Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack. Und der Unfehlbarkeit des Autors.

Buchrückseite: William Gibson - Misstrauen sie dem unverwechselbaren Geschmack. Essays und Artikel.

Eigentlich sind mir Autoren egal. Ich interessiere mich für ihre Werke. Ja, ich weiß, es gibt einen Menschen dahinter. Aber ob Jasper Ffforde bereit wäre, Käse zu schmuggeln, ob Laurell Hamilton ein ähnlich spannendes Sexleben wie Anita Blake hat oder ob Terry Pratchett Cider oder Ale bevorzugte – das ist mit, gelinde gesagt, schnurz.

Aber manchmal liest man dann völlig unvermittelt Texte, in denen der Autor sich nackt macht. So ging es mit mit den Essays von William Gibson, die der Tropen Verlag in „Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack – Gedanken über die Zukunft der Gegenwart“ veröffentlicht hat. Was soll man tun, wenn man auf einmal Dinge über einen Autor erfährt, die man eigentlich gar nicht wissen wolle? Weiterlesen, was sonst. Schließlich ist man Leserin.

Für mich waren seine Bücher – die Neuromancer-Trilogie habe ich hier besprochen – intelligente, gesellschaftskritische Zukunftsromane mit philosophischen Unterbau. Wieviel Mensch, wieviel William Gibson darin steckt – darüber hatte ich mir nie Gedanken gemacht.

Zum Glück erzählt William Gibson nicht nur über sich selbst. Er spricht über Bücher, Musik, Filme und vor allem darüber, wie Ideen zu ihm kommen und wie seine Bücher entstehen. So entsteht eine zweite Ebene: in dem Gibson über Sachthemen philosophiert und wohl dosierte Einblicke in sein Leben als Autor gewährt, ermöglicht er uns einen Blick in seine Werkstatt. Doch diese Teilhabe ist kein Panoramablick, es ist nur ein Blick durch das Schlüsselloch.

Zitat William Gibson über Joy Division
Wie Technik die Wahrnehmung verändert: der Walkman.

 

Essays als Steinbruch für zukünftige Bücher

Noch interessanter wurde das Buch durch die launischen Kommentare des Autors. Jeder Artikel endet mit einem Rückblick des Autors. Darin erzählt er, warum und wie die Texte entstanden sind und was er heute davon hält. Vieles sind Auftragsarbeiten, mit denen er heute nicht mehr glücklich ist. Manches davon benutzt er immer noch als Steinbruch und lässt daraus neue Bücher entstehen. Es ist vor allem diese innere Blattkritik, die offen legt, mit welchem Qualitätsanspruch William Gibson an seinen Texten feilt, die Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack für mich so spannend machte. Durch sie wird der Blick über die Schulter des Autors in seine Werkstatt erst so richtig komplett.

William Gibson Zitat
Zitat für das Buchhändlerinnen-Poesie-Album

Angaben zum Buch:

Sachbuch Cover: Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack Gedanken über die Zukunft als Gegenwart

William Gibson

Aus dem Englischen von Hannes und Sara Riffel

Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack
Gedanken über die Zukunft als Gegenwart

Tropen Verlag im Klett-Cotta Verlag

Rezensionen im Culturemag und bei Booknapping – von Sandra hatte ich auch den Buchtipp. Danke dafür!


 Manchmal habe ich den Eindruck, das Aiki Mira weiterführt, was Williem Gibson begann. Hier meine Rezension zu Neongrau

 

 

Bergstraße & Odenwald – Lieblingsplätze und Entdeckungen.

Reiseführer: Von der Bergstraße über den Odenwald zum Spessart

Was ist ein Lieblingsplatz? Das dürften nur selten die großen atemberaubenden Sehenswürdigkeiten sein, sondern eher unauffälligere Orte mit einer besonderen Atmosphäre. Diese Überlegung sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man zu Lieblingsplätze zum Entdecken – Von der Bergstraße über den Odenwald zum Spessart greift.

Da Bergstraße und Odenwald zudem eh nicht allzu viele atemberaubende Touristenattraktionen zu bieten haben, sind die Lieblingsplätze in diesem Buch noch kleinteiliger. Das hat Charme, dürfte aber in den seltensten Fällen Grund genug sein, eine Reise zu planen.

Ich aber habe den Odenwald direkt vor der Haustür (und kenne ihn zu wenig). Damit bin ich klar im Vorteil und ich gedenke, diesen Vorteil zu nutzen!

Vom Fürstenlager bis zum Dorfbrunnen

Mit reichlich Treibstoff in Form von launigen Anekdötchen reisen wir also von der Bergstraße durch den Odenwald bis in den Spessart und besuchen Gärten, Skulpturen, Schlösschen, Volksfeste und Naturschönheiten – eben all das, was der Odenwald zu bieten hat, wenn man genau hinschaut.

Ich hatte mit zweierlei besonders viel Spaß. Einmal mit den Kuriositäten: die 15-Tonnen-Brunnenschale, gefertigt von italienischen Steinmetzen in Weinheim, die dann zu schwer war, um sie an den Wasserturm in Mannheim zu transportieren. Oder mit dem vergessenen Autobahnbrückenpfeiler in Gräfendorf-Schonderfeld, der heute eine Kletterwand ist.

Und dann hat mich das Buch an so manche Sehenswürdigkeit erinnert, die ich mir immer noch nicht angeschaut hatte – so wie das Fürstenlager in Bensheim.

Fürstenlager in Bensheim an der Bergstraße
Der Süden beginnt hier: Fürstenlager in Bensheim

Aber ein Lieblingsplatz fehlt: der Bücherschrank in Schefflenz!


Angaben zum Buch:

Gertrud und Joachim Steiger
Von der Bergstraße über den Odenwald zum Spessart

Gmeiner Verlag

Erstanden habe ich dieses Buch in der wunderbaren Buchhandlung Kindlers in Mosbach. Dort hatte ich auch schon das großartige Buch über den Odenwald „Die Einwohner sind ziemlich halsstarrig“ entdeckt.


Wer Lust hat, den Odenwald zu entdecken, dem seien diese beiden Websites ans Herz gelegt:


Für mich sind zwei neue Lieblingsplätze im Odenwald hinzugekommen – zwei Museen! Das Dorfmuseum in Wagenschwend am Katzenbuckel und das Literaturmuseum Augusta Bender in Schefflenz.

Our Piece of Punk – ein feministischer Blick auf Punk & DIY

Sachbuch: Our piece of Punk - ein queer feministischer Blick auf Punk und DIY.

Lies ein Buch und danach weißt Du, was Du Dir alles an Musik anhören solltest. Darauf hatte ich ein wenig gehofft, aber ganz so leicht wollten es mir die Autorinnen dann doch nicht machen.

Our Piece of Punk ist kein Kanon, kein Überblick über die queere und feministische Punk- und DIY-Szene nach den Riot Grrrls. Es ist eher eine Collage, eine Sammlung an Meinungen, Lebensläufen und Ansichten, die in Streitgesprächen, Comics, Zeichnungen und persönlichen Berichten dokumentiert werden. Das so entstandene Gesamtkunstwerk passt in Herangehensweise und Layout perfekt zum Thema.

Und es macht Lust, selbst loszulegen, mehr zu machen, auszuprobieren, Fehler nicht tragisch zu nehmen. Diese Haltung steht im Vordergrund – Feminismus ist dabei meist einfach nur ein Handwerkszeug um zu erkennen, was uns behindert und wie wir das ändern können.

So wurde Punk beim Lesen für mich wieder zu dem, was er ursprünglich mal für mich war: eine unbändige Energie, die gleichermaßen aus Wut als auch aus der Lust, selbst aktiv zu werden, genährt wird. Danke für den Energieschub! Und genug queere und feministische Punk-Bands, die ich mir jetzt unbedingt anhören möchte, habe ich in Our Piece of Punk trotzdem gefunden.


Angaben zum Buch:

Barbara Lüdde und Judit Vetter (Hg.)

Our Piece of Punk
Ein queer_feministischer Blick auf den Kuchen

Ventil Verlag

Weitere Rezensionen beim Ox-Fanzine, bei Pretty in noise und ein Interview beim Deutschlandfunk. Und bei der Gelegenheit lege ich Euch noch diese Rezensionen zu Büchern aus dem Ventil Verlag ans Herz:


Was ich euch unbedingt empfehle: die Graphic Novel „Rude Girl“ von Birgit Weyhe!

Jack Kornfield – Wahre Freiheit

Buch-Cover: Wahre Freiheit von Jack Kornfield

Ich werde jetzt nicht mehr weiterlesen. Manchmal ist es einfach so: das neue Buch von Jack Kornfield ist gut, sehr gut sogar, und trotzdem kommen wir beide seit Monaten nicht so richtig zusammen. Also das richtige Buch zum falschen Zeitpunkt.

Aber nein, so möchte ich das eigentlich nicht sehen. Für mich fühlt es sich eher so an, dass dieser Zeitpunkt so durch und durch richtig ist, dass ich dieses Buch im Moment nicht brauche.

