Mein Leben mit Büchern. Rezensionen zu Sachbüchern, Ratgebern und Romanen. Museen, Musik, Kunst.
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Schlagwort: Rezension
Buch-Rezensionen und Buch-Begeisterung. Und nur ganz selten ein Verriss. So könnte die perfekte Überschrift für diese Blog-Kategorie lauten. Schließlich empfehle ich hier einfach nur Bücher, die mir gefallen haben und erzähle, was diese Bücher in meinem Leben ausgelöst oder verändert haben.
Aber da Menschen es anscheinend kompliziert mögen, ist es dann doch wieder nicht so einfach. In den letzten Jahren wurde begonnen, die große Gruppe der Buch-Blogger genauer zu analysieren. Auf einmal gab es Unterteilungen: Literatur-Blogger, Genre-Blogger, Lifestyle-Blogger … Wenn ich in eine solche Diskussion gerate antworte ich mit, das hier ist ein Feld-Wald-Wiesen-Buch-Blog, ein Gemischtwaren-Blog. Dann verlasse ich den Raum. Ganz ehrlich: ich habe mir doch nicht diesen Freiraum namens Internet erobert um mich dann wieder in Schubladen stecken zu lassen?
Was mache ich hier also eigentlich genau? Heute dies und morgen etwas anderes. Einzige Klammer scheint zu sein, dass ich über Bücher schreibe. Mal ist es eine richtige Rezension, mal ein flüchtiger Leseeindruck. Mal eine Empfehlung an andere Leser, mal ein Lesetagebuch für mich. Mal eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Thema, mal einfach nur ein naives Staunen. Mal mit Hintergrundinfos, mal voll mit persönlichen Eindrücken. Jedes Buch und jede Lesestimmung ist anders und dem will ich gerecht werden.
Ist es also eine Rezension, eine Buch-Empfehlung, ein Lesetagebuch? Egal, Hauptsache, meine Lesebegeisterung löst bei Euch etwas aus!
Was braucht eine Idee, um richtig groß zu werden? Einen Visionär. Jemanden, der an seine Vision glaubt, und Menschen, die die Arbeit machen. Das war Walter Gropius sicherlich bewusst, als er Ise Frank mit den Worten „Ise, ich brauche Sie!“ einen Heiratsantrag machte. Ehen, die auf gebraucht werden basieren, sind selten glücklich. So enthält dieser Anfang eigentlich schon die ganze Geschichte.
Oder auch nicht. Denn auch wenn das Buch Jeder nennt mich hier Frau Bauhaus mit dem Kennenlernen von Walter Gropius und Ise Frank beginnt, so versucht Jana Revedin doch, uns den ganzen Menschen Ise Frank nahe zu bringen. Dabei verweilt die Autorin jedoch in einer schwebenden Distanz zu ihrer Hauptfigur. Identifizieren fällt schwer. Verstehen gelingt, wenn auch die inneren Beweggründe für Ises Entscheidungen nicht immer klar nachvollzogen werden können. Doch genau das habe ich auch als Ehrlichkeit empfunden: Wer weiß denn schon wirklich, welchem Plan er in seinem Leben gefolgt ist?
Leben in und mit dem Bauhaus
Der biographische Roman legt seinen Schwerpunkt auf die Zeit zwischen 1923 und 1928, dem Jahr, in dem Gropius die Leitung des Bauhauses aufgab. Alles, was vorher war, wird in Rückblenden und Innensichten erzählt. Alles, was nachher kam, wird kompakt und kurz angerissen. Wir erleben also prägende Jahre, sehen aber eben doch nur ein Ausschnitt. Insgesamt bleibt vieles in der Schwebe – allem voran die Frage, was aus dem Bauhaus und Ise geworden wäre, wenn die Nazis nicht an die Macht gekommen wäre.
Die Lektüre vermittelt einen guten Eindruck, was die Mitglieder des Bauhaus erreichen wollte, was ihnen wichtig war und wie sie miteinander umgegangen sind. Das, was wir heute unter Emanzipation verstehen, wurde damals noch nicht gelebt. Das macht Ise Frank und die Frauen des Bauhaus nicht weniger faszinierend – im Gegenteil!
