Im Wald und auf Wanderschaft: zwei Wortwanderungen durch die Natur

Im Wald. Wortwanderungen. SAchbuch. Wörter, die mit dem deutschen Wald eng verbunden sind, stellt dieser liebevoll gestaltete Band in den Mittelpunkt.

Ameise, Fuchs, Wildschwein. Buche, Lichtung, Tanne. Aber auch Hexe, Räuber, Waldgeister. Oder Dunkelheit, Einsamkeit und Stille.

Worte, die eng mit dem Wald verknüpft sind. Rita Mielke lädt uns ein, mit ihr durch Wald und Wörter, Kulturgeschichte und Literatur zu streunen. Woher stammt das Wort Brennnessel, was ist seine symbolische Bedeutung und in welchen Gedichten kommt es vor? Wie verbreiten Misteln ihre Samen und wie schlägt sich das im Wort Mistel nieder? Wann wurde der Adler zum König der Vögel? Mit diesem Buch auf kulturhistorische Streifzüge zu gehen macht Spaß und sorgt für Aha-Effekte. Petra vom Blog Elementares Lesen erging es genau wie mir:

Über die Herkunft der Wörter, ihre Spuren in Mythen, Märchen und Literatur und über die Eigenschaften, die wir ihnen zuschreiben, informiert die promovierte Literaturwissenschaftlerin und Kulturjournalistin Rita Mielke auf unterhaltsame Weise.

Blog Elementares Lesen – Rita Mielke: Im Wald – Eine Wortwanderung durch die Natur

Wobei meine inneren Waldgeister ob meiner Begeisterung für das Buch sofort mit Spott zur Stelle waren: Gehst Du nicht in den Wald, um die Worte hinter Dir zu lassen?

Da haben sie recht. Doch bevor ich im Wald den Punkt der inneren Stille erreiche, durchstreifen meine Gedanken viele Wortwolken – so, wie die Autorin das mit ihrem Buch vormacht.

Auf Wanderschaft – ein Streifzug durch Natur und Sprache

30 Wörter, die jedem Wandersmann tief vertraut sind, stellt dieser liebevoll gestaltete Band in den Mittelpunkt. Sachbuch.

Wenn mir ein Konzept gefällt, greife ich gerne zu weiteren Büchern aus der Reihe. Doch das, was mich bei „Im Wald“ so faszinierte, fand ich in „Auf Wanderschaft“ nicht wieder. Die Wortauswahl erschien mir nicht schlüssig. Auf Identität, Kunst und Lesen hätte ich beim Thema Wandern verzichten können. Atmen, bergauf und Blasen hingegen habe ich vermisst. Auch fanden der Schreibstil des Autors und ich nicht zusammen. Manches kam mir wissenschaftlich umständlich vor. Überhaupt fehlten mir beim Lesen Gefühle – vor allem die, die ich beim Wandern erlebe: Frische, Weite, Klarheit.

Dafür verdanke ich diesem Buch eine wunderbare Erkenntnis: Lesen ist wandern mit den Augen!

Wenn man davon ausgeht, dass die Zeilenlänge eines Taschenbuchs ungefähr neun Zentimeter beträgt und eine Normseite 30 Zeilen umfasst, dann legen die Augen mit jeder Seite, die man liest, um die 2,70 Meter zurück. Bei der Lektüre eines Romans von 370 Seiten wandern sie einen Kilometer.

Florian Werner, Auf Wanderschaft. S. 73

Infos zu den beiden Büchern:

Florian Werner
Auf Wanderschaft

Rita Mielke
Im Wald

Duden Verlag


Mehr Bücher zum Thema Wandern und Wald auf meinem Blog:

Das Prinzip der Mühelosigkeit

Pamela Obermaier, Dr. Marcus Täuber
Das Prinzip der Mühelosigkeit
Warum manchen alles gelingt und andere immer kämpfen müssen. SAchbuch

Kompetentes Plaudern – so würde ich den besonderen Tonfall dieses Buches beschreiben. „Das Prinzip der Mühelosigkeit“ ist definitiv kein Tschakka-ändere-dein-Leben-in-21-Tagen-Ratgeber, denn dann hätte ich es gar nicht zu Ende gelesen. Es kommt eher wie ein Buch gewordener Podcast daher: frisch, leicht, interessant. Mag ich.

