tropen Verlag


Mehr von William Gibson auf meinem Blog:


Unendliche Weiten – sind nicht das einzige, was Science Fiction zu bieten hat. Ich hatte das SF-Genre zwischenzeitlich etwas aus den Augen verloren. Und habe nun um so mehr Spaß damit, Klassiker und Novitäten wieder zu entdecken! Meine Buchtipps und Rezensionen findet ihr hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin