Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik

Rebel Queens. Das Buch der Grether Schwestern liegt auf der legendären Picture Disc der Nina Hagen Band

Was passiert, wenn Fender auf Gender trifft? Eine geniale Frage. Kersty und Sandra Grether sind die richtigen, um sie zu beantworten. Weniger, weil sie als die berühmtesten Pop-Feministinnen Deutschlands gelten (sagt Birgit Fuß, Rolling Stone Germany). Sondern weil sie leidenschaftliche Musik-Fans, Musik-Journalistinnen, Musikerinnen, Label-Betreiberinnen und noch viel mehr sind. Sie leben Musik und Popkultur und Feminismus. Doch anders als so viele männliche Musik-Nerds steht bei ihnen die Vermittlung von Wissen und die Ermutigung, selbst mitzumischen, im Vordergrund. Wer jetzt an die Riot Grrrls denkt, liegt richtig.

Dementsprechend ist ihr Buch „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ ausgefallen. Es ist nerdig, empowernd, überraschend. Es ist lexikalisch und essayistisch, analytisch und subjektiv. Doch eines ist es immer: fair. Das haben die Autorinnen so vielen männlichen Kollegen voraus: Sie sind genauso meinungsstark, haben aber eine andere Art, über Musik zu schreiben – wertschätzend, analytisch, fest im eigenen Erleben verwurzelt und dabei immer mit diesem Funken Begeisterung, der ansteckt.

Eigentlich hatte ich mich schon bei diesem Satz aus dem Vorwort in das Buch verliebt:

Jeder der Frauen oder nonbinären Personen in diesem Buch hätten wir gerne als beste Freund:innen. Wir können aber auch gut damit leben, sie nur in unseren Bücher- und Schallplattenregalen zu begrüßen.

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik, Seite 18

Ein Vision Board aus Musik und Feminismus

Mir erschien „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ wie ein großes Vision Board. Eine bunte Collage aus Rückblicken, Fakten, eigenen Erlebnissen und Träumereien. Analyse und Vision in einem. Sehr schön zeigt sich das an dem Kapitel, in dem sie Karen Carpenter und Yoko Ono gegenüberstellen. Im Kaput Magazin könnt ihr es lesen.

Natürlich gehört zum Buch eine umfangreiche Playlist, die schon an sich ein Eingang zu einem rabbit hole ist. Noch mehr Zeit haben mich die Infokästen im Buch gekostet Queens of Disco, die zehn coolsten Paarbands, Bands mit starken Frauen aus der Hamburger Schule usw …

Kersty und Sandra Grether haben nicht einfach ein weiteres Musikbuch geschrieben, sondern einen Sehnsuchtsort erschaffen, an dem sich Feminismus, Leidenschaft und Empowerment treffen. Während viele männliche Musik-Nerds ihr Wissen horten und vor sich hertragen, öffnen die Grether-Schwestern Türen. Sie laden ein, sich zu verlieren in den Geschichten von Sister Rosetta Tharpe, Nina Simone, Suzi Quatro, Poly Styrene, Tracey Thorn, Doro Pesch, Bikini Kill, Lady Gaga, Peaches, Courtney Barnett, Wet Leg und all den anderen Rebel Queens. Und sie ermutigen, selbst loszulegen!


Infos zum Buch:

Kersty Grether, Sandra Grether

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik
Das große Standardwerk über Rockmusikerinnen

Reclam Verlag


Diesen Text der beiden möchte ich euch noch ans Herz legen: Fremd m eigenen Haus. Kerstin und Sandra Grether über 38 Jahre SPEX und die Frauen*


Bücher, die dazu passen, gibt es auf meinem Buch-Blog etliche. Hier eine kleine Auswahl:

Und als Joker noch etwas ganz anderes, denn auch beim Thema Motorradfahren gibt es zuviele männliche Gatekeeper: „Das Mädchen auf dem Motorrad. Die Geschichte der Anne-France Dautheville“

Pop und Politik: Was erzählt deutsche Popmusik über unser Land und unsere Geschichte?

Über 400 Seiten, ein üppiges Literaturverzeichnis, an das sich die Playlist anschließt, 11 kleingedruckte Seiten mit Songs: „Keine Macht für Niemand. Pop und Politik in Deutschland“ ist nicht gerade snackable, sondern eine ernste Angelegenheit. Es ist keine Liste von „100 politische Songs aus Deutschland, die du kennen musst“ und auch nicht „Die 20 wichtigsten Bands, die was zu sagen haben“.

Marcus S. Kleiner wählt für sein Buch einen anderen Ansatz. Im ersten Schritt analysiert er die deutsche Geschichte seit 1945, immer 10 Jahre in einem Kapitel. Was war wichtig, was hat das Land geprägt? Wie hat es sich in den einzelnen Jahrzehnten angefühlt, in Deutschland zu leben? Im zweiten Schritt prüft er, ob diese Ereignisse, diese Diskussionen und diese Stimmung in der deutschen Musik aufgegriffen wurde. Dafür analysiert er vor allem die Songtexte.

Aufgelockert wird das durch Interviews, vielen Anekdoten aus seiner eigenen Biografie und vielleicht ein paar zu vielen Fotos, die den Autor mit den Künstlerinnen und Künstlern zeigt. Lasst es mich so sagen: ego-freie Zone ist dieses Buch nicht. Aber das ist Teil des Lesevergnügens und wird durch Selbstreflexion gut abgefedert. So schreibt er über seine eigene Jugend und seine musikalische Sozialisation:

Dieses Wir stellte rückblickend auch nur den Konservativismus und die Spießigkeit des eigenen Andersseins dar, ein Differenzgefühl, das mehr aus- als einschloss und wenig offen für das Erleben von Vielfalt war.

Marcus S. Kleiner, Keine Macht für Niemand. Aus der Einleitung, S. 24

Ziemlich langer Satz für die kurze Aussage: Wir waren typisch ignorante Teenager, oder?

Als ich mich mal eingegrooved hatte, mich an die Kapitellänge und gelegentlich ausufernde Sätze gewöhnt hatte, hatte ich viel Spaß mit dem Buch. Erkenntnisgewinn sowieso. Er arbeitet die Verflechtungen zwischen deutscher Vergangenheit und Gegenwart sehr fein raus. Ich mag seinen kritischen Blick auf den Nationalstolz und den Mythos der Entnazifizierung. Seine Analysen sind klar strukturiert und absolut treffend.

Es kommt nicht überraschend, dass er viele Punk-Songs und Rap-Texte aufgreift. Früher waren Liedermacher*innen die politisch aktivsten Künstler – und gerade aus dem langen Kapitel zu dieser Zeit habe ich viel für mich mitgenommen. Heute sind es die Punks, die Stellung beziehen. Slime dürfte die am häufigsten genannte Band im Buch sein. Rap hätte politisch sein können, wenn nicht ein Großteil in Richtung Gangsta-Rap abgebogen wären. Auch diese Texte werden seziert.

Ab und an verlässt er den wissenschaftlichen Duktus und gönnt er sich einen Seitenhieb auf Bands, die er nicht goutiert.

Schrei nach Liebe von Die Ärzte … wurde zu einem der populärsten Songs gegen rechts in den 1990er Jahren. Im Vergleich zu den in diesem Kapitel behandelten anderen Songs ist er jedoch der banalste.

Kapitel 7, S. 243

Die Band Blumfeld trifft es noch härter. Da bleibt beim lesen schon das Gefühl: kann man so machen, wirklich nötig ist das aber nicht.

Was bleibt mir aber insgesamt von der Lektüre? Mir ist bewusster geworden, wie sehr ich mich durch Musik an Zeitgeschichte erinnere. Aber vor allem: Ich höre wieder anders hin. Wie ist die Stimmung, was wird erzählt, wer spricht? Das sind die Grundfragen, mit denen Marcus S. Kleiner die Lieder analysiert. Eine Herangehensweise, die auch für mein privates Hören gut funktioniert.

Und dieses Zitat bleibt:

Mit Pop ist zwar keine Politik zu machen, eine Revolution schon gar nicht. Politische Popsongs fordern aber zur politischen Stellungnahme heraus oder vermitteln einen emotionalen Schutzraum in harten Zeiten.

Marcus S. Kleiner, Keine Macht für niemand. S. 247

Infos zum Buch:

Marcus S. Kleiner

Keine Macht für Niemand. Pop und Politik in Deutschland
Popmusik als Spiegel der Gesellschaft – Zeitgeschichte, Protestkultur und Popmusik

Reclam Verlag


Auch hier gilt: der Besuch von Festivals kann zum Buchkauf verführen. In diesem Fall lag das an der Lesung von Marcus S. Kleiner auf dem About Pop Festival Stuttgart.


Reclam entwickelt sich gerade zu einer sehr feinen Adresse für Musikbücher. So wie dieses: Voyage, Voyage. Eine Reise durch die französische Popmusik.

Voyage, Voyage. Eine Reise durch die französische Popmusik

Buch von André Boße

Voyage, Voyage
Eine Reise durch die französische Popmusik

Voyage, Voyage! Mein nicht repräsentativer Test im Freundeskreis hat ergeben, dass wirklich jede*r bei Erwähnung des Songs von Desireless sofort einen Ohrwurm hat. Kein Wunder: 1986 kam niemand an diesem Lied vorbei. Im Sommer 1987 lief es immer noch. Es gibt noch ein paar französische Sommerhits, die nach Deutschland schwappten. »Ella, elle l’a« von France Gall, »Etienne« von Guesch Patti oder »Joe le taxi« von Vanessa Paradis hatten jedoch alles eines gemeinsam: Sie hatten Charme, klangen erfrischend ungewohnt, trieben uns aber eher von der Tanzfläche.

Eine ganz andere Wirkung auf uns hatten Bands wie Les Rita Mitsouko oder Les Negresses Vertes, die zuverlässig auf unseren Mixtapes waren und uns auf der Fahrt in den Südfrankreich-Urlaub begleiteten. Bis heute gehört diese Urlaubsstimmung für mich zum Zauber französischer Popmusik.

Trotzdem hätte ich nie behauptet, dass ich einen Überblick über Rock und Pop aus Frankreich hätte. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wie ich den bekommen könnte. Wo anfangen, wo aufhören? Was waren One-Hit-Wonder, was hat Bestand? Wer hat wen geprägt? Warum geht ohne Serge Gainsbourg gar nichts und muss man Johnny Hallyday wirklich ernst nehmen?

Vorhang auf für das Buch »Voyage, voyage« von André Boße aus dem Reclam Verlag.

Yéyé, Chansons und so viel mehr: Die französische Musikszene von den 60er-Jahren bis heute

Natürlich hat der Musikjournalist André Boße seine ganz eigene Geschichte mit Musik aus Frankreich. Das macht den besonderen Ton des Buchs aus. Trotz seines enormen Wissens spielt er nicht den Musikprofessor. Er sieht sich eher als Reisender, der mit offener Neugier Musikstile entdeckt. In seinem Buch findet so vieles Platz: Pop wie Rock und Punk, Folk und natürlich Raï, Elektronik, French Touch und »Le hip-hop«. Klassiker genauso wie neue Trends. Bands die Musikgeschichte schrieben und Eintagsfliegen. Das entspricht genau meiner Herangehensweise an Musik. Deswegen war für mich André Boße der perfekte Reiseleiter für meine Entdeckungsreise durch die französische Popmusik!

Für alle, die jetzt neugierig geworden sind, verlinke ich die Spotify-Playlist zum Buch. Aber Vorsicht, es sind 210 Songs und eine Spieldauer von über 14 Stunden. Was wiederum erklärt, warum ich über 8 Monate in »Voyage, Voyage. Eine Reise durch die französische Popmusik« gelesen habe – es ist ein verstecktes Kaninchenloch, ein rabbit hole!



Infos zum Buch:

André Boße

Voyage, Voyage
Eine Reise durch die französische Popmusik

Reclam Verlag


Bücher, die bei akuter Frankreich-Vermissung helfen

Sommer, Frauen und das Leben: die Geschichte zur Playlist

Spotify Playlist: Sommer, Frauen und das Leben

Damals, als Schülerin, habe ich jeden Sommer ein Mixtape zusammengestellt. Dabei ging es mir nie um die besten Songs des Jahres, sondern um die, die meine Stimmung in diesem speziellen Sommer perfekt ausdrückten. Weswegen das Mixtape auch „Dr. Sommer“ hieß. Die Herausforderung war dabei immer, die musikalische Bandbreite in eine halbwegs vernünftige Reihenfolge zu bringen: Violent Femmes mit Les Negresses Vertes, The Cure mit Siouxsie, Metallica mit Spermbirds und zwischendrin Dance und Pop – aber das bitte alles auf einer 90er-Musikkassette.

Mangels Kassettendeck und auf Grund des sicheren Wissens, dass diese Kassetten heute leiern würden, habe ich sie vor einigen Jahren in die Tonne getreten. Vorher habe ich die Songs auf Spotify gesucht und war selbst verblüfft, dass ich so gut wie alles gefunden habe. Ein paar lokale Bands wie Schwefel fehlten, aber deren Musik hatte ich auch auf Vinyl. Loslassen fiel also leicht – und neu anfangen!

Mein neues Mixtape-Projekt heißt „Sommer, Frauen und das Leben“. Wie gehabt geht es um Songs, die zu meiner Stimmung in dem Jahr passen. Oder Lieder, mit denen ich etwas erlebt habe. Neu dabei ist, dass ich mich auf weibliche Stimmen und Musik von Frauen fokussiere.

Auch neu: Ich kann mir mehr Gedanken um die Zusammensetzung machen. Bei „Dr. Sommer“ habe ich die Musik noch teilweise aus dem Radio mitgeschnitten. Dr. Zufall bestimmte also die Reihenfolge der Lieder mit. Was zum Teil zu abenteuerlichen Kombinationen führte. Heute kann ich feilen, was wiederum zu abenteuerlichen Hirnverknotungen führt. Ob es den Aufwand wert ist? Hört rein und entscheidet selbst!


Sommer, Frauen und das Leben

Ace in Space: Wenn das Buch eine Playlist braucht

Ace in Space: Das Buch steht vor einem kleinem Lautsprecher der MArke Teufel. Dahinter eine blaue Wand.

Ich tue es schon wieder und beginne diesen Blog-Beitrag mit einem großen „Ich“. Tun wir Buch-Bloggerinnen angeblich so gerne. Ich lese auch meist mit dem Smartphone griffbereit in der Nähe. Noch so ein Klischee. Aber bei diesem Buch war es zwingend nötig, denn es verlangte nach Musik.

Schmutziger Rock für die Szenen, die im Lager der Weltraumpiloten-Gang spielten. Trotz des Buchtitels „Ace in Space“ habe ich mich nicht für Motörhead, sondern für Nashville Pussy entschieden. Ich brauchte was mit Frauenpower, das gut zu der Queen der Gang passte, der deutlich anzumerken ist, dass sie schon länger wild und frei lebt. Heldinnen im (nahezu) Rentenalter sind selten. Ich habe sie gefeiert.
Abgespaceten Techno bitte für die Flüge durchs Wurmloch. Etwas mit Weltmusik-Anklängen für die Siedler, die mit Selbstversorgung und Handel versuchen, sich ein minimalistisches, aber gutes Leben aufzubauen. Dann brauchen wir noch Musik mit Wumms für Luftkämpfe und Flug-Stunts. Und was nehmen wir für die strategischen Machtspiele in den Büros der Konzerne und vor Gericht? Oder für die so absolut nicht hetero-normativen Sexszenen?

Ich war also beschäftigt. Mit Musik zum Buch suchen. Trotzdem habe ich „Ace in Space“ von Judith und Christian Vogt weggesuchtet. Obwohl der Einstieg auf Grund des selbst entwickelten Slangs für mich holperte. Auch wenn alle Begriffe in den Klappen des Broschur-Bandes erläutert werden, war es manchmal anstrengend zu lesen.

Und dann, als ich mein „Ich habe ausgelesen“-Bild auf Instagram poste und mich im Beitrag beschwere, das dieses Buch mit einer Playlist ausgeliefert werden müsste, dann …
… reposted die Autorin meine Post in einer Story mit „Aber es gibt doch eine SpotifyPlaylist“.

Ja danke! Die passt auch noch richtig gut. Hätte ich das gewusst, wäre ich noch schneller durch die Seiten geflogen. Menno.


Infos zum Buch:

Judith und Christian Vogt

Ace in Space – Trident

Ach je Verlag im Amrun Verlag


Eine richtige Rezension und damit mehr zum Inhalt findet ihr bei Teilzeithelden.
Und damit es euch nicht so ergeht wie mir: hier findet ihr die Playlist zu Ace in Space!


Kleiner Hinweis: das ist nicht die erste Rezension zu einem Buch der „Vögte“ auf meinem Blog. Hier findet ihr mehr:

Feministische Musikgeschichte: Die Rache der She-Punks – Buch und Playlist

Buch von Vivien Goldman: Die Rache der She-Punks. Das Cover zeigt ein ikonisches Foto von Debbie Harry of Blondie, Viv Albertine - The Slits, Siouxsie Sioux, Chrissie Hynde - The Pretenders, Poly Styrene - X-Ray Spex  und Pauline Black - The Selector

Habe ich das Buch nun ausgelesen oder ausgehört? Wie zuletzt beim Punk-Roman von Tijan Sila habe ich auch »Die Rache der She-Punks« gleich mit einer Spotify-Playlist genossen. Vivien Goldman stellt jedem Kapitel eine thematisch passende Auswahl an Songs vorneweg: Girly Identity, Geld, Love/Unlove und Protest. Nette Menschen habe daraus Playlists kuratiert, was das Lesevergnügen enorm erhöht.

Ja, dieses Buch macht Spaß. Vivien Goldman erzählt lebendig, geradezu quirlig. Sie weiß genau, wann eine Anekdote das beste Mittel ist, eine Aussage zu unterstreichen. Sie vermittelt immer im passenden Moment theoretisches Hintergrundwissen zum Feminismus, zu Kreativität und zur Musikbranche. Aber vor allem gibt sie den Musikerinnen Raum und lässt sie erzählen. Denn Vivien Goldman kennt sie alle: Poly Styrene, Chrissie Hynde, Blondie, aber auch ESG, Neneh Cherry und Maid of Ace und Skinny Girl Diet. Also nicht nur die Heldinnen der ersten Stunde, sondern auch die, die folgten. Und nicht nur die, die Punk im Sinne von »3,2,1 Krach« spielen, sondern auch die, die mit der punkigen DIY-Haltung Musik machen. Und nicht nur die, die wir in Europa wahrgenommen haben, sondern zum Beispiel auch Bands aus Indien und Latein-Amerika.

Die große Überraschung an dem Buch sind die Querverbindungen, die Vivien Goldman findet. Mal in der musikalischen Herangehensweise, mal in den Bedingungen, unter denen die Musik entsteht oder im Ziel des Protests. Da wird schon deutlich, warum die Autorin den Spitznamen »Punk-Professorin« trägt. Sie verbindet das Musikwissen eines Nerds mit einem klugen Blick auf weibliche Realitäten und der klaren Mission, Frauen zu ermutigen, ihr Ding zu machen. Eindeutige Lese- und Hör-Empfehlung!


Infos zum Buch:

Vivien Goldman
Die Rache der She-Punks
Eine feministische Musikgeschichte von Poly Styrene bis Pussy Riot

Aus dem Englischen übersetzt von Vojin Saša Vukadinovic

Ventil Verlag

Und wenn ihr schon mal im Online-Shop des Ventil Verlags stöbert, werft noch einen Blick auf diese Bücher:

Punk as F*ck. Die Szene aus FLINTA-Perspektive.

Riot Grrrl Revisited.
Oder lest hier meine Rezension.

Our Piece of Punk.
Meine Meinung zum Buch hier


Noch mehr Krach:

Monarchie und Alltag – der Fehlfarben-Songcomic

Monarchie und Alltag. Fehlfarben Songcomic. Cover zeigt ein Spießer-Pärchen mit der LP in der Hand.

Als ich begann, Musik zu entdecken und nicht einfach nur zu hören, war »Monarchie und Alltag« von den Fehlfarben schon da. Allerdings dürfte es noch Jahre gedauert haben, bis ich die Platte zum ersten Mal am Stück gehört habe. Songs und Musikwissen kamen damals in Fragmenten zu mir. Deswegen war mir auch lange unklar, dass die NDW-Hymne »Ein Jahr (Es geht voran)« und das bewegende »Paul ist tot« von der gleichen Band sind. Jahrzehnte später war der Song »Kebabträume«, der bei ihnen »Militürk« heißt, für mich immer noch ein Tanzflächen-Magnet – egal, ob in der Version von DAF oder Fehlfarben.

2021 habe ich den Doku-Roman »Verschwende deine Jugend« gelesen. Die Düsseldorfer Szene um den Ratinger Hof nimmt darin viel Raum ein. Das Buch war für mich der Anlass, mich einmal quer durch die Werke deutscher Punk- und New-Wave-Bands zu hören. Erst dann entdeckte ich geniale Fehlfarben-Songs wie »All that heaven allows« für mich.

Von »Hier und Jetzt« bis zur »Apokalypse«: 11 Lieder, 11 Comics

So weit die Vorgeschichte, die ich sicherlich mit vielen teile. Sonst wäre wohl kaum eine Comic-Anthologie über die ikonische Platte erschienen, die alle 11 Songs würdigt.

Peter Hein und Thomas Schwebel erzählen darin recht lakonisch etwas zur Entstehungsgeschichte der Songs – so weit sie sich noch daran erinnern können. Die Comic-Zeichner*innen berichten kurz, was sie mit den Fehlfarben verbinden. Dann folgt ihre Interpretation eines Songs. In der Version von Nicolas Mahler entwickelt sogar das von mir ungeliebte »Ein Jahr (Es geht voran)« einen neuen Reiz! Doch die Highlights sind für mich der Bildertaumel von Ricaletto zu »Militürk«, der den Sog des Songs perfekt widerspiegelt, und die wilde, träumerische Reise, die Minou Zaribaf zu »Gottseidank nicht in England« erschuf. Ihre Bilder erzählen wie es damals war, als wir uns in unsere Zimmer einschlossen, Musik hörten und uns wirklich frei dabei fühlten.

»Das war vor Jahren« – und ist doch eine Platte für die Ewigkeit

Nur wenige der Comic-Zeichner*innen waren Fehlfarben-Fans von Anbeginn. Manche haben durch die Anfrage des Ventil-Verlags zum ersten Mal von der Band gehört. Und vielleicht ist dass das Erstaunlichste an »Monarchie und Alltag«: Diese Platte braucht nicht das richtige Jahrzehnt, sondern nur den richtigen Augenblick, dann ist alles wieder da: Frische, Wucht und Faszination, Eingängigkeit und Rätselhaftigkeit.


Infos zum Comic:

Gunther Buskies / Jonas Engelmann (Herausgeber)

Monarchie und Alltag
Ein Fehlfarben-Songcomic

Mit Comics von:

Frank Witzel: »Hier und jetzt«
18Metzger: »Grauschleier«
Anke Kuhl: »Das sind Geschichten«
Anna Sommer: »All That Heaven Allows«
Minou Zaribaf: »Gottseidank nicht in England«
Ricaletto: »Militürk«
Karolina Chyzewska: »Apokalypse«
Nicolas Mahler: »Ein Jahr (Es geht voran)«
Tine Fetz: »Angst«
Andreas Michalke: »Das war vor Jahren«
Markus Färber: »Paul ist tot«

Ventil Verlag


Verschwende deine Jugend“ – der Doku-Roman zu Punk und New Wave in Deutschland


Nico

Nico. Das Buch liegt auf schwarzem Stoff.

Lineares Erzählen würde Nico nicht gerecht. »Nico. Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist« versucht das auch erst gar nicht. Es ist keine Biographie, auch wenn Nicos Leben nacherzählt wird. Es ist kein Erklärungsversuch und auch keine Hommage. Es ist kein Werk über ihre Musik, auch wenn die Entstehung jeder Platte beschrieben wird und die Leser*innen mit auf ihre Konzerte genommen werden. Es ist ein düster schillerndes Kaleidoskop, gebildet aus vielen Einzelbeiträgen.

Natürlich können wir mit den Interviews, Konzertberichten, Erinnerungen, Gedichten und Fotos verfolgen, wie aus dem Mädchen Christa Päffgen zunächst das erste deutsche Supermodel, dann die Vevlvet-Underground-Chanteuse, die Schauspielerin und schließlich die Sängerin und Musikerin wurde. Und wie all das zusammen das Gesamtkunstwerk Nico ergab.

Doch vor allem ist das Buch ein Versuch, Nicos Aura zu ergründen und der Faszination nachzuspüren, die sie in ihren Fans und Wegbeleiter*innen weckte. Es ist ein Buch über das Phänomen Nico und das rechtfertigt den Umfang von über 600 Seiten. Kürzer wäre unvollständig.

See the way she walks
Hear the way she Talks

Femme Fatale – The Velvet Underground & Nico

Nico, eine Leinwand für die Träume anderer?

Nico zählt nicht zu meinen Heldinnen. Dafür war sie zu sehr Junkie. Deswegen näherte ich mich dem Mammut-Werk mit einer distanzierten Neugier. Vielleicht deswegen fiel mir beim Lesen vor allem eines auf: Nico war eine Projektionsfläche für die ungelebten Träume der anderen – insbesondere der Männer. Von den 68 Beiträgen im Buch stammen keine 15 von Frauen. Ich hätte mir eine andere Gewichtung gewünscht.

Ich kenne Nico nicht. Niemand kann Nico kennen.

S. 434: Albrecht Piltz – Blicke in die Finsternis

Mehr als fünf Minuten Ruhm

Hätte Nico Spaß gehabt an dem Buch? Wahrscheinlich nicht. Auch wenn sie eine Ikone der Popkultur ist, war sie an Popularität nicht interessiert. Wobei ich nach der Lektüre glaube, dass der Grund für dieses Desinteresse ein sehr eigener war. Warum hätte sie Energie in etwas stecken sollen, das sowieso vorhanden war? Sie konnte weder die Vorteile, die ihr aus ihrer Schönheit heraus zuflossen, noch die traumwandlerische Sicherheit, mit der sie immer die richtigen Menschen kennenlernte, sonderlich würdigen. Es war einfach etwas, das so zu ihr gehörte wie ihre dunkle Stimme, die uns bis heute fasziniert.


Weitere Infos zum Buch:

Manfred Rothenberger und Thomas Weber – Herausgeber
In Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg


Nico
Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist

Starfruit Publications


Jimi Hendrix, Bob Dylan, Leonard Cohen, Lou Reed, John Cale, Iggy Pop und Jim Morrison – Nico kannte sie alle. Aber es war Patti Smith, die im entscheidenden Moment etwas tat, was für Kontinuität in ihrem Leben sorgte: Sie kaufte ihr ein neues Harmonium, nachdem das alte geklaut wurde. Auch eine Geschichte, von der ich gerne mal in Pattis Büchern lesen würde!

Maifeld Derby Mannheim: 11 Gründe, das Musikfestival zu lieben

Grund 1: Der Wettergott ist ein guter Freund des Maifelds. Andere Festivals haben 37 Grad im Schatten, Sturm oder versinken im Matsch. Nicht so das Maifeld Derby Mannheim!

Maifeld Derby Wetter

Der zweite gute Grund: Es gibt Bands und Künstler*innen, von denen man nie geahnt hat, dass sie einem gefallen könnten. Musiker*innen, die man erst so wirklich ins Herz schließt, wenn man sie live erlebt hat. Das Maifeld Derby Mannheim bietet den perfekten Rahmen für solche Entdeckungen!

3: Bands, die man auf diesem Festival entdeckt, begleiten einen lange. Denn hier geht es nicht um One-Hit-Wonder, sondern um richtig gute Musik.

4: Jede der vier Bühnen hat ihre eigene Atmosphäre. Party im Palastzelt, Woodstock auf der Open-Air-Bühne, JUZ-Atmosphäre im Hüttenzelt und lauschiger Live-Club auf dem Parcours d’Amour.

Gemma Ray auf dem Maifeld Derby - Parcour d'Amour
Parcours d’Amour. Möglicherweise das Herzstück des Maifeld Derbys. Selbst dann, wenn Gemma Ray nicht am Start ist.

Grund Nummer 5: Das Publikum auf dem Maifeld Derby ist so entspannt, dass man eine 16-Jährige an ihrem Geburtstag zu ihrem allerersten Festival mitnehmen kann. Oder einen Toddler mit Gehörschutz auf dem Boden vor den Getränkeständen krabbeln lassen kann. Steine fand er übrigens ganz toll!

Kleinkind auf dem Maifeld Derby Festival. Mit Gehörschutz.

6: Was für die Kids gilt, gilt auch für Erwachsene: Ich bin noch nie auf dem Festival doof angemacht worden. Auch nicht damals, als ich drei Tage komplett alleine unterwegs war.

7: Wir müssen über Toiletten reden. Auf dem Maifeld Derby gibt es nicht nur vorbildliche Sanitäranlagen samt Deo zum Auffrischen – es gibt auch die allerbeste Klofrau, die dafür sorgt, dass sich Frauen beim Gang aufs Klo sicher fühlen. Steffi und Eddi, wir können euch nicht häufig genug loben!

8: Es gibt Freunde, mit denen man zu einem Hardcore-Gig gehen kann. Dann gibt es Freunde, bei denen nur ein Singer-Songwriter-Konzert passend erscheint. Wieder andere wollen abtanzen. Oder den allerneuesten heißen Scheiß entdecken. Oder eine Band hören, von der sie seit 10 Jahren schwärmen. Zum Maifeld-Derby geht man mit allen Freunden, denn die musikalische Bandbreite ist so enorm, dass alle glücklich werden.

Maifeld Derby Timetable. Wir machen einen Plan.
Der Versuch, für 5 Freunde einen Plan zu machen, kann nur mit Schorle vom Margarethenhof Forst gelingen.

9: Natürlich sind Festival-Pommes die zweitbesten Pommes nach jenen aus dem Freibad. Aber es gibt einfach alles: vegan, Bratwurst, Länderküche, Waffeln, Eis … und dieses Mal sogar französische Galette!

Pommes auf dem Maifeld Derby
Es gibt Pommes Baby! Und ja, das ist ein Pommes-Halter an meiner Hüfte.

10: Auf dem Maifeld Derby feiert nicht nur die Region – das Maifeld feiert die Region! Biere aus der Kurpfalz, Weine aus der Pfalz, schnuckelige Läden aus Mannheim – sie alle sind dort.

11: Das Maifeld bringt Besucher von anderswo, die Mannheim als Kulturstadt entdecken. Zwei Wochen nach dem Festival war ich in der Kunsthalle Mannheim. Mit Blick auf mein goldenes Eintrittsbändel am Handgelenk meinte ich, dass das Festival-Bändchen vom Maifeld gut dazu passen würde. Worauf die Kassenkraft der Kunsthalle meinte: Oh, am Samstag und Sonntag vom Maifeld Derby gab es diese Kombi öfters!

Maifeld Derby Festivalbändel an Weinschorle
Festivalbändel an Weinschorle

2017 habe ich schon mal über das Maifeld Derby Festival geschrieben. Passt immer noch. Literatur gibt es dort übrigens auch. Dieses Mal Tobias Ginsburg, der aus „Die letzten Männer des Westens. Antifeministen, rechte Männerbünde und die Krieger des Patriarchats.“ las. Einmal hat mich das Maifeld schon mal dazu gebracht, ein Buch zu lesen. Könnte dieses Mal wieder klappen!

Krach.

Tijan Sila - Krach

Punk in der pfälzischen Provinz – natürlich bleibe ich bei meiner Suche nach neuer Lektüre an so einem Buch hängen. Und doch wollte ich „Krach“ von Tijan Sila zunächst nicht lesen. Denn weder mit Punks noch mit Männern, die über ihr Erwachsenwerden schreiben, hatte ich gute (Lese)Erfahrungen gemacht. Ihr Blick auf Frauen brachte mich regelmäßig auf die Palme und was das Macho-Gehabe gewisser Männer in der Punk-Szene angeht … lest einfach die klugen Beiträge von Diana Ringelsiep wie Sexismus geh sterben und verfolgt #punktoo

Dass es das Buch dann doch auf meine Leseliste geschafft hat, habe ich zweierlei zu verdanken. Einmal dem Leuchten in den Augen von Florian Valerius, dem Literarischen Nerd, als er Tijan Sila interviewte. Und Bri vom Blog Feiner reiner Buchstoff, deren Blick auf Bücher von Männern meinem ähneln dürfte, und die „Krach“ begeistert anpries.

Die zwei haben sich nicht geirrt. „Krach“ von Tijan Sila ist großartig und zählt für mich zu den besten Büchern, die ich 2021 gelesen habe.

Ich will doch nur Musik machen – muss ich wirklich erwachsen werden?

Dabei wird sich in der Geschichte entsetzlich viel geprügelt. War das in den Baseballschläger-Jahren in der Pfalz wirklich so? Da ich in friedensbewegten Jahren aufgewachsen bin, weiß ich das nicht. Aber mit den Gewaltszenen hat es Tijan Sila geschafft, mir verständlich zu machen, wie und warum solche Prügeleien entstehen. Diese Mischung aus Grenzen ziehen, Langeweile, für seine Werte einstehen und Lust auf den Adrenalin-Kick … ich konnte es nachvollziehen.

Es steckt zudem viel Heimat in dem Buch. Auch dieses Thema geht Tijan Sila mit einer vielschichtigen Klugheit an. Heimat, das ist die Punkszene und der Pfälzer Dialekt. Das sind die toleranten Eltern und die nervenden Zwillingsmädchen. Das ist die Band und die Freundin, die mit der Musik nichts anfangen kann. Das sind die besetzten Häuser und der gemeinsame Kampf gegen Nazis. Klingt vertraut? Ist es und ist es doch nicht. Denn Gansi und seine Familie sind Kriegsflüchtlinge. Daher muss er für sich ein paar Identitäten mehr aushandeln. Dabei würde er doch viel lieber einfach nur Musik machen.

Mein feministisch bewegtes Herz gewonnen hat Tijan Sila mit seinen Frauenfiguren. Nicht nur mit Ursel, der „Kommandantin“ der Band, und den klebrig-lästigen kleinen Schwestern. Es gibt keine unwichtigen weiblichen Nebenrollen in dem Buch, denn jede Frauenfigur hat Tiefe und einen eigenständigen Charakter. Gansi lernt viel von ihnen – aber nie hatte ich das Gefühl, dass der Autor eine Frauenfigur verwendet, damit seine Hauptfigur endlich im Leben vorankommt.

Überhaupt diese Fülle an Figuren, jede davon exakt ausgearbeitet. Wer aus der Provinz kommt, kennt das: Cool sein ist in der Großstadt leichter, weil man sich dort seine Blase suchen kann. Auf dem Dorf hingegen muss man mit seinen Mitmenschen auskommen. Selbst wenn es sich um Vollprolls handelt, die die falsche Musik hören. Nur mit Nazis kann man nicht auskommen. Auch nicht, wenn es der Bruder der Band-Chefin ist. Doch genau deswegen steckt so unglaublich viel echtes Leben in den 270 Seiten.

Die vielen großen Themen machen mein Vergnügen am Lokalkolorit schon fast zu einem Guilty Pleasure. Aber ich habe mich wirklich über jedes Wiedererkennen einer Pfälzer Kleinstadt und über jede pfälzische Redewendung gefreut. Darüber, dass die Punks für die guten Konzerte nach Straßburg oder Köln fahren und für die mittelguten in meine Heimatstadt Mannheim. Dass der Jungbusch und das Odeon-Kino vorkamen. Und dass die Tatsache, dass eine Band schon mal in der Musikzeitschrift Spex erwähnt wurde, ein ehrfürchtiges Kopfnicken hervor ruft. Auch ich hatte ein Abo.

„Krach“ ist laut und schnell, rotzig und hintersinnig, witzig und bissig. Es wird getragen von der feinen Beobachtungsgabe des Autors und von viel Respekt vor und Liebe zu den Menschen. Ein einzigartiges Lesevergnügen – danke an alle, die es mir so nachdrücklich ans Herz gelegt haben!


Infos zum Buch:

Tijan Sila

Krach

Kiwi Verlag

Rezension beim Krachfink und beim Tagesspiegel


Playlist zum Buch auf Spotify


Verschwende deine Jugend ist natürlich das Buch, das besonders gut dazu passt:

Sänger müssen zweimal sterben

Peter Pannke - Sänger müssen zweimal sterben. Reisereportage und Erfahrungsbericht. Hintergrundwissen zur traditionellen Musik Indiens.
Das Buch liegt auf einem indischen Tablet.

Ob ganz Indien mit seinen Menschenmassen, Rikschas Motorrädern, Tempeln, Affen und was noch alles zur Geräuschkulisse beiträgt, wirklich Musik ist, wie der Klappentext behauptet? Ich wage es zu bezweifeln. Aber dass Indien einen eigenen intensiven Klang hat, bekommt sogar eine Touristin wie ich mit.

Peter Pannke hat das Land deutlich intensiver erlebt, als mir das damals in drei Wochen Urlaub gelingen konnte. Er hat lange mit der Sängerfamilie Mallik gelebt, die über 200 Jahre dem Maharadscha von Darbhanga als Hofmusiker gedient hatte. An diese Zeit und an alles, was daraus entstand, erinnert er sich, als er anlässlich einer Beerdigung versucht, in das von schweren Regenfällen überflutete Nordindien zu gelangen.

„Sänger müssen zweimal sterben“ ist ein wunderbar intensives Buch. Eines, das gar nicht erst versucht, Indien zu erklären. Stattdessen lässt uns Peter Pannke teilhaben an seinen Erfahrungen und erlaubt uns damit ein sehr direktes, sinnliches Erleben.

Entdeckt habe ich das Buch, das nicht mehr aufgelegt wird, in einem Lehrbuch zur Musikethnologie, dass ich hier besprochen habe. Gehofft hatte ich auf Erklärungen zu Ragas und zu der traditionellen indischen Musik, die ich sehr schätze, aber nicht verstehe. Bekommen habe ich sehr viel mehr: eine Indienreise, die von der Musik getragen wird und tiefe Einblicke in den Alltag der Menschen erlaubt.

Zuallererst ist Indien ein Geruch. Blitzartig findet er seinen Weg ins Stammhirn. Als nächstes ertönen Geräusche, dann flackern Bilder auf. Sehen kommt später, Denken zuletzt.

Peter Pannke – Einleitung zu seinem Buch „Sänger müssen zweimal sterben“

Weitere Angaben:

Peter Pannke
(Infos zum Autor )

Sänger müssen zweimal sterben
Eine Reise ins unerhörte Indien

Piper Malik


Ein Buch, das gut dazu passt: Ilja Trojanow – An den inneren Ufern Indiens

Von Hausbesetzern und genialen Dilletanten: Käthe Kruse erzählt aus ihrem Leben

Cover des E-Books "Lob des Imperfekts" von Käthe Kruse. Darin erzählt unter anderem über die Bewegung der Genialen Dilletanten

Zu „Lob des Imperfekts“ von Käthe Kruse habe ich gegriffen, weil ich auf Hintergrundinfos gehofft hatte: zu der Gruppe „Die tödliche Doris“, zu Punk in Deutschland in den 80er Jahren und zu all den Menschen, die damals als „Geniale Dilletanten“ unterwegs waren. Bekommen habe ich etwas anderes als erwartet und eigentlich viel mehr.

Musik, Kunst und Wohnen sind die Themen, zu denen Käthe Kruse berichtet. Das sagt zumindest der Untertitel. Doch da sich all das nicht trennen lässt, erzählt sie aus ihrem Leben. Dabei empfand ich im ersten Teil des Buches, der von ihrer Zeit mit der Band „Tödliche Doris“ und dem Festival „Geniale Dilletanten“ handelt, ihre Erzählhaltung als distanziert-amüsiert. Wesentlich überraschender war für mich der Werkstattbericht im nächsten Kapitel, in dem sie anhand der Mariakissen erklärt, wie sie zusammen mit Nikolaus Utermöhlen und Wolfgang Müller Kunst und Musik gemacht hat.

Wirklich gepackt hat mich der dritte und letzte Teil über ihr Leben in den besetzten Häusern in der Manteuffelstraße 40 und 41 in Berlin Kreuzberg. Ein so reflektierter Blick auf die Hausbesetzerszene und ihre Versuche, neu Formen von Zusammenleben und Arbeiten, Bauen und Wohnen zu entwickeln, war mir bisher nicht begegnet.

Vielleicht kann ich mir jetzt ein bisschen besser vorstellen, wie sich das Leben damals in Berlin angefühlt hat. Die Musik und die Performances der Band „Die Tödliche Doris“ hingegen bleibt für mich das, was sie schon vor der Lektüre war: ein Faszinosum, dass ich nie so ganz verstehen werde, einfach weil ich sie nicht live gesehen habe.


Infos zum Buch:

Käthe Kruse
Lob des Imperfekts
Kunst, Musik und Wohnen im West-Berlin der 1980er

mikrotext

Rezension im von mir sehr geschätzten Missy Magazin.


Noch ein Hinweis zur Legendenbildung: Offensichtlich war Blixa Bargeld der erste, der die Bezeichnung „Geniale Dilletanten“ verwendete. Wahrscheinlich auf einem Badge, einem Anstecker, dem Meme-Generator der Punk-Ära. Ob die Schreibweise Dilletanten statt Dilettanten nun eine geniale Idee oder ein genialer Fehler war – das wird sich wohl nie klären.


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