Was mir nach der Lektüre auf jeden Fall im Gedächtnis bleiben wird, ist ein Detail aus Ises Leben: Sie war Buchhändlerin und schrieb Rezensionen. So sind es gerade die Szenen aus der Buchhandlung in München, die mich besonders fasziniert haben. Gemütliche Leseecken sind also keine Erfindung der Neuzeit – sie gab es auch um 1920 schon in Buchhandlungen!
Angaben zum Buch:
Jana Revedin
Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus Das Leben der Ise Frank
(Noch als Taschenbuch erhältlich. Mit einem Cover, das große Gefühle verspricht. wo es bei dem Covermotiv um des HCs noch um Kunst und eigenständige Frauen ging)
Ich hatte erwartet, dass „Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen.“ eine anstrengende Lektüre sein wird. Aber es kam ganz anders. Diese glasklare Argumentation liest sich nicht nur sehr flüssig – es ist auch wohltuend, endlich mal wieder einen so klugen, gut konstruierten und sehr verständlichen kurzen Text zu lesen.
Sprache macht einen Unterschied. Bereits durch die Wahl des Vokabulars gestalten wir die Gesellschaft, in der wir leben, mit. Respektvoll, sich ihrer Werte bewusst, demokratisch, interessiert an Menschen, offen für unbekannte Themen – das sind einige Eckpunkte meiner Wunsch-Gesellschaft.
Herabwürdigende Sprache ist das exakte Gegenteil davon. Damit bin ich doppelt in der Pflicht. Einmal gilt es, meinen eigenen Sprachgebrauch immer wieder zu überprüfen, und Menschen zuzuhören, die Kritik an Begriffen äußern, die ich verwende. Anatol Stefanowitsch gibt mir dafür Werkzeug an die Hand; klare Regeln, an denen ich herabwürdigende Sprache auch jenseits von Schimpfwörtern und Beleidigungen erkennen kann.
Der zweite Schritt ergibt sich aus dem ersten: dort einschreiten, wo Sprache verwendet wird, die zu einer nicht-offenen, undemokratischen und intoleranten Gesellschaft führt.
Gerechte Sprache allein schafft noch keine gerechte Welt. Aber indem wir sie verwenden zeigen wir, dass wir eine gerechte Welt überhaupt wollen.
Anatol Stefanowitsch – Eine Frage der Moral.
So gestärkt mache ich Facebook jetzt wieder auf – und gehe es an!
Angaben zum Buch, das nur ein Büchlein ist:
Anatol Stefanowitsch
Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen.
Aber es gab noch einen Grund, warum ich die Lektüre so erbauend fand: So ganz nebenbei freue ich mich natürlich auch darüber, dass die alte Marke Duden, der ich mich als Mannheimerin auch noch nach ihrem Weggang aus meiner Heimatstadt besonders verbunden fühle, doch noch so etwas wie Strahlkraft besitzt. Ich bin sehr gespannt, welche Diskussionsbeiträge dort noch eine Heimat finden werden – da geht noch was!
Sprache macht einen Unterschied – auch in diesem Kontext: Wortmedizin
So ganz einfach macht es William Gibson seinen Lesern mit der Idoru-Trilogie nicht. Der erste Teil, Virtuelles Licht, ist rasant und action-betont. Der zweite Teil, Idoru, hat hingegen das gemächliche Tempo eines Großstadt-Flaneurs. Der dritte Teil, Futurematic, überzeugt dann auf einmal mit philosophischem Überbau und bringt lose Gedankenfäden zusammen.
Nun, William Gibson darf das. Schließlich ist er Kult-Autor.
Das wäre eine mögliche Begründung, warum ich die Trilogie doch recht zackig ausgelesen hatte. Aber glauben würde ich mir das nicht, denn ich habe Kultautoren schon für weniger Seltsamkeiten zur Seite gelegt. Warum also in diesem Fall nicht?
Wenn schon das Heute nicht einheitlich daher kommt, warum sollte es dann eine Trilogie?
Des g’heert so – würde man in der Pfalz sagen. Der Aufbau ist unharmonisch, aber stimmig – was sich aber nur erschließt, wenn man alle drei Teile zeitnah hintereinander weg liest. Die Welt da draußen ist heute schon nicht einheitlich und wird es in Zukunft auch nicht sein. Wer so viele Teilaspekte einer möglichen Zukunft, die eigentlich schon ein Heute ist, in ein Buch packt, braucht Brüche. Davon hat die Roman-Trilogie reichlich.
Doch eines wird mir sehr im Gedächtnis bleiben: der Stellenwert, den William Gibson Subkulturen einräumt. Von Subkulturen gehen entscheidende Impulse aus, die es braucht, um eine Gesellschaft weiterzuentwickeln. Wenn sie jedoch als Modetrend von der Marketing- und Konsumwelt aufgesaugt werden, bevor sie ihr Potenzial entfalten können, dann verarmt eine Gesellschaft und verliert ihr Talent, sich auf neue Entwicklungen einzustellen.
Ein guter Grund, warum wir mehr Antifa, mehr Feminismus, mehr Minimalismus, mehr DIY (nein, damit meine ich nicht basteln) … mehr Vielfalt brauchen!
Angaben zur Trilogie:
William Gibson
Idoru
enthält die Bücher: Virtuelles Licht – Idoru – Futurematic
Ich habe Nacken. Das ist nichts Neues. Egal ob ich im Laden stand oder jetzt am Schreibtisch sitze: einseitige Bewegungen tun mir nicht gut. Ich brauche Abwechslung, sonst bekomme ich Probleme mit der Wirbelsäule oder eben Nackenschmerzen.
Was hilft dagegen? Abwechslungsreich bewegen. Lockern, kräftigen, dehnen. Das ist mir bekannt und ich mache das ja auch. Immer mal wieder. Manchmal. Und dann wieder nicht.
Dieses Jahr ist es das Buch „Schulter-Nacken-Training“ von Ronald Thomschke. Sehr komprimiert, klar strukturiert und gut verständlich erklärt er, wie es zu Nackenschmerzen kommt und was wir dagegen tun können. Dann folgen Übungen aus den drei Bereichen Lockern und mobilisieren, kräftigen, dehnen. Zum Abschluss gibt es Mini-Workouts: Trainigsprogramme für zwischendurch, die sich wirklich gut in den Alltag einbauen lassen.
Natürlich gab es das so schon in anderen Büchern – aber selten so alltagstauglich und so kompakt zusammengefasst. Vor allem hat Ronald Thomschke Übungen zusammengestellt, die wirklich jeder umsetzen kann – auch Menschen, die sich für unsportlich halten.
Zudem mag ich seine Art zu erklären sehr. In den meisten Ratgebern gibt es mindestens ein Kapitel, in dem der Autor erklärt, was er doch für ein toller Trainer sei. Meist folgt darauf mehr oder weniger dezente Eigenwerbung für Seminare oder Coaching-Angebote.
Nicht so in diesem Buch. Ronald Thomschke beschränkt sich auf das Wesentliche: fundiertes Wissen und Übungen, die helfen.
Mit diesem Buch möchte ich Sie motivieren, sich aktiv mit den Problemzonen Nacken, Schultern und Rücken zu beschäftigen. Alles was Sie brauchen, ist neben der Motivation ein wenig Durchhaltevermögen. Dabei ist es leichter und weniger zeitaufwändig, als Sie denken.
Aus dem Vorwort zu „Schulter-Nacken-Training. Endlich schmerzfrei und entspannt! Das Training zur Selbsthilfe.“
Infos zum Buch:
Ronald Thomschke
Schulter-Nacken-Training Endlich schmerzfrei und entspannt! Das Training zur Selbsthilfe
Bei manchen Büchern kann ich es mir selbst nicht erklären, warum sie so lange ungelesen bleiben. Just Kids von Patti Smith lag gut vier Jahre bei mir. Obwohl ich so viel Gutes darüber gehört hatte, begann ich nicht damit. Warum nur?
Vielleicht, weil ich dachte, dass sie vor allem über ein Ende schreiben würde. Auch in meinem Leben ging damals etwas zu Ende und ich interessierte mich mehr für Anfänge. Hätte ich geahnt, wie viel Anfang in dem Buch steckt, hätte ich es schon viel früher gelesen!
Just Kids könnte die Biographie einer Jugend sein, der Rückblick einer alten Frau, die einen ihrer besten Freunde verloren hat und sich nun an die gemeinsame Zeit erinnert. Doch Just Kids ist viel mehr ein Buch über die unbändige Neugier auf das Leben und den Drang, die künstlerische Ausdrucksform zu finden, die zu einem passt.
In Robert Mapplethorpe fand Patti Smith damals den passenden Gefährten. Sie teilten alles miteinander: Bett, Bücher und Essen. Doch vor allem ermutigten und unterstützten sie einander – in guten wie in schlechten Tagen. Von letzteren hatten sie jede Menge.
Auf ihrem Weg begegneten ihnen viele Musiker und Künstler, die Patti Smith mit wenigen Worten unglaublich treffend skizziert. Was für einen wertschätzenden und exakten Blick auf Menschen sie doch hat! Das war es, was Just Kids für mich zu einem ganz besonderen Buch gemacht. So besonders, dass ich mir gleich anschließend M Train besorgt habe. Ich bin mir sicher, das bleibt keine vier Jahre ungelesen!
Angaben zum Buch:
Patti Smith
Just Kids
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Clara Drechsler und Harald Hellmann
Endlich sagt es mal einer! Das war mein spontaner Gedanke, als ich zum ersten Mal vom Begriff Waldbaden gehört habe.
Bis dahin war vom Wald als grüne Lunge die Rede gewesen, als Wasserschutzgebiet und Feinstaubfilter, als Naherholungsgebiet, Spielplatz für Kindergartenkinder und als Sportgerät.
Wer ohne Rucksack, Mountainbike, Hund und Kind im Pfälzer Wald unterwegs war, keine Pilze sammelte, weder Langstrecken laufen wollte noch den Premium-Wanderwegen folgte, dabei auch noch still vor sich hin lief und einfach nur atmete, schaute, lächelte – der wirkte fehl am Platz. Zumindest kam ich mir manchmal so vor.
Nun also die Trendwende. Sie kam aus Japan, hatte eine lange Tradition und wirkte zugleich urdeutsch und exotisch: shinrin yoku, waldbaden. Geh in den Wald, nimm ihn in Ruhe mit allen Sinnen wahr und kehre als glücklicher, gesunder Mensch in die Stadt zurück.
Wo ein Trend, da auch Bücher. Sie alle hatten eines gemeinsam: sie sprachen mich, die Waldliebhaberin, nicht an. Ich blätterte kurz rein, las ein paar Absätze und legte sie wieder weg. Da wurde viel Wissenschaft und noch mehr Worte bemüht um etwas zu begründen, was sich meiner Meinung nach nur erfahren lässt: die heilsame Wirkung, die ein Wald haben kann, wenn man sich mit allen Sinnen auf ihn einlässt.
Die Bücher ließen mir und meiner Liebe zum Wald keinen Freiraum. Dicht und eng gesetzt stürmten sie mit Input auf mich zu: Lies!Mich!und!Lerne! Oder sie steckten voller Aufforderungen: Mach!diese!Übung!Umarme!diesen!Baum!
Ich umarme gerne einen Baum – dann wenn mir und dem Baum danach ist. Der Wald sagt einem schon, welche Art Kontakt die angemessene ist.
Wald ist für mich Freiraum. Die Bücher wollten aus dem Wald ein System machen. Kein Wunder, das wir nicht zusammen kamen.
Freiräume machen den Unterschied
Nur eines sprach zu mir:„Waldbaden – Kraft und Energie durch Bäume“ von Werner Buchberger. Beim ersten Durchblättern hatte ich das Gefühl, frei atmen zu können – so, wie ich im Wald atme. Wie kann das sein? Es liegt am Layout und am Farbkonzept. Dieses Buch ist so gestaltet, dass es dem Leser Freiräume lässt, Platz zum Atmen und Denken. Es schenkt ihm damit die Möglichkeit, den Inhalt im eigenen Tempo zu erkunden.
Weil nun der Raum vorhanden war und ich mich als Leser mit eigenen Bedürfnissen akzeptiert gefühlt habe, konnte ich mich auf den Inhalt einlassen. Nun, was soll ich sagen: er besteht aus vielen Übungen, die ich alle nicht gemacht habe. Aber ich habe meine eigenen Erfahrungen und Vorgehensweisen mit denen des Försters Werner Buchberger abgeglichen. So entstand ein Dialog zwischen mir, dem Buch, dem Autor – und dem Wald.
Wir vier sind nicht bei allem einer Meinung. So habe ich meist im Wald mein Handy dabei und habe auch durchaus den Eindruck, dass es Bäume gibt, die auf dieses Netzwerk und seine Möglichkeiten zur Kommunikation neugierig sind. So wie diese Eiche, die ein Selfie mit mir machen wollte:
Selfie mit Eiche.
Nach der Lektüre eines Buches muss man wieder hinaus in die Welt. Und in den Wald. Dort waren sie wieder, die Pälzer Krischer. Gruppen auf dem Weg zur nächsten Hütte, die anscheinend eine Art Orientierung per Schall und Echolot entwickelt haben. Laut rufend – sie nennen es unterhalten – laufen sie durch den Wald. Man hört sie kilometerweit; an stillen Waldgenuss ist nicht zu denken. Ob ich ihnen in Zukunft ein Buch über Waldbaden in die Hand drücken sollte?
Wie wird man ein guter Vater? Vor allem dann, wenn man so wie der sympathische Anti-Held in Finn-Ole Heinrichs Reuberroman, selbst ohne Vater inmitten starker Frauen aufgewachsen ist? Und wenn man seinem inneren Kind stets mehr Auslauf und Freiraum gönnt als seinem inneren Erwachsenen?
Das sind elementare Fragen, die für Panik sorgen können. Kurz vor der Geburt seines ersten Kindes wird bei unserem Anti-Helden die Panik so groß, dass er flüchtet. In den Wald. Zum Reuber.
Das ist immer noch kein Schreibfehler. Räuber – das sind Figuren in Kinderbüchern und Schauspieler in Abenteuerfilmen, die in Strumpfhosen durch den Wald rennen. Der Reuber hingegen ist eine elementare Kraft. Ein Rübezahl, ein Hüter des Waldes, ein Urviech, ein Anarchist, ein freies, wildes Wesen mit sehr eigenen Vorstellungen von Ernährung, Hygiene und Humor.
Wer, wenn nicht der Reuber, weiß, wie man ein kleines Kind vor der großen, bösen Welt beschützen und sicher durch das Leben geleiten kann? Völlig logisch, dass ein angehender Vater, der sich am liebsten von Fruchtgummi ernährt und alles Praktische seiner Frau überlässt, beim Reuber eine Ausbildung zum Vater-Helden machen möchte.
Ja nun, was soll ich zu dieser Logik sagen? Ich hatte Spaß. Viel Spaß.
Wer vom Reuber lernt, lernt fürs Leben
Die Ausbildung entpuppt sich als wilder Ritt durch Survival-Ratgeber, Anleitungen zum Lagerfeuer machen für Großstädter, wir verklären den deutschen Wald Anfälle, äußerst rustikalen Humor, Körpertraining, Selbstbeherrschung lernen, dem Guru begegnen und Selbsterkenntnis-Trip.
Unser Anti-Held wird, gestählt und geläutert, zu seiner Familie zurückkehren. Die Geburt jedoch hat er verpasst, was wiederum zu neuen Verwicklungen führt: Der frischgebackene Vater campt im Garten, weil seine Frau ihn nicht ins Haus lässt. Auch das wird er lösen.
Was jetzt vor allem wie wilder Klamauk klingen mag, ist gleichzeitig sehr vielschichtig und fein gesponnen. Nur eines ist es für mich nicht: ein Kinderbuch ab 8 Jahren. Einzelne Reuber-Episoden lassen sich bestimmt prima vorlesen – insbesondere die, in denen gerülpst, gepinkelt oder gefurzt wird. Doch alles drumherum – und das ist viel – ist ein Buch für Väter. Und auch ein wenig eines für Frauen, die Väter mögen.
Das Leben geht weiter, meine Interessen als Leserin ändern sich. Ich könnte meinen 50. Geburtstag als Schnitt verstehen. Das würde für griffige Überschriften sorgen: zehn Bücher, die ich mit 40 niemals gelesen hätte. Zeit für Neues von Iris Seidenstricker wäre sicherlich auf dieser Liste.
Aber so läuft mein Leben nicht. Themen ändern sich bei mir schleichend, einfach in dem neue Nuancen einziehen.
Zu Zeit für Neues – Wie Sie herausfinden, was Sie im Ruhestand machen möchten habe ich gegriffen, weil mich das Thema Verhaltensänderungen interessiert. Sei es die Frage, wie ich meinen inneren Schweinehund überwinde oder wie ich überhaupt Neues nicht nur entdecken, sondern auch vertiefen kann.
Neugier ist dabei nicht mein Problem. Davon habe ich genug. Neue Themen in Verhaltensänderungen einfließen lassen jedoch – nun, ich bin Stier. Beharrend, erdverbunden. Die perfekte Ausrede hätte ich also parat, um alles beim Alten zu lassen.
Deswegen habe ich mir in letzter Zeit häufiger „was wäre, wenn ….“ Fragen gestellt. In jüngeren Jahren wäre das der Lottogewinn gewesen und die Frage, was ich danach anders machen würde. Heute, nach dem 50. Geburtstag, erscheint mit die Frage „Was wäre, wenn morgen dein Ruhestand beginnen würde?“ interessanter.
Was wäre, wenn morgen kein Wecker mehr klingeln würde?
Was würde ich tun, wenn ich mir ab morgen keinen Wecker mehr stellen müsste? Ausschlafen. Und dann?
Wie wenig ich diese Frage für mich beantworten kann, habe ich gemerkt, seit ich einen Job mit relativ freier Zeiteinteilung habe. Im Prinzip baue ich seit dem gewohnte Strukturen nach und halte mich daran. Muss das so?
Iris Seidenstricker stellt in ihrem Buch dem Leser Handwerkszeug zur Verfügung, um genau solche Fragen anzugehen und individuelle Antworten zu suchen. Dafür nutzt sie Fragebögen und Checklisten, aber auch jede Menge Fallbeispiele. Das ist fundiert, wertschätzend und dem Menschen zugewandt. Bei mir hat es erst einmal nicht gegriffen, aber ich habe ja auch noch gut 10 Jahre Zeit bis zu der Lebensphase, für die sie ihr Buch eigentlich geschrieben hat.
Doch noch Wochen nach der Lektüre geht mir eine Idee aus dem Buch nach. Ich glaube, das könnte der Anfang einer Veränderung sein: im Ruhestand, sagt sie, kann ich mich einem Thema widmen, ohne darin richtig gut werden zu müssen. Ich bekomme keine Schulnoten mehr, ich muss nicht mein Geld damit verdienen. Ich darf Dilettantin sein.
So viele Orte in Deutschland, an denen ich noch nicht war. Dabei hatte ich da noch gar nicht alles gelesen!
Ein halbes Jahr Zeit zum Reisen – was würde ich damit machen? Wahrscheinlich keine Weltreise, sondern lieber das genauer erkunden, was mir so halb vertraut ist.
Seit einiger Zeit träume ich davon, einmal in aller Ruhe Frankreich zu umrunden. Ich schätze, dass ich dafür so drei Monate brauchen würde. Hätte ich länger Zeit, würde ich auch noch die Inseln bereisen: Guadeloupe, Martinique, Tahiti …
Genauer erkunden, was mir so halb vertraut ist: Deutschland bereise ich schon länger auf diese Art. Auf der Autobahn direkt von A nach B zu fahren finde ich langweilig. Wenn ich schon mal unterwegs bin nutze ich die Reise lieber, um Abstecher in Gegenden zu machen, in denen ich noch nie war.
Das führt zu äußerst interessanten Reiserouten. Vom Ruhrgebiet über Quedlinburg in den Hainich. Von Mannheim über Nürnberg oder Franken nach Leipzig. Jedes Auto-Navi muss bei mir leiden: meine Routen wirken eher wie das Netz einer Spinne auf LSD als wie eine wohlüberlegte Reiseplanung.
Gerade deswegen war ich überrascht, wie viele Orte ich in dem Reiseführer „1000 Places to see before you die. Deutschland – Österreich – Schweiz“ noch entdecken konnte. Man sieht es an den Markierungen im Buch auf dem Foto – und da hatte ich noch gar nicht alle Bundesländer durchgearbeitet!
Liebes Navi, es tut mir leid: ich werde auch weiterhin viele deiner wohlgemeinten Ratschläge ignorieren und lieber mit diesem Buch auf dem Beifahrersitz kreuz und quer durch Deutschland fahren.
In das Handschuhfach passt der Reiseführer nämlich nicht. „1000 Places to see before you die. Deutschland – Österreich – Schweiz“ ist mit 1168 Seiten fast genauso umfassend wie das bekanntere Handbuch für Weltenbummler, das alle Kontinente auf 1200 Seiten abhandelt.
Mir kommt die Beschränkung auf näher liegende Ziele sehr entgegen, denn so ist der Schritt vom Träumen zum Machen deutlich kleiner. Manchmal sogar nahezu winzig: Auch im Saarland habe ich noch unbekannte Ziele entdeckt. Dafür brauche ich keine Reise, dafür genügt ein Wochenendausflug!
Angaben zu den Büchern:
1000 Places To See Before You Die – Deutschland, Österreich, Schweiz
1000 Places To See Before You Die Die neue Lebensliste für den Weltreisenden
Einstimmen auf die Buchmesse: Schuhe putzen, Blasenpflaster bereitlegen. Visitenkarten zählen, Müsliriegel horten. Namensgedächtnis reaktivieren. Nochmal überlegen, wie lange man von Halle 3.1 nach 4.2 braucht.
Und mal wieder die Cartoons aus Kochen mit Kafka von Tom Gauld lesen. Niemand sonst charakterisiert diese liebenswert verschrobene, die Rituale pflegende, Totholz und Science Fiction gleichzeitig liebende Buchbranche so liebevoll und spitz wie er. Sei es der mechanische Rabe, der Bücher vorliest, oder der Aufkleber für Romane „Ein wenig wie ihr Lieblingsbuch“ – ständig denke ich „Ja, so, genau so, ist es. So sind wir. Und deswegen fühle ich mich in dieser Branche so wohl.“
Sehen wir uns in Frankfurt?
Angaben zum Buch, dass Ihr unbedingt auf der Fahrt zur Buchmesse lesen solltet. Oder zur Leipziger – je nachdem welche Fahrt für euch länger dauert!
Tom Gauld
Kochen mit Kafka
Aus dem Englischen von Christoph Schuler Handgelettert von Michael Hau
Mohr und die Raben von London ist ein Klassiker der DDR-Jugendliteratur, der 1962 zuerst erschienen ist und der jetzt zum Karl-Marx-Jahr neu bei Eulenspiegel aufgelegt wurde. Mit etwas Sendungsbewusstsein ist also zu rechnen.
Aber da die Pakete meiner Verwandten aus Saalfeld damals nicht nur Dresdner Stollen, sondern auch immer mal wieder Kinderbücher aus der DDR enthielten, bin ich mit solchen Büchern aufgewachsen. Ich habe sie gerne gelesen, denn sie waren meist gut geschrieben, boten Abenteuer und eine gewisse Ernsthaftigkeit in der Wahl der Themen, die ich so nicht kannte.
Genau das fand ich jetzt auch in dem Karl-Marx-Roman Mohr und die Raben von London wieder: Eine spannende, handwerklich gut gemachte Geschichte, die mit viel Abenteuer Sachwissen und Werte vermittelt, sowie Figuren, mit denen man sich prima identifizieren kann, vor einem ernsten Hintergrund.
Doch genau das, was ich als Kind gemocht habe, hat diesmal dazu geführt, dass ich die Lektüre abgebrochen habe. Mir war es dann doch zu lehrreich, zu viel Bildungsauftrag. Vielleicht weiß ich aber auch mittlerweile zu viel über die Zeit der Industrialisierung, die Armut in den Großstädten und die Kinderarbeit in den Fabriken. Als Kind wäre mir das nicht passiert.
Krakonos ist vor allem ein spannender Fantasy-Roman mit einer rasanten Verfolgungsjagd und einem ungewöhnlichen Setting. Allein das ist schon ein guter Grund, das Buch zu lesen.
Aber Krakonos ist noch so viel mehr. Es ist eine Geschichte über zwei Brüder und darüber, wie es ist, in einer technisierten Welt aufzuwachsen. Es ist ein Buch über die eigenen Wurzeln und über die Kraft, die wir aus der Natur schöpfen können. Natürlich ist Krakonos auch ein Buch über unsere alten Sagen und darüber, welchen Raum die Mythologie heute einnehmen kann.
Für mich ist Krakonos aber vor allem ein Buch über das Verhältnis zwischen Technik und Natur und über die Frage, ob das wirklich ein Gegensatz sein muss.
Ab wann ist Natur wirklich Natur?
Die Brüder Nik und Levi wachsen mit vielen anderen Kindern quasi ohne Eltern in einer hochtechnisierten Firmenzentrale eines Internet-Unternehmens auf. Levi, der jüngere, büchst gerne aus. Sein Bruder findet ihn dann auf der Brache hinter dem Firmengebäude. Dort kann Levi stundenlang eine Spinne oder Schabe beobachten. Google und das Internet nutzt er nur, um mehr über Tiere und Natur zu erfahren.
Bereits dieses Einstiegsszenario lässt sich auf viele Arten deuten. Leser könnten zu dem Schluss kommen, dass der Technikkonzern das letzte Stück Natur aus der Stadt drängt. Meine Deutung lautet jedoch: Ohne den Internetkonzern wäre die Brache keine Wildnis, sondern eine ordentliche Schrebergartensiedlung. Ohne das Wissen aus dem Internet wären die Tiere für Levi nur halb so faszinierend.
Ich kann mir auch auch kaum vorstellen, dass Krakonos sich in der Gestalt eines Raben in einer Kleingartensiedlung wohl fühlen würde. Die kleine Wildnis der aufgegebenen Gärten passt besser zu ihm. Was mich zu der Frage führt, ab wann Natur wirklich Natur ist und keine Parkanlage für das Wohlbefinden der Menschen …
Braucht Natur einen Dolmetscher?
Krakonos ist Rübezahl, ein Wanderer zwischen den Welten, ein Hüter und Beschützer. Er kann jede beliebige Gestalt annehmen und ist ein Vermittler, der die Menschen genauso verstehen kann wie die Tiere, die Berge, den Wald.
Diese mythologische Figur ist auf der Flucht. Ein Sondereinsatzkommando ist ihm auf den Fersen und ein Wissenschaftlerteam hofft bei all dem Chaos auf neue Erkenntnisse. Wieland Freund greift hier die Sehgewohnheiten der Jugendlichen auf und balanciert sehr geschickt mit Motiven des Actionfilms, Fantasy-Elementen und seinen eigenen Ideen. So entsteht ein unglaublich vielschichtiges, ausgewogenes und gleichzeitig rasantes Buch mit einer ganz eigenen Sog-Wirkung.
Aber Krakonos ist auch ein Jugendbuch und stellt immer wieder Fragen: wie würdest Du entscheiden? Welche Werte würdest Du vertreten? Auf welcher Seite würdest Du stehen?
Leider kommt für mich hier die Geschichte ein wenig aus dem Gleichgewicht, fast so als hätte das Lektorat gesagt: wir brauchen jetzt noch ein griffiges Handlungselement, dass dafür sorgt, dass sich das Buch gut als Schullektüre eignet. Es traf das Handy. An sich eine gute Wahl, denn dem Handy kommt eine ähnliche Vermittlerrolle zu wie Rübezahl selbst. Es verbindet die Kinder auf ihrer Flucht mit der Welt der Erwachsenen und mit ihren Freunden, die sie unterstützen. Wieder wird die Rolle der Technik nicht verteufelt, sondern erst einmal hinterfragt. Aber das Handy erscheint als Motiv ein paar Mal zu oft. Spätestens bei der mit Nachdruck vermittelten Erkenntnis, wie anfällig für Missverständnisse die Handy-Kommunikation ist, kommt für mich die Geschichte für einen Moment aus dem Gleichgewicht.
Doch zum Glück lähmt dieser Stolperer nicht das ganze Buch. Schon bei der sehr genialen Wendung, die für einen neuen Sinn in Levis Leben sorgt, hatte ich ihn schon wieder vergessen.
Damit ist auch völlig klar, welchem Buch ich beim diesjährigen Jugendliteraturpreis ganz besonders die Daumen drücken werde!
Eine ausführliche Rezension und gleichzeitig eine gute Begründung, warum Krakonos für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, findet Ihr bei Kinder- und Jugendmedien.
GeschichtenAgentin, der Buch-Blog für Leser*innen, die nach ehrlichen Buchempfehlungen und persönlichen Rezensionen suchen! Seit 2012 schreibe ich hier über Bücher, die bewegen – hauptsächlich Sachbuch-Rezensionen, aber auch Fantasy-Buchtipps, ausgewählte Romane und Biografien. Doch Bücher sind nicht alles – ich blogge auch zu Themen wie der Buchbranche, Museen & Kunst, Mannheim & Pfalz. Viel Spaß beim Stöbern in meinen Rezensionen und Blog-Beiträgen!
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