Karte der Wildnis

Mögen wir das Erkunden nicht lassen, und stehen am ende unserer Erkundungen wieder dort, wo wir einst begannen, und erkennen den Ort zum ersten Mal. Zitat von T. S. Eliot.
Mögen wir das Erkunden nicht lassen.

Was ist Wildnis? Für Menschen wie Robert Macfarlane lässt sich diese Frage kaum stellen, ohne den Verlust von Wildnis durch Umweltzerstörung gleich mitzudenken. Er macht sich auf, in seinem Heimatland Großbritannien die letzten wilden Winkel zu erkunden, bevor sie, wie er befürchtet, endgültig verschwunden sind: Gipfel, Moore, Küsten, Inseln, Wälder.

Seine Betrachtung der Natur erschien mir manchmal seltsam distanziert. Zuerst dachte ich, dass es daran liegt, dass seine Leitwissenschaft die Geologie ist. Das Benennen von Gesteinsschichten und Erdzeitaltern ist nicht meine Welt, aber ich bin grundsätzlich neugierig auf andere Blickwinkel. Dann dachte ich, dass das Gefühl von Distanz darin begründet ist, dass er so vieles macht, was ich nicht tue: Auf Bäume klettern, im Freien übernachten, querfeldein ohne Karte wandern. Aber auch daran kann es nicht liegen, da ja der Reiz von Büchern gerade darin liegt, Abenteuer mitzuerleben.

Was war es dann? Es ist der Blickwinkel des Erzählers selbst. Jede seiner Reisen ist wie Anlauf nehmen – einen langen, gründlicher Anlauf, um dann zum Schluss doch mitten hinein in das emotionale Erleben von Natur zu springen. Ich würde mir ja den Anlauf sparen und gleich zum Spüren übergehen – gerne ohne mich vorher durch Regen, Sturm und Schnee den Berg hinauf gequält zu haben. Doch Instant-Naturgenuss scheint nichts für den Erzähler zu sein. Er braucht die Mühe, um den Blickwinkel wechseln zu können. Ich nicht.

Aber es besteht Hoffnung für den armen Kerl. Sowohl seine kleine Tochter als auch sein guter Freund Roger zeigen ihm eine andere Art der Annäherung an Natur und Wildnis.

»Die Wildnis ist überalll« hatte mir Roger einmal geschrieben, »wir müssen einfach nur stehen bleiben und sie uns ansehen.«
Karte der Wildnis – S. 206

Wo gibt es noch echte Wildnis?

Ich selbst kann mir kaum etwas wilderes, kraftstrotzenderes, eigensinnigeres vorstellen als eine Industriebrache, die von Portulak, Brennnesseln, Beifuß, Pappel und Birken erobert wird – da bin ich ganz Kind der Vororte, aufgewachsen mit Blick auf den Industriehafen. Daher freut es mich natürlich, dass Robert Macfarlane sich am Ende seines Buches meinem Blickwinkel annähert:

Das in den Rissen des Gehwegs wuchernde Gras, die frech durch den Straßenasphalt stoßende Wurzel: Auch sie waren Zeichen von Wildnis … In einem Morgen Wald nahe der Stadt gab es ebenso viel zu lernen wie auf dem Gipfel des Ben Hope.
Karte der Wildnis – S. 290

 


Karte der Wildnis - Buch von Robert Macfarlane - Cover

Angaben zum Buch:

Robert Macfarlane

Karte der Wildnis

Übersetzt von Andreas Jandl und Frank Sievers

Matthes und Seitz Verlag
Reihe Naturkunden

ISBN: 978-3-95757-101-4


 

Dieses Buch von Robert Macfarlane und ich kamen hingegen so gar nicht zusammen: Alte Wege

Clever und Smart – sie werden 60

Clever und Smart - Comic

Zu Clever und Smart hatten wir Schüler damals eine eindeutige Meinung: Top oder Flop. Kult oder geht gar nicht. Dazwischen gab es nichts.

Ganz so einfach war es dann doch nicht. Comic lesen war im Gegensatz zu Büchern kein reines Privatvergnügen. Es war immer auch ein Signal nach außen: Schau her, ich teile deinen Humor. Was irgendwas zwischen „ich mag dich“ und „ich gehöre dazu“ bedeutete. Nur Musik hatte eine noch stärkere Signalwirkung.

Dazu kam, dass nur die wenigsten von uns sich Clever und Smart Comics gekauft haben. Wir haben sie uns ausgeliehen, was den sozialen Kitt noch weiter verstärkte.

Clever und Smart werden 60. Ich werde 50. Wie wohl eine Begegnung heute ausgehen würde?

Hallo Gags aus meiner Schulzeit, hallo Clever und Smart!

Das Ende vorneweg: ich zupfe ab jetzt Freunde am Ärmel, ob sie sich vorstellen könnten, wieder Clever und Smart zu lesen. Denn ich hatte einen Riesenspaß mit den beiden Agenten, ihren  Verkleidungen, den vielen Beulen und den Anspielungen auf Gott und die Welt. Eigentlich sogar mehr Spaß als damals zu Schulzeiten. Vielleicht, weil ich diesmal mehr Anspielungen verstehe; vielleicht aber auch, weil ich diesmal wirklich einfach zum Spaß für mich lese. Ganz ohne Hintergedanken, was die Clique wohl denken könnte …

OK, was nehme ich mir als nächstes vor? MAD?


Infos zur Comic-Serie:

Francisco Ibáñez

Clever & Smart
Band 1 – Keine Angst, wir retten die Welt

Carlsen Comic



Mehr zu meinen Comic-Vorlieben:
Ich und die Comics. Und wie uns die Mangas in die Quere kamen.


Einfach nur Musik machen: Kurt Cobain. 1967 – 1994.

»I don't have a gun«. Die Lebensgeschichte des Kurt Cobain. Jugendbuch. Biografie.

Ein Jugendbuch über Kurt Cobain zu schreiben, ist eine fast unlösbare Aufgabe. Wie soll man für diese sensible Zielgruppe über einen Musiker schreiben, dessen Leben von unglaublich viel Talent, Drogen und alten Wunden geprägt wurde, sehr früh mit einem Selbstmord endete, und der heute noch als Ikone der Rockmusik verehrt wird?

Ein solches Unterfangen gleicht einer schwierigen Gratwanderung. Informieren, aber nicht verherrlichen. Empathisch schreiben, aber nicht zur Nachahmung anregen. Kurz: Ich hätte es nicht schreiben wollen. Aber lesen. Vielleicht verstehe ich ja danach die Heldenverehrung, die Kurt Cobain heute noch erfährt?

Warum ich kein Fan wurde: Nirvana in heavy Rotation

Ich hatte Nirvana relativ spät entdeckt. Gute Musik, eindeutig. Mir erst einmal einen Tick zu eingängig – Mudhoney lagen mir da näher. Doch bevor ich mich entscheiden konnte, ob mir Nirvana nun gefällt oder nicht, liefen sie in heavy Rotation. Auf MTV, im Radio, überall. Wenn in den Clubs die prägnanten Eröffnungsakkorde von »Smells like Teen spirit« erklangen, strömte alles auf die Tanzfläche, die ich genau dann verließ.

Was nach dem Selbstmord von Kurt Cobain passierte, ließ mich, genau wie die bis heute andauernde Verehrung, perplex zurück. Vielleicht kann das Buch »I don’t have a gun. Die Lebensgeschichte des Kurt Cobain.« Licht in die Angelegenheit bringen? Es konnte – aber auf einem ganz anderen Weg als erwartet.

I don’t have a gun – von wegen!

Der Autor Marcel Feige schildert in seinem Buch die Kindheit von Kurt Cobain unerwartet ausführlich. Dem eigentlichen Erfolg von Nirvana widmet er nur ein Drittel des Buches. Das hat mich erst einmal gewundert, sorgt aber dafür, dass man den nicht ganz einfachen Charakter von Kurt Cobain besser verstehen kann.

Wobei verstehen bei dieser Biographie nicht mit »gut heißen« gleichzusetzen ist. Marcel Feige schildert sehr sachlich und achtet strikt darauf, nicht zu werten. So gut wie jeder hat Mist gebaut, aber keinem kann man die Schuld am Selbstmord und dem Drogenmissbrauch geben. Weder den Eltern Kurt Cobains, noch seinen Freunden, noch der Musikindustrie und vielleicht sogar noch nicht mal ihm selbst. Keiner ist unschuldig, aber niemand ist schuld.

Dadurch wird Kurt Cobain vom Sockel der Verehrung geholt und der Fokus auf sein enormes musikalisches Talent gerichtet. Mehr als einmal wird betont, wie viel Arbeit es erfordert, um als Band so gut spielen zu können – da scheint dann doch das Genre Jugendbuch sehr deutlich durch.

Trotz aller Sachlichkeit liest sich das sehr gut und ich habe mein Ziel erreicht: Ich kann jetzt nachvollziehen, wie es zur Heldenverehrung kam und was für eine enorme Projektionsfläche Kurt Cobain bietet.


Angaben zur Biografie:

Marcel Feige

»I don’t have a gun«.
Die Lebensgeschichte des Kurt Cobain.

Jugendbuch. Empfohlen ab 14 Jahren.

Beltz Verlag
ISBN 978-3-407-81087-8

Noch eines fiel mir auf: Mit wie viel Respekt Marcel Feige von den Frauen in Kurt Cobains Leben schreibt. Deswegen endet dieser Beitrag auch nicht mit einem Nirvana-Song, sondern mit meinem Lieblingssong von Courtney Love und ihrer Band Hole: Doll Parts


Ein Musikbuch, das gut dazu passt: Die Rache der She-Punks

Thich Nhat Hanh – Mein Leben ist meine Lehre

THICH NHAT HANH Mein Leben ist meine Lehre Autobiographische Geschichten und Weisheiten eines Mönchs

Autobiographische Geschichten von Thich Nhat Hanh verspricht das Buch. Da hatte ich vor allem Spirituelles erwartet und war verblüfft, wie viel Politik das Buch enthält.

Daran habe ich gemerkt, dass ich Thich Nhat Hanh erst spät für mich entdeckt hatte. Von seinem Einsatz für Frieden in Vietnam und seiner Arbeit für eine aktiven, die Gesellschaft mitgestalteten Buddhismus wusste ich nichts. Ich kannte ihn eigentlich nur als Achtsamkeitslehrer.

Gehmeditation, achtsames Atmen und Kontemplation kommen in dem Buch definitiv nicht zu kurz, denn Achtsamkeit ist die Basis für alles im Leben Thich Nhat Hanhs. Aber für mich gab es so viel mehr zu entdecken!

Buddhistische Weisheitsgeschichten

Ich mag diese Art zu erzählen sehr: Weisheitsgeschichten, bei denen nicht am Ende fett »Fazit, Moral und das haben Sie, werter Leser, nun zu tun«. Stille Geschichten, die wie ein Samenkorn Zeit brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten.

Bei uns werden solche Bücher gerne als buddhistische Weisheitsgeschichten bezeichnet und ich habe in der Art mittlerweile einiges gelesen. Der kleine Buddha zum Beispiel ist die sehr westliche Adaption des Themas. Der Bestseller Die Kuh, die weinte ist für mich lediglich ein Ego-Trip im Mönchsgewand. Die schönen Dinge siehst Du nur, wenn du langsam gehst ist die häppchengerechte, poetische Aufbereitung für die Generation Twitter.

Mein Leben ist meine Lehre hingegen ist wiederum ganz anders als diese drei Bücher. Ein Alterswerk, das Ruhe und Kraft ausstrahlt. Ein Buch, das nicht gefallen will, sondern einfach ist. Ein Autor, der auch noch in die Hocke gehen kann, um den Blickwinkel eines Kindes einzunehmen. Einer, dem Weltpolitik genauso wichtig ist wie das Wohlergehen der Palme vor dem Fenster seines Schreibzimmers.

Vielleicht ist es das, was dieses Buch zu einem ganz Besonderen macht: die Fähigkeit Thich Nhat Hanhs, alles gleichermaßen zu würdigen – die Frage eines Kindes und die Begegnung mit einem Politiker, das ganz Kleine genauso wie die großen Fragen der Weltgeschichte.

Aus all diesen Bereichen, die zu seinem Leben gehören, erzählt er uns Geschichten. Dann geht er mit achtsamen Schritt, jede Bewegung mit dem Atem verbunden, weiter – und lädt uns damit ein, es ihm gleich zu tun.

Gelehrt wird nicht nur mit Worten.
Gelehrt wird durch die Art,
wie man sein Leben lebt.
Mein Leben ist meine Lehre.
Mein Leben ist meine Botschaft.

Thich Nhat Hanh


Angaben zum Buch:

Thich Nhat Hanh

Mein Leben ist meine Lehre
Autobiographische Geschichten und Weisheiten eines Mönchs

O.W. Barth im Droemer Knaur Verlag

ISBN: 978-3-426-29277-8


Schon alles ausgelesen? Dann wirst Du bestimmt hier fündig:

Setzt die Segel und sucht euren Horizont: Mut braucht eine Stimme

Sachbuch: Peter Holzer - Mut braucht eine Stimme

Dieses Buch erschafft sich sein Genre selbst. Mut braucht eine Stimme ist ein persönliches Buch, aber keine Biographie. Für einen Ratgeber kommt es mit erstaunlich wenigen Ratschlägen aus. Solche Genre-Grenzgänger haben es mir ja grundsätzlich angetan – ich mag diese Freigeister unter den Büchern.

Drei große Themenfelder bearbeitet der Autor, die er mit Stumm sein – Laut werden – Gehör finden benennt. Im ersten Teil beschreibt er, wie zuviel Input, Aktionismus und unser zu hohes Lebenstempo uns zum Verstummen bringt – und unsere innere Stimme gleich mit.

Der zweite Teil bringt die innere Stimme wieder zum Klingen. Wichtigstes Werkzeug ist das Ausrichten der Lebensreise an einem eigenen Werte-Horizont.

Im letzten Abschnitt wird beides im eigenen Leben verankert, so dass das Handeln im Einklang mit der inneren Stimme seine Wirkung entfalten kann.

Das ist ein sehr sympathisches und tragfähiges Lebenskonzept, dass dazu führt, das Menschen einander wieder wertschätzend und auf Augenhöhe begegnen können.

Ein Lieblingszitat bescherte mir das Buch auch:

Zeitmanagement macht einen sinnlosen Weg nicht sinnvoller.
Peter Holzer, Mut braucht eine Stimme S. 39

Also alles bestens? Nein, nicht ganz.

Lebenswelten und eine enge Vorstellung von Karriere

Geärgert habe ich mich auch. Dieses Zitat zum Thema Frauenquote in der Wirtschaft war der Auslöser: „Als Frau würde ich das auch gar nicht wollen!“ Als Frau hätte Peter Holzer ein ganz anderes Leben geführt und dadurch ganz andere Einsichten und Ansichten gewonnen. Er kann daher meines Erachtens gar nicht wissen, was er als Frau wollen würde!

Würde ich in den gleichen Kategorien denken, würde ich sein Buch als ein sehr männliches Buch beschreiben. Seine Vorstellung von Karriere ist die eines Alpha-Tieres. Es wird gekämpft, man durchsteht ein tiefes Tal der Tränen durch Hartnäckigkeit, Ausdauer und Willenskraft und setzt sich schließlich durch. Andere Modelle von Karriere kommen in dem Buch nicht vor. Das mag an der Lebenserfahrung des Autors liegen oder an der Branche, aus der er stammt. Ich weiß es nicht. Fakt ist aber, dass das dazu führte, das der berufsbezogene Teil des Buches für mich ein Blick in eine andere Welt war. Hochinteressant, wie Menschen dort leben – aber mein Horizont hat mich von Anfang an woanders hingeführt.

Womit wir bei dem sind, was mir von Mut braucht eine Stimme im Gedächtnis bleiben wird. Zu allererst ein sehr interessanter Blick in eine Lebenswelt, die nicht meine ist. Genau dafür sind Bücher ja auch da! Aber noch wertvoller ist für mich die Idee des Werte-Horizonts, an dem jeder seine eigene Lebensreise ausrichtet. Es ist an der Zeit, meine Seekarten mal wieder etwas detaillierter auszugestalten.

Ein weiteres Buch von Peter Holzer würde ich durchaus lesen. Ich wäre neugierig, wie seine Lebensreise von nun an verläuft und wie sich sein Horizont erweitert. Er hat gelernt, seine innere Stimme zu hören und ihr zu folgen. Mich würde interessieren, ob er sie in ein paar Jahren immer noch nüchtern als innere Stimme bezeichnet oder ob er noch andere Nuancen heraushören und benennen wird – vielleicht nennt er es dann Herz, vielleicht Universum oder auch Gott. Auch dazu braucht es Mut.


Infos zum Buch:

Peter Holzer

Mut braucht eine Stimme
Wie sie ihrem Leben Wirkung geben

Gabal Verlag
ISBN 978-3-86936-797-2


Business-Bücher und Ratgeber, die ich empfehlen kann: meine Buchvorstellungen und Rezensionen hier auf meinem Blog GeschichtenAgentin


Übrigens: wie sich in einem kurzen Mailwechsel mit dem Autor herausstellte, sind wir beide von einem Buch begeistert, das ich auf meinem Blog schon besprochen habe: Dr. Kristina Brode – Angst als Chance. Diagnose Krebs: Brücken zur Selbstheilung und zu einem neuen Lebensgefühl

Der Tanz der Tiefseequalle

Jugendbuch Tanz der Teifseequalle. Das Cover zeigt, wie die schöne Sera mit dem dicken Niko tanzt. Ihr Schatten gleicht einer Meerjungfrau, seiner einer dicken Qualle

Schon lange mehr kein Jugendbuch gelesen und zum Wiedereinsteig gleich einen Volltreffer gelandet! So darf es gerne weitergehen. Aber das nächste Buch muss sich jetzt sehr anstrengend, um Tanz der Tiefseequalle von Stefanie Höfler zu toppen.

Schon kleine Details genügen der Autorin, um ihre Protagonisten minimalistisch exakt zu charakterisieren und um ihnen eine authentische Stimme zu verleihen. Hier sitzt jede Geste, jedes mimische Detail, jeder Satzfetzen. Obwohl die Geschichte abwechselnd aus Seras und Nikos Perspektive erzählt wird, fügt sich alles passgenau ineinander.

Zudem umschifft Stefanie Höfler zielsicher alle Klischees. Das Thema des Buches ist nicht Mobbing, es ist keine Außenseiter-Geschichte und auch kein Buch gegen Body-Shaming. All das ist Teil des Lebens der Kinder und deswegen Teil der Geschichte. Doch im Mittelpunkt des Romans stehen Menschen, echte Menschen.

Die schöne Sera ist keine Außenseiterin, aber auch nicht der Mittelpunkt der Clique. Sie schwimmt mit und verdrängt zuerst erfolgreich, dass sie sich eigentlich im Freundeskreis nicht zuhause fühlt. Der dicke Niko hingegen ist der klassische Außenseiter, das Mobbing-Opfer.

Im Laufe der Geschichte kristallisiert sich heraus, dass die beiden eines gemeinsam haben: sie werden auf etwas reduziert – Sera auf ihre Schönheit, Niko auf sein Übergewicht. Beide entdecken so nach und nach an sich und am anderen, wie viel mehr in ihnen steckt. Mehr Persönlichkeit, mehr Talent, mehr Träume, mehr Erfahrungen, mehr Humor, mehr Mut.

Im ganzen Jugendbuch gab es für mich nur zwei, drei Seiten, die mich nicht ganz überzeugt haben, weil hier die Erzählstimme nüchterner wurde und statt Empathie auf einmal der analysierende Adlerblick vorherrschte. Das war der Moment, in dem Sera mit dicken Kissen ausgestopft vor dem Spiegel steht und versucht zu erfahren, wie sich dick sein anfühlt.

Doch völlig zurecht wurde Stefanie Höfler mit dem Jahres-Luchs ausgezeichnet. Auch das Cover, gestaltet von Sehen ist Gold, ist mehr als preiswürdig, denn es fängt die einzigartige Stimmung des Romans, die sich zwischen exakter Analyse, verträumten Hoffen und Aufbruch bewegt, genau ein.


Infos zum Buch:

Stefanie Höfler

Tanz der Tiefseequalle

Jugendbuch
empfohlen ab 12 Jahren

Beltz Verlag
ISBN 978-3-407-82215-4


Hier findet Ihr noch mehr Rezensionen zu Jugendbüchern auf meinem Buch-Blog.


Sehr berührendes Kinderbuch der gleichen Autorin: Der große schwarze Vogel von Stefanie Höfler. Meine Rezension dazu:

Schule des Sehens: gebt dem Zufall eine Chance

Sachbuch: Die Schule des Sehens von Peter Jenny

Wie lernt man schreiben? Ein berühmter SF-Schriftsteller* antwortete mal auf die Frage eines Fans: „Schreibe eine Million Wörter und dann komme wieder zu mir.“

Wie lernt man demnach fotografieren?

Mit jedem Blogbeitrag lerne ich ein wenig mehr über das Schreiben. Mit jedem Smartphone-Foto ein wenig mehr über das Fotografieren.

Veröffentlichen ist dabei Teil des Lernprozesses. Ich mache mein Üben damit sichtbar – und nehme es selbst dadurch ernster.

Die Suche nach neuen Themen und Motiven ist ein zweiter wichtiger Ansporn. Nicht ausruhen auf dem, was man schon kann. Weitergehen, Neues wagen. Neue Fotomotive suchen, neue Blog-Themen.

Über Bücher schreiben kann ich. Außer, es ist ein Buch aus dem Herrmann Schmidt Verlag. Dann wird es knifflig, denn diese Bücher sind anders als die, die ich 25 Jahre lang in der Buchhandlung angepriesen habe.

Die Schule des Sehens – zweite Runde

Der 8. Band aus der Reihe Schule des Sehens von Peter Jenny war für mich ein Durchbruch. Mit Bild sucht Bild – Weitere Ideen aus dem Atelier der Gegensätze entdeckte ich, die sich bisher als Wortmensch bezeichnete, das kreative Potential von Fotos für mich. Schreibblockaden gibt es seit dem für mich nicht mehr. Wenn ich an einer Idee festhänge, wechsel ich das Medium. Darüber hatte ich hier geschrieben.

Seit einigen Monaten beschäftige ich mich mit dem 9. Band aus der Reihe. Notizen zur Fotogestaltung – Findet Sie der Zufall?  bezeichnet sich als Einladung zur Fotosafari in den eigenen vier Wänden. Das ist Understatement, denn das Büchlein verführt zu noch so viel mehr.

Der Weg ist das Ziel tönt zwar gut, entspricht aber auch nicht der zielgerichteten Wirklichkeit. Ein Glückspilz zu sein, setzt voraus, abseits des Weges Entdeckungen zu machen.
S. 21

Seit dieser Lektüre kultiviere ich lustvolles Verlaufen in meiner eigenen Wohnung und übe mich darin, zu erblicken, was der Zufall mir beschert. Ich entdecke Schattenspiele, Strukturen und Blickwinkel.

Aufnahme eines Schattenspiels, inspiriert durch Peter Jenney -Schule des Sehens BAnd 9

Dabei bemühe ich mich, nicht zu werten, sondern dem Zufall, dem glücklichen Moment Raum zu geben.

„Nicht zu werten“ heißt für mich auch, auf Instagram Bilder zu veröffentlichen, die mein Üben protokollieren. Dabei bin ich immer wieder erstaunt, wie sich Bilder über Nacht verändern. Was habe ich früher Bilder in die Tonne getreten! Vielen davon würde ich heute eine Chance geben und ich bin mir sicher, dass sich eine kleine Handvoll davon im Nachgang durchsetzen würde.

Abfalltonne für Ideen. Mülleimer fotografiert nach der Lektüre von: Peter Jenny - Schule des Sehens Band 9 Notizen zur Fotogestaltung

 

Ich glaube, als nächstes erkunde ich mit Peter Jenny und seiner Schule des Sehens das Vorher – Nachher.


* „Wenn Du schreiben lernen willst, dann schreibe erst einmal eine Million Wörter“. Leider bin ich mir nicht mehr ganz sicher, von wem das Zitat ist. Es könnte Niven gewesen sein – oder Heinlein. Wisst Ihr es? Falls Ihr es wisst freue ich mich über einen Kommentar. Und Ihr freut Euch vielleicht über das Blogstöckchen #SFvongestern


Informationen zu den Büchern:

Peter Jenny

Die Schule des Sehens

Band 8
Bild sucht Bild
Weitere Ideen aus dem Atelier der Gegensätze

Band 9
Notizen zur Fotogestaltung
Findet Sie der Zufall?

Verlag Hermann Schmidt


Auch in diesem Kunstbuch geht es darum, das Sehen zu üben: Kunst selbst sehen. Ein Fragenbuch. Hier meine Rezension dazu:

Naturbeobachtung, Wissenschaft und Poesie: Das verborgene Leben des Waldes

Naturbeobachtung: Das verborgene Leben des Waldes von David G. Haskell

In dem Stapel der Bücher, die ich gerade lese, befindet sich immer eines, an dem ich besonders lange lese. Manchmal, weil es anstrengend ist. Oder auch, weil jedes Kapitel erst mal verdaut werden muss. Vielleicht auch deswegen, weil es ein Thema behandelt, das nicht immer passt.

Auf Das verborgene Leben des Waldes von David G. Haskell trifft all das nicht zu und doch lese ich schon seit dem letzten Frühsommer darin. Jetzt, im Januar, habe ich immer noch 40 Seiten vor mir. Ich werde sie mir einteilen.

Ich habe keine Eile mit dem Buch – ganz im Gegenteil. Es ist mein momentanes Genussbuch. Ich lese es langsam, ein Kapitel am Abend, höchstens zwei. Dann lege ich es wieder weg, genieße, was ich gerade gelesen habe und freue mich auf das nächste Kapitel, dass ich vielleicht in ein paar Tagen lese werde.

David G. Haskell hatte auch keine Eile. Ein Jahr lang hat er sich Zeit genommen und ein kleines Stück Waldboden genau beobachtet. Gerade mal ein Quadrameter groß ist dieser Kosmos im Kleinen. Ganz genau schaut David G. Haskell hin, beobachtet Pflanzen, Insekten, Pilzsporen und kleinste Veränderungen. Er schaut mit dem Blick des Wissenschaftlers und schreibt mit dem Herz des Poeten.

Die Mücke auf meiner Hand hat offensichtlich eine ergiebige Ader getroffen. In Sekundenschnelle schwillt ihr hellbrauner Unterleib zu einem rubinrot glänzenden Ballon an.
S. 142

Das entspricht seiner Vorstellung von Naturnähe. Nah ran gehen, nicht eingreifen, beobachten. Auf die Beobachtung folgt eine detaillierte wissenschaftlich Beschreibung, die mich Staunen lehrt. Nie hatte ich mir zuvor Gedanken darüber gemacht, was für ein hochkomplexer Organismus eine Stechmücke ist! Damit verändert sich meine Einschätzung von „lästig“ auf „faszinierend“ in fünf Sätzen.

Doch pures Beobachten und Erklären genügt David G. Haskell nicht. Seine kleinen Beobachtungen verortet er im großen Ganzen, im Ökosystem und in der Geschichte des Planeten. So ist jedes Kapitel eine Reise vom Menschen zum Naturdetail und von dort aus über die Wissenschaft zum gesamten Planeten. Dafür genügen ihm nur wenige Seiten: seine Kapitel sind erstaunlich kurz.

Das wiederum macht es mir leichter, mir das Buch in kleine Genusshäppchen einzuteilen. Was für ein Lesevergnügen!


Angaben zum Buch:

Genusslesen mit dem Buch Das verborgene Leben des Waldes von David Haskell

David G. Haskell

Übersetzt aus dem Englischen von Christine Ammann

Das verborgene Leben des Waldes
Ein Jahr Naturbeobachtung

Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-22198-1

Ausführliche Rezensionen zum Buch bei Elementares Lesen und bei Literaturkritik. 


Nature Writing – Grenzgänger zwischen Sachbuch, Roman, Poesie und Naturbeobachtung. Ein Genre, was mich immer wieder packt. Hier eine kleine Auswahl an Büchern, die ich empfehlen kann, mit Links zu meinen Buchrezensionen:


Lee Hollis: schreiben statt schreien

Lee Hollis, Sänger der Hardcore Bands Spermbands und Steakknife, hat im Ventil Verlag Kurzgeschichten veröffentlicht

Am 1. Oktober 1995 trat Lee Hollis zum ersten Mal als Spoken-Word-Künstler auf – und das gleich im Vorprogramm von Lydia Lunch. Kein schlechter Start, den er so beschreibt:

It was the first time I ever spoke to an audience, instead of screaming at one.

Daraus könnte man eine Geschichte machen. Macht Lee Hollis aber nicht. Er verwendet dieses Schnipsel einfach nur für den Abspann des Buches. Das Spiel mit den Erwartungshaltungen des Publikums hat er perfektioniert.

Manche seiner Kurzgeschichten sind von vornherein in einem Land weit jenseits der Normalität angesiedelt: brennende Hochhäuser, Horror-Ausflüge mit dem Segelboot, Wahnsinn.

Doch am besten gefallen mir die Geschichten, die harmlos und realistisch beginnen und dann urplötzlich kippen, surreal werden.

Einige Stories sind autobiographisch verankert, wobei sich der Leser auch hier nie so ganz sicher ist, ob die Geschichte nicht doch an irgendeiner Stelle die Realität verlassen hat. Hat sich das wirklich so zugetragen oder erzählt Lee Hollis gerade Punk-Märchen?

Zitat von Lee Hollis: Don't tell me how cool you are. Be cool.

Aber ist diese Frage überhaupt wichtig? Entscheidend ist, dass die Show stimmt. Da ist und bleibt Lee Hollis Entertainer – ein verdammt guter noch dazu!

Er weiß, was die Menschen von ihm hören wollen – nämlich Anekdoten aus dem Hardcore-Leben, Seitenhiebe auf seine Wahlheimat Deutschland und Sätze wie Don’t tell me how cool you are. Be cool. Das liefert er auch ab. Aber nicht gleich.

Lee Hollis spielt genüsslich mit der Erwartungshaltung des Lesers, rotzt das Publikum an, um es im nächsten Abschnitt gleich wieder äußerst charmant zu umwerben. Also alles so wie auf der Bühne.

Erzählstimme und Bühnenpräsenz liegen bei ihm sehr nah beieinander – das klingt richtig, richtig gut!


Infos zu den Büchern von Lee Hollis:

Strategy for Victory
ISBN 978-3-931555-73-3

Many injured, more dead
ISBN 978-3-95575-084-8

Ventil Verlag


Empfohlen wurden mir die Bücher von RRR Soundz, dem DJ meines Vertrauens. Danke dafür – und für so vieles mehr!


Sechs Jahre nach dieser Buch-Rezension, kurz nach dem Jubiläumskonzert in der Kammgarn Kaiserslautern, bei dem ich dabei war, haben sich die Spermbirds dann aufgelöst. Das war es woohl endgültig – danke für all den Krach!


Die Kurzgeschichten von Lee Hollis erscheinen im Mainzer Ventil Verlag. Der Spezialist für Subkultur, Indie und Punk hat sich bei mir zu einem Lieblingsverlag entwickelt. Folgende Comics, Sachbücher und Musikbücher aus dem Ventil Verlag habe ich auf meinem Buch-Blog rezensiert (Liste alphabetisch nach Buch-Titel):

Weitere Titel werden folgen – hier liegen noch einige Bücher aus dem Ventil Verlag, die ich noch nicht gelesen habe!


Schnelleinstieg Storytelling

Ausschnitt aus dem Buch-Cover: "Storytelling. Geschichten für das Marketing und die PR-Arbeit entwickeln" von Edgar von Cossart

Da ist es auf einmal, das Buch, das ich mir vor zwei Jahren gewünscht hätte. Damals suchte ich einen Einstieg in das Thema Storytelling und fand kein Buch, das mir so richtig meine Fragen beantwortete.

Seltsam, oder? Das ich damals nichts fand, lag an meinem etwas undefinierbaren Standort als Leserin.

Wie immer befand ich mich zwischen allen Stühlen und war mit meiner Position im Zielgruppen-Denken der Verlage so nicht vorgesehen.

Ich interessiere mich für Storytelling,

  • weil ich als Leserin wissen möchte, wie der Autor das gemacht hat
  • weil ich als Buchbloggerin selbst gerne Geschichten in meinen Rezensionen erzähle
  • weil ich als Social Media Consultant Inhalte für Facebook, Instagram und für Corporate Blogs entwickel und schreibe

In den meisten Büchern, die ich damals fand, ging es um Storytelling in der Markenkommunikation oder in der Werbung. Beides passt für mich nicht – genauso wenig wie die kommunikationswissenschaftlichen Bücher, die als Lehrbücher für die Uni gedacht sind.

Edgar von Cossart hat jetzt mit seiner kurzen, knappen Einführung in die Grundlagen und Regeln des Storytellings das für mich passende Buch geschrieben. Dabei schreibt er eigentlich über ein für mich völlig unpassendes Thema: Storytelling im Film, was nun mal so gar nicht mein Medium ist.

Doch die Wege der Leser sind unergründlich und passen häufig so gar nicht zum Zielgruppen-Denken der Verlage. Gerade weil Film nicht mein Medium ist, konnte ich diesmal viel besser den Erklärungen folgen. Da hat mich nichts abgelenkt, ich war damit beschäftigt, den Transfer auf meine eigene Arbeit zu leisten. Siehe da: Thema, Buch und ich, wir fanden diesmal zusammen.

Storytelling. Geschichten für das Marketing und die PR-Arbeit entwickeln konzentriert sich, bis auf wenige Abschweifungen über die Erfolge des Autors, auf das Wesentliche. Wie entwickel ich Ideen für eine Geschichte, wie schreibe ich die Geschichte oder das Drehbuch, wie fasse ich die Geschichte zusammen, um sie erfolgreich an einen Auftraggeber zu verkaufen? Was ist ein Plot, was ein Protagonist, was ist der Unterschied zwischen Hauptkonflikt und Thema? Warum braucht eine Geschichte eine Aufteilung in Akte und wieviel Wendepunkte sind nötig?

Auf den 112 gut genutzten Seiten erklärt der Autor das Handwerkszeug des Storytellings und warum man erst einmal Regeln lernen, verstehen und anwenden können muss, bevor man sie brechen kann.

Damit ist Storytelling. Geschichten für das Marketing und die PR-Arbeit entwickeln ein Buch, das in meine Handbibliothek wandern wird. Den nächsten Fantasy-Schmöker werde ich nun garantiert mit anderen Augen lesen!


Angaben zum Buch:

Edgar von Cossart

Storytelling
Geschichten für das Marketing und die PR-Arbeit entwickeln

Vahlen Verlag
ISBN 978-3-8006-5412-3

Rezension im PR-Journal

 


Andere Bücher, die sich in meiner Handbibliothek befinden:


Fachbücher, die das berufliche Wissen erweitern: meine Buchtipps und Rezensionen hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin


Leichte Sprache, einfache Sprache, Online-Sprache

Buchcover: Ratgeber Leichte Sprache aus dem Duden Verlag

„Du verbindest hier mit einem ‚und‘ – schau doch mal, ob Du zwei Sätze daraus machen kannst.“ Dieser Schreibtipp war für mich der Auslöser, mich mit Leichter Sprache zu beschäftigen.*

Doch solche Vereinfachungen, die die Lesbarkeit von Online-Texten deutlich erhöhen, sind eigentlich gar nicht das Thema bei Leichter Sprache. Hier geht es um Inklusion von Menschen mit Sprachverständnis-Schwierigkeiten und um Barriere-Freiheit.

Was bringt es mir also für meine Arbeit als Online-Texterin und für mein Hobby Bloggen, mich mit Leichter Sprache zu befassen? Eine Menge. Beginnen wir am Anfang, mit der Definition.

Was ist Leichte Sprache?

Ein schönes Beispiel findet Ihr auf der Webseite Hurraki, dem Wörterbuch für Leichte Sprache:

Hurraki ist ein Wörterbuch für Leichte Sprache

Viele Menschen reden umständlich. Nicht jeder versteht das.

Die Wörter bei Hurraki soll jeder verstehen können.

Niemand soll ausgegrenzt werden.

Quelle: https://hurraki.de/wiki/Hauptseite

Genau so funktioniert Leichte Sprache: kurze Sätze, eine Information pro Satz, allgemein bekannte Wörter. Dabei folgt die Sprache einem klaren Regelwerk. Leichte Sprache ist immer grammatikalisch korrekte Sprache. Sätze wie „Du gehen Bahnhof“ sind keine leichte Sprache, sondern ein Hindernis. Durch solche Sätze gewöhnen sich Menschen mit Lernschwierigkeiten erst ein falsches Deutsch an, um dann später mühsam die Fehler wieder zu verlernen. Für die meisten Leser ist Leichte Sprache nämlich nur eine Durchgangsstation auf dem Weg zur nächst komplizierteren Stufe, der Einfachen Sprache. Wenn alles klappt kommen sie irgendwann am Ziel an: Standard-Deutsch.

Korrekte Leichte Sprache ist also nicht, was man so eben mal aus dem Bauch heraus formuliert – es ist eine Übersetzungsleistung. Und was für eine! Wer einmal Übersetzungen von juristischen Fachtexten gelesen hat, wird verstehen, was ich meine.

Regeln der Leichten Sprache

Alle Regeln der leichten Sprache kann man nachlesen. Vieles wird online erläutert. Ich habe zum Buch gegriffen – ganz traditionell zum Duden:

Duden Ratgeber Leichte Sprache
Die wichtigsten Regeln und Empfehlungen für die Praxis

von Ursula Bredel und Christine Maaß

Ich bin keine Sprachwissenschaftlerin und stehe immer ein wenig fasziniert vor solchen Ausführungen. Wenn ich lese, welche Regeln und Konzepte es alles gibt, dann bin ich jedesmal erstaunt, das wir uns überhaupt verständigen können.

Was bringt es mir?

Erst einmal ein Grundverständnis dafür, was sich alles vereinfachen lässt. Das ist für mich nützliches Handwerkszeug. Vieles war bekannt, gerät aber doch leicht in Vergessenheit. Nach den gründlichen Erklärungen und den vielen Beispielen ist mir jetzt wieder klarer, worauf ich achten muss. Nicht nur Füllwörter streichen, sondern generell kürzere Sätze bilden. Nicht nur auf das „man“ verzichten, sondern von vornherein aktiv formulieren. Weil jetzt die beiden letzten Sätze in diesem Beitrag mit einem „Nicht“ beginnen, fällt mir auch siedend heiß wieder ein, dass Verneinungen generell schwieriger zu verstehen sind. Der Leser stellt sich erst das vor, was beschrieben wird, um es dann zu negieren. Das ist kompliziert und stört den Lesefluss.

Auch eigentlich banale Grundlagen sind bei mir jetzt wieder präsenter. Nicht einfach drauf los schreiben, sondern erst für mich die Aussage des Textes klären. Klingt wirklich banal, oder? Doch jeder kennt Texte, bei denen das offensichtlich nicht beherzigt wurde.

Nun denn, beim Bloggen werde ich das sicherlich nicht immer beherzigen. Manchmal wollen Texte einfach auf eine andere Art hinaus in die Online-Welt. Doch um sich das zu erlauben ist es gut, zu wissen, wie ich es einfacher formulieren könnte. Dann kann ich mich immer noch bewusst für eine andere Version entscheiden.


Informationen zur Leichten Sprache findet Ihr zum Beispiel hier:

Absolut lesenswert finde ich Nachrichten in leichter Sprache wie zum Beispiel bei Nachrichten leicht. Da bekommt man einen guten Eindruck von der Übersetzungsleistung, die für solche Texte nötig ist, und fragt sich, warum wir alle uns nicht viel häufiger leichter ausdrücken.


*Es gibt noch ein weiteres ‚und‘, das mir viel zu häufig begegnet. Meine ebenfalls bloggende Kollegin und ich nennen es schon das „Blogger-Und“: Hauptsätze, die mit ‚Und‘ beginnen. Korrekt ist das nur selten. Dafür aber nah an der gesprochenen Sprache. Von dort findet es seinen Weg erst in viele Blog-Artikel, dann in Online-Texte. In letzteres gehört es auf keinen Fall.


Bücher, für Jugendliche und Erwachsene, die sich mit dem Lesen schwer tun, stelle ich in diesem Blog-Beitrag vor: Lesen ist Teilhabe: Anne Frank in einfacher Sprache und super lesbare Bücher

Rauhnächte. Träumen, sich besinnen, räuchern.

Rauhnächte. Buch Cover

Ja ist denn schon wieder Weihnachten? Nein, natürlich nicht. Bis zur Wintersonnenwende und den Rauhnächten gehen noch ein paar Wochen ins Land. Es ist gerade mal Herbst.

Doch mit den Herbst kommt die Stille. Mein Blick auf die Welt ändert sich. Ich werde ruhiger und nachdenklicher. Fragen, die zum Jahreswechsel passen, kommen jetzt schon auf und ich habe tatsächlich jetzt schon das kleine Buch Rauhnächte von Gerhard Merz gelesen.

Eigentlich wollte ich ja nur kurz reinlesen. Prüfen, ob es für mich passt, ob das mein Begleiter für dieses Jahr sein könnte. Es passt. Und wie – ich habe die 127 Seiten dann mal gleich ganz gelesen. Jetzt schon, im Oktober – und ich freue mich darauf, das Buch zur Wintersonnenwende wieder zu lesen.

Es war die Art, wie Gerhard Merz über Odins wilde Jagd und die alten Mythen erzählt. Das hat mich gepackt, daran bin ich hängengeblieben. Er hat die alten Sagen gelesen und gibt sie kurz, prägnant und packend wieder. Das ergänzt er mit Brauchtum, Traumdeutung und Orakeleien. Ich mag das.

Geräuchert wird natürlich auch. Da ist der Autor Fachmann, wie sein Buch Heilende Rituale mit Räucherwerk schon gezeigt hat. Das Räuchern mehr sein kann als Wohlgeruch und sinnliches Erlebnis wird bei ihm deutlich. Ob man damit gleich Geister vertreiben will, das bleibt jedem selbst überlassen.

Wie werde ich dieses Jahr die Rauhnächte begehen? Wahrscheinlich werde ich mich auf die Wintersonnenwende, Weihnachten, Silvester und Dreikönige beschränken, meine Orakelkarten auspacken und in den restlichen Nächten einfach auf meine Träume achten. Aber letzteres tue ich eigentlich eh immer.

Das Büchlein Rauhnächte. Das Mysterium der zwölf Schicksalstage wird mich dabei begleiten. Damit löst es für mich Das Geheimnis der Rauhnächte von Jeanne Ruland ab. Das Buch hat früher mal sehr gut gepasst, aber in den letzten zwei Jahren mochte ich es nicht mehr zur Hand nehmen. Zeit für einen Wechsel zum Jahreswechsel!


Angaben zum Buch:

Gerhard Merz

Rauhnächte
Das Mysterium der zwölf Schicksalstage

Mankau Verlag
ISBN-978-3-86374-416-8


Bewusstes Leben – Ratgeber und Sachbücher. Hier könnt ihr in meinen Buchtipps und Rezensionen stöbern.


 Buchtipp für alle, die die Weihnachtszeit anders gestalten wollen: Abgründige Weihnachten von Christian Rätsch