Radikale Selbstfürsorge

Manchmal bedeutet radikale Selbstfürsorge, sich ins Bett zurückzuziehen und ein Buch zu lesen, das einem einfach nur gut tut. Einen Ratgeber, der nicht zur Selbstoptimierung, sondern zu Nachsicht rät. Der uns daran erinnert, viel häufiger nett zu uns zu sein. Nicht, weil wir es verdient haben, sondern weil es egal ist, ob wir es verdient haben. (Nebenbei bemerkt: Wer sich gut um sich selbst kümmert, kann sich auch besser um andere kümmern. Nützlicher Nebeneffekt, aber nicht der Hauptgrund, warum wir Selbstfürsorge ernst nehmen sollten.) Wir brauchen Pausen nicht erst dann, wenn wir überarbeitet, müde und ausgelaugt sind. Erholungsphasen sind ein Menschenrecht. Was radikale Selbstfürsorge nicht ist … Genau in einer solchen Phase könnten wir statt zu einem teuren Wellness-Drink zu einem Buch wie „Radikale Selbstfürsorge. Jetzt!“ von Svenja Gräfen greifen. Einfach so, ohne eine Duftkerze anzumachen. Oder was auch immer der bunte kapitalistische Warenmarkt für solche Momente anpreist. Wir könnten uns einkuscheln und lesen. Häppchenweise,…

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Das Geheimnis des Atmens – eine Einführung in Pranayama

Wie sehr mir die letzten zwei Jahre die Luft abgeschnürt haben, habe ich erst gemerkt, als ich das schmale Büchlein „Das Geheimnis des Atems“ von Sriram gelesen habe. Darin erklärt er die Grundzüge des Pranayama, einem wichtigem Bestandteil des Yoga. Früher wurde das gerne mit Atemkontrolle übersetzt. Aber Vertiefung des Atems durch Achtsamkeit trifft es besser. Wichtige Werkzeuge sind dabei die Atembeobachtung, längeres Ausatmen und das Verweilen in der Atemstille, dem Wendepunkt zwischen Ein- und Ausatmen. Da all das für mich nicht neu ist, fand ich es eine gute Idee, gleich mit der Wechselatmung zu beginnen. Diese Atemübung ist mir aus früheren Yogastunden vertraut. Das sollte klappen. Nun, es wurde eine Übung im lehrreichen Scheitern. Auch willkommen. Also zurück zu den Anfängen. Was mir in diesen bedrückenden Tagen am besten hilft, ist mich auf meine Nasenspitze zu konzentrieren und zu beobachten, wie der Atem dort einströmt. Wenn ich dann die Reise meines Atems durch den…

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Das Buch über das Älterwerden

Keine Lektüre hat mich in diesem Jahr so berührt wie Lucy Pollocks Sachbuch über das Älterwerden. Gerade weil es mir im positiven Sinne so nahe ginge, fühlte ich mich lange Zeit nicht in der Lage, darüber zu bloggen. Jetzt will ich es versuchen, denn es ist ein Buch, dem ich so viele Leserinnen und Leser wünsche, wie nur möglich. Dr. Lucy Pollock ist Fachärztin für Geriatrie. Kenntnisreich vermittelt sie den neuesten Stand der Forschung. Dabei verliert sie nie den Kontakt zum ganz normalen Alltag der Senior:innen und den Sorgen der Angehörigen. Doch das ist es nicht, weswegen mich ihr Buch so begeistert. Auch nicht die Tatsache, dass sie begnadet gut und abwechslungsreich erzählt. Was das Buch auszeichnet, ist die Haltung der Autorin zu ihrem Thema. Lucy Pollock ist jemand, der die alten Menschen ins Herz geschlossen hat und sie so annimmt, wie sie sind. Gebrechlich und willensstark, schusselig und voller Erfahrung, kämpferisch und ängstlich, lebensklug…

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Sänger müssen zweimal sterben

Ob ganz Indien mit seinen Menschenmassen, Rikschas Motorrädern, Tempeln, Affen und was noch alles zur Geräuschkulisse beiträgt, wirklich Musik ist, wie der Klappentext behauptet? Ich wage es zu bezweifeln. Aber dass Indien einen eigenen intensiven Klang hat, bekommt sogar eine Touristin wie ich mit. Peter Pannke hat das Land deutlich intensiver erlebt, als mir das damals in drei Wochen Urlaub gelingen konnte. Er hat lange mit der Sängerfamilie Mallik gelebt, die über 200 Jahre dem Maharadscha von Darbhanga als Hofmusiker gedient hatte. An diese Zeit und an alles, was daraus entstand, erinnert er sich, als er anlässlich einer Beerdigung versucht, in das von schweren Regenfällen überflutete Nordindien zu gelangen. „Sänger müssen zweimal sterben“ ist ein wunderbar intensives Buch. Eines, das gar nicht erst versucht, Indien zu erklären. Stattdessen lässt uns Peter Pannke teilhaben an seinen Erfahrungen und erlaubt uns damit ein sehr direktes, sinnliches Erleben. Entdeckt habe ich das Buch, das nicht mehr aufgelegt wird,…

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Kunst sehen – eine Schule des Wahrnehmens

20 Sekunden. Es gibt Zahlen, die gehen mir nicht aus dem Kopf. Seit ich gelesen habe, dass Museumsbesucher im Schnitt nur 20 Sekunden vor einem Kunstwerk verweilen, beobachte ich mich beim Betrachten von Kunst. Wie schaue ich mir Bilder eigentlich an? Was nehme ich wahr, woran bleibt mein Blick hängen? Und wie oft lese ich zuerst das Erklärungsschild? Denke mir dann „Ah, ein typischer Cézanne!“ und gehe weiter zum nächsten Bild? Wobei ich bei Cézanne nie einfach weitergehe. Deswegen war das der erste Band aus der Serie „Kunst sehen“ den ich mir angeschafft habe. Ich sage es gleich: weitere werden folgen, denn diese Kunstbuch-Reihe ist bemerkenswert. Was sind die ersten Gedanken, wenn ich ein Bild betrachte? Häufig kreisen sie um Fragen wie „Wer hat es gemalt?“, „Was stellt es dar?“ und „Welcher Stil ist das?“. Ich aktiviere meine Erfahrung mit Kunst und gelange sehr schnell zur finalen Frage: Was will mir das Kunstwerk sagen? Michael…

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Bäume in der Kunst

Der nüchterne Titel „Bäume in der Kunst“ täuscht. Der kleinformatige Bildband mag minimalistisch daher kommen, doch in Wahrheit ist er ein Buchjuwel. In exzellenter Druckqualität zeigt er uns über 100 Baumbilder – Gemälde, Grafiken und Fotos von bekannten Künstlerinnen und Künstlern wie Georgia O’Keeffe und Van Gogh und (mir) weniger bekannten wie Claire Cansick und Paul Nash. Durch die kluge Zusammenstellung, die zurückhaltenden, informativen und stimmigen Texte und die gelegentlich eingestreuten Zitaten entsteht eine Atmosphäre, die sich wirklich mit der eines Waldspaziergangs vergleichen lässt. Dann fühlt sich das Buch so an, wie Tschechow den Wald beschreibt: Im Wald spürt man die Gegenwart Gottes. Anton Tschechow – zitiert in „Bäume in der Kunst“ Prächtige Baumsolitäre, dunkle Wälder, lichte Feldränder. Bäume am Meer, im Gebirge und Hausbäume. Kastanien in voller Blüte und verbrannte Bäume auf Schlachtfeldern. Ab und an mal ein Tier oder in der Ferne ein Haus. Menschen? Brauchen die Bäume nicht. Aber wir brauchen sie.…

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Wie die Industrie nach Mannheim kam

Auch wenn es mir nicht so vorkommt: Meine Heimatstadt Mannheim ist eine Industriestadt. Doch wie wird eine Stadt, die um 1875 noch keine 50.000 Einwohner hatte und einem eher beschaulichen Rhythmus folgte, binnen weniger Jahrzehnte zur Heimat so vieler Unternehmen und Menschen? Davon erzählt das Buch „Wie die Industrie nach Mannheim kam“ und verknüpft die Geschichte des industriellen Wandels eng mit der Biographie Friedrich Engelhorns. Er hatte in Mannheim schon viele Betriebe gegründet, so eine Fabrik für „Portatives Gas“ und eine Zinkhütte im Jungbusch. Doch er hatte Größeres vor. Wäre das Mannheimer Bürgertum nicht dagegen gewesen, stünde die BASF heute dort, wo jetzt das Nationaltheater steht, und würde sich über den Luisenpark am Neckar entlang bis nach Seckenheim ausdehnen. Unvorstellbar, oder? Doch dieses Detail war nicht das Einzige, was mir, einer Mannheimer Ingenieurstochter die sich sehr für Industriekultur interessiert, neu war. Ob frühe Schwefelsäureproduktion im heutigen Vorort Wohlgelegen, die Bedeutung von Finanziers wie Salomon Aberle…

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Meine Suche nach dem ultimativen Motivationsbuch geht weiter

Natürlich sollte ich mehr Sport machen. Da ich mich gerne bewege, dürfte das ja auch kein Problem sein. Ist es aber doch. Denn erstens strenge ich mich ungern an und zweitens bekomme ich keine Regelmäßigkeit in mein Training. Der Titel „Kein Sport ist auch keine Lösung. Das ultimative Motivationstraining für Bewegungsmuffel“ klang bei dieser Ausgangslage sehr vielversprechend. Gleich im Einstiegskapitel erzählt Kerstin Friedrich so herzerfrischend offen davon, wie sie mit 60 Jahren durch eine Wette zum Sport fand, dass ich mir dachte: Dieses Buch und ich, das wird was. Dass es dann anders kam, liegt sicherlich auch daran, dass ich mit gleichförmigem, diszipliniertem Training ein Problem habe. Deswegen wollte ich den Ratgeber ja lesen! Doch wir fanden nicht zusammen. Kerstin Friedrich ist jemand, der bereit ist, sich stur zu quälen. Die Vorfreude auf das, was sie danach kann, nämlich lange Radreisen unternehmen und an Laufwettkämpfen teilnehmen, ist ihr Motivation genug. Alle anderen lockt sie mit…

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Kopf frei: wie wir unserem gestressten Gehirn helfen können

Mein Gehirn ist nicht schuld. Ob ich in der Küche stehe und mich nicht erinnern kann, was ich holen wollte, zum wiederholten Male Instagram öffne oder ob ich drei Schritte weg vom Auto schon nicht mehr weiß, ob ich es abgeschlossen habe: Diese Zerstreutheit hat nichts mit dem Zustand meines Gehirns zu tun. Es mangelt mir auch nicht an Aufmerksamkeit, denn aufmerksam sind wir immer. Vielmehr liegt es an der Art und Weise, wie ich mit meinem Gehirn umgehe, und an fehlendem Wissen darüber, was es braucht, um seine Arbeit gut zu erledigen. Die gute Nachricht daran: Das lässt sich ändern. Und nein, das Buch von Volker Busch ist kein Selbstoptimierungsratgeber, wie ich noch mehr Leistungsfähigkeit aus mir herauspressen kann. Ganz im Gegenteil. Hier geht es um bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit, damit wir die Balance im Leben wieder finden können. Zudem gibt es jede Menge Tipps, wie wir in einer Welt voller Informationen und digitaler…

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Leben auf dem Dorf – gestern und heute

In Deutschland leben rund 30% der Menschen in Großstädten über 100.000 Einwohner und rund 50% im ländlichen Raum. Die gleiche Statistik anders erzählt: 77 Prozent der Menschen leben in Deutschland in Städten oder Ballungsgebieten, aber nur 15 Prozent in Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern. Das wäre ein Einstieg in die Rezension des erschlagend gründlichen und trotzdem gut lesbaren Sachbuchs „Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute.“ Ein anderer wäre, von den beiden besten öffentlichen Bücherschränken zu erzählen, die ich kenne. Der eine steht nahe Mannheim, aber in ländlicher Struktur. Der andere im Odenwald in einem Dorf, das bei rund 4000 Einwohnern auf über 50 aktive Vereine kommt. Bei beiden Bücherschränken habe ich den Eindruck, dass sie nur so gut funktionieren, weil sich die Menschen vor Ort stärker für ihre Gemeinde engagieren. Dorf, das ist für Stadtkinder wie mich meist auch ein Sehnsuchtsort. Der Gegenspieler der Sehnsucht lautet Angst vor Kleingeistigkeit und zu…

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Lebensraum Wiese – Sachbuch-Tipp

Wenn man eine Wiese mit den Augen von Jan Haft betrachtet, gleicht sie einem Miniaturdschungel. Ein Universum mit einer Vielzahl an Gräsern und Kräutern, Insekten und Bodenlebewesen und kleinen Säugetieren. Darüber am Himmel kreist der Mäusebussard. Doch solche Wiesen sind selten geworden. Mir war zwar bewusst, dass eine Wiese den Menschen braucht. Ohne Mahd verbuscht sie und wird zu Wald. Aber warum das so ist, was große, längst ausgestorbene Tiere damit zu tun haben und warum Dünger zu einem Verlust von Artenreichtum führt, das habe ich erst mit dem Buch so richtig verstanden. Was wir heute kennen, sind Rasenflächen mit Gänseblümchen, Kuhweiden voller Löwenzahn oder Blühstreifen am Feldrand. Warum all das ein netter Anblick, aber kein Ersatz für eine artenreiche Wiese ist, erklärt Jan Haft mit Nachdruck und Begeisterung. Tief in ihm drin steckt immer noch der kleine Junge, der über die Wiesen am Haus gestreift ist und Tiere beobachtet hat. Diese Leidenschaft lebt er…

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Die Natur der Zukunft – wie wird sie aussehen?

In der Natur der Zukunft zählt der Kuckuck zu den Verlierern. Als Zugvogel orientiert er sich an den Taglängen. Doch was sich Jahrhunderte lang bewährt hat, wird im Klimawandel zum Problem. Wenn der Kuckuck jetzt aus dem Winterquartier zurückkommt, brüten seine Wirtsvögel schon längst und er kann ihnen keine Eier mehr unterschieben. Denn die Vögel, die hier überwintern, orientieren sich am Nahrungsangebot. Milde Winter bringen es mit sich, dass es früher Insekten gibt, mit denen man die Jungen füttern kann. Also wird eher gebrütet! Das ist noch ein relativ einfaches Beispiel für die Verwicklungen, die ein sich erwärmendes Klima mit sich bringt. Doch egal, wie komplex die Sachlage ist: Bernhard Kegel erklärt alles. Wirklich alles. Seine spezielle Mischung aus Storytelling, eigenen Beobachtungen und wissenschaftlichen Studien sorgt dabei nicht nur für Anschaulichkeit. Bernhard Kegels Sachbücher sind spannend und erzeugen einen Lesefluss, bei dem manch ein Roman nicht mithalten kann. Ein klein wenig ist ihm diesmal die…

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