Ich werde also „Wahre Freiheit. Der buddhistische Weg, in jedem Augenblick glücklich und geborgen zu sein“ zu den gelesenen Büchern von Jack Kornfield ins Regal stellen und hoffen, dass mein Zeitpunkt noch lange so richtig bleibt, dass ich den Trost und die Wertschätzung, die aus Jack Kornfields Zeilen spricht, nicht benötige.

Aber natürlich sorgt das anlesen, das durchblättern und an Absätzen hängenbleiben dafür, dass der eine oder Gedanke nachwirkt. Zum Beispiel, dass ausgerechnet „Freiheit“ diesmal der Schlüsselbegriff im Buchtitel ist – nicht Glück, nicht Achtsamkeit. Doch wenn man liest, um welche Freiheiten es geht – dann kommt einem all das doch wieder recht vertraut vor:

  • die Freiheit von Angst und Furcht
  • die Freiheit, immer wieder neu beginnen zu können
  • die Freiheit, zu lieben und wirklich authentisch zu sein
  • die Freiheit, glücklich zu sein

Trotzdem wirkt das Buch frisch – aber vor allem motivierend, tröstlich und einfühlsam.


Angaben zum Buch:

Jack Kornfield

Wahre Freiheit.
Der buddhistische Weg, in jedem Augenblick glücklich und geborgen zu sein

Droemer Knaur

Wer mehr über das Buch wissen möchte, findet hier ausführlichere Beiträge:


Dieses Buch hat mich deutlich mehr gepackt: Thich Nhat Hanh – Mein leben ist meine Lehre


Wahrscheinlich das wichtigste Buch über Buddhismus, das ich gelesen habe: Weshalb Sie (k)ein Buddhist sind

Schreib! Schreib! Schreib! Die kreative Textwerkstatt für Jugendliche

Ratgeber für Jugendliche:

Als Kind war für mich Schreiben nur ein Handwerkszeug, um gute Noten im Aufsatz zu bekommen. Dass es sich dabei um ein Talent handeln könnte, darauf kam ich nicht. Was wäre gewesen, wenn ich einen Ermutiger zur Seite gehabt hätte, jemanden, der das Schreiben so angeht wie die Autorinnen Katarina Kuick und Ylva Karlsson in dem Jugendbuch „Schreib! Schreib! Schreib! Die kreative Textwerkstatt“?

Das Buch ist eine prall gefüllte Ideenkiste, eine einfühlsame Pädagogin, ein gut sortierter Werkzeugkasten und ein hochwirksamer Selbstbewusstseins-Verstärker. Nichts davon spielt die erste Geige, hier können alle genau das finden, was ihnen jetzt weiterhilft.

Die vielen kreativen und praktischen Übungen zu allen Textarten von Gedicht über Drehbücher bis hin zu Nonsenstexten und Romanen sind für mich die Stärke des Schreibratgebers. Es gibt aber auch Interviews mit Jugendlichen, die selbst gerne schreiben. Sie erzählen von ihren Erfolgen, Herausforderungen und darüber, wie sie selbst „das mit dem Schreiben“ machen. Das ist sympathisch, authentisch und ermutigend. Autoren, für die Schreiben ein Beruf ist, kommen auch zu Wort – aber die Übungen und die Jugendlichen selbst nehmen deutlich mehr Raum ein.

Trotz der Fülle verzetteln sich die Autorinnen nicht. Für Struktur zwischen all den kreativen Übungen sorgen Kapitel mit Hintergrundwissen. Hier wird erklärt, wie man einen guten Textanfang schreibt, was lebendige Dialoge auszeichnet, wie man sich einen Protagonisten ausdenkt und einen Namen für ihn findet, und warum es gut ist, wenn eine Handlung einen Konflikt hat.

Dann geht es wieder spielerisch weiter mit Ideen wie „Schreibe einen Text aus Sicht einer Topfpflanze.“ oder „Schreibe ein wütendes Gedicht über Wasser.“ Ich muss doch nicht extra betonen, dass solche Übungen auch Erwachsenen Spaß machen, oder?


Infos zum Buch:

Katarina Kuick und Ylva Karlsson

Schreib! Schreib! Schreib!
Die kreative Textwerkstatt

Übersetzt aus dem Schwedischen von Gesa Kunter

Leseprobe beim Beltz Verlag

Die Übersetzung des Schreibratgebers wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert.


Mehr zum Thema Schreiben auf meinem Blog:


Lieber Ben Aaronovitch, warum nicht gleich so?

Urban Fantasy - endlich wieder ein gutes Buch von Aaronovitch: Geister auf der Metropolitan Line. Ein Kurzroman um Peter Grant.

Und dann, wenn du eine deiner Lieblings-Fantasy-Serien schon aufgegeben hast, kommt eine neue, großartige Folge daher und du weißt wieder ganz genau, warum du die Bücher bisher alles gleich nach Erscheinen verschlungen hast. Meine Nerven – warum nicht gleich so?

Nachdem die letzten Bände der Urban-Fantasy-Serie schwächelten, von Plot Holes nur so strotzen und insgesamt wirkten, als hätte der Autor entweder seine vielen losen Handlungsfäden nicht mehr im Griff oder als würde er einen ganz großen Showdown vorbereiten, der bestimmt in zwei, drei Bücher stattfinden würde … hatte ich die Serie zur Seite gelegt.

Der neue Kurzroman „Geister auf der Metropolitan Line“ hingegen ist voller Charme, Witz, Schwung und Spannung und besitzt endlich auch wieder eine Logik, die jemand außerhalb des Hirns des Autors nachvollziehen kann.

Jetzt hoffe ich natürlich, dass dieser Spin-off kein Zufallsfund in der Schublade des Autors war, sondern ein Versprechen für die Zukunft!

Infos zum Buch:

Ben Aaronovitch

Geister auf der Metropolitan Line
Eine Peter-Grant-Story

DTV

Hier findet ihr meine Rezensionen zu Wispern unter Baker StreetFingerhutsommer und Der böse Ort

Der Kraichgau – direkt vor meiner Nase und mir doch kaum bekannt

Als Mannheimerin habe ich mich immer am Wochenende Richtung Odenwald oder Pfalz orientiert. Dass es direkt vor meiner Haustür eine landschaftlich reizvolle Gegend namens Kraichgau gibt, ist mir lange entgangen. Das, was ich davon kannte, hatte ich einfach unter Baden, Odenwald oder Neckartal abgespeichert – pardon! Wie ich nun weiß, tat ich der Gegend unrecht.

Aber damit bin ich nicht alleine. Der Kraichgau ist eine Region, die einfach nur dazwischen liegt: zwischen Odenwald, Schwarzwald, Neckar und Oberrheintal. Zwischen Landwirtschaft und Industrialisierung und zwischen allen Verkehrsadern. Lange war sie Grenzland zwischen Baden und Württemberg und ja, das war eine ernst zu nehmende Grenze. Ist sie heute noch, so von der Mentalität, dem Fußball und dem Wein her. Überhaupt: Weinland will das Kraichgau sein. Das kann ich als benachbarte Kurpfälzerin mit Schlagseite gen Pfalz nun schon gar nicht ernst nehmen. Obwohl ich beim Weingut Heitlinger schon nette Sachen verköstigt habe. Aber ich schweife ab.

Es gab mal eine Zeit, da war der Kraichgau, den man damals noch nicht so nannte, mittendrin. Bretten war ein Handelsmittelpunkt. Eppingen ein durchaus wohlhabendes Städtchen. In Wiesloch wurde Silber, Blei und Zinn abgebaut – damals, bei den Römern. Was blieb sind Schwermetallbelastungen bis heute. Wusste ich nicht und hätte ich ohne diese Büchlein nie erfahren.

Der Kraichgau. Erschienen im einen Kleinverlag.
Wo sonst?

Der Kraichgau – Eine kleine Geschichte von Thomas Adam ist in einem Verlag mit dem Namen „Der kleine Buchverlag“ erschienen. Ich weiß ja bis heute nicht, ob ich diesen Namen gut finden soll. Mir erscheint er zu verniedlichend für die große verlegerische Leistung, die Sonia Lauinger mit ihrem kleinen Team stemmt. Dafür, dass sie den insolventen Braun Verlag aus Karlsruhe samt seiner Regionalia übernommen hat, bin ich ihr sehr dankbar. Seit dem ist ihr Verlag alles andere als klein!

Eine Lektüre auch für Belletristikfans“ schreibt die Pforzheimer Zeitung über das Buch. Ich bin zwar sicherlich kein Belletristikfan, aber ja, ich weiß, was sie meinen. Der Kraichgau – Eine kleine Geschichte liest sich äußerst flüssig, macht Spaß, hat Spannung und Aha-Momente.

Warum ist ein Buch über Orte, die ich meist nur vom Hörensagen kenne, so interessant? Weil der Autor die Kraichgau-Geschichte gut in den Lauf der deutschen Geschichte einbindet. Manchmal war die Region typisch für das, was drumherum auch stattfand, manchmal aber auch nicht. Es ist dieser erweiterte Blick, der dafür sorgt, dass auch ein Laie wie ich mit Spaß und Neugier weiterliest.

Und mal wieder bin ich verblüfft, welche Perlen es in der Buchhandels-Warengruppe Regionalia zu entdecken gibt!


Kraichgau - eine kleine Geschichte

Infos zum Buch:

Thomas Adam

Der Kraichgau – Eine kleine Geschichte

Der kleine Buchverlag

 

  


 Mannheim, Kurpfalz, Odenwald und Pfalz: Mehr Heimatkunde hier auf meinem Blog.


William Gibson – #sfvongestern – Neuromancer

Dicker Schmöker: SF-KLassiker Neuromancer von William Gibson in der Neuübersetzung

Es gibt mehr interessante Bücher, als ich in einem Leben lesen kann. Das führt bei mir dazu, dass ich mir nur sehr selten den Luxus gönne, ein Buch ein zweites Mal zu lesen.

Daher war mein erster Gedanke, als ich vom Blogstöckchen #sfvongestern hörte: Gute Gelegenheit, einen SF-Klassiker zu lesen, den du noch nicht kennst. Vielleicht was von Niven, oder Heinlein. Auch Perry Rhodan habe ich noch nie gelesen und bin eigentlich neugierig darauf.

Es wurde dann doch ein re-read, ein erneutes Lesen von Neuromancer von William Gibson. Trotzdem war es kein Wiedersehen mit einem alten Buch-Bekannten – es war eine Neubegegnung.

Kann ich überhaupt zweimal das gleiche Buch lesen?

Neuromancer erschien 1984. Ich dürfte es um 1990 gelesen haben. Die Übersetzung, die damals auf dem Markt war, war so schlecht, dass ich den zweiten Band der Trilogie auf Englisch gelesen habe. Ob ich damals wirklich alle drei Bände zu Ende gelesen habe, könnte ich jetzt nicht mehr mit Sicherheit sagen – zu vieles kam mir unbekannt vor. Vor allem war mir nicht bewusst, wie wunderschön und erfindungsreich die Sprache William Gibsons ist. Seine Art, Begegnungen zwischen Mensch und Technik zu beschreiben, lässt poetische Bilder beim Lesen entstehen. Technik ist hier mehr als ein nützliches Tool, es ist eine Welt, in der sich Menschen und Ideen begegnen können – mal als Tanz, mal als Konfrontation, mal als Schöpfungsakt.

Doch die Sprache ist nicht der einzige Grund, warum ich das Gefühl hatte, ein komplett neues Buch zu entdecken.

William Gibson - Neuromancer Trilogie - #sfvongestern
1038 Seiten von William Gibson.

William Gibson hat über den Cyberspace geschrieben, als es ihn noch gar nicht gab. Wer heute Neuromancer liest, der gleicht die Welt, die der Autor erschaffen hat, automatisch mit dem ab, was heute an Technik möglich ist. Diesen Blickwinkel hatte ich damals, bei meiner ersten Lektüre natürlich noch nicht. Gleichzeitig beziehen sich viele heutige Werke – von Shadowrun über Matrix bis Ready Player One – auf Ideen und Bilder, die William Gibson entwickelt hat. Beim Lesen gleiche ich also nicht nur meine Realität und meine Vorstellung von der Zukunft mit Neuromancer ab, sondern auch meinen weiteren Lese-Erfahrungsschatz und meine Begegnungen mit der Pop-Kultur. Das führt zu Gedankengängen, an denen M.C. Escher sicherlich seine Freude hätte.

Ich dachte also nur, dass ich ein Buch ein zweites Mal lesen würde. Tatsächlich habe ich ein komplett neues Buch gelesen. Diese Vorstellung würde William Gibson sicherlich gefallen. Genauso wie die Tatsache, dass ich jetzt beschlossen habe, einfach alles von ihm zu lesen! 


Weitere Infos: Rezension zu Neuromancer bei literaturkritik.de und ein empfehlenswertes Interview mit William Gibson im Zeit-Magazin.  Leseeindruck bei Roland Jesse. Neu übersetzt wurde das Buch, das bei Heyne erschienen ist, von Reinhard Heinz und Peter Robert.


Lust auf ein Blogstöckchen? Hier findet ihr alle Infos zu SF von gestern: Zurück in die Zukunft der Vergangenheit – #sfvongestern. Auch das Sachbuch-Blogstöckchen würde gerne gefangen werden!


Noch mehr SF von gestern auf meinem Buch-Blog: Die Zeitmaschine

Antifolk – ein bisschen DIY schadet keinem Musik-Genre

Antifolk von Martin Büsser aus dem Ventil Verlag

Das war mein erstes Buch von Martin Büsser. Die Folgen sind katastrophal: ich mag nun alles von ihm lesen, sowie alle Bücher, auf die er sich bezieht, und einfach alles hören, was er in Antifolk erwähnt. Ich beantrage am besten Lese-Urlaub, nein: Bildungsurlaub.

Dabei war das Buch sozusagen nur Beifang. Ich wollte mir Our piece of punk bestellen, stöberte noch ein wenig durch das Programm des Ventil Verlags und dachte mir: Antifolk. Weiß ich nichts darüber, klingt gut, kostet nicht viel und der DJ meines Vertrauens meinte letzt doch eh, dass sich Texte von Martin Büsser extrem gut lesen lassen.

Das kann ich jetzt bestätigen – aber über die Folgen hätte er mich ruhig auch aufklären können.

Was ist Antifolk?

Antifolk ist Folk, der sich selbst nicht zu ernst nimmt – ruppig, witzig, ehrlich und bewusst gegen den Strom. Eine ironische, rohe Gegenbewegung zum romantisierten Singer-Songwriter-Folk der 1960er und 70er Jahre. Eine lose Musikbewegung, die Ende der 1980er Jahre in New York (vor allem rund um die Lower East Side) entstand

Das erklärt es schon ganz gut. Aber ich zitiere noch viel lieber den Ventil Verlag, in dem das Buch erschienen ist:

Antifolk ist für Folk das, was Punk für Rock gewesen ist: eine Blutauffrischung gegen Spießigkeit und Dogmatismus.
Quelle Ventil Verlag

Die Tücke bei dieser Definition ist für mich, dass viele bei Punk erst mal an lautes, ungehobeltes Auftreten und viel Bier denken. Viel wichtiger ist aber eine bestimmte Haltung: keine Ahnung, ob ich das kann, ich mach das einfach mal. Energie ist wichtiger als Können.

Bei Antifolk steht aber der Song viel mehr im Mittelpunkt. Daher kommt zur DIY-Haltung des Punks noch ein anderer Aspekt hinzu: die Bereitschaft, sich zu blamieren. Rauf auf die Bühne, machen – auch wenn es scheppert oder die Emotion, die man transportieren möchte, dann doch nicht beim Zuhörer ankommt.

Ich höre mich derzeit durch Jeffrey Lewis und all die anderen Künstler, von denen ich bisher noch nichts gehört hatte. Beck und Adam Green, die ausgerechnet im Titel genannt werden, lasse ich links liegen. Es gibt spannenderes zu entdecken.

Aber was ist nun das Besondere an dem Buch, dass ich beschließe, alles von Martin Büsser zu lesen? Sein Stil, sein Fachwissen, seine gedanklichen Verknüpfungen von Musik, Kunst, Politik und Gesellschaft – aber vor allem ist es sein Herz.


Infos zum Buch:

Martin Büsser

Antifolk
Von Beck bis Adam Green

Ventil Verlag

Lee Hollis war übrigens der erste Autor aus dem Ventil Verlag, dessen Bücher bei mir einzogen. Mehr dazu hier.


Ausgelesen und da steht sie nun, meine Rezension zu Our piece of punk:

Ausgestorben, um zu bleiben: Dinosaurier

T. Rex mit bunten Federn.
Mit Lesebändchen, dem Dinosaurier der Buchgestaltung.

Fragt man heute einen Studenten, wie denn der T. Rex ausgesehen hat, und ob er mal einen zeichnen könnte, wird das Ergebnis höchstwahrscheinlich nicht so aussehen, wie der Dinosaurier auf dem Bild links. Wahrscheinlich ist der Dino näher an dem, was Jurassic Park uns zeigte. Oder sogar näher an den Dinosauriern, die die Comics unserer Kindheit bevölkerten, oder an den Plüschgesellen, die sich das Kinderzimmer mit uns teilten.

Die Kinderbücher sind nicht schuld. Was ist Was und Co. geben schon längst alle den aktuellen Stand der Forschung wieder. Trotzdem bleibt der Dino in unserem Kopf eine große, schuppige, grün-braune Echse. Dabei war er wohl eher ein bunter Vogel.

Das Rotkehlchen, ein heimlicher T. Rex

Was ich in meiner Schulzeit über die Urzeit gelernt habe, hat sich mittlerweile alles als falsch herausgestellt. Die nächsten Verwandten der Dinosaurier sind die Vögel, nicht die Krokodile. Fossilien aus China belegen, dass Dinosaurier Federn hatten. Doch das alleine wäre kein Beweis. Warum die Gleichung Federn = Vogel nicht aufgeht und warum eine fundamentalistische Christin anhand stinkender Knochen den entscheidenden Beweis für die Abstammung erbrachte, all das bringt uns Bernhard Kegel genauso nahe wie lange, komplizierte Dinosauriernamen, die sich sonst nur Vierjährige merken können.

Bernhard Kegel vermittelt nicht nur den neuesten Stand der Forschung. Das wäre ihm zu wenig. Er erzählt von den Menschen, den Forschern, und davon, warum sie alle vor wenigen Jahrzehnten noch fest davon überzeugt sein mussten, dass Dinosaurier träge Echsen waren. Mit einer Mischung aus Anekdoten und Geschichten, Fakten und Forschungsergebnissen, zeigt er, wie Wissenschaft funktioniert und warum Irrtümer dazugehören.

Und wieder fasziniert mich, dass seine Sachbücher einen Spannungsbogen haben und trotzdem Wissenschaftsbücher sind. Ich werde auch weiterhin alles von ihm lesen!


Dinosaurier Sachbuch für Erwachsene.

Infos zum Buch:

Bernhard Kegel

Ausgestorben, um zu bleiben

Dinosaurier und ihre Nachfahren

Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-9870-1

Ausführliche Rezension auf dem großartigen Blog Schiefgelesen.


Mehr Bücher von Bernhard Kegel auf meinem Blog:


Wer den Schreibstil von Bernhard Kegel schätzt, könnte auch an dem Buch von Jan Monhaupt Gefallen finden:

1900 – Vegetarier, Sinnsucher und Visionäre am Monte Verità

Sachbuch: Peter Michalzik 1900 Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies

Ein anderes, ein besseres Leben ist möglich. Um diese Hoffnung wahr werden zu lassen, müssen wir unser Ändern leben – das galt für Sinnsucher um 1900 genauso wie heute.

Aktuell setzen wir bei Themen wie »Wie wollen wir miteinander leben?« Und »Wie wollen wir konsumieren?« an. Aber welche Fragen bewegten frühere Generationen, zum Beispiel die Reformbewegung um 1900?

Vegetarismus, freie Liebe, Konsumverzicht, künstlerischer Selbstausdruck. Visionen von einem freien, besseren Leben waren auch damals schon mit Fragen der Gesundheit, der Ernährung und mit der Ablösung von Familienstrukturen verbunden. Diskutiert und erprobt wurde das in einem Netzwerk – ganz ohne Internet, aber mit Briefen, Begegnungen und einem zentralen Ort: Monte Verità, am Ufer des Lago Maggiore.

Peter Michalzik lässt dieses Netzwerk in seinem Buch 1900. Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies lebendig werden. Wir begegnen so unterschiedlichen Menschen wie Emmy und Hugo Ball, Hermann Hesse, Max Weber, Käthe Kruse, Ernst Bloch und Erich Mühsam. Sie leben, lieben, gestalten, diskutieren und streiten: um Tier- und Naturschutz, um freie Liebe, um die Gleichstellung der Frau und um den Weltfrieden. Sie begegnen sich und ziehen wieder weiter; sie probieren und scheitern und probieren neu. So entsteht ein europaweites Netzwerk von Ideen und Menschen.

Ein solches Netzwerk in ein Buch zu übertragen, ist schwierig. Peter Michalzik erzählt streng chronologisch und lässt ein Mosaik entstehen. Springt von Russland in die Schweiz, nach Berlin und Italien. Ein-Satz-Abschnitte wechseln sich mit längeren Absätzen ab, Passagen mit Zitaten folgen auf längere Erläuterungen. Dadurch wirkt das Buch so, wie das Leben der Protagonisten: bunt, verwirrend, nicht vorhersagbar und absolut faszinierend.

Feminismus, Psychologie, freie Liebe, Reformhäuser, FKK, Ausdruckstanz, Vegetarismus und Reformpädagogik – all das sind Ideen und Visionen, um die schon um 1900 gerungen wurde. Was davon ist in unserer Zeit angekommen? Und wie würden wir heute leben, wenn die Weltkriege nicht gewesen wären?

1900. Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies gibt vielem, was heute immer noch gerne als »spinnerte Idee« oder als »neumodischer Kram« abgetan wird, eine Geschichte, eine Verwurzelung, und damit mehr Kraft.


Angaben zum Buch:

Peter Michalzik

1900
Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies

Dumont Verlag

Eine ausführliche Rezension findet Ihr bei Schreiblust-Leselust.


 Dazu passt diese Kochbuch-Empfehlung: Deftig vegetarisch

 

Wie das Handbuch Popkultur meinen Hair-Metal-Konsum steigerte

Handbuch Popkultur - Sachbuch

Popkultur als Wissenschaftsdisziplin und Forschungsfeld – darum geht es im »Handbuch Popkultur« das im Metzler Verlag erschienen ist.

Ich, obwohl »nur« interessierter Laie mit leichtem Hang zum Nerdtum, habe es trotzdem gelesen – mal mit Genuss und Informationsgewinn, mal mit Kopfschütteln, mal mit einem klar sichtbaren Häh? auf meiner Leserinnen-Stirn.

Der Einstieg: Gattungen und Medien

Grandios war für mich der Einstieg ins Buch. Der Überblick über die Musikgeschichte von Rhythm & Blues bis Hip-Hop führt dazu, dass ich ständig online nach Musik suchte, Künstler neu oder wieder für mich entdeckte. Das Besondere: Jede Musikrichtung wird von einem anderen Autor vorgestellt. Das erfordert zwar stilistische Flexibilität auf Leser-Seite, tut aber insbesondere den Artikeln über Subkulturen wie Hardcore und EBM gut.

Den größten Spaß hatte ich mit dem Kapitel über Metal, weil die Lektüre bei mir dazu führte, dass ich einen ganzen Abend lang klassischen Hair-Metal gehört habe. Ok, dazu wurde das Handbuch Popkultur zwar sicherlich nicht geschrieben – aber ich lasse das jetzt mal einfach unter Feldforschung laufen.

Die Hintergründe: Produktionsbedingungen und Innovationen

Schon in den Kapiteln über Musikstile wird immer wieder auf die Produktionsbedingungen, auf Vertrieb und Marketing, auf Hörer und Zielgruppen, auf technische Innovationen und ihre Auswirkungen auf die Musik eingegangen.

Das machte es für mich besonders spannend. Viel gelernt, viel gestaunt – und das gilt auch für den Themenbereich Radio – Formate, Sender und DJs. Ich vermisse übrigens Klaus Walter mit seiner Sendung »Der Balll ist rund« immer noch.

Popkultur als Mosaik

Sehr dankbar bin ich auch für das Kapitel zu Camp und Trash – damit wäre das für mich nun auch mal geklärt. Herzchen vergeben würde ich am liebsten für die Analyse der Bedeutung der Riot Grrrls für den Hardcore.

Und alles andere? Nun, mal so mal so. Der Beitrag zur Popliteratur verweilte mir zu sehr in der Vergangenheit. Musikproduktion blieb mir zu sehr an der Oberfläche. Anderes war mir, da ich nicht zur eigentlichen Zielgruppe zähle, zu wissenschaftlich.

Und dann gab es noch dieses Zitat zum Thema Bücher-Blogs:

Versteht man nämlich ein Blog als niederschwelliges Format zur Dokumentation eigenen Konsumverhaltens, etwa in Form eines Bücherblogs, …
Handbuch Popkultur, S. 232, Autor: Ole Petras

Äh ja. Nun. Ach. Lassen wir das.

So findet sich mein Fazit in diesem Instagram-Beitrag wieder:


Infos zum Buch:

Handbuch Popkultur
Hrsg. Thomas Hecken und Marcus S. Kleiner

Metzler Verlag
ISBN  978-3-476-05601-6

Interview mit Thomas Hecken beim Deutschlandfunk


Was ist Popkultur? Was alle kennen, worüber alle reden – das ist Popkultur. Damit bezeichnet man die Gesamtheit der kulturellen Ausdrucksformen, die in einer Gesellschaft weit verbreitet sind und von einer breiten Mehrheit konsumiert, geteilt und mitgestaltet werden – im Gegensatz zur Hochkultur (wie zum Beispiel E-Musik) oder Subkultur.

Sie umfasst Musik, Film, Serien, Mode, Memes, Sport, Games, Memes und vieles mehr. Sie spiegelt die Werte, Trends und den Zeitgeist einer Epoche wider. Popkultur ist kommerziell geprägt, massenmedial verbreitet und lebt von ständigem Wandel.


Bücher zur Popkultur – meine Rezensionen hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin