Hôtel Provençal. Eine Geschichte der Côte d’Azur


Lutz Hachmeister: Hôtel Provençal. Eine Geschichte der Côte d'Azur. Das Buch steht im Buchregal vor weiteren Büchern zum Thema Südfrankreich.

Es war einmal ein prunkvolles Hotel, das über Juan-les-Pins thronte, einem kleinen Ort an der Côte d’Azur, der damals noch kein Seebad und auch kein touristisches Zentrum war.

„Hôtel Provençal“ erzählt nicht nur seine Geschichte von der Gründung bis zum Zerfall. Mit seinem facettenreichen Buch schildert Lutz Hachmeister auch, wie die Côte d‘Azur zu dem wurde, was sie heute ist. Doch vor allem berichtet er von den Sehnsüchten und Träumen der Menschen, die es an die Mittelmeerküste zog. Mal ging es darum, freier und selbstbestimmter zu leben. Manchmal auch nur darum, günstiger zu leben, als das zum Beispiel in den USA möglich war. Mal lockten das Licht und das gute Wetter, mal die Freunde, die schon längst dort waren und von der Gegend schwärmten. Dann verflog die Leichtigkeit und es galt, durch Flucht in den Süden das Überleben zu sichern. Nach dem Krieg gab es einen Bau-Boom, an dem die Mafia mitverdiente. Denn immer präsent waren Ruhm, Glamour und die Aussicht, mit den Touristen Geld zu verdienen. Viel Geld.

Lutz Hachmeister erzählt all das anekdotenreich und mit einer üppigen Auswahl an Zitaten. An den guten Stellen entwickelt das einen Sog und liest sich locker weg. An den schlechteren war es für mich ein zähes Namedropping von Stars und Sternchen, von denen ich zu wenig kannte.

Was nach der Lektüre bleibt, ist ein besseres Verständnis dafür, warum die südfranzösische Küste heute so aussieht. Es gibt nur wenige Spuren der Belle Epoque, viel zu viel wurde abgerissen und durch Bauten ersetzt, bei denen ich vermute, dass sie keinen Eintrag in die Architekturgeschichte bekommen werden. Zersiedelt ist sie und die Natur lediglich ein dekoratives Element. Von den Pinienwäldern, die Juans-les-Pins den Namen gaben, ist kaum noch etwas übrig. Nur die Sehnsucht der Menschen nach Sommer, Meer und einem freieren Leben – die ist geblieben.


Hôtel Provençal -Eine Geschichte der Côte d'Azur. Das Sachbuch liegt auf einer provenzalischen Tischdecke

Infos zum Sachbuch:

Lutz Hachmeister

Hôtel Provençal
Eine Geschichte der Côte d’Azur

C. Bertelsmann

Buchbesprechung bei Gabriele Kalmbach


Mehr Bücher über Südfrankreich auf meinem Blog:

Niemals – Graphic Novel von Bruno Duhamel

Niemals könnte ich einen Comic nicht lieben, in dessen Mittelpunkt eine Heldin wie Madeleine steht. Eine blinde, alte Dame, die ein absolut eigenständiges Leben führt und mit einem hinterfotzigen Humor gesegnet ist.

Nur der Neue im Dorf, ein schwarzer Feuerwehrhauptmann, ist ihr gewachsen. „Wenn sie jetzt nicht mit mir reden und mich aus dem Haus werfen, sage ich allen, dass das daran liegt, dass ich schwarz bin. Egal ob sie blind sind.“

Ihm erzählt sie, warum sie ihr Haus auf den Klippen der Steilküste nicht verlassen möchte – obwohl sie weiß, dass es bei einem der nächsten Stürme abstürzen wird. Denn während die Dorfbewohner sie für eine sture alte Frau halten, die die Gefahr nicht sieht, weiß Madeleine sehr wohl, was sie tut: auf den Tod warten.

Derweil erlaubt sie sich Späße mit der Begriffsstutzigkeit der Dorfbewohner und treibt den Bürgermeister, der sie ins Altersheim verfrachten will, in den Wahnsinn. Doch vor allem lässt sie es sich gut gehen und schwelgt in Erinnerungen, die für sie alle mit ihrem Haus verknüpft sind.

Ein kleines Dorf in Frankreich …

Genau wie Madeleine die Dorfbewohner täuscht auch der Zeichenstil die Leser. Er wirkt zugänglich, vertraut und typisch belgisch-französisch. Die Graphic Novel beginnt mit einem Fischmarkt, der an Asterix erinnert. Die Protagonisten könnten alle aus einem gewissen gallischen Dorf kommen – doch sie haben mehr Tiefe, genau wie die Geschichte.

