Die Kräuter in meinem Garten

Die Kräuter in meinem Garten - 800 Seiten Buch aus dem Freya Verlag

Ich gestehe: Die meisten Kräuter in meinem Garten wurden aus kulinarischen Gründen gepflanzt – Salbei, Lorbeer, Thymian.

Manche auch, weil ich statt Vorgarten einen Sandstreifen habe, der sich in der prallen Mittagssonne stark aufheizt.

Hier wuchert Rosmarin, der sich offensichtlich wie zuhause fühlt und froh ist, dass er nicht von wilden Ziegen zurück gebissen wird.

Ich bin mir der Heilwirkung der Kräuter wohl bewusst. Nichts hilft bei mir so gut gegen Wetterfühligkeits-Kopfschmerz wie ein Mädesüß-Tee. Doch die Blüten in meinem Garten überlasse ich lieber den Hummeln und Bienen und hole mir den Tee in der Apotheke.

Ein paar mal habe ich Heilkräuter gesammelt – Lindenblüten zum Beispiel. Wisst ihr, wie klebrig die sind? Das Trocknen wollte nicht so recht klappen und im Endeffekt sind sie dann doch wieder im Garten gelandet, auf dem Kompost. Die einzige Heilpflanze, von der ich immer einen großen Vorrat habe, ist Salbei. Kein Wunder: Wenn ich den nicht zweimal im Jahr kräftig zurückschneide, überwuchert er mir das ganze Kräuterbeet.

Doch so alle paar Jahre denke ich mir: Du solltest mehr mit Kräutern machen als nur Tee und Inhaliersalz.

Die Kräuter in meinem Garten – was für ein Wälzer!

800 Seiten Buch geben mir das sichere Gefühl: Es ist viel mehr möglich. 500 Heilpflanzen, 2000 Anwendungen, 1000 Rezepte. Ich fühle mich ein wenig erschlagen.

Wie nähert man sich einem so umfassenden Standardwerk? In meinem Fall blätternd. Bilder betrachtend. Pflanzen ratend. Ich bin überrascht, wie viele ich kenne.

An denen bleibe ich hängen. Lese. Freue mich, dass neben den informativen Texten und botanischen Fakten auch der Kurzweil seinen Platz findet. Unter »Magisches« wird vom Volksglauben erzählt und alte Geschichten weitergetragen. Ich mag das. In kleinen Infokästen wird auf Hildegard-Medizin, TCM und Homöopathie eingegangen. Ab und an gibt es einen Garten-Tipp. Den meisten Platz nehmen natürlich die Anwendungen und Rezepte ein. Vieles davon klingt machbar – selbst für mich.

Das Buch und ich, wir sind uns also sympathisch. Einen Haken hat die Sache natürlich doch: Ich muss 5 cm Platz in meinem Regal mit den Gartenbüchern schaffen. Erst dann kann »Die Kräuter in meinem Garten« von Siegrid Hirsch und Felix Grünberger so richtig bei mir einziehen. Dann schauen wir, ob aus der Sympathie eine innige Freundschaft wird und ich tatsächlich Rezepte und Anwendungen umsetzen werde!

Wobei, der Rosmarin müsste eh mal wieder zurückgeschnitten werden – lass mal schauen: Rosmarin-Tee, Rosmarinwein, Massageöl, Tinktur, Salbe, Räuchern …


Infos zum Buch:

Sigrid Hirsch & Felix Grünberger

Die Kräuter in meinem Garten
500 Heilpflanzen, 2000 Anwendungen, 1000 Rezepte, Botanik, Anbau, Magisches, Homöopathie, Hildegardmedizin, TCM, Volksheilkunde

Freya Verlag


Noch mehr Buch-Tipps:

Zuerst wollte ich ja in der Zwischenüberschrift statt „Wälzer“ das schöne pfälzische Wort „Wescher“ verwenden, denn dann hätte der Beitrag gut zu dieser Empfehlung für ein weiteres Buch aus dem Freya Verlag gepasst: Waldbaden – warum das für Pälzer Krischer eine gute Idee wäre


Hier findet ihr noch mehr Bücher und Beiträge zum Thema Natur und hier die schönste Rezension, die ich je geschrieben habe: Black Box Gardening und die Geschichte mit der Akelei.


Ich will den Plot-Plan sehen! Die Glocke von Whitechapel

Ben Aaronovitch - Die Glocke von Whitechapel. Witzige Urban Fantasy
An einem Wochenende ausgelesen.

Es ist wohl eine Folge des Literaturcamp Heidelbergs, dass mich bei einem Roman immer häufiger nicht nur die Geschichte, sondern auch das Handwerk dahinter interessiert.

In einigen Sessions dort haben Autoren von ihrer Arbeit erzählt. Das nächste Mal muss ich mir unbedingt einen Vortrag zum Thema plotten anhören. Wie behalten Autoren eigentlich den Überblick über die Handlungsstränge?

Daran, dass ich darüber mehr wissen will, ist wiederum Ben Aaronovitch schuld. Seine Serie um Peter Grant, Zauberlehrling und Detective Constable in London, begann fulminant, ging pfiffig weiter und verlor sich dann in Nebenhandlungen, deren Sinn sich mir und anderen Lesern nicht erschloss. Offensichtlich war der Autor nicht mehr so ganz Herr seines eigenen Plots.

Mit dem Spin-off »Geister auf der Metropolitan Line« schöpfte ich wieder Hoffnung. Der Kurzroman hatte alles, was mich in der Anfangsphase der Serie begeisterte und war ein guter Grund, zum neuen Band »Die Glocke von Whitechapel« zu greifen.

Die Glocke von Whitechapel

Und jetzt würde ich gerne den Plot-Plan, nachdem dieser Roman geschrieben wurde, sehen! Ben Aaronovitch schafft es tatsächlich, so gut wie alle losen Handlungsstränge wieder zusammenzuführen. Außerdem sorgt er für logische Erklärungen für Phänomene, die bisher einfach so im Raum standen. Selbst das Rätsel um Mollys Herkunft klärt sich und – so viel sei verraten – sie wird am Ende des Buches nicht mehr alleine sein.

Doc Martens. Die säureresistente Sole der Arbeitsschuhe widersteht laut Ben Aaronovitch auch Vampirleichenteilen.
Gut zu wissen. Doc Martens widerstehen auch Vampirleichenteilen.

Auch die Gags sind wieder pointierter und dichter gestreut. Überrascht hat er mich mit einem Craft Beer Witz. Der Gag, dass die säureresistenten Sohlen von Doc Martens Stiefeln auch Leichenteilen von Vampiren widerstehen können, traf mich unerwartet. Ich werde meine Doc Martens nie wieder wie früher betrachten können!

Herzerwärmend fand ich die Szene, in der Peters Mutter für die gesamte Belegschaft der Sonderkommission afrikanisches Essen kocht – auch hier wurden Elemente der Serie zusammengeführt, die bisher einfach so nebeneinander existierten.

Alles in allem führt Ben Aaronovitch die Serie zu einem guten Staffel-Ende. Vielleicht geht es weiter, vielleicht aber auch nicht. Sollte es weiter gehen, muss nun nicht mehr unbedingt Peter Grant im Mittelpunkt stehen. Auch Leslie würde sich als Hauptfigur anbieten. Auch ein Spin Off, der in den USA spielt, wäre möglich – ich bin gespannt!

Infos zum Buch:

Ben Aaronovitch
Die Glocke von Whitechapel

Übersetzt aus dem Englischen von Christine Blum

DTV Verlag

Rezensionen zur Serie um Peter Grant auf meinem Blog:

Dringende Empfehlung: LitCamps besuchen!

Den Blick über den Tellerrand, aka LitCamp, kann ich sehr empfehlen. Buchmenschen begegnen sich auf Augenhöhe, tauschen Wissen aus und erweitern ihren Horizont. Hier findet ihr mehr Infos:

Atlas der ungezähmten Welt.

Atlas der ungezähmten Welt & Atlas der ungewöhnlichsten Orte. Brandstätter Verlag. Beide Bücher liegen auf einer Landkarte.

Es gibt Menschen, die können sich in Landkarten vertiefen wie in Bücher.

Ich gehöre da eigentlich nicht dazu – außer, es handelt sich um eine historische Karte von einer Gegend, die ich kenne. Dann wird auch für mich eine Landkarte zu mehr als einem Handwerkszeug, das mir hilft, von A nach B zu kommen. Dann erzählt auch mir eine Karte Geschichten.

Es waren also nicht die Karten, die mich zu den beiden Büchern aus dem Brandstätter Verlag haben greifen lassen. Es war die Neugier auf die Welt.

Atlas der ungezähmten Welt

Beim »Atlas der ungezähmten Welt« stehen für mich die Geschichten im Vordergrund, doch es braucht die Karte, damit ich mir Abgeschiedenheit, Schroffheit, Unwegsamkeit vorstellen kann. Extrem, verwildert, unberührt, isoliert oder rätselhaft sind die Gegenden, über die Chris Fitch schreibt. Ich bezweifel, dass er sie alle selbst bereist hat. Aber darum geht es auch nicht, sondern um die Reisen, die wir nur mit dem Finger auf der Landkarte oder zwischen den Zeilen eines Buches vollziehen können.

Schwarz-Weiß-Fotos der Landschaften mögen in solch einem Zusammenhang ungewohnt wirken. Doch für mich sind sie stimmig, denn sie erinnerten mich an die Reisebildbände, die ich mir als Kind in der Bibliothek angeschaut habe. Auch die hatten damals Schwarz-Weiß-Fotos, die wir Leser mit unserer eigenen Fantasie einfärbten.

Atlas der ungewöhnlichsten Orte

Der »Atlas der ungewöhnlichsten Orte« hingegen erzählt skurrile Geschichten, die von Menschen in die Landschaft geschrieben wurden. Ten Commandments Mountain in North Carolina: die 10 Gebote aus Beton, die Buchstaben 1,5 Meter hoch. Spijkenisse in den Niederlanden, wo alle Brücken nachgebaut wurden, die auf den Euro-Scheinen abgebildet sind. Mail Rail in London, eine U-Bahn nur für die Post. Varosia auf Zypern, eine verlassene Touristen-Hochburg. Für mich waren in all diesen Fällen die Geschichten stärker als die Karten, deren Zauber nicht übersprang. Doch all die Anekdoten über Menschen und ihre schrägen Ideen machten das mehr als wett.


Infos zu den Büchern:

Chris Fitch
Übersetzt von Barbara Sternthal

Atlas der ungezähmten Welt
Eine Reise zu extremen Landschaften, unberührten Plätzen und wilden Orten. Von der unwirtlichen Skelettwüste Namibias bis zum antarktischen Kältepol Dome A

Atlas der ungewöhnlichsten Orte
Eine Reise zu verwunschenen Plätzen, verlassenen Inseln und geheimnisvollen Labyrinthen

Brandstätter Verlag


GeschichtenAgentin auf Reisen – in echt oder zwischen den Zeilen eines Buchs.


Ich bin mir sicher: diese Kartenmacherin hätte Spaß an den beiden Atlanten! Meine Rezension zur Graphic Novel:

Der Hindu-Tempel. Ein Standardwerk, leider untergegangen

Der Hindu-Tempel. Dumont Taschenbuch.

Ist es überhaupt sinnvoll, über Bücher zu bloggen, die es nicht mehr gibt?

Im Falle von George Michells »Der Hindu-Tempel. Baukunst einer Weltreligion« kann ich nur sagen: Fundiert und umfassend – mehr Informationen über Geschichte, Architektur und Bedeutung der hinduistischen Tempel werdet ihr nirgendwo anders in deutscher Sprache in so kompakter Form finden. Einen Grundkurs in indischer Geschichte bekommt ihr noch dazu.

Und nun fröhliches Suchen – das Buch ist vergriffen.

Vergriffen heißt: Das Buch wird nicht mehr aufgelegt, der Verlag hat es nicht mehr auf Lager. Am besten Mal in der Bibliothek schauen. Oder vielleicht kann die Fernleihe der Uni-Bibliotheken noch ein Exemplar besorgen? Gerade bei einem Thema wie Kunstgeschichte kann das gut sein. Ungefähr das habe ich jahrelang meinen Kunden in der Buchhandlung erzählt.

Heute heißt vergriffen lediglich: Schau mal bei Booklooker, Medimops und Co. Die Chance, dass irgendein Antiquariat in Deutschland noch ein Exemplar vorrätig hat, ist groß. Mit Booklooker wird das sichtbar: Stand heute gibt es 29 Treffer zu der Hindu-Tempel. Die Preise, die dafür aufgerufen werden, sind mehr als fair. Dass Bücher zu billig sind, gilt offensichtlich auch für gebrauchte Exemplare.

Mein Exemplar des Buches war jedoch ein Zufallsfund im Markthaus Mannheim, dem Second-Hand-Kaufhaus, in dem Bücher nach Gewicht angeboten werden. Womit auch mal wieder klar wird, wie Buch-Bloggerinnen wie ich zu ihren Büchern kommen: auf jedem erdenklichen Weg.


Infos zum Buch:

George Michell

Der Hindu-Tempel
Baukunst einer Weltreligion.

Dumont Taschenbuch
erschienen 1991


Mehr über Indien auf meinem Blog:

Elsass. Gibt es auch jenseits der Weinstraße.

Elsass. Kein Reiseführer, eher eine Annäherung an eine Region.  Auf verschlungenen Wegen wandelt der Leser durch die ebenso schöne wie vielfältige Landschaft, erfährt von keltischen Mythen, alten Pilgerstätten und kann das winterliche Straßburg neu für sich entdecken.  Mit Rezepten,

Für die Pfalz gibt es wohlwollend blumige Namen wie Toskana Deutschlands. Von den Pfälzern selbst wird das wenn überhaupt nur gegenüber Außergewärtigen, Touristen, benutzt. Das gilt auch für »Der Norden Frankreichs« oder »Wo Frankreich nahe ist« – zwei Umschreibungen, die ich noch nie verstanden habe, denn demnach wären Pfälzer Fast-Elsässer. Oder umgekehrt.

Wenn ich in das nahegelegene Elsass fahre, ist es für mich offensichtlich, das ich in einem anderen Land bin. Die Dörfer sehen anders aus. Die Menschen gehen am Wochenende anderen Hobbys nach – Quadfahren, angeln, picknicken. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich dort wandere. Die Wälder leiden zudem unter einem eklatanten Mangel an Pfälzer Hütten mit Einkehrmöglichkeiten. Womit die Beweisführung abgeschlossen ist: Trotz Wein, Sandstein und Burgen ähneln sich die Pfalz und das Elsass nicht.

Daran, dass die Supermärkte sonntags nicht offen haben, merkt man aber auch deutlich, dass das Elsass nicht Frankreich ist. Genau diese Eigenständigkeit zeigt Petra van Cronenburg in ihrem Buch »Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt.«

Vielfältiges Elsass, quicklebendig

Ihr Elsass umfasst so viel mehr als nur die pittoresken Fachwerkdörfer der Weinstraße. Es reicht von den Rheinauen über die Gipfel der Belchen bis ins lothringische Hinterland und von der Steinzeit über die Industrialisierung bis in die futuristische Straßenbahn Strasbourgs. Sie erinnert an Kelten und an polnische Könige, die nie wieder wegwollten, an Handwerker und Künstler, an Bauern und Tüftler und unternimmt einen Abstecher auf die pfälzische Seite nach Schweigen. Zwischendurch wird immer wieder gegessen – alles andere wäre auch unrealistisch!

Genau wie sie es in dem Buch beschreibt, empfinde ich das Elsass als eine Gegend, in der vieles gleichzeitig lebendig ist. Das beginnt bei den Sprachen: Französisch, Elsässisch und Deutsch können einem überall begegnen. Mitten im Wald zwischen seltenen Pflanzen kann man auf eine alte Erdölpumpe stoßen. Direkt neben dem christlichen Wallfahrtsort existieren heidnische Ruinen und werden genauso gepflegt. Auf der schönsten Panoramastraße wird man an die brutalen Schlachten der Weltkriege erinnert. Und über allem kreisen Störche. Das Elsass ist zutiefst europäisch und gleichzeitig fest in seiner Eigenständigkeit verwurzelt. Ich bin gerne dort. Nur mit dem Munster Käse kann ich mich nicht so wirklich anfreunden:

Sein Aroma zerschneidet den Pinienduft der Vogesen wie ein altes Wildschwein auf der Hatz.

Petra van Cronenburg, Elsass – S. 143

Das Elsass ist das Elsass und eben nicht die Pfalz und auch nicht Frankreich. Aber wenn alle Frankreich-Vergleiche so unpassend sind, wie würden denn nun die Pfälzer ihre Heimat selbst benennen? Von allem, was ich bisher gehört habe, gefällt mir »Mer läwwe im gelobte Land« am besten. Wahrscheinlich würden sie jedoch einfach nur »do« sagen und sich weniger Gedanken um Begrifflichkeiten als viel mehr um das nächste Essen samt Rieslingschorle machen. Das wiederum eint die Pfalz nicht nur mit dem Elsass, sondern mit allen ländlichen Gegenden.

Weitere Angaben zum Buch:

Petra van Cronenburg

Elsass
Wo der Zander am liebsten in Riesling schwimmt

Mit Rezepten von Wildschwein in Hagebuttensauce bis Lebkucheneis und Mandeltarte

Insel Taschenbuch


Was man sich in der Gegend noch anschauen kann:

Erzähl mir eine Schauergeschichte: Der magische Wald – Bildkarten

Schauergeschichten erzählen mit Bildkarten:  der magische Wald. Diese 20 Bildkarten lassen sich beinahe unendlich miteinander kombinieren. Wie auch immer du sie hinlegst, sie passen wie durch Zauberei stets zueinander, sodass sie zusammenhängende Szenen ergeben und dir unzählige Möglichkeiten bieten, Geschichten zu erfinden. Durchquere eine verzauberte Landschaft, die von feuerspeienden Drachen, magischen Einhörnern und finsteren Gestalten bewohnt wird, und lass deiner Fantasie freien Lauf! Wohin wird dich deine Geschichte führen? Insgesamt gibt es über 2 Trillionen Möglichkeiten, mit den Bildkarten Geschichten zu erzählen. Wenn alle Teile verwendet werden, wird deine Geschichte 1,70 m lang.

Trillionen ist ein Begriff, den ich eher selten verwende. Doch 20 Bildkarten ergeben über 2,4 Trillionen Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen – und wenn wir dafür das Karten-Set »der magische Wald« verwenden, wird jede davon schaurig sein.

Wer sich von der Fülle an Möglichkeiten überfordert fühlt, greift zur Spielanleitung. Alle anderen fabulieren von den Karten geführt frei darauf los: Führt der Weg tiefer in den Wald oder heraus? Gehört das Pferd einem Vagabunden, einem Ritter oder einer Kräuterhändlerin? Verwandelt sich der Mann in einen Werwolf oder gerade wieder zurück? Sieht der Oger, worauf er tritt? Und vor allem: Wie wird das enden?

Alle Karten können nahtlos an einander gelegt werden – das Bildmotiv passt immer. Allein das fasziniert mich bereits: Wie entwirft ein Grafiker eine solche Bilderfolge?

Die Illustrationen fangen die dunklen Seite der Märchen ein. Der magische Wald ist ein düsterer Ort, voller Fabelwesen und Abenteuer, die nur darauf warten, erzählt und überstanden zu werden!


Infos zum Kartenset:

Der magische Wald
Magische Myrioramen
Schaurige Geschichten mit Bildkarten erzählen

Illustriert von Rohan Daniel Eason
Nach einer Idee von Agnus Hyland
Übersetzt von Dr. Ulrich Korn

Empfohlen ab 8 Jahren

Laurence King Verlag


Mehr über den Wald auf meinem Blog:

  • Warum Waldbaden für Pälzer Krischer eine gute Idee wäre
  • Hainich – ein Gerade-Noch-Nicht-Urwald
  • Sanspareil – ein Landschaftsgarten im Wald

Vielleicht habt ihr ja jetzt Lust, Nick Cave zu hören – oder Märchen zu lesen?

William Gibson – Peripherie

William Gibson - Peripherie

Mit Peripherie macht es William Gibson dem Leser nicht einfach.

Sogar wenn man frühere Bücher wie Neuromancer und Mustererkennung kennt, fällt der Einstieg diesmal nicht leicht. Die Welt ist eine andere, die Technik wirkt noch weniger vertraut. Nichts wird erklärt – keine Fachbegriffe, keine handelnden Personen und schon gar keine Zusammenhänge. Überraschenderweise gibt es jedoch auf den ersten 100 Seiten ungewohnt viel Witz. Das hilft dran zu bleiben.

Doch warum soll es uns Lesern besser ergehen als den Protagonisten? Weder die toughe Kleinstadt-Gang noch die Superreichen verstehen die Situation, die sich aus einem Mord ergeben hat. Flynne, eine für Gibson typische Heldin, ist die einzige Zeugin und wird damit zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Zusammen mit ihr tasten wir uns voran. Doch auch das wird sich als falsche Fährte herausstellen: Niemand in diesem Buch versteht die Technik, die eingesetzt wird, so wirklich. Jeder ist von den Zusammenhängen überfordert, handelt aber trotzdem. Karma pur – nicht-handeln ist unmöglich.

Peripherie – lass dich einfach von der Geschichte führen

Ungefähr ab Seite 120 habe ich begonnen, mich im Buch zurechtzufinden und begann, mein Nicht-Wissen zu genießen. Glitchende Haptics, Stub, fabben und Peripherals? Mir egal, was das ist und wie es funktioniert. Wichtiger ist, was ich damit machen kann. Ab da hatte ich auch wieder Vertrauen zum Autor: Er wird mir schon rechtzeitig sagen, was ich wissen muss und jede unerwartete Wendung wurde sowieso nur zu meinem Vergnügen erschaffen.

Es ist bei diesem Buch fast unmöglich, eine spoilerfreie Rezension zu schreiben. Wer mehr zur Handlung erfahren möchte, möge diesen Spiegel-Artikel lesen. Empfehlen kann ich es nicht – nichts über die Handlung zu wissen hat mein Lesevergnügen definitiv vergrößert!

Trotz des unüblichen Einstiegs ist Peripherie durch und durch ein echter Gibson – spannend, philosophisch, voller Anspielungen auf Popkultur und auf aktuelle Diskurse!


Angaben zum Buch:

William Gibson
Peripherie

Übersetzt von Cornelia Holfelder-von der Tann

Tropen Verlag


Mehr von William Gibson auf meinem Blog:


Unendliche Weiten – sind nicht das einzige, was Science Fiction zu bieten hat. Ich hatte das SF-Genre zwischenzeitlich etwas aus den Augen verloren. Und habe nun um so mehr Spaß damit, Klassiker und Novitäten wieder zu entdecken! Meine Buchtipps und Rezensionen findet ihr hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin

Das ist das Bauhaus!

Das ist das Bauhaus!
50 Fragen - 50 Antworten. Buch aus dem Seemann Henschel Verlag. Liegt auf dem Bild im Fahrradkorb vor der Kulisse der Bergstraße.

Klug konzipiert, gut geschrieben, genial illustriert und zudem noch eine Meisterleistung der Buchherstellung: „Das ist das Bauhaus!“

In 50 Fragen und Antworten führt uns Gesine Bahr durch die Welt des Bauhaus und erklärt uns das Konzept, die Philosophie und die weltweiten Auswirkungen der Design-Schule. Unterstützt wird sie dabei von Halina Kirschner, deren Illustrationen die Schwerpunkte der Kapitel ins Rampenlicht rücken.

Auch andere Bauhaus-Bücher versuchen, uns einen Überblick zu verschaffen. Aber die Herangehensweise von „Das ist das Bauhaus!“ sticht aus der Flut an Neuerscheinungen heraus. Dank klug gewählter Fragen beleuchten Autorin und Illustratorin das Bauhaus aus vielen verschiedenen Blickwinkeln und verschaffen dem Leser damit einen umfassenden Überblick. Gerade für Leserinnen wie mich, die mit einem bunten Sammelsurium an Wissensbruchstücken und Anekdoten zum Thema Bauhaus in das Buch starten, erweist sich dieses Konzept als genial.

Dieses Buch kuratiert in meinem Gehirn meine bunt zusammengewürfelte Sammlung aus Wissensschnipseln zu einer strukturierten Bauhaus-Ausstellung, die sowohl Künstlerbiographien, politisches Umfeld, Architektur- und Kunstgeschichte, Philosophie, Entwicklung des Industriedesigns, den wirtschaftlichen Rahmen und die Auswirkungen des Bauhaus auf unser heutiges Leben umfasst. Die knappen Kapitel sorgen für eine kurzweilige Lektüre, die aber nie ins anekdotenhafte abgleitet. Die Illustrationen unterstreichen den Charakter der Fragen, zeigen Kernaspekte auf und lenken meine Konzentration.

Gestaltung, die einen Unterschied macht

Damit spielt „Das ist das Bauhaus!“ die Stärken des gedruckten Buchs aus: die ruhigere Art des Lesens und die klug genutzten Möglichkeiten der Buchgestaltung sorgen für eine nachhaltigere, umfassendere und besser strukturierten Annäherung an das komplexe Thema als es Webseiten, Podcasts oder Filme ermöglichen.

Überhaupt die Buchgestaltung: ich zähle mich selbst nicht unbedingt zu den Buch-Kuschlern. Niemals würde ich an einem neuen Buch riechen. Ich will einfach nur lesen, das Medium ist für mich zweitrangig. Trotzdem kann ich mich für gute Handwerkskunst begeistern: an diesem Buch stimmt einfach alles – Papier, Einband, Druckqualität, Text-Layout. „Das ist das Bauhaus!“ ist ein schönes Buch, aber es ist nicht schön um seiner selbst willen. Die gut durchdachte Gestaltung sorgt für einen einfacheren Zugang zum Thema Bauhaus und hilft dem Leser auf jeder Seite, sich der komplexen Materie zu nähern.

Damit schließt sich der Kreis zu meinem Lob am Anfang – und zur Bauhaus-Philosophie, denn dieses Buch zeigt, was gute Gestaltung vermag.


Angaben zum Buch:

Gesine Bahr – Text
Halina Kirschner – Illustrationen

Das ist das Bauhaus!
50 Fragen und Antworten

Seemann Henschel Verlag


Künstler*innen, Bücher über Kunst, Bildbände und Kunstausstellungen, für die ich mich begeistern kann: meine Beiträge hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin


Mehr zum Bauhaus auf meinem Blog:

Haben Bilder ein Eigenleben?

Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur. von W.J.T. Mitchell

Was will mir das Bild sagen? Also nicht: was bedeutet es? Auch nicht: was hat sich die Fotografin dabei gedacht? Sondern ganz direkt: was will dieses Bild von mir?

Die Fragestellung war mir sympathisch, erschien sie mir doch wie eine gute Weiterführung meiner Methode, mir Kunst anzuschauen. Wenn ich mich frage „Berührt mich dieses Bild oder diese Skulptur?“ dann begebe ich mich ja bereits in einen Dialog mit dem Kunstwerk selbst.

Der Gedanke, dass Bilder Reaktionen von uns herausfordern und ein Eigenleben besitzen, gefiel mir. Doch das Buch und ich, wir kamen nicht zusammen.

Mitchell schreibt für Menschen, die sich in der Medientheorie bestens auskennen. Nur wer die Theorien vor Mitchell kennt, kann seinen Gedankengängen folgen. Dann macht es auch sicherlich Spaß, ihm beim Denken und Theorien entwickeln zu folgen. Ich als interessierter Laie mit gelegentlichem Hang zum Nerdtum hingegen bin ausgestiegen. Lektüre abgebrochen.

Auf die Frage, was dieses Buch eigentlich von mir will, kann ich nur antworten: es will zu Momox, weiterverkauft werden. Möge der nächste Leser oder die nächste Leserin damit glücklicher werden!


Infos zum Buch:

W.J.T. Mitchell

Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur.

Becksche Reihe

Mehr zum Buch beim Deutschlandfunk.


Künstler*innen, Bücher über Kunst, Bildbände und Kunstausstellungen, für die ich mich begeistern kann: meine Beiträge hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin


Rundherum empfehlen hingegen kann ich dieses Buch: Psychologie der Kunst.

Kick-Ass-Woman neu definiert

G. Willow Wilson - Alif der Unsichtbare. Ausgezeichnet mit dem World Fantasy Award als »Bester Roman des Jahres«.

Ein Fantasy-Roman, in dem Hacker und Dschinn vorkommen – wie soll das funktionieren?

Die Frage, die mich vor der Lektüre beschäftigte, hätte ich mir sparen können. G. Willow Wilson führt die Dschinn nicht groß ein. Sie lässt auch nicht zwei Welten aufeinander prallen. Es passiert einfach.

Wenn Dschinn im Koran eine Rolle spielen, dann spielen sie auch in einer Gegenwart, die vom Koran geprägt wird, eine Rolle. Genauso wie Computer, soziales Ungleichgewicht, Hacker, Schriftgelehrte, das Freitagsgebet, Sittlichkeit, staatliche Überwachung, Verliebtheit und die Frage, in was für einer Welt wir eigentlich leben wollen.

Was ich zum Glück nicht wusste

Eigentlich war es ein Glücksgriff, dass ich im Vorfeld nichts über den Fantasyroman wusste, außer, dass er den World Fantasy Award gewonnen hatte. Ich hatte das Buch einfach bei meiner letzten Medimops-Bestellung mitgeordert, um die portofreie Lieferung zu erreichen. Ihr kennt das.

Hätte ich gewusst, dass G. Willow Wilson für eine Revolution im Marvel-Universum verantwortlich war – ich hätte das Buch von Anfang an mit anderen Augen gelesen. Sie hat mit Kamala Khan eine Comicfigur erfunden, die Superheldentum, geekige Lebenseinstellung, jugendliche Leichtigkeit und muslimischen Glauben ausbalanciert.

So war ich angemessen überrascht, als Dina die Bühne betrat und begann, dem coolen Hacker Alif immer mehr die Schau zu stehlen.

Kick-Ass-Woman neu definiert

Alif ist ein sehr impulsiver junger Mann. Dina hingegen wirkt konzentriert und geduldig, fast so, als würde sie ihren Schleier als Rückzugsort verwenden, um Probleme in Ruhe zu durchdenken. Doch Entscheidungen, die sie trifft, setzt sie äußerst konsequent um. Während sich hier immer noch viele Menschen nicht vorstellen können, dass Hijab und Selbstbewusstsein sich nicht ausschließen, treffen wir in »Alif der Unsichtbare« auf eine Heldin, die zugleich sittlich, willensstark und klug ist.

Den Gegenpol bildet eine Konvertitin, die sich zunächst bemühen kann, wie sie will, und trotzdem immer die Andere, die Fremde bleibt. Nur der fremdeste aller Fremden, der Dschinn, sieht etwas anderes in ihr. Was mich zum zweiten großen Aha-Moment führt.

Alle Brüder sind gleich. Die Schwestern schon weniger. Und der Rest?

Die zweite Überraschung war, wie klar G. Willow Wilson soziale Mechanismen herausarbeitet. Im Glauben sind alle gleich? Von wegen. Die Frauen sind schon mal ungleicher, haben aber fast Glück, dass man unter dem Schleier ihre Hautfarbe nicht sieht. Denn die sorgt bei den Männern für feine Abstufungen innerhalb des Stadtstaates. Das, was die soziale Herkunft nicht regelt, wird eben an der Hautfarbe festgemacht. So arbeitet die Autorin klar heraus, wie Rassismus einen Unrechtsstaat stabilisieren kann und wie soziale Ungerechtigkeit genau diesen Staat zum Einsturz bringen kann.

Das sind viele Bedeutungsebenen für einen Fantasyroman,der auf den ersten Blick vor allem eines ist: Rasant und spannend!


Infos zum Buch:

G. Willow Wilson

Alif der Unsichtbare

Übersetzt von Julia Schmeink

Fischer Tor

Ausführliche Rezension mit mehr Infos zur Handlung bei Teilzeithelden

Und aus der Wut entstand eine Geschichte. Wenn ich über die erstaunlichen Dinge, die online vor sich gingen, in der realen Welt nicht sprechen konnte, dann würde ich es in der Welt der Fiktion tun. 

G. Willow Wilson im Interview bei Tor Online

Hier findet Ihr mehr Fantasy-Tipps auf meinem Blog! Ganz besonders lege ich Euch diesen Roman ans Herz, der auch eine Kick-Ass Heldin beinhaltet, eine Hexe: „Alle Vögel unter dem Himmel“ von Charlie Jane Anders. Meine Buchrezension:

Richtig gendern. Vorsicht, Reizwort! (aber nicht für mich)

Duden Ratgeber richtig gendern - angemessen und verständlich schreiben

Mit Sprache beschreiben wir nicht nur die Welt, wir gestalten sie auch. Wenn ich möchte, dass sich die Welt ändert – und das will ich – dann ist ein Schritt zum Ziel, meinen Sprachgebrauch kritisch zu überprüfen.

Eine gerechtere Sprache ist ein kleiner Baustein, der dazu beiträgt, Artikel 3 des Grundgesetz umzusetzen. Um so erstaunlicher, was für einen Aufschrei geschlechtergerechte Sprache verursacht!

Dabei ist es sehr wohl möglich, Texte zu gendern, ohne dass der Lesefluss ins Stocken gerät. Es ist alles nur eine Frage des Könnens und Wollens – bei beidem hilft dieses Buch.

Gewohnheit, du träges Tier

Für meinen Geschmack nutze ich selbst geschlechtergerechte Sprache nicht konsequent genug. Warum? Es ist die Macht der Gewohnheit. Schnell einen Text runterschreiben und auf veröffentlichen klicken – das ist meine Art, Blogbeiträge zu verfassen. So kommt es, dass ich mich immer mal wieder aus alter Gewohnheit selbst als Blogger oder Leser bezeichne. Korrekt ist das nicht, denn ich bin eine Bloggerin und Leserin.

Ich habe daher volles Verständnis, dass Änderungen der Sprachgewohnheiten schwer fallen können. Aber sie sind möglich – es ist nur eine Frage der Übung und des Wissens.

Genau da setzt der Duden-Ratgeber „Richtig gendern – Wie Sie angemessen und verständlich schreiben“ an. Für jede Kommunikationssituation gibt es praktische Beispiele. Jeder Ratschlag wird linguistisch und sprachwissenschaftlich belegt. Mit viel sprachlichem Feingefühl werden Formulierungsvorschläge gemacht, die sich richtig gut lesen. Ja, das geht: Es ist möglich, Texte zu gendern, ohne unlesbare Bleiwüsten zu hinterlassen.

Allerdings wurde das Buch, das 2017 erschienen ist, bereits von der Realität eingeholt. Die Autorinnen gehen von nur zwei Geschlechtern aus und geben auch offen zu, dass das ein Manko ist. Lösungen für m/w/d bieten sie noch nicht direkt an, doch viele Beispiele lassen sich auch dahingehend übertragen.

Sag #gender – und warte, was passiert

Auf Instagram habe ich einen kleinen Test gemacht: Einfach mal #gender sagen und abwarten, was passiert. Selbst bei einem kleinen Account wie meinem dauerte es nicht lange, bis ein mir fremder Mensch erklärte, dass geschlechtergerechter Sprachgebrauch Unsinn sei und wir uns Benachteiligungen nur einbilden würden:

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Buch noch nicht ausgelesen, Nun weiß ich: Genau für solche Diskussionen bietet „Richtig gendern“ ausreichend Sachargumente, die belegen, dass ein anderer Sprachgebrauch nötig und erreichbar ist!


Infos zum Duden-Ratgeber:

Gabriele Diewald und Anja Steinhauer

Richtig gendern
Wie sie angemessen und verständlich schreiben

Duden Verlag

Ausführliche Fach-Rezension bei Korrekturen.de:

Wer sich dem Thema gendergerechte Sprache praktisch und ohne ideologische Scheuklappen nähern will, ist mit dem vorliegenden Duden-Band bestens bedient. 

Korrekturen.de – https://www.korrekturen.de/rezensionen/duden_richtig_gendern.shtml

Zum Schluss noch ein kleines Spiel: Zitate raten. Aus welchem Jahr stammt diese Festellung?

[dass] diese in der sprache zum vorschein kommende weltanschauung, nach welcher das männliche als etwas ursprüngliches und das weibliche als etwas abgeleitetes aufgefaßt wird, gegen die logik und gegen das gerechtigkeitsgefühl verstößt.

Baudouin de Courtenay
Zitat aus „Richtig gendern“ Seite 118

1968? Aus den 70er Jahren? Eine der ersten Ausgaben der Zeitschrift EMMA? #metoo? Dem letzten Soziologie-Seminar?

Alles falsch. Die richtige Antwort lautet: 1929.


Zwei Buchtipps:


Gendern stört den Lesefluss? Quatsch! Judith und Christian Vogt beweisen mit dem Near-Future Roman Wasteland, wie geschmeidig eine Sprache klingen kann, die alle Geschlechter mitdenkt. Das habe ich beim lesen erlebt:

Rabenvater Staat – Plädoyer für einen Neustart in der Familienpolitik

Jenna Bejhrends - Rabenvater Staat. Plädoyer für einen Neustart in der Familienpolitik. Sachbuch. DTV Verlag

Flickwerk ist noch eine beschönigende Bezeichnung für all die Gesetze, die Eltern und Kinder betreffen.

Manches wie das Ehegatten-Splitting stammt aus einer längst vergangenen Zeit, anderes wurde erlassen, um eine bestimmte Wählerklientel zu bedienen. Einiges ist schlicht und einfach unlogisch – so wie 19% Mehrwertsteuer auf Windeln zum Beispiel. Ganz chaotisch wird es bei der Frage, wer in Patchwork-Familien für welches Kind welche Entscheidung treffen darf.

Jenna Behrends analysiert dieses Kuddelmuddel kenntnisreich und detailliert. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft, in der Vereinbarkeit möglich ist. Dabei hat sie die tatsächlichen Lebenswelten von Eltern im Blick: Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, berufstätige Eltern oder Beziehungen, in denen ein Partner wegen der Kinder kürzer tritt – sie alle brauchen Unterstützung.

Familie ist, wo Kinder sind

Jenna Behrends verwendet diese schlichte Definition, die einfach alle Formen des menschlichen Zusammenlebens umfasst. Im Weltbild der CDU wäre das ein riesiger Fortschritt, dem ich applaudieren würde. Doch nach dieser Definition lebe ich nicht in einer Familie, sondern »nur« in einem Netzwerk von Freunden, kinderlosen Verwandten und Nachbarn.

Für mein persönliches Wohlempfinden brauche ich das Label »Familie« auch nicht. Doch Familie, also das Vorhandensein von Kindern, wird in diesem Weltbild als die tragende Säule der Gesellschaft betrachtet. Nur Kinder können angeblich die Zukunft der Gesellschaft garantieren. Also gehet hin und mehret euch – oder wie?

Auch wenn Jenna Behrends immer wieder betont, dass Kinder bekommen (oder auch nicht) eine freie Entscheidung sein soll, plädiert sie doch für einen Staat, der Kinder in den Mittelpunkt stellt.

Andere Möglichkeiten, eine Gesellschaft zukunftsfit zu machen, werden nicht genannt. Zuwanderung wäre zum Beispiel auch eine Möglichkeit. Qualität statt Quantität eine andere – denn nur, weil Kinder vorhanden sind, entsteht noch lange keine lebenswerte, humane Gesellschaft.

Steuerrecht, Unterhaltsrecht, Sozialrecht – hier ist dringend ein Neustart nötig. So weit stimme ich ihr zu. Doch mein Ziel wäre eine wertschätzende Infrastruktur, die es allen Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht, sich für die Zukunft zu engagieren. Dann entsteht auch eine Gesellschaft, in der es sich gut mit Kindern leben lässt.

In diesem Sinne: lasst uns über das Leben sprechen, das wir leben wollen!

Jenna Behrends – aus dem Vorwort von „Rabenvater Staat“

Infos zum Buch:

Jenna Behrends
Rabenvater Staat
Warum unsere Familienpolitik einen Neustart braucht

DTV

Rezension bei Heute ist Musik

Ich danke der Autorin und dem DTV Verlag für das unverlangte Rezensionsexemplar mit Widmung!


Was verbindet mich eigentlich mit Familienpolitik? Eigentlich nicht viel – bis auf meinen Feminismus und meine Liebe für Bilderbücher und Kinderbücher!


Freunde sind selbstgewählte Familie – darum geht es in diesem Roman: Wohnverwandschaften