Natürlich geht es in dem Buch auch um Spitzenleistungen von Sportlern und Managern. Das ist nicht meine Welt, aber ich konnte diesen Teil problemlos ignorieren.

Kreativität entfalten, leichter lernen und ohne tagelanges Grübeln stimmige Entscheidungen treffen – das sind die Themen, die in dem Sachbuch viel mehr Raum einnehmen als die Manager-Attitude. Damit wurde es zu meinem Buch.

Natürlich bringen wir alle zu diesen Themen einen Haufen Vorkenntnisse mit. Hier ein Zeitungsartikel, da der Rat eines Freundes, dort ein Ratgeber. Wissen wir nicht schon längst alles? Fehlt es nicht einfach nur an der Umsetzung?

Genau das denken die Autoren offensichtlich mit und halten daher gut die Balance zwischen Basis-Wissen, Motivation und neuesten Erkenntnissen aus der Forschung. Damit ist ihr Buch ein Auffrischungskurs, ein Update für all die Wissenshäppchen, die wir uns schon gemerkt haben.

Und so tauche ich aus dem Buch mit den verheerendsten aller Booknerd-Wünsche auf: Ich mag die anderen Bücher von Pamela Obermaier und Marcus Täuber auch noch lesen. Die Stapel ungelesener Bücher, von denen es mittlerweile in jedem Zimmer einen gibt, lachen derweil hämisch.


Infos zum Buch:

Pamela Obermaier
Dr. Marcus Täuber

Das Prinzip der Mühelosigkeit
Warum manchen alles gelingt und andere immer kämpfen müssen


Goldegg Verlag


Ein Sachbuch, das gut dazu passt: Beweg Dich und dein Gehirn sagt danke

Bildungslücke geschlossen, Zeitmaschine gelesen

Wells, Zeitmaschine. Ende des 19. Jahrhunderts unternimmt der »Zeitreisende« – ein nicht namentlich genannter Erfinder – einen Ausflug in das Jahr 802.701, wo er zwei verschiedene Menschenrassen antrifft: die scheinbar sorgenfrei und glücklich an der Erdoberfläche lebenden Eloi und die unterirdischen Morlocks. Erst mit der Zeit findet er heraus, dass zwischen den Eloi und den Morlocks ein Anhängigkeitsverhältnis besteht, das seine schlimmsten Befürchtungen übertrifft! Klassiker der Science Fiction Literatur. Ausgabe aus der Buchreihe Fischer Klassik.

Bildungslücke geschlossen. Das war mein Gedanke, als ich auf der letzten Seite der Erzählung „Die Zeitmaschine“ von H. G. Wells angekommen war. Nicht: was für ein fieses Ende. Und auch nicht: Erstaunlich, welche Zweifel an der Zukunft hier schon enthalten sind. Sondern einfach: Meiner Allgemeinbildung hat bis zu dieser Lektüre ein wichtiges Puzzleteil gefehlt. Mission abgeschlossen.

Und weil andere wesentlich klüger als ich über die Bedeutung des Science-Fiction Klassiker schreiben können, folgen von mir einfach ein paar unsortierte Gedanken.

Das kommt mir doch bekannt vor. Seltsam war es, beim Lesen zu merken, wie viele Zitate, die auf das Buch verweisen, ich schon kenne – ohne das Original zu kennen. So war der Gedanke „Ach, da hat XY das her“ ein ständiger Begleiter beim Lesen. Dabei bin ich gar keine so große Kennerin der SF-Literatur. Aber selbst mit nur soliden Kenntnissen der Popgeschichte erkennt man beim Lesen erstaunlich viel wieder – sozusagen im Rückspiegel.

Wo sind die Frauen? Nein, ich möchte H.G. Wells keinen Sexismus vorwerfen. Doch das die einzigen Frauen in der Gegenwart Dienstmädchen sind, fällt mir, mit meinem heutigen Blick, sehr auf. In der Zukunft ist es übrigens auch nicht besser: Dort begegnet der Zeitreisende nur einer Kindfrau.

Ich kann es noch. Ich hatte schon lange kein altes Buch mehr gelesen. Beim Lesen treibt mich entweder die Neugier auf ein Thema an oder ich möchte abschalten. Bei ersterem akzeptiere ich komplizierte Sprache, beim zweiten nicht. Literarisches Lesen mögen meine müden Augen abends gar nicht mehr. Deswegen hatte ich Zweifel, ob ich mit der gewissen Umständlichkeit der Sprache und der eher gemächlichen Entwicklung der Handlung zurechtkomme. Ich kam. Ein Erfolgserlebnis.


Angaben zum Buch:

H. G. Wells

Die Zeitmaschine

Neu übersetzt von H.-U. Möhring

Fischer Klassik

Gelesen habe ich übrigens die Ausgabe aus der Fischer Klassik Reihe, die noch sehr viel Bonusmaterial enthält. Das Buch selbst kam über den Büchertausch auf dem Alten Messplatz in Mannheim zu mir, der vom LesArt Projekt veranstaltet wurde. Das Konzept ist klasse. Ein Buch hinbringen, Tauschticket erhalten, ein anderes mitnehmen und nebenbei andere Booknerds kennenlernen.


Mehr #sfvongestern auf meinem Blog: William Gibson – Neuromancer. Und Buchtipps zu SF von heute findet ihr hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin

Mannheim entdecken: Sehenswürdigkeiten für Einheimische und Fans

111 Orte in Mannheim, die man gesehen haben muss  - Reiseführer zu unbekannten Sehenswürdigkeiten

Manchmal versuche ich, mir meine Heimatstadt Mannheim mit den Augen eines Touristen anzuschauen. Oder den Blick eines neu hinzugezogenen Nachbarn. Dann fahre ich in Vororte, in denen ich sonst nicht bin. Laufe durch Parks, die mir bisher entgangen sind. Radel am Sonntag durch das Industriegebiet. Suche architektonische Perlen und die Murals von Stadt.Wand.Kunst.

Doch selbst dann gilt der alte Baedeker-Slogan erschreckend häufig: Man sieht nur, was man weiß. An manch Sehenswertem, das im Buch „111 Orte in Mannheim, die man gesehen haben muss“ vorgestellt wird, bin ich schon ohne hinzuschauen vorbei gelaufen: So geschehen beim dekonstruktivistischen Glockenturm der Melanchthon-Kirche in der Neckarstadt zum Beispiel. Völlig entgangen war mir auch, dass die Schulkinderfiguren an der Mozartschule unterschiedliche Jahrhunderte symbolisieren.

Vieles hatte ich schon erblickt, kannte jedoch die Geschichte dahinter nicht. So zum Beispiel die Schildkrötbank im Luisenpark, ein Überbleibsel der alten Schildkröt-Fabrik Neckarau. Oder das Portal der Schimag am Museumsufer in der Nähe der Kurpfalzbrücke.

Das Buch hat mich direkt zu Radausflügen inspiriert. Eine Tour zur Gnadenkirche in der Gartenstadt, eine der letzten Mannheimer Notkirchen, ist bereits geplant. Eine andere wird zu den Heimatmuseen von Neckarau und Seckenheim führen. Auch die restlichen Murals, großformatige Streetart, werde ich mir noch anschauen.

Damit funktioniert für mich „111 Orte in Mannheim, die man gesehen haben muss“ besser als der ähnlich aufgebaute Reiseführer „Lieblingsplätze von der Bergstraße über den Odenwald bis zum Spessart“. Das liegt jedoch rein an der Erreichbarkeit! Für beide Reiseführer gilt: Auch, wenn man diese Orte angeblich gesehen haben muss, würde ich für die meisten nicht extra anreisen. Aber wenn ich schon mal in der Nähe bin, dann schaue ich mir das gerne an!


Noch mehr Ausflugsideen und Geschichten über und mit Mannheim findet ihr auf dem Blog Alles Mannheim. Oder hier auf meinen Blog – Mannheim & Kurpfalz.


Angaben zum Buch:

Cornelia Lohs

111 Orte in Mannheim, die man gesehen haben muss
Neuauflage

Emons Verlag


Mehr lesenswertes aus Mannheim: das Buch unseres Ex-Oberbürgermeisters Peter Kurz. Hier meine Rezension:



Nun zum Sport: Trojanows Olympiade

Ilija Trojanow macht einen Selbstversuch:  Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen

Hände hoch: bei wem gehört „Mehr Sport machen“ noch zu den klassischen guten Vorsätzen, der dann doch nie zur eigenen Zufriedenheit umgesetzt wird? Ich zumindest habe in letzter Zeit so viel Sport gemacht, wie schon lange nicht mehr. Also im Geiste. Auf der Couch. Lesend. Perfekt – ich kann es nur empfehlen!