Ganz großartig fand ich die Episode mit Madeleines Sommerspaziergang. Hier wird so wunderbar gezeigt, wie die blinde alte Dame ihre Umwelt erlebt – all die Geräusche, das sinnliche Erleben der Sonnenstrahlen und den Geruch des Joints der Dorfjugend.

Natürlich gibt es auch in diesem Comic eine tierische Nebenrolle. Balthasar, ein dicker Kater. Schon allein, wie Madeleines Fürsorge für den Kater mit ihren Erinnerungen an ihren verstorbenen Mann verknüpft wird, ist ganz, ganz große Comic-Kunst!

Das Schlusswort überlasse ich diesmal dem Tagesspiegel:

Duhamel zeichnet sein liebevolles Psychogramm mit feinem Humor, der sich in pointierten Dialogen abbildet.

Website des Tagesspiegel

Angaben zur Graphic Novel:

Niemals

Text & Zeichnung: Bruno Duhamel

Übersetzung aus dem Französischen von Lilian Pithan

Avant Verlag


Noch ein Lieblings-Comic aus dem Avant Verlag: Adventure Huhn

Geheimrezept für Fantasy-Romane: Die Spiegelreisende

Ich, wie ich den Fantasy-Roman Die Spiegelreisende auf dem Kopf balanciere

Man nehme 500 Gramm gemischte Regency-Romane, einen soliden Brocken Fantasy-Weltenbau, eine Dosis High-Fantasy und eine geheime Familienzutat nach Wahl. All das jage man gründlich durch den Fleischwolf.

Die Masse würzt man mit einer Prise Hermine-Massala und etwas Georgette -Heyer-Pulver und forme daraus äußerst schmackhafte, nicht zu schwere Schmöker-Buletten.

Kurz: „Die Spiegelreisende – Die Verlobten des Winters“ von Christelle Dabos ist herrlich!

Aber das haben schon viele Buch-Bloggerinnen vor mir festgestellt. Hier eine Auswahl an Rezensionen:

  • Buchblog Tintenhain „Christelle Dabos gelingt es, ihre Welt ganz nebenbei durch die kritischen Augen der gutherzigen, unerfahrenen Ophelia zu vermitteln, ohne dabei mit Erklärungen und Details zu langweilen.“
  • Madame Klappentext „Ach und falls ein lebendiger Schal ein eigener Buchcharakter ist, muss ich natürlich auch Ophelias Wollschal erwähnen. Es ist zu drollig, wie er Emotionen ausdrücken kann.“
  • Bellas Wonderworld „Der Reihenauftakt „Die Verlobten des Winters“ konnte bei mir vor allen Dingen durch die fein gezeichneten Protagonisten punkten und wird durch einen faszinierenden Weltaufbau untermalt.“

Infos zur Fantasy-Serie Die Spiegelreisende:

  1. Die Verlobten des Winters
  2. Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast
  3. Das Gedächtnis von Babel
  4. Im Sturm der Echos

Insel Verlag


Hier findet ihr mehr Fantasy-Tipps auf meinem Buch-Blog. Und das ist eine Auswahl an Fantasy-Büchern mit tollen Frauenfiguren:

Und natürlich Erdsee von Ursula le Guin:

Wieviel Alice-im-Wunderland-Bücher passen noch in mein Regal?

Flatlay mit verschiedenen Ausgaben von Alice im Wunderland

Früher habe ich, wenn eine neue Ausgabe von „Alice im Wunderland“ erschien, immer zuerst geschaut, wie die Grinsekatze illustriert wurde. Davon war dann abhängig, ob ich die Ausgabe haben wollte. Mittlerweile gehe ich das etwas entspannter an, aber die Faszination für den Kinderbuch-Klassiker ist geblieben. Im letzten Jahr kamen zwei neue Bücher zu meiner Sammlung dazu.

Die Erfindung von Alice im Wunderland

Gleich vorneweg: An diesem Buch hat mich eines massiv gestört – es ist zu kurz! Äußerst kenntnisreich erzählt Peter Hunt über das Leben und die Gefühlswelt von Charles Dodgson alias Lewis Carroll, einem exzentrischen Oxford-Mathematiker. Natürlich schildert er die Entstehungslegende, laut der die Geschichte von Alice ihren Anfang auf einer Bootsfahrt auf der Themse nahm. Er analysiert, wie viel Alice Pleasance Lidell in Alice im Wunderland steckt und deckt auf, welche realen Personen in dem Werk karikiert wurden. Auch wenn mir manches schon aus der reichhaltig kommentierten englischsprachigen Ausgabe „Annotated Alice“ bekannt war, gab es doch mehr als genug Neues zu entdecken – wie zum Beispiel die Geschichte der klassischen Illustrationen von John Tenniel. Das macht sein Buch zu einer Fundgrube für Alice-Nerds – auch wenn es auf mich so wirkt, als würde es mittendrin abbrechen. Da hätte es bestimmt noch mehr zu erzählen gegeben!

