Leben auf dem Dorf – gestern und heute

In Deutschland leben rund 30% der Menschen in Großstädten über 100.000 Einwohner und rund 50% im ländlichen Raum. Die gleiche Statistik anders erzählt: 77 Prozent der Menschen leben in Deutschland in Städten oder Ballungsgebieten, aber nur 15 Prozent in Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern. Das wäre ein Einstieg in die Rezension des erschlagend gründlichen und trotzdem gut lesbaren Sachbuchs „Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute.“ Ein anderer wäre, von den beiden besten öffentlichen Bücherschränken zu erzählen, die ich kenne. Der eine steht nahe Mannheim, aber in ländlicher Struktur. Der andere im Odenwald in einem Dorf, das bei rund 4000 Einwohnern auf über 50 aktive Vereine kommt. Bei beiden Bücherschränken habe ich den Eindruck, dass sie nur so gut funktionieren, weil sich die Menschen vor Ort stärker für ihre Gemeinde engagieren. Dorf, das ist für Stadtkinder wie mich meist auch ein Sehnsuchtsort. Der Gegenspieler der Sehnsucht lautet Angst vor Kleingeistigkeit und zu…

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Mehr als Gras: Was wir alles über Wiesen nicht wissen

Wenn man eine Wiese mit den Augen von Jan Haft betrachtet, gleicht sie einem Miniaturdschungel. Ein Universum mit einer Vielzahl an Gräsern und Kräutern, Insekten und Bodenlebewesen und kleinen Säugetieren. Darüber am Himmel kreist der Mäusebussard. Doch solche Wiesen sind selten geworden. Mir war zwar bewusst, dass eine Wiese den Menschen braucht. Ohne Mahd verbuscht sie und wird zu Wald. Aber warum das so ist, was große, längst ausgestorbene Tiere damit zu tun haben und warum Dünger zu einem Verlust von Artenreichtum führt, das habe ich erst mit dem Buch so richtig verstanden. Was wir heute kennen, sind Rasenflächen mit Gänseblümchen, Kuhweiden voller Löwenzahn oder Blühstreifen am Feldrand. Warum all das ein netter Anblick, aber kein Ersatz für eine artenreiche Wiese ist, erklärt Jan Haft mit Nachdruck und Begeisterung. Tief in ihm drin steckt immer noch der kleine Junge, der über die Wiesen am Haus gestreift ist und Tiere beobachtet hat. Diese Leidenschaft lebt er…

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Die Natur der Zukunft – wie wird sie aussehen?

In der Natur der Zukunft zählt der Kuckuck zu den Verlierern. Als Zugvogel orientiert er sich an den Taglängen. Doch was sich Jahrhunderte lang bewährt hat, wird im Klimawandel zum Problem. Wenn der Kuckuck jetzt aus dem Winterquartier zurückkommt, brüten seine Wirtsvögel schon längst und er kann ihnen keine Eier mehr unterschieben. Denn die Vögel, die hier überwintern, orientieren sich am Nahrungsangebot. Milde Winter bringen es mit sich, dass es früher Insekten gibt, mit denen man die Jungen füttern kann. Also wird eher gebrütet! Das ist noch ein relativ einfaches Beispiel für die Verwicklungen, die ein sich erwärmendes Klima mit sich bringt. Doch egal, wie komplex die Sachlage ist: Bernhard Kegel erklärt alles. Wirklich alles. Seine spezielle Mischung aus Storytelling, eigenen Beobachtungen und wissenschaftlichen Studien sorgt dabei nicht nur für Anschaulichkeit. Bernhard Kegels Sachbücher sind spannend und erzeugen einen Lesefluss, bei dem manch ein Roman nicht mithalten kann. Ein klein wenig ist ihm diesmal die…

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Sind Bananen schlimm? Über 100 konkrete Beispiele für unseren CO2-Abdruck

Was ist besser für Umwelt und Klima: Apfel oder Banane? Papierhandtuch oder Händetrockner? E-Book oder gebrauchtes Taschenbuch? Wer sich jetzt denkt „Woher soll ich das wissen?“ dem empfehle ich das Sachbuch „Wie schlimm sind Bananen? Der CO2-Abdruck von fast allem.“ Allen anderen empfehle ich das Buch erst recht. Mike Berners-Lee, Autor von „Es gibt keinen Planet B.“, gibt uns mit seinem Buch Entscheidungshilfen für das alltägliche Leben an die Hand. Seine Herangehensweise stellt, da er sämtliche Berechnungen transparent macht, die Leser zufrieden, die alles selbst nachprüfen wollen. Gleichzeitig sind seine Erklärungen eine große Hilfe für Menschen wie mich, die einfach nur schnell zu vernünftigen Konsumentscheidungen kommen wollen. „Ich wollte helfen, dass wir einen CO2-Instinkt entwickeln“ schreibt Mike Berners-Lee in seinem Vorwort. In meinem Fall ist ihm das gelungen! Beim Lebensmitteleinkauf kann eine Checkliste für vernünftigere Kaufentscheidungen zum Beispiel so aussehen: Kam es mit dem Flugzeug? Ist es industriell verarbeitet? Wurde es lange im Kühlhaus gelagert?…

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Mehr, als ich jemals über Ernährung wissen wollte: How not to diet

„How not to diet“ ist ein Mammutwerk mit 751 Seiten über gesunde Ernährung, die dazu beiträgt, nicht übergewichtig zu werden. Gefühlt kommen in dem Buch auf jede Aussage drei wissenschaftliche Studien, wovon eine gleich widerlegt, eine kritisch hinterfragt und die dritte anerkennend zitiert wird. Die Fülle an Fakten und ihre Einordnung hilft, Lobby-Arbeit von echter Forschung zu unterscheiden. Doch das ist zugleich die Stärke und die Schwäche des Buches. Auf der einen Seite gibt es allen Lesern das Rüstzeug an die Hand, sich zukünftig alleine im Dschungel der Ernährungsempfehlungen zu orientieren. Das ist großartig. Aber ob es dafür wirklich ein Bootcamp von fast 800 Seiten gebraucht hätte? So lässt mich der Ratgeber etwas ratlos zurück. Weniger Fleisch, mehr Gemüse und nach Möglichkeit keine industriell verarbeiteten Lebensmittel – das war mir auch schon vorher bekannt. Jetzt weiß ich bis uns kleinste Detail, warum diese Empfehlungen richtig sind. Auch schön. Ich hätte das Buch recht bald wieder…

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Die Zwanziger Jahre – wild und weltweit

Die Zwanziger Jahre! Berlin! Ja, klar, kennen wir. Aber eben auch Paris, Wien und Moskau. Genauso wie Chicago, Tokio und Shanghai. In kleinen, locker zu lesenden Kapitel-Häppchen zeigt dieser Bildband, das jede Ecke der Welt ihre eigenen Zwanziger Jahre erlebte. Das weiße Amerika begann den Jazz zu entdecken; das schwarze Amerika mit der Harlem Renaissance ein neues Selbstbewusstsein unter dem Motto „New negro“. In Berlin flanierten die Flapper und in Japan die „Modan Garu“, kurz Mogas genannt. In Moskau entstanden die Arbeiterklubs und in Italien wurde das dritte Rom gebaut. Ja, aber ist das nicht arg verkürzt? Ja, ist es. Aber dafür prall und lebendig. Dieses Buch funktioniert wie eine Revue-Show – perfekt für Menschen, die bildgewaltige Erzählungen lieben. Es richtet das Scheinwerferlicht mal auf dieses, mal auf jenes Phänomen. Manche davon sind erfreulich, manche erstaunlich und andere führten zu Katastrophen. Das unüblich wirkende Buchkonzept hat mich überzeugt. Mit den vielen kurzen und kurzweiligen Kapiteln…

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Alte Wege. Einfach losgehen? Von wegen.

Wir kamen nicht zusammen, dieses Buch und ich. Dabei ist es in einer schönen klaren, exakten und zugleich poetischen Sprache geschrieben. Zudem handelt es vom Draußen sein, vom Wandern und Gehen. Auch davon, dass alles zusammenhängt – das Gestern mit dem Heute, jeder Mensch mit jedem anderen, die Sprache mit der Welt und einfach alles mit der Natur. Es hätte exakt mein neues Lieblingsbuch aus dem Genre Nature Writing sein können. Doch ich wollte den Erzähler mehr als einmal schütteln. Hätte er nicht wenigstens ein einziges Mal einfach loslaufen können, ohne vorher fast vergessene Dichter und Denker zu zitieren? Einfach nur losgehen, ohne zuerst Wochen in Bibliotheken zu verbringen? Einmal den ersten Schritt machen, ohne vorher noch gälische Verse zu zitieren? Er konnte nicht. Weswegen ich die Lektüre abgebrochen haben. Schade, zumal mir ein anderes Buch von ihm hervorragend gefallen hat: Robert Macfarlane – Karte der Wildnis. Angaben zum Buch: Robert MacfarlaneAlte Wege Übersetzt von…

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Der Deutsche Sprachverein und sein Kampf gegen Fremdwörter

Das Buch beginnt grandios mit der Lebensgeschichte des Generalpostmeisters Heinrich Stephan (1831 bis 1897). Seine Mission war es, eine einheitliche und verständliche Terminologie für das frisch vereinte deutsche Postwesen zu schaffen. Einschreiben statt rekommandiert oder Umschlag statt Couvert sind nur zwei Beispiele dafür. Auch bei der Bahn gab es viel zu tun: Aus dem französischen Billet wurde damals eine deutsche Fahrkarte. Womit auch die Hauptschlagrichtung der Sprachpfleger klar wird: Es galt, französische Begriffe zu vermeiden. Was mehr mit der Haltung gegenüber dem „Erzfeind Frankreich“ als mit der tatsächlichen Verständlichkeit zu tun hatte. Denn „Dame“ war auch damals kein unübliches Wort, wurde aber trotzdem vom „Allgemeinen Deutschen Sprachverein“ bekämpft. Sendungsbewusstsein und Nationalismus: der „Allgemeine Deutsche Sprachverein“ Der Sprachverein war ein Männerbündnis, getragen von Beamten, Lehrern, Dozenten. Bildungsbürger, deren Horizont von Goethe und den alten Griechen bestimmt wurde. Männer, die an das „genuin deutsche Denken und Fühlen“ glaubten. Undiplomatischer ausgedrückt: Patriarchen, Chauvinisten, Nationalisten und Rassisten. Ein ähnlicher…

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Rettet die Berge (vor Menschen wie mir)

Es sind einfach zu viele Menschen, die in die Berge wollen. Wer einmal beim Wandern die Route erwischt hat, die im Zickzack unter dem Skilift auf den Berg führt, weiß, wovon Reinhold Messner in seinem Buch „Rettet die Berge!“ spricht. Im Sommer sind die Abfahrtshänge eine öde Mondlandschaft, im Winter überfüllt. Bergsehnsüchte stillen diese Brachen nicht. Wer Ruhe und Einsamkeit in den Bergen sucht, muss suchen. Wandern in Gruppen, Gipfelbesteigung im Gänsemarsch und Downhill-Fahrten in einem Tempo, dass der Mountainbiker die Landschaft nicht mehr wahrnehmen kann – das ist alpine Normalität. Es gibt also viel zu beklagen, was Messner eloquent und wohlklingend tut. Aber wie sieht es mit den Lösungen aus? Wer braucht Lösungen, wenn er Geschichten haben kann? Der Mensch möge sich bescheiden, der Massentourismus eingedämmt werden und ein Ehrenkodex für Bergsteiger soll es richten. Konkreter wird Messner nicht. Aber das Buch hat ja auch nur 140 Seiten. Die sind schnell gelesen und halten…

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Die Rolle, der Kobold und meine Faszien

Es gibt etwas, was die Faszienrolle von anderen Fitness-Moden unterscheidet: Sie hat sich in meinem Alltag bewährt. Während das Theraband zusammengeknüllt in der Ecke liegt, die Hantelbank vor sich hin staubt, kommt die Faszienrolle immer mal wieder zum Einsatz. Kurz. Zum Auflockern zwischendurch. Insbesondere dann, wenn der obere Rücken Alarm schreit, weil ich zu lange starr am Schreibtisch saß. Aufstehen, rumrollen, dehnen. Das verbessert die Durchblutung, lockert die Muskulatur und macht den Kopf frei. Schön, oder? Wenn da nur nicht dieser Nörgel-Kobold in mir wäre: Die Rolle kann noch viel mehr. Du trainierst nicht richtig. Der Nörgel-Kobold hat nämlich einen Fitness-Ratgeber gelesen. Ok, ich habe das Buch gelesen und er hat dabei gut aufgepasst. „Faszien verstehen“ von Gerd Gradwohl ist das Fachbuch für alle, die nicht nur hin und her rollen wollen. Hier wird gründlich erklärt, warum und wie das Training mit der Faszienrolle wirkt. Immerhin rolle ich seitdem viel öfter. Nicht nur mit der…

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Ein Ritt durch die DDR-Kultur. Mittendrin: wir Leser.

Wie viel Gegenkultur steckte in der Kultur der DDR? Das ist eine Fragestellung, die sich mein westlich geformtes Gehirn nicht gestellt hätte, wenn nicht dreierlei gewesen wäre: Die Begegnung mit Kinderbüchern wie „Ede und Unku“, die in den Paketen meiner Ost-Verwandtschaft steckten, mit denen sie sich für unsere West-Päckchen bedankten. Die ausführliche Reportage im Deutschlandfunk über Punks in der DDR, anlässlich des Erscheinens des Samplers „Too Much Future – Punkrock GDR 1980-1989“. Und das bemerkenswerte Buch von Marko Martin „Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens.“ Staatskunst, Gegenkultur oder einfach nur Lesevergnügen? Marko Martin versucht erst gar nicht, eine Literatur- und Kulturgeschichte der DDR zu schreiben. Er, der in der DDR aufgewachsen ist und sie im Mai 1989 verlassen konnte, geht stets von seinem eigenen Leseerlebnis aus. Er erinnert sich, wie er selbst ein Buch, ein Film, ein Bild wahrgenommen hat. Von dort aus öffnet er den Blick: Wie sieht er…

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Besser als gute Vorsätze: Haikus schreiben.

Mehr schreiben gehört sicherlich nicht zu meinen guten Vorsätzen für das neue Jahr. Ich schreibe so viel wie noch nie in meinem Leben, vor allem über Bücher – nur eben beruflich. Auch „mehr bloggen“ wird es nicht auf die Liste der guten Vorsätze schaffen, denn es gibt Corporate Blogs, die von mir gefüllt werden wollen. Ich werde also sowieso mehr bloggen – nur nicht unbedingt auf meinen eigenen Blogs. Trotzdem drehen sich viele meiner Überlegungen, was ich nächstes Jahr verändern möchte, um das Schreiben. Nicht mehr, sondern anders schreiben. Dabei bin ich sehr zufrieden damit, wie sich meine Rezensionen, die ja keine sind, entwickelt haben. Im Mittelpunkt aller Buchbesprechungen steht bei mir die Frage „Was hat dieses Buch mit mir gemacht?“. Ich möchte mich nicht hinter Stil-Analysen und einer Einordnung des Werkes in den Buchmarkt, wenn nicht sogar in die Literaturgeschichte, verstecken. Mich interessiert das Zusammenspiel von Buch und Leserin. Warum habe ich zu diesem…

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