Schuld daran sind der öffentliche Bücherschrank in Schefflenz und Ilija Trojanow. Im ersten fand ich das Buch und Ilja Trojanow hatte die bewundernswerte Idee, 4 Jahre lang alle 80 Sportarten zu trainieren, zu denen es Einzelwettkämpfe bei der Sommerolympiade gibt – seine ganz persönliche Olympiade. Wer trainiert, sollte sich ein Ziel setzen. Seines lautete: halb so gut abzuschneiden wie der Goldmedaillengewinner.

Eines möchte ich klar stellen: Alles an diesem Plan liegt jenseits meines Vorstellungsvermögens. Daher umso besser, dass ich darüber lesen konnte!

Im Laufe der vier Jahre lernt Trojanow neue Sportarten lieben – Trampolin und Wildwasser-Kanu. Nur an wenigen wie dem Kanadier rudern und dem Tontauben schießen scheiterte er komplett. Bei manchem erschloss sich ihm auch nach engagiertem Training der Reiz nicht. Einige Disziplinen, die er als Jugendlicher geliebt hatte, entdeckt er neu. Und ja, auch bei ihm gibt es Hass-Sportarten aus Schulzeiten, zu denen er wegen schlechter Erinnerungen auch als Erwachsener keinen Zugang mehr findet.

Das beruhigt und erleichtert es, sich ganz ohne störende Gedanken an eigene Untätigkeiten auf seine Geschichten einzulassen. Überhaupt ist Ilija Trojanow ein sehr angenehmes, kluges und heiteres Buch gelungen. Seine Offenheit und seine entspannte Haltung zum Scheitern sorgen auch bei Gelegenheitssportlern und Sportmuffeln für eine amüsante Lektüre.

Bleibt die Frage: Wann wird Couch-lesen olympisch?


Infos zum Buch:
Ilija Trojanow
Meine Olympiade
Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen

Fischer Verlag

Bücher von Ilija Trojanow lese ich gerne. Hier findet ihr zwei weitere Buchrezensionen von mir:


Es muss ja nicht immer gleich eine Olympiade sein. Hier erzähle ich, wie ich versuche, mich im Alltag mehr zu bewegen – ohne dafür Sport zu machen!

Ein Trash-Universum: Evil Miss Universe

Evil Miss Universe von Tobias O. Meissner.
Sie ist Superschurkin, unerbittlich, rücksichtslos und betörend schön: Dominique macht es den Männern im Universum wirklich nicht leicht. Vor allem ist sie unfassbar kreativ und heckt ständig neue Verbrechen aus, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

Es ist schon eine abgefahrene Geschichte, die sich Tobias O. Meissner für „Evil Miss Universe“ ausgedacht hat: Die Karriere der Superschurkin Dominique, die mit ihren äußerst kreativen Verbrechen die ganze Welt in Atem hält. Diese Heldin ist so fies wie ein Bond-Bösewicht, aber so attraktiv wie alle Bond-Girls zusammen. Sie hat das Herz eines Robin Hoods und den Mut des gesamten Marvel-Universums. Ihre Lebensgeschichte könnte jederzeit der Stoff eines neuen #SchleFaZ werden – kurz: Evil Miss Universe ist Trash der feinsten Sorte.

Ich mag Trash. Und doch hatte ich meine Probleme mit dem Buch. Das liegt am Erzähler, der allwissend und naiv zugleich ist, und die wilde Geschichte im Tonfall von „Mein schönstes Ferienerlebnis“ erzählt. Warum das so ist – dafür liefert die Handlung einen gewichtigen Grund. Doch dem Lesevergnügen tut dieses ständige „Und dann passierte das, was wiederum das auslöste“ nicht gut. Ich habe eine zweite Stimme vermisst.

Ähnlich schwer tat ich mir mit den Ausflügen in unser aktuelles Tagesgeschehen. Manches passte gut, wie zum Beispiel die Erläuterung, warum Privatarmeen als Polizei-Ersatz keine gute Idee sind, da sie das Vertrauen in die öffentliche Ordnung destabilisieren können. Anderes, wie Seitenhiebe auf Trump und Putin, kamen recht platt daher. Auf Dauer wirkten diese gesellschaftspolitischen Ausflüge eher belehrend als bereichernd.

Nichtsdestotrotz: Ich musste weiterlesen, weil ich wissen wollte, wie die Geschichte um Superschurkin Dominique ausging!

Rezensionen anderer Bloggerinnen lese ich in solchen Fällen erst, wenn ich das Buch ausgelesen und mir meine Meinung gebildet habe. Offensichtlich polarisiert das Buch: Ink of Books ist begeistert. Komplettes Desaster sagt hingegen feiner Buchstoff. Und was sagt ihr?

Infos zum Buch:

Tobias O. Meissner

Evil Miss Universe

Piper Verlag

Lust auf mehr Trash? Scharnow von Bela B. – hier meine Rezension.

Mit Wittgenstein im Wartezimmer – philosophische Alltags-Miniaturen

Philosophisches Sachbuch von Nicolas Dierks - Mit Wittgenstein im Wartezimmer
und weitere 11 Philosophen, die uns die Zeit verkürzen

Für die Geschichte „Mit Sokrates in der Buchhandlung“ muss ich dieses Büchlein einfach lieben! Vater und Tochter suchen ein Geschenk. Die Tochter greift zu einem Band über Philosophinnen und der Vater versucht ihr auf vielerlei Art zu erklären, dass das keine passende Wahl sei, da es ja keine guten weiblichen Philosophen gäbe, denn sonst würde er, der belesene Vater, sie ja kennen … Das führt den Autor auf sehr elegante Art und Weise zu Sokrates, der sich der Grenzen seines Wissens deutlich bewusster war.

Damit haben die philosophischen Geschichten von Nicolas Dierks für mich im letzten Moment noch die Kurve bekommen, denn eigentlich wäre bis dahin mein Fazit eher ein „Na ja“ gewesen.

Die Grundidee des Buches mochte ich von Anfang an: Alltagsbegebenheiten, wie wir sie alle kennen, gehen nahtlos in eine philosophische Geschichte über, in der zentrale Ideen von Montaigne über Wittgenstein bis Hannah Arendt dargestellt werden. Das hat Charme, endet aber in vielen Fällen in etwas, was mir mit der Zeit auf die Nerven ging. Am Ende des philosophischen Spaziergangs kehrt die Handlung in den Alltag zurück, um dort eine Auflösung zu erfahren. In den meisten Fällen wirkte das auf mich konstruiert und bemüht originell.

Das fand ich schade, denn seine Alltagsgedanken und philosophischen Streifzüge haben eine solche Auflösung nicht nötig – sie funktionieren auch so ganz hervorragend!


Infos zum Buch:

Nicolas Dierks

Mit Wittgenstein im Wartezimmer
und weitere 11 Denker, die uns die Zeit verkürzen

Rowohlt Verlag


Warum lese ich eigentlich? Bücher sind Teil meiner Lebensphilosophie, denn jeder Griff zum Buch hat viel mit meinem eigenen Leben zu tun. Hier findet ihr mehr philosophische Bücher auf meinem Blog:

Faul sein als Philosophie

Martin Liebmann
FAUL ZU SEIN IST HARTE ARBEIT
Eine Ode an den Müßiggang

Dieses Lob der Faulheit wollte ich ja eigentlich noch vor Weihnachten besprechen, als Geschenk-Tipp. Aber anscheinend hatte ich da die Philosophie von Martin Liebmann schon so sehr verinnerlicht, dass ich lieber Variationen von nichts getan habe – und das ganz langsam. Flanieren, Bäume anschauen, Kunst betrachten – aber bitte mit philosophischem Unterbau.

Ja genau, Philosophie. Dieses Buch gehört nicht in die rasch wachsende Abteilung mit Selfcare-Ratgebern. Sich selbst etwas Gutes zu tun ist nicht das Ziel der Überlegungen, sondern ein Nebeneffekt. Ich würde diese Haltung mit einer alten Redewendung zusammenfassen: Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Oder auch mit meinem Lieblingssprichwort: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

„Alles wird langsamer und langsam wird es gut.“

Martin Liebmann – Faul zu sein ist harte Arbeit
S. 179

Das Buch ist eine Einladung: Weniger Perfektionismus, mehr Müßiggang. Weniger Planung, mehr Raum für Zufälle und glückliche Fügungen. Weniger Hektik, mehr Achtsamkeit. Weniger To-do-Listen, mehr grundlegende Werte, an denen man sein Handeln ausrichtet. Weniger Ich-muss-doch, mehr es-wird-schon-werden. Weniger Kontrolle, mehr lässige Gelassenheit.

Auch wenn sich der Autor für meinen Geschmack über manche Eigenheiten des modernen Lebens zu sehr echauffiert: Das macht Spaß zu lesen und tut der Seele gut.