Alice ganz anders – illustriert von Valeria Docampo

Brauche ich wirklich noch eine Ausgabe? Ja! Zumindest wenn sie so daher kommt, wie die großformatige Schmuckausgabe aus dem Mixtvision Verlag. Illustratorin Valeria Dacampo präsentiert eine emanzipierte Alice, die nicht mehr wie eine Erwachsene im Körper eines kleinen Mädchens in Schuluniform wirkt. Ihr Wunderland ist eine Traumwelt mit kräftigen Farben, in der die Regeln der Realität nicht gelten. Den Blick lenkt sie dabei auf die Wunder selbst und bringt so das Staunen über die phantastische Geschichte zurück.


Infos zu den Büchern:

 Hunt, Peter
Die Erfindung von Alice im Wunderland
Wie alles begann

Peter Hunt

Die Erfindung von Alice im Wunderland
Wie alles begann


wbg

Besprechung bei Sasija’s Tardis und im Tagesspiegel



Bilderbuch  |  Carroll, Lewis | Docampo, Valeria (Illustr.)
Alice im Wunderland

Lewis Carroll

Illustriert von Valeria Docampo

Alice im Wunderland

Mixtvision Verlag

Buchvorstellung mit vielen Bildern bei Lesenslust


Noch mehr Alice: Who the fuck is Alice?

Raster richtig einsetzen: Layout Basics

Buch: Layout Basics.
Die wichtigsten Prinzipien für die Verwendung von Rastern. Handbuch für Kommunikationsdesign, Layout und Gestaltung mit vielen Beispielen für Webdesign und für Print-Projekte.

Fachbücher lesen kam in den letzten Monaten zu kurz. Der Job war fordernd, das Hirn pandemisch gelähmt, die Energie für neue Themen fehlte. Wie schade das ist, merkte ich, als ich dann zu „Layout Basics“ griff.

Ich selbst gestalte zwar keine Websites und auch keine Printprodukte. Aber ich arbeite sehr häufig in Projekten, in denen es darum geht, Websites erfolgreicher und Bücher lesbarer zu machen. Ein guter Grund, die eigenen Fachkenntnisse mal wieder aufzufrischen!

„Layout Basics“ ist eine solide Einführung in die Arbeit mit Gestaltungsrastern und besticht durch die Fülle an Beispielen für gelungenes Design. Das war neben dem beruflichen Bezug auch für mich als private Leserin sehr ergiebig, da so das Zusammenspiel von Überschriften, Textblöcken, Bildern, Infografiken und Farben klarer wird. Wie häufig ist ein Buch nur deswegen schwer lesbar, weil Typographie und Layout zu anstrengend sind!

Wer die Regeln verstanden hat, kann sie auch brechen. Aber bitte genussvoll und wohl überlegt! Die letzten Kapitel des Fachbuchs befassen sich deswegen damit, wie man Gestaltungsregeln aufbrechen kann um Rhythmik, Dynamik und Spannung zu erzeugen. Das ist für mich natürlich eine zutiefst sympathische Herangehensweise!


Infos zum Lehrbuch:

Beth Tondreau

Layout Basics.
Die wichtigsten Prinzipien für die Verwendung von Rastern.
Handbuch für Kommunikationsdesign, Layout und Gestaltung mit vielen Beispielen für Webdesign und für Print-Projekte.

Stiebner Verlag


Ein Buch, in dem die Layout-Prinzipien umgesetzt wurde: Disruptive Thinking

Wandlungskünstler. Die geheime Erfolgsgeschichte der Insekten

Wandlungskünstler. 
Die geheime Erfolgsgeschichte der Insekten und wie sie weitergehen kann

Natürlich sind die elektronenmikroskopischen Aufnahmen von Insektenlarven und Insekten beeindruckend. Und doch werden es nicht die 90 großformatigen Fotos sein, die mir nach der Lektüre des Sachbuchs „Wandlungskünstler. Die geheime Erfolgsgeschichte der Insekten und wie sie weitergehen kann“ im Gedächtnis bleiben werden. Dieses Buch hat mich zum Staunen gebracht und mir gezeigt, wie wenig ich von der Natur um mich herum verstehe.

Was ist ein Insekt? Die Erklärung aus den Biologie-Büchern enthält Merkmale wie wirbellos, sechs Beine und einem dreigeteilten Körper. Die Antwort meines Alltags-Ichs wäre, das kennzeichnend für ein Insekt ist, das es vor allem im Sommer um mich drumherum fliegt oder weg krabbelt. Doch in beiden Fällen wird ausgeblendet, dass diese Umschreibung nur für einen kleinen Teil des Insektenlebens zutriffst – und meist auch nur für den kürzeren.

Hirschkäfer leben fünf bis acht Jahre als Larve. Hirschkäfer-Männchen existieren in der Form, die wir umgangssprachlich als Käfer bezeichnen, nur wenige Wochen. Auch die Weibchen sterben kurz danach. In der Theorie war mir das bewusst, aber wie konsequent Mutter Natur das durchzieht, war mir nicht klar. Es gibt Insekten, die nach ihrer Metamorphose noch nicht mal Mundwerkzeuge haben, da sie eh nichts fressen werden!

Genau die Metamorphose von der Larve zum erwachsenen Insekt zeigt der Bildband. Dafür bedarf es der Fotos – nicht wegen ihres sensationellen oder auch skurril-gruseligen Schauwerts, sondern um die enorme Transformation sichtbar zu machen. Doch mit den Elektronenmikroskop-Bildern von Schmetterlingen, Käfern, Libellen, Hautflüglern, Fliegen und Mücken alleine würde das nicht gelingen. Es braucht die Texte dazu, die knapp und präzise, locker und unterhaltsam aufzeigen, warum und wie eine Larve ihren eigenen Körper verdaut und umbaut, um als erwachsenes Insekt wiedergeboren zu werden.

Da blieb mir nur noch eines: Buch zuklappen, staunen und demütig werden – so großartig sind der Erfindungsgeist und die Lebensleistung von uns Menschen wohl doch nicht!


Infos zum Buch:

Veronika Straaß und Claus-Peter Lieckfeld
Fotografien von Nicole Ottawa und Oliver Meckes


Wandlungskünstler.
Die geheime Erfolgsgeschichte der Insekten und wie sie weitergehen kann


Dölling und Gallitz Verlag

Ausführliche Rezension auf dem Sachbuch-Blog Elementares Lesen


Ein Sachbuch, dass gut dazu passt: Das verborgene Leben des Waldes

Nachtflug. Die faszinierende Welt der Fledermäuse

Bildband: Nachtflug
Die faszinierende Welt der Fledermäuse

Lanzennase, Hammerkopf und Kammzahnvampir – schon die Namen der Fledermausarten sind ein Ereignis. Und ihre Lebensweise erst recht! Sie sind raffinierte Jäger mit ausgeklügelten Jagdtechniken, ihre Flugkünste sind beeindruckend und ihr Sozialverhalten lässt so manch menschliches Verhalten arm erscheinen. Es gibt Fledermausarten, die ihre Kollegen mit weniger Jagderfolg mit Beute versorgen. Und es gibt Fledermauskolonien, in denen die trächtigen Weibchen aus der Höhle ausziehen und eine eigene Kolonie gründen. Sie machen das, damit der Nachwuchs besser vor Krankheiten geschützt ist. Denn das ist der Nachteil, den das Zusammenleben mit einer beachtlichen Anzahl an Artgenossen auf engstem Raum mit sich bringt: Kaum ein Tier weist so viele Parasiten und Viren auf wie Fledermäuse.

Je länger ich in dem Buch „Nachtflug“ von Klaus Richarz gelesen habe, desto mehr fiel mir auf, wie wenig ich bisher über die Lebensweise von Fledermäusen wusste. Meine erste Fledermaus habe ich in der Hochhaussiedlung Betzenberg in Kaiserslautern gesehen. Sie hing außen am Fensterbrett der Küche, den Wald in Sichtweite. Das blieb im Gedächtnis – offensichtlich leben sie nicht alle in Höhlen.

Mein eindrücklichstes Fledermaus-Erlebnis war vor kurzem in einem Freilichtmuseum. Wir kamen in einem der ausgestellten Bauernhäuser in ein Zimmer im ersten Obergeschoss. Dort kreiste eine Fledermaus, die den Ausgang nicht mehr fand. Nachdem wir die Fenster geöffnet hatten und uns still in eine Ecke zurückgezogen hatten, war sie sofort draußen und verschwand gen Waldrand. Wenn ich mir überlege, wie schwierig es ist, einen Vogel aus einer solchen Situation zu befreien – 1:0 für das Fledertier!

Unvergessen die Fledermaus, die an einem frostigen Frühlingstag tagsüber auf einer Lichtung im Pfälzer Wald auf Jagd war. Seitdem weiß ich, dass die Tiere ihre Aktivitäten dem Nahrungsangebot anpassen. Wenn es so kalt ist, dass nachts kaum Insekten fliegen, gehen sie eben am helllichten Tag auf Nahrungssuche.

Wer solche Entdeckungen mag, der wird seinen Spaß an dem Sachbuch „Nachtflug“ haben. Neben unglaublich vielfältigen Details über die Lebensweise der Fledermäuse berichtet Klaus Richarz auch darüber, wie es Wissenschaftlern überhaupt gelingt, diese Tiere zu erforschen. Dabei blickt er auch zurück und zeigt, welchen Irrtümern Forscher im Laufe der Jahrhunderte aufgesessen sind.

Als wäre diese Fülle an gut erzählten Informationen nicht genug, glänzt der Bildband zudem mit 280 Fotos, darunter beeindruckende Nahaufnahmen. Und damit erklären sich dann die skurrilen Namen wie Bulldogfledermaus und Schlitznase, die Biologen den Fledermäusen gegeben haben!


Angaben zum Buch:

Klaus Richarz

Nachtflug
Die faszinierende Welt der Fledermäuse


wbg Theiss


Fledermäuse lassen sich in Städten beobachten. Daher kommen sie auch in diesem Buch vor: Die verborgene Tierwelt unserer Städte


Ein Sachbuch, das gut dazu passt: Die Wiese

Verlagswesen – wie Comics wirklich entstehen

Cover des Comics Verlagswesen von Annette Köhn.

Ich arbeite seit 1987 in der Buchbranche und bemerke erst jetzt die Doppeldeutigkeit von Verlagswesen!

Schon allein dafür hat es sich gelohnt, den Comic zu lesen, den sich Annette Köhn zum zehnjährigen Jubiläum ihres JaJa-Verlags gegönnt hat. Ihre Verlagswesen sind imaginäre Figuren, die ein wenig wie Strichmännchen-Marshmallows auf zwei Beinen aussehen. Sie begleiten uns durch den ganz normalen Verlagsalltag: Bestellungen abarbeiten, Rechnungen ablegen, Versandtaschen bestellen und Kaffeepausen machen.

Klingt wenig glamourös, oder? Kann das funktionieren – ein Comic, der über weite Strecken nur Routinearbeiten aus dem Büroalltag zeigt? In dem das Top-Ereignis das Eintreffen des Paketboten ist und in dem wir die Verlegerin auf die Toilette begleiten?

Es funktioniert wirklich!

Und das liegt eben an den Verlagswesen, die die Abläufe im Verlag ganz genau verstanden haben. Sie wissen, wie die Bürogemeinschaft, die in den Räumen des Comic-Verlags lebt und arbeitet, tickt. Zudem kennen sie ihre Chefin genau und lassen ihr das beruhigende, erdende Gefühl, das von Routinetätigkeiten ausgeht und sie direkt in Tagträumereien führt, aus denen dann wiederum neue Projekte entstehen.

Der Blick der Verlagswesen auf das Geschehen prägt den Comic, der kreative Prozesse sichtbar werden lässt und dabei spektakulär unspektakulär ist. Das macht Lust, sich tiefer mit dem Programm des JaJa-Verlags zu beschäftigen!


Infos zum Comic:

Annette Köhn

Verlagswesen

Jaja Verlag

Besprechungen im tip Berlin und bei Deutschlandfunk Kultur


Mehr Comic-Tipps auf meinem Blog

Mehr Lyrik lesen? Vielleicht sogar mehr Frauen | Lyrik?

Blick auf meinen Nachttisch und auf den Gedichtband Frauen | Lyrik aus dem Reclam Verlag

Gute Vorsätze, was das Lesen angeht? Da bin ich zurückhaltend. Aber zwei blitzen dann doch immer wieder auf. Mehr Kinderbuch-Klassiker lesen. Mehr Lyrik lesen.

Dem bin ich letztes Jahr so nahegekommen, wie schon lange nicht mehr. Nur der Tagesabreiss-Kalender mit Gedichten war erfolgreicher. Aber der wird nicht mehr aufgelegt. Stattdessen liegt nun „Frauen | Lyrik“ aus dem Reclam Verlag auf meinem Nachttisch. Manchmal sogar ganz oben auf dem Bücherstapel.

Der Plan war: jeden Abend vor dem Einschlafen ein Gedicht lesen. Schöner Plan, nicht wahr? Ich lebe jetzt 53 Jahre mit mir zusammen und mache immer noch Pläne, die Regelmäßigkeit voraussetzen. Frau Doktor, gibt es da was von Ratiopharm?

Aber: Ich habe wirklich mehr Lyrik gelesen als im Jahr zuvor. Können wir das jetzt einfach als Erfolg zählen und uns über die Anzahl der tatsächlich gelesenen Gedichte ausschweigen?

Darf ich vorstellen: der Lyrik-Band, Stammgast auf meinem Nachttisch

Als Ausrede könnte ich anführen, dass „Frauen | Lyrik“ mich irritiert hat. Es enthält auch Gedichte von Männern, die über Frauen schreiben oder versuchen, weibliche Positionen einzunehmen. Für mich waren das Fremdkörper. Ich hatte in der Tat wenig Lust, mich in diesem Kontext schon wieder mit dem männlichen Blick auf Frauen zu beschäftigen.

Ja, ich verstehe die Herangehensweise der Herausgeberinnen. Ich habe die Gebrauchsanweisung für das Buch gelesen. Sie ist wichtig. Mit der „Editorischen Notiz“ von gut 50 Seiten kämpfe ich noch.

Was ich hingegen sehr mag sind die „Geschwistertexte“ – Querverweise auf Gedichte, die aus einer anderen Zeit stammen, aber gut dazu passen. Das ergab schöne Perspektivenwechsel.

Ich habe jetzt einen Pakt mit dem Buch geschlossen. Es darf ein weiteres Jahr auf meinem Nachttisch liegen. Und dann? Dann sehen wir weiter, das Buch, die Lyrik und ich.


Angaben zum Gedichtband:

Frauen | Lyrik
Gedichte in deutscher Sprache

Reclam Verlag


Über 500 Gedichte von Autor*innen aus zehn Jahrhunderten – diese Anthologie eröffnet einen neuen Blick auf Lyrik von, über und unter Frauen. In Auswahl und Aufbau einzigartig nimmt diese Sammlung vier verschiedene Perspektiven ein:

Die erste Perspektive bietet Gedichte, die bereits Teil der unterschiedlichsten Kanonbildungen in der Vergangenheit sind; die zweite nimmt literaturgeschichtlich beispielhafte Gedichte in den Blick. Eine dritte Gruppe versammelt Gedichte mit besonderer emanzipatorischer Stärke; eine vierte widmet sich Gedichten von Autor*innen aller Geschlechter, die textuell die Sicht einer Frau einnehmen.

In dieser multiperspektivischen Betrachtung ergeben sich Überschneidungen, aber auch spannende Widersprüche und überraschende Gemeinsamkeiten.

Website des Reclam Verlags

Oder vielleicht lieber Gedichte schreiben? Ein Haiku-Tagebuch führen?

Krach.

Tijan Sila - Krach

Punk in der pfälzischen Provinz – natürlich bleibe ich bei meiner Suche nach neuer Lektüre an so einem Buch hängen. Und doch wollte ich „Krach“ von Tijan Sila zunächst nicht lesen. Denn weder mit Punks noch mit Männern, die über ihr Erwachsenwerden schreiben, hatte ich gute (Lese)Erfahrungen gemacht. Ihr Blick auf Frauen brachte mich regelmäßig auf die Palme und was das Macho-Gehabe gewisser Männer in der Punk-Szene angeht … lest einfach die klugen Beiträge von Diana Ringelsiep wie Sexismus geh sterben und verfolgt #punktoo

Dass es das Buch dann doch auf meine Leseliste geschafft hat, habe ich zweierlei zu verdanken. Einmal dem Leuchten in den Augen von Florian Valerius, dem Literarischen Nerd, als er Tijan Sila interviewte. Und Bri vom Blog Feiner reiner Buchstoff, deren Blick auf Bücher von Männern meinem ähneln dürfte, und die „Krach“ begeistert anpries.

Die zwei haben sich nicht geirrt. „Krach“ von Tijan Sila ist großartig und zählt für mich zu den besten Büchern, die ich 2021 gelesen habe.

Ich will doch nur Musik machen – muss ich wirklich erwachsen werden?

Dabei wird sich in der Geschichte entsetzlich viel geprügelt. War das in den Baseballschläger-Jahren in der Pfalz wirklich so? Da ich in friedensbewegten Jahren aufgewachsen bin, weiß ich das nicht. Aber mit den Gewaltszenen hat es Tijan Sila geschafft, mir verständlich zu machen, wie und warum solche Prügeleien entstehen. Diese Mischung aus Grenzen ziehen, Langeweile, für seine Werte einstehen und Lust auf den Adrenalin-Kick … ich konnte es nachvollziehen.

Es steckt zudem viel Heimat in dem Buch. Auch dieses Thema geht Tijan Sila mit einer vielschichtigen Klugheit an. Heimat, das ist die Punkszene und der Pfälzer Dialekt. Das sind die toleranten Eltern und die nervenden Zwillingsmädchen. Das ist die Band und die Freundin, die mit der Musik nichts anfangen kann. Das sind die besetzten Häuser und der gemeinsame Kampf gegen Nazis. Klingt vertraut? Ist es und ist es doch nicht. Denn Gansi und seine Familie sind Kriegsflüchtlinge. Daher muss er für sich ein paar Identitäten mehr aushandeln. Dabei würde er doch viel lieber einfach nur Musik machen.

Mein feministisch bewegtes Herz gewonnen hat Tijan Sila mit seinen Frauenfiguren. Nicht nur mit Ursel, der „Kommandantin“ der Band, und den klebrig-lästigen kleinen Schwestern. Es gibt keine unwichtigen weiblichen Nebenrollen in dem Buch, denn jede Frauenfigur hat Tiefe und einen eigenständigen Charakter. Gansi lernt viel von ihnen – aber nie hatte ich das Gefühl, dass der Autor eine Frauenfigur verwendet, damit seine Hauptfigur endlich im Leben vorankommt.

Überhaupt diese Fülle an Figuren, jede davon exakt ausgearbeitet. Wer aus der Provinz kommt, kennt das: Cool sein ist in der Großstadt leichter, weil man sich dort seine Blase suchen kann. Auf dem Dorf hingegen muss man mit seinen Mitmenschen auskommen. Selbst wenn es sich um Vollprolls handelt, die die falsche Musik hören. Nur mit Nazis kann man nicht auskommen. Auch nicht, wenn es der Bruder der Band-Chefin ist. Doch genau deswegen steckt so unglaublich viel echtes Leben in den 270 Seiten.

Die vielen großen Themen machen mein Vergnügen am Lokalkolorit schon fast zu einem Guilty Pleasure. Aber ich habe mich wirklich über jedes Wiedererkennen einer Pfälzer Kleinstadt und über jede pfälzische Redewendung gefreut. Darüber, dass die Punks für die guten Konzerte nach Straßburg oder Köln fahren und für die mittelguten in meine Heimatstadt Mannheim. Dass der Jungbusch und das Odeon-Kino vorkamen. Und dass die Tatsache, dass eine Band schon mal in der Musikzeitschrift Spex erwähnt wurde, ein ehrfürchtiges Kopfnicken hervor ruft. Auch ich hatte ein Abo.

„Krach“ ist laut und schnell, rotzig und hintersinnig, witzig und bissig. Es wird getragen von der feinen Beobachtungsgabe des Autors und von viel Respekt vor und Liebe zu den Menschen. Ein einzigartiges Lesevergnügen – danke an alle, die es mir so nachdrücklich ans Herz gelegt haben!


Infos zum Buch:

Tijan Sila

Krach

Kiwi Verlag

Rezension beim Krachfink und beim Tagesspiegel


Playlist zum Buch auf Spotify


Verschwende deine Jugend ist natürlich das Buch, das besonders gut dazu passt:

Zarter Schmelz – Ralf Königs Hommage an Lucky Luke

Ralf Königs Hommage an Lucky Luke auf Französisch.

Du weißt, du bist in Frankreich, wenn eine Stadt in der Provinz mehr Comic-Läden hat als die gesamte Metropolregion Rhein-Neckar. Gerade im letzten Herbst in Arles erlebt.

Und du weißt, dass ein deutscher Comiczeichner etwas ganz, ganz Besonderes ist, wenn sein neues Werk im Stapel in der FNAC ausliegt, direkt neben Isnogud.

Und der absolute Ritterschlag ist es wohl, wenn ein deutscher Zeichner eine Folge eines Comic-Klassikers übertragen bekommt – so wie Flix mit Spirou in Berlin und Ralf König mit seiner Hommage Lucky Luke – Zarter Schmelz.

Vielleicht war das der Moment, in dem ich begriff, dass Ralf König mehr ist als der Comic-Künstler, mit dem ich wie so viele in meiner Generation lernte, Schwule zu verstehen.

Und auch mehr als „der wohl berühmteste Schwulencomiczeichner der Welt“, wie ihn die SZ titulierte. Sie wurden mit seinem Comic nicht recht warm (ja, ich zahl schon in die Schlechte-Wortwitz-Kasse ein). Ich hingegen habe einen vergnüglichen Abend mit kleinen, behaarten Cowboys und sehr, sehr vielen Anspielungen auf der Couch verbracht.

Nur eines wundert mich: Wie konnten eigentlich die meisten Rezensenten in der großen Presse zwar auf die lila Kühe und das Wortspiel Bareback Mountain eingehen, den fulminanten Auftritt von Calamity Jane jedoch übersehen? Denn gerade diese Figur zeigt, warum Ralf König so viel mehr ist als der Typ, der aus ganz eigenen Gründen so gerne behaarte Männer mit Knubbelnasen zeichnet …


Der Cowboy-Mythos lebt: Ralf Königs Hommage an Lucky Luke. Und ein Cowboy aus den 80er Jahren auf einem APA-Guide Reiseführer über die Rocky Mountains.

Angaben zum Comic:

Zarter Schmelz.
Eine Hommage an Lucky Luke von Ralf König.


Ehapa Verlag


Lust auf Comics? Hier findet ihr meine Tipps!

Nicht im System vorgesehen: Katholisch und Queer

Buch: Katholisch und Queer
Eine Einladung zum Hinsehen, Verstehen und Handeln. Cover mit der erweiterten Regenbogenflagge.

Manchmal braucht es nur einen kleinen Zufall, um mit einem Thema in Berührung zu kommen. Ich, die bis dahin nur evangelische Gottesdienste kannte, saß in einem katholischen Trauergottesdienst. Die mir völlig fremde Liturgie überforderte mich. Aufstehen, beten, hinsetzen, singen – wann bitte sollte ich was tun?

Ich orientierte mich daher an meinem Banknachbarn, einem schwulen katholischen Freund. Nur deswegen fiel mir auf, dass er beim Glaubensbekenntnis die Zeile „ich glaube an die katholische Kirche“ nicht mitsprach.

„Was dir alles auffällt“ war sein Kommentar, als ich ihn Tage später danach fragte. Ein gutes Gespräch begann. Darüber, wie es sich anfühlt, sich im Glauben, aber nicht in der Kirche zuhause zu fühlen. Wie es ist, Angst vor Kündigung durch einen kirchlichen Arbeitgeber zu haben, weil die eigene Art zu lieben und zu leben missfällt.

An dem Tag erfuhr ich auch, warum er sich nicht mehr in der Jugendarbeit engagierte. Es lag nicht am Zeitmangel, wie er immer behauptet hatte, sondern an der Sorge, dass Gerüchte entstehen könnten. Er selbst konnte sich seinen Glauben bewahren. Doch das Haus Gottes besucht er nur noch selten.

Das Gespräch liegt viele Jahre zurück. Doch jetzt ist mit „Katholisch und Queer“ ein Buch erschienen, das mich daran erinnert hat. Es erzählt von genau solchen Menschen. Von denen, die gegangen sind, weil sie die Widersprüche nicht mehr ausgehalten haben. Von jenen, die unsichtbar geblieben sind, und von denen, die sich sichtbar gemacht haben. Von schwulen Priestern, lesbischen Kirchenangestellten und transidenten Müttern.

Es sind berührende Geschichten, die (für mich schon fast erstaunlich) nicht zur Revolution aufrufen, sondern eine Einladung aussprechen. Hier stehen wir, nehmt uns als queere Christen wahr und nehmt uns auf. Lasst uns eine Gemeinschaft bilden, denn auch wir sind Kirche und wir haben viel zu geben. Unser Ziel: eine menschenfreundliche Kirche.

Und vielleicht ist es das, was mich am meisten erschüttert hat: das wir 2021 immer noch darüber diskutieren müssen. Den woraus sonst sollte eine Gemeinschaft der Gläubigen bestehen wenn nicht aus Menschen?


Infos zum Buch:

Mirjam Gräve, Hendrik Johannemann, Mara Klein

Katholisch und Queer
Eine Einladung zum Hinsehen, Verstehen und Handeln

Bonifatius Verlag

Die Kirche hat mit mir Schluss gemacht: Buchbesprechung beim Tagesspiegel


Rückseite des Buches. Text: Queer-Sein in der Katholischen Kirche bedeutet; nicht im System vorgesehen zu sein.