Infos zum Buch:

Martin Liebmann

Faul zu sein ist harte Arbeit
Eine Ode an den Müßiggang

Komplett Media

Mehr über Martin Liebmann und seinen Verein zur Verzögerung der Zeit hier im Spiegel.

„Wenn man vier Stunden nur in die Luft schaut, wird man vieles wahrnehmen.“ Interview im Südkurier.


Bewusstes Leben – Ratgeber und Sachbücher. Philosophie, Psychologie, Esoterik, Gesundheit. Bücher, die mein Leben leichter machen: meine Rezensionen und Buch-Tipps auf dem Buch-Blog Geschichtenagentin


Faul sein ist natürlich nicht deckungsgleich mit achtsam sein. Doch auch in der Achtsamkeitsphilosophie spielt Entschleunigung eine wichtige Rolle: Die schönen Dinge siehst Du nur, wenn Du langsam gehst – Buch-Tipp.

Inspiriertes Schreiben: einfach loslegen!

Inspiriertes Schreiben
Selbsterkenntnis, inneres Wachstum und harmonische (Neu-)Orientierung. Mit 5-Tage-Übungsprogramm.

Diesmal ist alles anders. „Inspiriertes Schreiben“ ist kein Schreibratgeber für bessere Texte und auch keine Anleitung, endlich den Roman zu schreiben, der schon so lange angefangen in der Schublade liegt.

Inspiriertes Schreiben knüpft dort an, wo ich mit meinen Tagebüchern vor Jahrzehnten aufgehört habe: Einfach drauf los schreiben und fest darauf vertrauen, dass sich zwischen den Zeilen Sinn verbergen wird.

Der Clou: Mit Sinn ist hier kein künstlerischer Sinn gemeint, sondern Antworten auf Lebensfragen. Damit bewegt sich diese Schreibtechnik irgendwo zwischen automatischem Schreiben, Morning Pages, Tagebuch, Dialog mit dem Unbewussten und Channeling.

Wegen Letzterem rate ich skeptischen Lesern, dem Rat der Autorin zu folgen und das Buch nicht in der Reihenfolge der Kapitel zu lesen. Besser mittendrin einsteigen und sich anschauen, wie sie vorgeht. Dann ausprobieren, was passiert, wenn man selbst ihrer Systematik folgt: Frage stellen, Kopf so frei wie möglich machen, los schreiben.

Dann schrieb ich alles auf, was kam, ohne zu urteilen oder zu filtern, auch wenn mir das Geschriebene total verrückt vorkam.

France Gauthier – Inspiriertes Schreiben. S. 24

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Antwort in dem Geschriebenen versteckt, ist hoch. Denn eigentlich ist die Antwort auf alle unsere Fragen schon immer irgendwo da draußen gewesen – wir sind nur häufig nicht bereit, sie durchzulassen. Inspiriertes Schreiben ist eine Möglichkeit, Blockaden durchlässiger zu machen.

Für mich persönlich hat die Gewichtung innerhalb des Ratgebers nicht ganz gestimmt. Mir erzählt France Gauthier zu viel über sich. Auch hätte ich mir gewünscht, dass sie mehr Beispiele liefert für Fragen und Anfangssätze, mit denen man gut in den Schreibprozess einsteigen kann. Aber ihre Technik des inspirierten Schreibens finde ich spannend!

Seien wir also geduldig, vertrauen wir auf den Prozess und vor allem: Vergnügen wir uns beim Schreiben!

France Gauthier – Inspiriertes Schreiben. S. 13

Mehr zum Buch:

France Gauthier

Inspiriertes Schreiben
Selbsterkenntnis, inneres Wachstum und harmonische (Neu-)Orientierung

Mankau Verlag

Interview mit der Autorin


Wer solide Handwerkskunst dem intuitivem Schreiben vorzieht, findet hier Rat: 50 Werkzeuge für gutes Schreiben.


Schreibend sich selbst erkunden und sich dabei gesund schreiben – darum geht es in dem 12-Wochen-Programm von Prof. Dr. med. Silke Heimes. Hier meine Buchrezension:

Der Wächter der Winde raunt Verse von Shakespeare

Oliver Plaschka - Der Wächter der Winde. Eine moderne Fantasygeschichte in der Tradition Neil Gaimans, die Motive aus William Shakespeares »Der Sturm« neu aufleben lässt.

Es ist eine faszinierende Welt, die Oliver Plaschka entworfen hat. Ein fantastischer Ort jenseits unserer Realität, verborgen von schweren Sturmwolken, zusammengehalten nur von der Phantasie, bevölkert von Träumen. Weit und eng zugleich.

In dieser Welt entwickelt sich ein klassisches Drama um einen alten König, einen jugendlichen Helden mit reinem Herzen und einem Mädchen, das seinen Platz in einer Welt der Männer sucht. Hätte der Klappentext nicht erwähnt, dass Oliver Plaschka für diese Fantasy-Geschichte Motive aus „Der Sturm“ von Shakespeare aufgreift, wäre mir diese Besonderheit gar nicht aufgefallen. Das zeigt vor allem eines: wie schlecht ich meinen Shakespeare kenne.

Doch so betrachtet entsprach meine Reaktion auf die Geschichte exakt meiner Haltung zu Shakespeare: Der alte König-Vater ging mir auf die Nerven, der jugendliche Held war zum Verlieben, die jugendliche Heldin zum Schütteln naiv. Am interessantesten fand ich die Mütter. Die Narren in Form der stets betrunkenen Stephanie und des Möchtegern-Gangsters Rince brachten mich zuverlässig zum Lachen, wirkten aber stellenweise marktschreierisch aufgesetzt.

Doch alles in allem wurde ich mit den Figuren nicht warm. Aber diese Welt! Die hat es in sich.


Angaben zum Buch:

Oliver Plaschka
Der Wächter der Winde

Klett-Cotta

Übrigens habe ich dieses Buch bei Phantastisch Lesen gewonnen. Danke dafür! Und wenn euch mein Leseeindruck nicht genügt, dann findet ihr dort auf dem Blog eine richtig ausführliche Rezension! Außerdem kann ich noch dieses Buch von Oliver Plaschka empfehlen: Der Magier von Montparnasse


Auch dieses Fantasy-Jugendbuch enthält Spuren von Shakespeare: Sommerwaldfunkeln von Antonia Katt. Sehr empfehlenswert – hier meine Rezension:

Frohes Fest: Heidnische Weihnachten

Heidnische Weihnachten. Sachbuch. 
Die archaischen, heidnischen Wurzeln des Weihnachtsfests.
Herkunft und Bedeutung von typischen Weihnachtspflanzen und Weihnachtsbrauchtum.
Rezepte für Rituale, Räucherungen, Rauchmischungen, Spezereien und Trünke.

Eigentlich ist Weihnachten ein heidnisch-spätantikes-altorientalisches Fest mit christlich-liturgischem Glitzer. Wer genau hinschaut, findet auch heute noch die Spuren vergangener Feste: Wintersonnenwende und die Wiedergeburt der Sonne, Raunächte und Jahreswechsel.

Wer noch genauer hinschaut, findet in den christlich anmutenden Weihnachtsbräuchen Spuren des Schamanismus aus aller Welt. Christian Rätsch und Claudia Müller-Ebeling sind solche Spurensucher und erzählen mit viel Spaß von heimischen und exotischen Pflanzen, von Gewürzen aus dem Orient und von Räucherwerk aus dem Norden Europas und aus Übersee.

Das Besondere an dem Buch ist, dass sie sich dabei nicht auf europäische Weihnachtstraditionen beschränken. So führt uns die Reise vom schamanischen Weltenbaum zum Weihnachtsbaum auch über Kleinasien, wo die Tanne der Fruchtbarkeitsgöttin Kybele geweiht war.

In typisch deutschen Weihnachtstraditionen entdecken wir so die weite Welt und in der weiten Welt die Spuren der Auswanderer aus Europa. Die große Klammer dabei: der Schamanismus, dessen Grundstruktur sich überall erstaunlich ähnelt. Wo auch immer und wie auch immer wir heute Weihnachten feiern: Irgendwo beobachtet uns dabei ein alter Schamane und grinst sich eins.

Nur eines bietet das Buch nicht: einen erzählerischen roten Faden. Lesende sollten es als Adventskalender in die Hand nehmen und sich jeden Tag auf eine neue Überraschung freuen. Auch so entsteht Vorfreude auf Weihnachten!


Infos zum Buch:

Christian Rätsch und Claudia Müller-Ebeling

Heidnische Weihnachten

  • Die archaischen, heidnischen Wurzeln des Weihnachtsfests.
  • Herkunft und Bedeutung von typischen Weihnachtspflanzen und Weihnachtsbrauchtum.
  • Rezepte für Rituale, Räucherungen, Rauchmischungen, Spezereien und Trünke.

AT Verlag

Warum sind rot und weiß weihnachtliche Farben? Und was hat der Fliegenpilz mit dem Weihnachtsmann zu tun? Das beantwortet Christian Rätsch in diesem Buch: Abgründige Weihnachten. Hier meine Rezension:

Selbst denken – eine Anleitung zum Widerstand

Die ersten 50 bis 100 Seiten sind eine brillante Analyse und ein einziger Rant. Wir Leser*innen sind schuld am schlechten Zustand der Welt und an miesen Zukunftsprognosen. Harald Welzer lässt keine Gelegenheit aus, klarzustellen, dass er Menschen wie dich und mich meint. Sich selbst scheint er davon auszunehmen, denn das Wörtchen WIR verwendet er in diesen Passagen nicht. Eine Publikumsbeschimpfung?

Bei mir hatte dieses Stilmittel eine interessante Wirkung: Ungefähr ab Seite 30 begann ich, mehr darauf zu achten, WIE Harald Welzer schreibt, als auf das, was er mir sagen will. Im Sinne des Autors kann dieser Effekt kaum sein.

Knapp 100 Seiten später fällt auf einmal der Satz, den ich am Anfang vermisst habe. Ab da nimmt sich der Autor nicht mehr aus und gibt zu, dass auch er Teil des Problems ist. An meiner distanzierten Haltung zum Buch hat das aber nichts mehr geändert.

Selbst denken, Zukunft gestalten

Aus der Distanz betrachtet würde ich das Buch wie folgt zusammenfassen:

Die Zukunft mit den (Denk)Systemen von gestern, die zu den Problemen von heute geführt haben, gestalten zu wollen, kann nur zu einer Gegenwart Plus führen, zu einer Fortschreibung dessen, was wir schon kennen. Mehr Konsum (Wirtschaft ankurbeln!) und mehr Technik (E-Autos!) schreibt nur die Geschichte der Industrialisierung und des Wirtschaftswunders fort. Das führt dazu, dass wir noch mehr Bodenschätze aus der Erde holen um Dinge zu produzieren, die angeblich unser Leben verbessern, tatsächlich aber die Müllberge erhöhen, was wir wiederum mit weiteren ressourcen-intensiven Lösungen angehen.

Was wir stattdessen brauchen: weniger Konsum, mehr Nachhaltigkeit, mehr eigenverantwortliches Handeln und eine lebendige moralische Phantasie. Selbst denken ist die Voraussetzung dafür.

Während seine Analyse der Jetzt-Situation sehr treffsicher und genau daher kommt, schweift Harald Welzer im zweiten Teil immer wieder ab. Vielleicht will er damit inspirieren? Ich weiß es nicht und hätte mir konkretere Vorschläge gewünscht als irgendwas mit Eigenverantwortung und Sharing.

Doch lieber Kolumnen von Harald Welzer lesen?

Insgesamt lässt mich das Buch mit einem zwiespältigen Gefühl zurück. Das Fazit der Leserin in mir lautet: in Zukunft bevorzuge ich seine Kolumnen. Seinen brillanten Stil und die hervorragende Rhetorik kann ich so besser genießen. Die Kolumnen von Harald Welzer sind schön knackig auf den Punkt geschrieben, ohne Abschweifungen und ohne universitär anmutende Ausflüge in die Kulturgeschichte. Sie geben mir einen Impuls in Form von Veränderungsenergie, mit dem ich in meinem Alltag etwas anfangen kann.

Doch dann gibt es eine zweite Stimme in mir, die sagt: Nur mit Kolumnen verändert sich nichts. Ab und an muss man sich auch mal anstrengen und sich am großen Ganzen abarbeiten …

Selbst denken. Die ersten Schritte sind ganz einfach sagt Harald Welzer: sich endlich wieder ernst nehmen, selbst denken, selbst handeln. Buch-Cover.

Infos zum Buch:

Harald Welzer

Selbst denken
Eine Anleitung zum Widerstand

Fischer Verlag

Mehr über den Inhalt des Buches bei Deutschlandfunk Kultur. Ein offener Brief beim Freitag. Ausführliche Rezension im CulturMag.

Was gut dazu passt: